Ein Link zwischendurch

Ich bin auf den letzten Lerntunnel-Metern für meine Sommersemester-Prüfungen.
Und damit es hier nicht ganz so still ist, kommt heute mal ein Loop, äh – Link zwischendurch. 🙂

Falls ihr es noch nicht kennt, empfehle ich euch, unbedingt mal Das Bibel Projekt wahrzunehmen.
Was das ist? Auf der Homepage wird es so erklärt:

„Das Bibel Projekt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, biblische Erzählungen und Themen in kurzen, kreativen Videos anschaulich zu vermitteln. Diese Videos helfen dir, den Aufbau eines biblischen Buches oder ein biblisches Thema besser zu verstehen und anderen weiterzugeben!“

Das Projekt kommt ursprünglich aus den USA. Auf www.thebibleproject.com liegen im englischsprachigen Original bereits Videos zu allen biblischen Büchern vor. Außerdem gibt es zahlreiche Themenvideos. Und all diese Ressourcen sollen jetzt nach und nach auch auf deutsch verfügbar gemacht werden.

Ich war am Anfang etwas skeptisch. Zur grundlegenden (und ja, selbstverständlich hinterfragungswürdigen! *g*) „Was-kann-aus-den-USA-schon-Gutes-kommen?“-Arroganz kam nämlich die Tatsache, dass ich gleich beim ersten Video, das ich gesehen habe, inhaltlich was zu meckern hatte.

Glücklicherweise hab ich dem Ganzen vor meiner NT-Prüfung Anfang des Jahres noch eine Chance gegeben. 🙂 Und siehe da: Ich habe extrem davon profitiert und musste mein Vorurteil revidieren … Und auch jetzt, in der Vorbereitung für meine AT-Prüfung liebe ich die Videos als Ergänzung zu all der Leserei.
Das Material ist tatsächlich unglaublich hilfreich für einen soliden Bibelkunde-Überblick. Es ist grandios gemacht! Und dass es kostenlos im Netz verfügbar ist, ist natürlich super.

Klar: Über das eine oder andere könnte man diskutieren. (So wie über das eine oder andere bei gedruckten Bibelkunden auch.) Manch eine/r würde vielleicht sogar die Grundthese der beiden Projektleiter Tim Mackie und Jonathan Collins kritisch bedenken wollen: Die Bibel, so erläutern die zwei am Ende der Original-Videos häufig, sei „one unified story“ und diese wollten sie durch ihre Arbeit sichtbar machen.

Aber seien wir mal ehrlich: Solche Diskussionen werden deutlich fruchtbarer (und vielleicht überhaupt erst sinnvoll), wenn man sich mit der Materie auskennt. 😉
Und für eben dieses Überblick-Verschaffen kenne ich im Moment nichts vergleichbar Gutes!

LesenBetenLiebenVerändern … mit Magdalena Onyango

Magdalena Onyango // 30 Jahre alt // lebt mit ihrem aus Kenia stammenden Mann und einjährigem Sohn in Paderborn //  Katholische Theologin und Bildungsreferentin beim Internationalen Hilfswerk missio // leidenschaftliche Pianistin

LESEN:

Emails, Hausarbeiten, Facebook-Posts, Briefe, Rechnungen, vielleicht die ersten drei Abschnitte eines Magazin-Artikels, bis das Kind wieder wach ist. Viel ist es nicht, was ich zur Zeit lese – höchst selten ist es Lesen aus Muße. Als „working mum“ mit Mann in Ausbildung und ohne Oma oder Kindermädchen um die Ecke beschränkt sich das Lesen auf das Notwendigste.

Lesen hat für mich mit unserem aufgeweckten kleinen einjährigen Weltentdecker eine übertragene Bedeutung bekommen. Ich LESE Essensreste unter dem Esstisch auf, ich LESE Spielzeug und geradezu alles, was nicht fest verankert ist oder mindestens auf einem Meter Höhe verstaut ist, in der ganzen Wohnung auf. Und wenn der Entdeckergeist des kleinen Mannes allzu tollkühn wird, muss ich ihm manchmal auch die Leviten LESEN. Vieles, was in der Welt der Erwachsenen kaum Beachtung erhält, dürfen wir mit dem neugierigen Wicht in allen Einzelheiten durchBUCHstabieren.

Lesen ist für mich aktuell also selten zweidimensional, schwarz auf weiß, sondern meistens dreidimensional, aktives Tun. Ein Kleinkind spornt dazu an, nicht zu lesen, sondern selbst Geschichte zu schreiben.

BETEN:

Mir gefällt der Gedanke, dass auch mein Gebet nicht zweidimensional, also nicht nur geschrieben oder gedacht, sondern dreidimensional ist und mitten ins Leben hineinwirkt und es verändert. Ich versuche so zu leben, als wäre jede Handlung meines Lebens aktives Gebet. Kontemplation in Aktion.

Wie friedvoll wäre die Welt, wenn alle Menschen jede Tätigkeit ihres Lebens als den Ausdruck ihres ureigenen Gebets zu Gott verstehen würden.

Charismatiker der Gegenwart und der Geschichte sind oft tiefgründige BeterInnen.  Sie wirken so beeindruckend, weil sie ihr Gebet authentisch in ihr tätiges Leben übersetzen.

Würde ich mein „Lebensgebet“, also mein tägliches Tun, niederschreiben, kommt ganz gewiss kein seligmachendes Glaubensbekenntnis heraus. Mein „Lebensgebet“ ist oft nicht mehr als ein undurchsichtiges Stückwerk. War nicht auch Jesu Leben bis zum Tag seiner Auferstehung ein Stückwerk ohne letzte Sinnhaftigkeit?

LIEBEN:

Wenn die Liebe Gottes durch mein tägliches Tun durchscheint, wird mein Leben zum Gebet. Es kommt auf die Haltung an, mit der ich die Steuererklärung anfertige, mit der ich die Mail an den Kollegen verfasse.  Manchmal geht es zugegeben einfach nur darum, zu funktionieren. Die To-Dos abzuarbeiten, den Laden am Laufen zu halten. Aber auch das gehört dazu aus Verantwortung, aus Liebe zur Familie und zum Leben. Und manchmal passiert es dann wirklich, es scheint Göttliches in meinem Lebensgebet auf, z.B. wenn unser kleiner Sohn mich mit nimmt in seine Welt, die ganz im Hier und Jetzt spielt. Wo Zeit keine große Rolle spielt und das kleine Wunder, die Pusteblume im Garten, zum Mittelpunkt der Welt wird.

VERÄNDERN:

Wenn mein Gebet dreidimensional ist, also mitten ins Leben hineinspielt, das Leben auch mal durcheinanderwirbelt, hat es Kraft, mein Leben, ja, die Welt zu verändern. Auch Jesus hat Geschichten mitten aus dem Leben erzählt und damit die Menschen aus ihrem täglichen Trott zum Umdenken aufgeweckt. Beim Abendessen diskutieren wir oft über weltweite Gerechtigkeit; denken an die Familie und die Freunde meines Mannes in Kenia; können oft nur aus der Ferne teilhaben; träumen davon, die kenianische Lebensfreude, das Gottvertrauen und die Unverkrampftheit nach Deutschland zu importieren; schätzen zugleich die Sicherheit, Berechenbarkeit und Planbarkeit in Deutschland.

Es gibt viel zu verändern. Jesu Geschichten, mitten aus dem damaligen Leben gegriffen, geben uns eine Richtung. Nicht jeden Tag folgen wir der Spur. Auch Ohnmacht, Aushalten und Ausharren verlangt das aktive Gebet. Allein das Wissen darum, dass das Gebet nie enden wird, gibt Kraft, die immer durch trägt.

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In der Serie LesenBetenLieben sind Menschen zu Gast, die ich gerne mag. Und sie teilen ihre Gedanken und/oder Erfahrungen in Sachen readpraylove mit uns. Vielen Dank, Magdalena, dass du dir Zeit genommen hast für diese starke Folge! 🙂

LesenBetenLieben – Mittwoch geht’s weiter!

Am Mittwoch geht die LesenBetenLieben-Serie in die fünfte Runde.

Das freut mich!
Zum einen, weil man jetzt langsam mal wirklich zu Recht von einer „Serie“ sprechen kann. 🙂 Und zum anderen, weil es einmal mehr großartig wird. 😉

Mit Magdalena Onyango ist zum ersten Mal eine katholische Theologin zu Gast.
Magdalena arbeitet für das Hilfswerk missio. Und auch ihr „privates“ Interesse und Engagement gilt Fragen rund um globale Gerechtigkeit. So veranstaltete sie zum Beispiel mit ihrer Band „Gegenwind“ schon mehrfach Benefizkonzerte für Hilfsprojekte im ländlichen Raum Kenias. Diese Projekte initiierte Magdalena gemeinsam mit ihrem Mann, der gebürtig aus Kenia stammt.

Apropos: Man kann von Glück sagen, dass sie diesen Mann geheiratet hat. Denn durch ihn, der ein Jahr lang in unserer Familie Aupair war, haben wir uns überhaupt erst kennengelernt.
Wie gut für mich also. 🙂
Und wie gut für euch! 🙂
Denn Magdalenas LesenBetenLieben-Artikel, den ihr ab Mittwoch hier lesen könnt, hat es echt in sich!

Komm, heiliger Geist!

Vergangenes Wochenende war ich in Hermannsburg und habe am „Begegnungstag“ der Communität Koinonia teilgenommen.

Neben vielen bereichernden Begegnungen war mein Höhepunkt des Tages das Referat des Schweizer Theologen Walter Dürr unter der Überschrift „Re-imagining the church“ und die daran anschließende Gesprächsrunde. Das hat mal wieder so viel angestoßen und aufgewühlt auf meiner persönlichen kleinen „Ekklesiologie-Baustelle“, dass ich da jetzt richtig viel zu schreiben könnte … Mach ich aber nicht. 😉

Sondern ich lege euch zur Feier des (Pfingst-)Tages ans Herz, euch mal die Homepage des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Fribourg anzuschauen, in dem Dürr arbeitet. Und da werdet ihr dann sofort stolpern über die hochkarätig besetzten Studientage zum Thema „Komm, heiliger Geist“, die dort in zwei Wochen stattfinden. Spannend! (Wenn das nicht so weit weg wäre und wenn ich nicht die ein oder andere Prüfung vor mir hätte, würde ich ja direkt in Versuchung kommen … 🙂 )

Was mich daran besonders bewegt: Im Rahmen dieser Studienkonferenz wird am 20. Juni ein Ökumenischer Gebetsgottesdienst stattfinden. – Und es ist so wunderbar zu lesen, wie breit das „Spektrum“ der Geschwister ist, die dort gemeinsam um Gottes Geist bitten werden: Der Evangelische Kirchenbund steht genauso dahinter wie die Schweizer Bischofskonferenz oder die Evangelische Allianz oder Campus für Christus.

Wow! Das wünsche ich mir auch für „die Szene“ in Deutschland, im Großen und im Kleinen.
Dass wir uns noch mehr einen lassen von Gottes Geistkraft.
Über Konfessionsgrenzen, über Stil- und Sprachbarrieren hinweg.
Und auch, dass wir theologisches Nachdenken und Forschen natürlich verbinden mit geistlicher Praxis, mit demütigem Sich-angewiesen-Wissen auf Gottes Geist.

In Verbindung mit dem bevorstehenden Gottesdienst wurde eine Gebetsliturgie veröffentlicht. Ich finde diese Zusammenstellung wunderschön; sie ist mir zum Pfingst-Gebet geworden. Besonders berühren mich die folgenden Sätze von Leonardo Boff.
Vielleicht sind das ja auch Worte, die eure werden wollen?!

KOMM, HEILIGER GEIST,
du Geist der Wahrheit, die uns frei macht.
Du Geist des Sturmes, der uns unruhig macht,
Du Geist des Mutes, der uns stark macht.
Du Geist des Feuers, das uns glaubhaft macht.
KOMM, HEILIGER GEIST,
du Geist der Liebe, die uns einig macht.
Du Geist der Freude, die uns glücklich macht.
Du Geist des Friedens, der uns versöhnlich macht.
Du Geist der Hoffnung, die uns gütig macht.
KOMM, HEILIGER GEIST!
(Leonardo Boff)
Beitragsbild: music4life/pixabay

Ahmads Lebenslauf

Letzte Woche.

Ich muss lernen. Und zwar dringend! Ende Juni ist meine Hebräisch-Prüfung. Ich bin katastrophal hinter meinem Lern-Plan.
Und ich weiß ja durchaus um die Lösung für das Problem …
Sie hat mit Disziplin zu tun. Und mit Prioritäten. Und sie ist an jedem neuen Tag umkämpft.

Da klingelt das Telefon. Es ist Ahmad*, ein afghanischer Bekannter, der mit seiner Frau Fatima* und den drei Kindern Ende 2013 nach Deutschland geflohen ist. Er brauche für seine Bewerbung einen Lebenslauf. Eigentlich noch diese Woche. Ob ich ihm helfen könne. „Aber nur, wenn du hast Zeit, Astrid.“

Habe ich Zeit?
Ja – natürlich habe ich Zeit! Wir alle haben Zeit. 24 kostbare Stunden an jedem einzelnen Tag.
Das ist viel und wenig zugleich.
Und ich muss (und ich darf!) entscheiden: Was ist jetzt richtiger? Was ist jetzt wichtiger?

„Ja“, sage ich. „Komm gerne vorbei. Aber ich habe nur eine Stunde – dann muss ich lernen!“ – Ahmad weiß, dass ich Hebräisch lerne. Seitdem ich versuche, mich in diese neue Schrift, diese fremden Wörter, dieses ungewohnte Denken reinzufuchsen, habe ich eine ganz neue Verständnisebene erklommen, wenn es darum geht, die Deutschlern-Herausforderungen von Geflüchteten nachzuvollziehen. 😉

Da sitzen wir also am Küchentisch. Zwischen meinen Hebräisch-Büchern und der Biblia Hebraica, die Ahmad interessiert anschaut.
„Bis elf hab ich Zeit“, sag ich nochmal zur Sicherheit und wir starten.

Ich öffne einen alten Bewerbungs-Lebenslauf von mir und wir überschreiben zunächst die persönlichen Angaben. So weit, so einfach.

Aber dann kommen wir zu dem Punkt „Ausbildung und Berufserfahrung“.
Und es wird schnell klar: Ahmads komplexe, in einer völlig anderen Kultur angesiedelte Biographie passt eigentlich nicht in ein deutsches A4-Lebenslauf-Formular.

Ausbildung? – „Weißt du, Astrid, das ist dort anders als hier in Deutschland …“
Ja, ich weiß. Es gibt Länder, in denen es nicht primär auf Scheine und Stempel ankommt, sondern mehr auf tatsächliche Kompetenzen.
Aber es hilft ja nichts. Wir brauchen Jahreszahlen. Und zwar gregorianische und nicht persische. Und wir brauchen Formulierungen, mit denen eine deutsche Arbeitgeberin etwas anfangen kann.

Also muss ich verstehen. Mehr und genauer als vorher.

Und Ahmad fängt an zu erzählen.
Und ich begreife, wie wenig ich eigentlich wirklich weiß, von diesem Mann, von dieser Familie, die ich schon seit mehr als zwei Jahren „kenne“ …

Ahmad erzählt.
Von der Schulzeit in Afghanistan und der Flucht in den Iran. Von der Zeit in einer größeren iranischen Stadt. Wie er ein Handwerk lernte. Und sich selbstständig machte. Bis zu sechs Mitarbeitende beschäftigte.

Ich höre zu, frage hier und da nach. Und mache langsam Fortschritte auf dem Bewerbungs-Word-Formular.

Er erzählt weiter.
Dass sie nach über zwanzig Jahren wieder weg mussten.
Nächste Station Teheran. Wie schwierig es dort war. Und wie gefährlich. Und wie sie sich schließlich zur Flucht nach Europa durchrangen. Mit den drei kleinen Kindern.

Was dann kommt, kann ich kaum ertragen.

Ja, ich weiß um die Realitäten von skrupellosen Schleppern und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer. Natürlich.
Ja, ich habe gelesen von Übergriffen in bulgarischen Gefängnissen.
Ja, ich kenne Geschichten von nächtelangen Wanderungen ohne Essen.

Und klar, ich weiß theoretisch, dass die meisten der Geflüchteten in meinem Umfeld Schreckliches erlebt haben.

Aber ich merke: SO genau, SO konkret will ich es eigentlich gar nicht wissen.
Ich will sie nicht wahr haben, diese Wahrheit, um die ich doch eigentlich längst weiß: Dass es nämlich keine anonymen, gesichts- und geschichtslosen Gestalten sind in den Nachrichtenbildern. In den Booten. In den Lagern.
Sondern Menschen!

Ahmad erzählt und erzählt.
Es kommt mir vor, als ob es das erste Mal überhaupt ist, dass er seine Geschichte so ausführlich erzählt. Die Deutschkenntnisse hätten vor einem Jahr auch noch kaum ausgereicht. Und vielleicht auch nicht das Vertrauen.

Zwischendurch schaut er auf die Uhr. „Ach – du musst lernen, Astrid“, sagt er.
Es ist schon lange nach elf.
Aber dieses Mal muss ich nicht überlegen: „Nein“, sag ich, „das ist jetzt wichtiger“.

Er erzählt weiter. Und zwischendurch kommen dem gestandenen Mann die Tränen.
Mir nicht. Denn ich halte das Gehörte mühsam auf Abstand. Ich kann, ich will das nicht an mich ranlassen, was Ahmad, Fatima und die drei Kinder erlebt und durchgemacht haben.

Schließlich hat sich Ahmad noch einmal durchgeschlagen bis nach Deutschland. Ist noch einmal gestrandet am Frankfurter Hauptbahnhof. Noch einmal von Übergangsquartier zu Übergangsquartier gezogen. Und endlich hier ganz in der Nähe gelandet.

Es ist halb eins.
Wir machen den Lebenslauf fertig. Jetzt geht es schnell.
Sieht gut aus, das Dokument. Ich würde Ahmad kennenlernen wollen, wenn ich das lese.

Ahmad bedankt sich und geht.
Und ich sitze wie betäubt in der Küche.

Wie verrückt ist diese Welt!

Die einen sorgen sich ums nackte Überleben.
Und die anderen um – ja was eigentlich?! Das Bestehen einer Klausur?? Nicht mein Ernst …

 

*Ahmad und Fatima heißen eigentlich anders.

Ein Jahr readpraylove! :-)

Jubiläum! Heute vor einem Jahr, Pfingstmontag 2016, habe ich den ersten Beitrag auf dieser Seite veröffentlicht.

Ein guter Zeitpunkt, um mal wieder zu sagen:
DANKE euch, die ihr hier regelmäßig oder sporadisch mitlest und mitdenkt.
Danke besonders auch für alles Mitreden. In den Kommentaren, per Mail und in „echten“ Gesprächen. Es ist für mich ein totales Geschenk, auf diese Weise mit euch verbunden zu sein. Denn natürlich bringt es mich weiter, von euch bestätigt, hinterfragt und (notfalls auch *g*) korrigiert zu werden.

Ach, und es gibt noch so viele „Baustellen“, an die ich mich in Zukunft gerne mal rantrauen möchte …
Für einige dieser potenziellen Artikel muss ich noch Informationen sammeln. Und für andere noch Mut. Aber für viele interessante Themen fehlen eigentlich „nur noch“ Zeit und Muße zum Schreiben. 😉
Von daher hab ich Hoffnung auf ein weiteres spannendes Jahr.
Es wäre schön, wenn ihr auch in Zukunft mit dabei seid!

Zum Schluss teile ich zur Feier des Tages nochmal ein paar Artikel aus dem ersten Jahr mit euch, die mir besonders am Herzen liegen. (Es war gar nicht so leicht, diese „Top 5“ zusammenzustellen … – an einigen Stellen hätte ich auch anders entscheiden können.) Ihr seht sie unten in ihrer Erscheinungsreihenfolge.

Wenn ihr die noch nicht gelesen habt: Das solltet ihr nachholen. 🙂

Die Bibel in schwarz-weiß

Jesus, Jesus, Jesus und nochmal Jesus

Ich glaube schon. (Teil 2)

Auf Wiedersehen!

Putzen oder predigen?

Putzen oder predigen?

Als Jugendliche lebte ich tatsächlich in dem Glauben, dass mein Geschlecht für meine berufliche Zukunft unerheblich sei.

Ich war ein Mädchen, klar. Aber das machte doch keinen Unterschied!
Von Haus aus war ich mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Meine Vorbilder hießen Pippi Langstrumpf, Maren Meinert oder Astrid Lindgren. Starke Frauen, die Pferde hochheben und Traumtore aus der zweiten Reihe schießen und sich als geächtete alleinerziehende Mutter zur weltberühmten Autorin hochschreiben konnten.

In der Schule wurde so getan, als komme es im (Berufs-)Leben ausschließlich auf die Kompetenzen an. Ich passte gut ins (heute finde ich: an vielen Stellen hinterfragungswürdige) Schul-System, verließ mein Gymnasium mit einem hervorragenden Abi und dachte immer noch, dass Leistungsfähigkeit und -bereitschaft die entscheidenden Faktoren für berufliches Fortkommen seien. Und nicht Geschlechtsteile.

Selbst während der seminaristisch-theologischen Ausbildung am Johanneum, wo ich mich ja immerhin auf eine Tätigkeit im – ich sag mal – „frömmeren Spektrum der kirchlichen Szene“ *g* vorbereitete, kam ich nicht auf die Idee, dass es einen Unterschied machen könnte, als Frau oder als Mann im hauptamtlichen Dienst zu arbeiten. Die Thematik kam gar nicht vor – oder zumindest kam sie nicht bei mir an.

Dann bekam ich mein erstes Kind, schloss meine Ausbildung ab, begann als Jugendreferentin zu arbeiten und war in einigen frommen Gremien und Netzwerken unterwegs.

Und merkte: Oh, doch! Es machte einen großen Unterschied, dass ich eine Frau bin. 
Und mehr noch: Es machte einen extremen Unterschied, dass ich eine Mutter bin.

Ich weiß noch, wie oft ich fassungslos und wütend war. Über das, was ich ständig selbst erlebt habe. Und über Geschichten, die ich von anderen „hauptamtlichen Frauen“ erzählt bekam.

Zum Beispiel die Sache mit dem Gremium, in dem wir zu dem Zeitpunkt nur zwei junge Frauen unter vielen (zumeist älteren) Männern waren. Die Kollegin hatte sich für einen Posten zur Verfügung gestellt und es gab noch einen zweiten (ebenfalls geeigneten, aber aus meiner Sicht vielleicht nicht ganz so starken) Kandidaten. Bei der Beratung in Abwesenheit der beiden machte sich dann ein Bruder stark dafür, dass wir die „junge Schwester“ doch lieber nicht wählen sollten, und zwar „um ihrer selbst willen“. Denn sie wäre doch möglicherweise überfordert mit der Aufgabe und sei ja immerhin auch gerade erst neu in den Verband XY eingestiegen und ob man das eben diesem Anstellungsträger gegenüber verantworten könne, sie in ein übergeordnetes Amt zu wählen …?! – Zustimmend-skeptische Mienen in der gesamten Runde.

AAAAAHHH, natürlich konnte ich nicht still bleiben. 😉 Sondern musste (so freundlich, wie ich in der Situation eben konnte *g*) doch mal anmerken, dass solche Bedenken in der Rückfragerunde vorher ihren Platz gehabt hätten. Und dass wir dieser erwachsenen Frau (die noch nicht einmal eine Berufsanfängerin war!) wohl selbst zutrauen könnten, so etwas richtig einzuschätzen.
In der Kaffeepause kam dann jemand auf mich zu und fragte mich väterlich-verständnisvoll, ob ich denn eigentlich selbst gerne diesen Posten gehabt hätte, da ich mich ja so engagiert eingebracht hätte … (- Äh – NEIN!?!)
Und übrigens (das ist wirklich wahr!), zwei oder drei Jahre später, das gleiche Gremium, der gleiche Posten musste besetzt werden: Diesmal stand ein „junger Bruder“ zur Wahl, der zufällig im genau gleichen oben genannten Verband XY soeben seine Arbeit aufgenommen hatte (und noch dazu totaler Dienstanfänger war). – Genau! Niemand hatte das Bedürfnis, uns vor seiner Wahl zu warnen …

Ich könnte -zig solcher Geschichten erzählen.
Und besonders viele dieser Trauergeschichten handeln von der krassen Ungleichbehandlung von Müttern und Vätern im hauptamtlichen Dienst.

Der Klassiker: Auf einer (womöglich mehrtägigen) Veranstaltung bekommt mein (gerne schon älteres) männliches Gegenüber mit, dass ich Mutter von kleinen Kindern bin. Und fragt voller Erstaunen (und nicht selten mit echter Besorgnis), wer sich denn jetzt um eben diese Kinder kümmere und wie das denn überhaupt gehe mit meiner Berufstätigkeit …

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich finde es an sich durchaus eine berechtigte und notwendige Frage, ob bzw. wie sich ambitionierter Dienst im Reich Gottes und eine junge Familie gesund in Einklang bringen lassen. (Und ich hätte zu ihrer Beantwortung einiges beizutragen.)

Aber warum ist das bitte eine Frage, die sich (und der sich!) noch immer fast ausschließlich die jungen MÜTTER stellen müssen??

Meine (vielleicht nicht repräsentativen, aber mitunter sehr alarmierenden) Eindrücke aus Gesprächen mit Ehefrauen von Hauptamtlichen legen jedenfalls nahe, dass ein Umdenken hin zu einer familienfreundlicheren „Kultur der Hauptamtlichkeit“ ALLEN gut tun würde.
Nicht zuletzt natürlich auch der beschämenden Frauenquote in prägenden Positionen der frommen Szene.

Ach ja … 😉
Lassen wir es mal für heute dabei.
Es ist ein weites, komplexes Feld. Und leider häufig ein Schlachtfeld, auf dem man sich nur schwer unverletzt bewegen kann.

Denn natürlich wird dieses Thema schnell persönlich und emotional.
Weil es um „Sachen“ geht, die ich liebe und die mir heilig sind.
Um meine Familie. Um Gott. Um sein Wort und um das Weitertragen dieses Wortes.

Und da möchte ich nicht in ein Alternativ-Denken gezwungen werden!

Putzen oder predigen? (- Okay, wenn ich da die Wahl hätte, fiele sie mir eigentlich gar nicht so schwer … 😉 ) Erziehen oder evangelisieren? „Häuslich“ oder „hauptamtlich“ sein?
Ich wünsche mir ein Sowohl-Als-Auch!
Für Frauen UND Männer. Für Väter UND Mütter.

„Do as I say, don’t do as I do“

In der kleinen Welt deines zweijährigen Kindes ist etwas wirklich schlecht gelaufen. Es guckt ernst, nahezu verzweifelt, und ruft dann lauthals: „SSEISSE!!“

Es sind diese Momente, wo du denkst: „Schei … – äh … – Mist! Ich muss wohl jetzt doch wirklich mal darauf achten, was ich so sage.“ 😉

Klar, es gäbe schon Ausreden: Der Kindergarten. Die Nachbarskinder.
Aber du weißt es ja besser. Natürlich hat dieses Kind das von dir.

Was in Situationen wie dieser noch vergleichsweise harmlos anfängt (ich meine, „scheiße“ sagen ist ja eigentlich gesellschaftsfähig – und wenn die lieben Kleinen das SCH dann auch noch so süß aussprechen … wer könnte da böse sein?! *g*), geht in den nächsten Jahren weiter. Und dann zeigt dieses dein geliebtes Kind plötzlich Eigenschaften, Verhaltensweisen, Reaktionsmuster, die du bei dir selbst ganz furchtbar hasst.
Es ist gruselig, aber an diesem „Kinder-halten-dir-einen-Spiegel-vor“-Spruch ist schon was dran. Und ich würde aus meiner subjektiven Sicht bestätigen: Doch, ja, Kinder lernen wirklich extrem viel durch Nachahmung. Das ist ja auch oft gut, klar. Aber manchmal ist es eben auch eher so mittel … (Um nicht zu sagen: ganz „sseisse“. *g*)

Ich kam drauf, als ich neulich über das Bibellesen nachgedacht habe. Und über eine Klage, die ich seit Jahren (in zunehmendem Maße?!) wahrzunehmen meine: „Die Jugendlichen von heute“, so lautet nämlich die artikulierte Sorge, „lesen nicht mehr Bibel“ / „kennen sich nicht mehr in der Bibel aus“ / „interessieren sich nicht mehr für die Bibel“ / und / so / weiter …

Jetzt könnte man möglicherweise fragen, ob das überhaupt stimmt.
Und man könnte dieser Sorge Hoffnungsbilder entgegensetzen. Zum Beispiel das Bild von 3000 Jugendlichen, die während des WortWechsels beim Christival vor genau einem Jahr still in einer riesigen Messehalle sitzen und – Bibel lesen! Und dann könnte man konstruktiv überlegen, wie sich solche guten Ansätze fortführen lassen im Alltag dieser Teens und jungen Erwachsenen. Das wäre sicher lohnend – und es passiert ja auch schon, dass Leute da gute Ideen (weiter-)entwickeln und ausprobieren.

Aber ich stelle sie jetzt trotzdem, diese unbequeme Frage, die sich nach diesem Einstieg ja schon aufdrängt:
Was ist denn, wenn wir Nicht-mehr-Jugendlichen uns vor allem mal an unsere Nase fassen müssten? Wenn wir zu schnell dabei sind mit den Erklärungs-Ausreden (die Medienüberflutung der jungen Leute, die Leseunlust bzw. -unfähigkeit, …).
Anstatt zu fragen: Wo sind denn die Vorbilder? Wo sind denn die Älteren und Alten, die „noch in der Bibel lesen“ / „sich noch in der Bibel auskennen“ / „sich noch für die Bibel interessieren“ …??
Und die in dieser persönlichen Beschäftigung mit der Bibel nicht nur ihre achteinhalb starren Dogmen in die Texte hineinlesen und sich das bestätigen lassen, was sie schon immer wussten. Sondern die tatsächlich ehrlich sagen würden, dass sie bei der Bibellese Gottesbegegnungen haben. Die auch schwierige Stellen nicht gleich schönerklären (oder übergehen). Die erkennbar frische Gedanken denken. Deren Leben und Reden und Glauben, deren Alltag vom Gelesenen (und dem Geist, den die heilige Schrift atmet!) durchdrungen wird …?!

Puh. Ist wirklich unbequem, die Frage.
Und die Antwort wird vielleicht nicht bequemer …

Deshalb mach ich mal lieber für heute hier Schluss. 😉
Und verlinke euch noch den Video-Beweis: Die Erkenntnis, dass das mit dem „Do as I say, don’t do as I do“ eigentlich gar nicht so toll ist, gab es mindestens schon in den 90ern.
Meine Generation und alle aufwärts könnten es also schon lange wissen. 😉

Lieber nackt als unfair?

Heute vor vier Jahren stürzte in Bangladesh das Rana Plaza ein.
Weit über 1000 Menschen starben, weit über 2000 wurden verletzt. – Die meisten Opfer waren Textilarbeiterinnen, die man an jenem 24. April gezwungen hatte, ihre Arbeit aufzunehmen. Obwohl am Tag zuvor bereits gefährliche Risse in dem achtstöckigen Gebäude festgestellt worden waren.

An diesen furchtbaren, vermeidbaren Unfall erinnert uns heute der Fashion Revolution Day. Initiiert wurde dieser Tag von der Fashion-Revolution-Initiative, die es seit 2014 auch in Deutschland gibt. Mit politischer Arbeit und unterschiedlichen Aktionen bemüht sich diese Organisation um ein stärkeres Bewusstsein für die prekäre Lage in der Textilindustrie. Und um Veränderung.

Wie auch schon in den letzten Jahren gab es den Aufruf, heute in sozialen Netzwerken ein Bild von sich zu posten mit den Klamotten „inside out“. Also so, dass man das (faire?!) Label erkennen kann.
Das ist natürlich eine gute Werbeaktion für Firmen, die sich der fairen und transparenten Produktion verpflichtet haben. Und das finde ich durchaus super! (By the way: Auf dem Foto seht ihr was von dem kleinen, feinen österreichischen Label Göttin des Glücks. Tendiert vielleicht auf der Skala etwas mehr zu „Ü-30-Öko-Tussi“ als zu „Anfang-20-Wanna-be-Hipster“. Aber mir gefallen viele Sachen – ich bin halt auch nicht mehr 21. *g*)

Trotzdem empfinde ich die Aktion auch als zwiespältig. Und deshalb hab ich auch länger überlegt, ob dieser Artikel tatsächlich entstehen wird …

Denn wenn ich mich jetzt hier als diejenige inszeniere, die das Mega-Vorbild ist in Sachen faire Klamotten. Die sich auskennt mit hippen und noch hipperen Fair-Trade-Labels und -Online-Shops und -Real-Life-Läden. Die sich ihre Zeit auf Second-Hand-Kinder-Basaren um die Ohren schlägt. Die sogar extra ein bisschen Nähen gelernt hat, um Sachen reparieren zu können. Und und und …
Dann weiß ich ja nur zu gut, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist.

Und deshalb muss ich natürlich auch vom anderen Teil der Wahrheit schreiben.
Davon, dass ich bisher im Zweifelsfall noch immer „unfair“ den Vorzug vor „nackt“ gegeben habe …

Davon, dass mich dieses ganze Thema immer wieder belastet.
Es ist ja schon grundsätzlich so, dass alles, was auch nur entfernt mit Haushalt zu tun hat, weder zu meinen primären Interessen noch zu meinen Primärkompetenzen gehört. 😉
Und die Aufgabe, dass alle fünf Menschen in unserem Haushalt, vor allem diese drei ständig wachsenden Kinder, jeweils zur richtigen Jahreszeit in der richtigen Größe die richtigen Klamotten am Start haben (und dass diese dann auch noch morgens um zwanzig vor sieben sauber und auffindbar sind!) – die erscheint mir sowieso schon nahezu unlösbar. 
Der berechtigte, not-wendige Anspruch, dass dann auch alles, von den Schuhen bis zur Unterwäsche, entweder fair produziert und aus zweiter Hand gekauft (oder geerbt) sein sollte, überfordert mich oft.

Und so gibt es immer noch ab und zu spontane Verzweiflungskäufe von einem Fünferpack Kindersocken oder -unterwäsche, für die ich dann Geschäfte wie H&M oder Ernsting’s family betrete. Und ich komme mir dabei richtig schlecht vor.
Und es gibt sie, die Bestellungen bei einem familienfreundlichen Online-Händler. Der zwar zunehmend auch von Nachhaltigkeit und Fairness redet. Aber damit in erster Linie meint, dass die Kinderklamotten lange halten und dass die Preise für die Kund/innen (!) fair seien.
Und es gibt die Kinderschuh-Kaufaktionen, bei denen wir durchaus nicht zu Billigware greifen. Aber wo ich mich bisher noch gar nicht gründlich damit befasst habe, wie diese Schuhe jeweils hergestellt werden. Die Tatsache allerdings, dass die Hersteller nicht mit einer fairen Produktion werben, deutet ja leider schon ziemlich direkt darauf hin, dass ich es vielleicht auch eigentlich lieber gar nicht so genau wissen will …
Und mir würden durchaus noch andere Beispiele einfallen.

So ist es also. Ich kämpfe mit diesem Thema.
Und mit noch so vielen anderen Bereichen, wo ich weiß (oder wissen könnte), dass mein Lebensstil auf Kosten anderer Menschen geht.

Dieses Ringen lässt sich nicht schön schreiben.
Ein versöhnliches Ende gibt es nicht. Zumindest vorerst nicht.

Aber es gibt doch einen Trost: Dass nämlich dieses Ding mit Ostern auch hier hineinspielt.
Dass die Schuld, für die Jesus gestorben ist, auch meine zahlreichen Verstrickungen in globale Ungerechtigkeiten umfasst.
Dass der Gott, der am Kreuz qualvoll verreckt ist, denen besonders nahe ist, die leiden. Zum Beispiel der Näherin in Bangladesh.
Und dass es für unsere kaputte Welt insgesamt Auferstehungshoffnung gibt: Dass Gott den Himmel und die Erde neu machen wird. Eine Welt ohne Tränen und Geschrei. Voller Liebe und Gerechtigkeit.

Nein, ich will mich nicht drücken vor meiner Verantwortung.
Ja, ich will mit daran arbeiten, dass schon jetzt etwas sichtbar wird von Gottes liebevoller, gerechter Königsherrschaft.
Ja, ich will weiter ringen mit den Fragen und Entscheidung rund um fairen Konsum.

Aber ich kann das nur tun, ohne dabei wahnsinnig zu werden, weil ich gewiss bin: Auch mein Scheitern wird bei Gott liebevoll umfangen.
Weil an Ostern eine Revolution in Gang gekommen ist, die all die (fashion-)revolutionären Bemühungen von uns Menschen umfasst und übersteigt. Und die sie am Ende zu einem guten Ziel führen wird!

Gute Frage zum Emmaus-Ehepaar:

Mein Supermarkt signalisiert mir zwar, dass Ostern jetzt vorbei sei. (Klar, für alle, die die bunten Eier seit Januar regelmäßig gekauft haben, reicht es jetzt vermutlich auch wirklich, was das angeht. *g*)
Aber ich schreib trotzdem heute was zu einer Ostergeschichte. Denn wär ja schlecht, wenn die Auferweckungs-Story schon nach einer knappen Woche nicht mehr aktuell wäre. Und immerhin ist ja auch im Kirchenjahr noch … – ach was, wisster selber, ’ne …! 😉

Ich war ja im März als Evangelistin bei einer JESUSHOUSE-Veranstaltung dabei.
Der Bibeltext für den letzten Abend war Lukas 24,13 ff.
Die Geschichte mit den Emmaus-Jüngern. Beziehungsweise möglicherweise die Geschichte mit dem Emmaus-Jünger und der Emmaus-Jüngerin. 🙂

Es geht mir gleich zwar noch um was anderes, aber dieser kleine Exkurs muss jetzt sein:
Ich musste tatsächlich erst Mitte 30 werden, bis ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal überhaupt mit der Möglichkeit in Berührung kam, dass es sich bei den beiden Jesus-Leuten in Lukas 24 vielleicht gar nicht um zwei Männer gehandelt hat. Sondern möglicherweise um einen Mann (dessen Namen wir ja sogar erfahren: Kleopas) und eine Frau.

Und in der Vorbereitung auf den JESUSHOUSE-Abend fand ich es auch nochmal echt spannend, wie selbstverständlich in eigentlich allen Kommentaren, die ich wahrgenommen habe, von zwei Männern ausgegangen wird.

Dabei ist das sprachlich überhaupt nicht zwingend: In V. 13 gehen „zwei von ihnen“ nach Emmaus. „Ihnen“, das wird im Abschnitt vorher ganz deutlich, ist eine größere Gruppe von Jüngern und ausdrücklich auch Jüngerinnen.

Auch rein sachlich wäre es doch sehr gut möglich, an ein Paar zu denken. (Zumindest jene Herren Ausleger, die als zweiten Jünger den Sohn des Kleopas in den Text hineinspekulieren, könnten doch auch dieser Variante wenigstens etwas Raum geben. *g*) Denn das wäre doch durchaus schlüssig, dass Kleopas mit seiner Frau gemeinsam Jesus nachgefolgt war – und sich jetzt gemeinsam mit ihr enttäuscht und desillusioniert auf den Heimweg macht. Zumal, darüber bin ich kürzlich nochmal gestolpert, im Johannesevangelium eine der Marias unterm Kreuz die „Frau des Klopas“ ist und ich in dem Zusammenhang die Vermutung gelesen habe, das könne gut die Frau des Emmaus-Jüngers Kleopas sein …

Wie auch immer. 🙂
Ich stelle mir jetzt jedenfalls bis auf weiteres ein (Ehe-)Paar vor, von dem wir da am Ende des Lukasevangeliums lesen.

Aber zurück zu JESUSHOUSE.
Die Mitarbeitenden an „meinem“ Ort hatten sich für eine Jugendwoche im Dialog-Format entschieden. Das heißt, dass wir nach einer kurzen „Hinführung“ von mir den Bibeltext gemeinsam gelesen haben. Und zwar nach der (für solche Zwecke total guten!) BasisBibel-Übersetzung, die die Leute als handliche Lukas-und-Apostelgeschichte-Ausgabe vor sich hatten. Die Besucher/innen bekamen dann noch etwas Zeit zum eigenen Lesen und haben danach in Dreiergruppen eine Frage oder eine Statement aufgeschrieben. Und diese Fragen und Statements wurden anschließend vom Moderationsteam in den eigentlichen Verkündigungsteil eingebracht.

Das Herzstück der Verkündigung war also dann dieses Gespräch zwischen mir und den Moderatoren. Und by the way: Ich finde diesen Verkündigungsansatz so dermaßen verheißungsvoll, dass ich kaum noch Lust hab, „klassisch“ zu predigen … 🙂

Natürlich habe ich mich im Vorfeld so gut ich konnte auf die Texte vorbereitet und mir (zum Teil ziemlich konkret) überlegt, wie ich auf diese oder jene potenzielle Frage reagieren könnte. Aber bei aller Vorbereitung: Es sind immer Fragen und Gedanken dabei gewesen, mit denen ich nicht gerechnet hatte, ja, auf die ich selbst überhaupt nicht gekommen wäre.

Am Emmaus-Abend lautete eine solche unerwartete Frage sinngemäß:

„Warum hat sich Jesus den beiden nicht sofort zu erkennen gegeben? Warum hat er sie noch länger als nötig in ihrer Trauer und Verzweiflung gelassen?“

Eine richtig gute – und doch auch eigentlich durchaus nahe liegende – Frage, oder?
Ja, warum hat Jesus nicht einfach gesagt: „Hey ihr zwei, ich bin’s! Spart euch den Weg nach Emmaus, ihr könnt gleich umkehren!“

Was hättet ihr spontan geantwortet??

Ich habe an diesem Freitag (wie übrigens zuvor schon öfter während der JESUSHOUSE-Woche *g*) zuallererst gesagt:

„Weiß ich auch nicht!“ 😉

Denn ich finde es zunehmend schwierig und mitunter sogar echt anmaßend, wenn Menschen meinen, die Gründe hinter Gottes Handeln verstehen und erklären zu können.

Aber auch, wenn ich zurückhaltend sein will, mir aus dieser (und anderen) Geschichte(n) ein System über Gottes Motive zusammenzuschustern – es ist ja trotzdem möglich, dieser Frage etwas weiter nachzuspüren.
Und mich dadurch mitten in diesem Emmaus-Geschehen wiederzufinden.

(Wo) Habe ich das denn zum Beispiel schonmal selbst erlebt? Da bin ich einen richtig schweren Weg gegangen – und hab erst im Nachhinein gemerkt, dass Jesus ja lange schon mitgegangen war?!
Wie war das denn da? Warum wohl habe ich Jesus nicht eher erkannt? Lag es an ihm? Oder lag es „an meinen Augen“ (V. 16)?

Oder: Könnte es sein, dass es manchmal eine notwendige (oder zumindest hilfreiche) Voraussetzung für eine Jesus-Begegnung ist, die eigenen Fragen und Zweifel und Enttäuschungen nicht wegzuwischen? Sondern sie in einem Gespräch „hin- und herzuwälzen“ (V.15)?!
Und vielleicht passiert es ja gerade im Gespräch mit einem Fremden, dass Dinge klar(er) werden und Denkblockaden langsam bröckeln …?!

Besonders schön finde ich, auf die Situation zu schauen, in der das Emmaus-Paar Jesus schließlich erkennt.
Es ist, nachdem sie Jesus in ihr Haus eingeladen
(oder besser: genötigt) haben.
Es ist, als sie mit dem scheinbar fremden Wanderer gemeinsam essen.
(Und damit eine engere Gemeinschaft ausdrücken, als wir heute mit gemeinsamem Essen verbinden.)
Es ist in dem Moment, als Jesus ihnen das Brot reicht …

Bei JESUSHOUSE haben wir die jugendlichen Besucher/innen eingeladen zu dieser engen (Tisch-)Gemeinschaft mit Jesus.

Darauf hoffe ich.
Für alle meine nachösterlichen (oder müsste es nicht eher heißen österlichen?!) Wege:

Dass Jesus mitgeht. Auch, wenn ich ihn nicht erkenne.
Und dass er nicht verzweifelt, wenn ich mal wieder „in meinem Herzen langsam bin“ (V. 25), das zu glauben, was ich eigentlich wissen könnte.
Sondern dass er ein neues Feuer in meinem Herzen entfacht (V. 32).

Und vor allem:
Dass er zum Essen bleibt.
Und sich erkennen lässt.
Und mich in Bewegung setzt.
Auch dann, wenn (und auch dort, wo) ich ihn mit meinen Augen nicht sehe.