Haltung und Halt

Wo ist eigentlich das gute alte Sommerloch geblieben?

Wenn ein Mensch zum Beispiel mal vier Tage lang wegfährt und entweder kein Smartphone besitzt (doch, das soll’s vereinzelt noch geben *g*) oder sich mutig zur Informations-Overkill-Abstinenz entschließt – dann wartet bei seiner Rückkehr schon die neueste Terror- oder Putsch- oder Amok- oder Allesgleichzeitig-Nachricht auf ihn.

Aaaah, zumindest fühlt es sich gerade genau so an. Und, ja – das ist ein Scheißgefühl!

Wenn jetzt an vielen Stellen zu Recht darauf hingewiesen wird, dass wir nicht die erste Generation auf diesem Planeten sind, die aufrüttelnde Zeiten erlebt, dann ist das sicher richtig. Und lasst mich überlegen … nach zweieinhalb Jahren Geschichte-Leistungskurs und ein paar geschichtswissenschaftlichen Uni-Semestern hatte ich sowas auch schon im Hinterkopf.

Im Ernst: Wenn ich zum Beispiel in den Lebenserinnerungen meiner Stiefoma über ihre für mich fast unvorstellbaren Erlebnisse in den (Nach)Kriegsjahren lese (und mir zwischen den Zeilen noch manches dazudenke, was sie nicht aufgeschrieben hat …) oder wenn ich die Fluchtgeschichte meiner Tante höre, die es als etwa Fünfjährige mit meiner Oma und meinem Vater aus Schlesien in den Westen geschafft hat – dann weiß ich, dass ich persönlich heute noch weit entfernt bin von Chaos und Unsicherheit.
Allerdings: Menschen aus meiner und eurer Nachbarschaft wie F. aus Afghanistan, A. aus Syrien oder H. aus Eritrea könnten uns hier und heute Geschichten erzählen, die in Dramatik, Grauen und Unfassbarkeit nicht hinter den traumatischen Berichten aus unserer jüngeren dunklen deutschen Geschichte zurückstehen.

Wie gehen wir um mit dieser Weltlage? Wie geht IHR damit um?
Was ist hilfreich? Oder, um mal die ZEIT von letztem Donnerstag zu zitieren: „Was gibt uns jetzt Halt?“

Ach, überhaupt die letzte ZEIT-Ausgabe … Als Titel die Aussicht auf eine Beantwortung der brennende Frage

„Worauf wir uns noch verlassen können“.

Darunter die knappe Lagebestimmung:

Anschläge, Putschversuche, Säuberungsaktionen. Wir erleben ein globales Drama. Was kommt auf uns zu? Und was gibt uns jetzt Halt?

Tja, was gibt uns jetzt Halt?
Im POLITIK-Teil der ZEIT habe ich auf diese Frage jedenfalls keine Antwort gefunden. Ihr?
Nun finde ich allerdings natürlich auch nicht, dass das „Halt-Geben“ die primäre Aufgabe einer Wochenzeitung wäre …

Zwar würde ich (um mal gleich den berechtigten kritischen Anfragen in dieser Richtung vorzubeugen) auch nicht sagen, dass das „Halt-Geben“ der Sinn und Zweck, der Kern, die „primäre Aufgabe“ des Glaubens wäre. Obwohl ich natürlich weiß, dass viele (auch manche unter euch *g*) den Verdacht hegen, dass wir unbelehrbaren Gläubigen vor allem aus diesem Grund nicht von der Religion lassen können oder wollen … 😉

ABER ja! Natürlich hilft mir mein Glaube an Jesus in dieser Situation!
Die christliche Hoffnung auf die Neuschöpfung von Himmel und Erde erlebe ich als Kraft, die allen Unsicherheiten und Ängsten zum Trotz Halt gibt. Ich empfinde es als großes Glück, in diesem „globalen Drama“ mit einer solchen Gewissheit leben zu dürfen.

Dass sich diese Hoffnung und Gewissheit nicht in „Pray for Kabul“-Aufrufen (oder „Pray for Munich“ oder „Pray for Nizza“ – Moment, heißt Nizza überhaupt Nizza auf Englisch? *g* – oder oder oder) auf Facebook erschöpfen darf, ist uns vermutlich allen klar.
Trotzdem finde ich es lohnend und notwendig, über folgendes Zitat aus der Gründungserklärung des Evangelischen Studienwerks einmal gründlich nachzudenken:

Evangelischer Glaube beschränkt sich darum nicht auf die Pflege frommer Innerlichkeit, sondern bewährt sich darin, dass er seine erneuernde und gestaltende Kraft im Staat, in der Wirtschaft, im Rechtsleben wie in der Wissenschaft und in der Kunst wirksam werden lässt.

Ja! Lasst uns darum ringen und dafür arbeiten, dass das tatsächlich so ist. Dass die erneuernde und gestaltende Kraft des Evangeliums wirksam und sichtbar wird in unserem Land!
Aber wie sieht das konkret aus? Wie können wir Christinnen und Christen am besten Haltung zeigen in diesen chaotischen Zeiten? Wie können wir dem Hass Liebe entgegensetzen und der Verunsicherung Halt? Wie können wir das teilen, worauf wir uns verlassen? Wie können wir aktiv darauf hinwirken, dass Frieden wächst?

Darüber bleiben wir in den nächsten Monaten im Gespräch, ja?!
In den kommenden Wochen bleibt es hier auf dem Blog allerdings vermutlich etwas ruhiger. Neben Stipendien-Bewerbungen (durch die ich auf das gute Zitat oben gestoßen bin) halten mich gerade noch diverse andere Projekte auf Trab.

Aber um euch (und euren Lesestoff) mach ich mir trotzdem keine Sorgen. 😉
Denn wie wir anfangs bereits festgestellt haben: Sommerloch-Langeweile ist dieses Jahr ja leider kein Problem …

„Braune Haut ist gefährlich!“

Letzte Woche. Während in den Nachrichten über das Dallas-Grauen berichtet wird, lese ich mit meiner Tochter als Gute-Nacht-Geschichte „Conni kommt in die Schule“.
– Beobachtung am Rande: Ich bilde mir ein, dass heute, in den aktuellen Bilderbüchern, die „Quoten-Migrationshintergrundskinder“ in der Regel ziemlich selbstverständlich mit dabei sind. Im über zehn Jahre alten Conni-Buch aber werden die „türkischen Zwillinge“ und „Santa“, das Mädchen mit „schwarzen Locken und schöner brauner Haut“ noch ziemlich deutlich hervorgehoben.

Wie auch immer.
Wir betrachten das Bild mit den Kindern aus Connis Klasse. Und die junge Dame auf meinem Schoß setzt zu einer ihrer momentanen Lieblingsaktionen an: Sie zeigt auf ein Mädchen und sagt:

„Die da bin ich. Und wer bist du?“

Ich überlege kurz, entscheide mich diesmal für Santa und sage:

„Ich bin die mit der schönen braunen Haut“.

Woraufhin ich einen ernsten Blick ernte.
Und nach kurzem Nachdenken kommt dann der Satz:

„Jessi sagt, braune Haut ist gefährlich.“

Jessi* ist vier und geht in die gleiche Kindergartengruppe.
Wow!

Nach einer kurzen Schockstarre gelingt mir ein (so habe ich es zumindest in Erinnerung) einigermaßen natürliches Lachen und ich antworte:

Na, da hat Jessi dir aber Quatsch erzählt. Du kennst doch …
( – ich nenne einige Namen von fantastischen Menschen mit brauner Haut, die dem Kind auf meinem Schoß gut bekannt sind – ).
Sind die etwa gefährlich??“

Ein Grinsen und, etwas gedehnt, die Antwort:

„Nein!“

Puh! Ob das jetzt die weltbeste Reaktion war von mir, darüber könnten wir sicher diskutieren. Aber viel lieber noch würde ich über das diskutieren, was dahintersteckt. Denn ich setze mal voraus, dass wir uns im folgenden Punkt einig sind:
WAS TATSÄCHLICH GENERELL GEFÄHRLICH IST, IST NICHT BRAUNE HAUT, SONDERN BRAUNE ANGSTMACHE!

Nun würde ich ja sofort zustimmen, dass vierjährige Mädchen einige Dinge im Umgang mit fremden (und übrigens auch mit bekannten) Menschen beachten sollten.
ABER DAS IST DOCH BITTE UNABHÄNGIG VON DEREN HAUTFARBE!

Ich möchte nicht in einem Land leben,  in dem sich Kindergartenkinder gegenseitig darüber informieren, dass braune Haut gefährlich ist. – Und das ist ja nur EIN Beispiel für den Alltagsrassismus, der vielen – vor allem vielen dunkelhäutigen –  Menschen in Deutschland jeden Tag entgegenschlägt.

Wir brauchen gar nicht so arrogant auf die furchtbaren Entwicklungen in den USA zu gucken … Lasst uns lieber daran arbeiten, dass die Jessis von heute in zwanzig Jahren keine Polizistinnen sind, die bei „gefährlicher brauner Haut“ vorsichtshalber etwas schneller den Abzug drücken.

Ich möchte, dass meine Kinder anderen Menschen mit Offenheit und Freundlichkeit, mit Respekt und Lernbereitschaft begegnen. Egal, ob diese Menschen braune oder rosa oder schwarze oder weiße Haut haben. Egal, ob sie sich atheistisch nennen oder muslimisch, hinduistisch oder „intensiv evangelisch“. Egal, welche sexuelle Identität sie haben oder welchen sozialen Stand. Und – auch wenn ich mich jetzt sehr weit aus dem Fenster lehne 😉 – ich denke, diese grundlegend wertschätzende Art wünsche ich mir auch gegenüber Pro-Brexit-Briten, AfD-Wählerinnen – und sogar gegenüber Bayern-Fans.

Lasst uns unsere Kinder so zu erziehen versuchen, ja?!
Und uns selbst.
Denn auch wenn ich gerne so tue, als seien die Rassistinnen und die Vorverurteiler und die Wutbürgerinnen immer nur die anderen – es ist ja nicht so, dass mir Vorurteile und irrationale Ängste vor „dem Fremden“ , nunja, völlig „fremd“ *g* wären.

Was also tun? Ich bin überzeugt, eine gute Idee ist: Begegnungen suchen. Kennenlernen.
Und schon ist das/die/der Fremde nicht mehr fremd. Manches Vorurteil wird sich schnell in Luft auflösen; andere Ahnungen mögen sich auch bestätigen. Aber in jedem Fall wird wohl deutlich werden: Wir sind alle Menschen!

Und für diese Spezies gilt nunmal grundsätzlich: Da gibt es sone und solche. Manche Menschen sind mir sympathisch. Andere weniger. Mit manchen verbringe ich gerne Zeit. In der Gesellschaft von anderen fühle ich mich unwohl. Einige hätte ich unglaublich gerne als Nachbarn. Andere würde ich gerne zum Mond schießen. (Und bei nicht wenigen Menschen wechseln meine diesbezüglichen Empfindungen ab und an. *g*)  Manche Menschen verkörpern Weltbilder und Wertmaßstäbe, die ich vorbildlich finde. Und bei anderen Menschen empfinde ich das, was sie sagen und das, was sie leben, als ganz und gar nicht nachahmenswert.  Ja, hier und da würde ich sogar die Vokabel „gefährlich“ als angemessen empfinden.

ABER, SURPRISE (!), DAS ALLES IST EBEN NICHT (!) ABHÄNGIG VON DER HAUTFARBE.
Und von vielem anderen ist es auch nicht abhängig, wir hatten das bereits oben … Und, Brüder und Schwestern, ich möchte nochmal betonen: Das alles ist eben auch nicht einfach so abhängig zu machen von der Religionszugehörigkeit! Ich gebe zu, dass ich das ein bisschen schade finde. Und zwar nicht, weil ich Lust auf, sagen wir mal, Muslimen-Bashing hätte. Sondern weil ich gerne sagen würde („sagen können würde“): Wir Christinnen und Christen sind alle so infiziert mit diesem Nächstenliebe-Ding, dass unser Leben tatsächlich Vorbildcharakter hat.

SO!
Und wenn wir das irgendwann so weit mal klar haben, dann wird es vielleicht auch wieder etwas unverkrampfter möglich sein, etwas Kritisches zu sagen oder zu schreiben. 
Wobei ich auch weiterhin dafür plädieren werde, dass man es sich niemals leicht machen darf, wenn man Kritik übt. Aber dann geht es vielleicht wieder ohne „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Reflexe. Und ohne „Jetzt-will-ich-mal-die-Sorgen-des-kleinen-Mannes-ernst-nehmen“-Vorwand.

Ach, das wird schön! 🙂

Dann kann ich zum Beispiel sagen, dass ich es blöd finde, wenn ein siebenjähriges muslimisches Mädchen an einem Hochsommertag in der Schule fast umkippt, weil ihre Familie ihr wegen des Ramadans das Wassertrinken verbietet. Und (auch wenn ich das nicht explizit dazu sage) niemand wird denken, ich hätte was gegen den Islam.

Und dann kann ich sagen, dass ich es alarmierend finde, wenn ein vierjähriges freievangelisches Mädchen sagt „Braune Haut ist gefährlich“. Und niemand wird deswegen denken, in Freikirchen gedeihe grundsätzlich fremdenfeindliches Gedankengut. (Was in diesem speziellen Fall auch deshalb so unangemessen wäre, weil viele Ehrenamtliche aus Jessis Baptistengemeinde die Flüchtlingshilfe in unserem Ort zentral tragen.)

Aber ich schweife ab …
Also, Kennenlernen und Begegnungen sind die Stichworte. Bleibt die Frage, wie das konkret gestaltet werden kann. 

Von einer tollen Idee hab ich vor einiger Zeit gelesen: Das Projekt  Tapetenwechsel definiert sich als „Schüleraustausch vor Ort“.
8-12-Jährige verbringen einige Tage in der Familie eines anderen Kindes und erlebt den Alltag aus dessen Perspektive. Familien mit ganz unterschiedlichem kulturellen, ethnischen, religiösen und sozialen Hintergründen machen mit.

Die Vorstellung gefällt mir: Vielleicht lebt dann die iranische Arzttochter in der deutschen Hartz-IV-Familie und der Sohn der vietnamesischen Imbiss-Betreiberin lernt den Alltag einer eritreische Flüchtlingsfamilie kennen?!

Das ist für uns Erwachsene vielleicht nicht 1 zu 1 umsetzbar. „Interkultureller Frauentausch“ wär jetzt nicht so mein Ding. 😉 Aber Gott sei Dank gibt es da ja noch alternative Ideen … 🙂

Ihr könnt ja mal ein paar gute Praxisbeispiele in den Kommentaren teilen.
Ich aber muss jetzt schleunigst zum Ende kommen. Hab noch einiges vorzubereiten für Samstag. Da sind wir nämlich zu einer Hochzeit nach Süddeutschland eingeladen. Eine junge Frau mit weißer Haut heiratet einen Mann mit dunkelbrauner. Außerdem wird noch ein Baby getauft. Hautfarbe: hellbraun.

Ob das wohl gefährlich wird auf der Party, Jessi?
Lasst mich kurz überlegen … – ich denke nein!

 

* Jessi heißt eigentlich anders. Der Rest stimmt leider.

Pippi Langstrumpf und die Frauen in der Kirche

„Man bekommt viel zu hören, bevor einem die Ohren abfallen“,

bemerkt Pippi Langstrumpf im Eingangskapitel von „Pippi in Taka-Tuka-Land“. Sie sagt das zu einem „feinen und vornehmen Herren“ – der sie vollkommen respektlos von oben herab behandelt.

An dieses Zitat musste ich denken, als ich vor Kurzem den (sehr zu empfehlenden!) Blog Der Plaza entdeckt habe und dort auf folgendes Video gestoßen bin:

Großartig! Und ziemlich lustig 😉 – wenn es nicht eigentlich so traurig wäre.

Seit die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche vor einem Monat beschlossen hat, keine Frauen mehr zu ordinieren, kann man wieder einmal vieles hören zum Thema Frauen in kirchlichen Leitungsämtern. Leider auch vieles, von dem einem fast „die Ohren abfallen“. (Oder wahlweise kann man auch vieles lesen, wo einem fast „die Augen ausfallen“ – zum Beispiel in den Diskussionen unter Internetartikeln zur lettischen Entscheidung oder natürlich bei facebook …)

Man kann aber – mit Rücksicht auf die eigenen Ohren und die eigenen Nerven – auch einfach die Dinge hören, die die eigene (also die richtige *g*) Meinung stützen. 😉

Dafür hab ich mich entschieden. 🙂 Und feiere schon seit Sonntag den großartigen aktuellen Hossa Talk mit Christina Brudereck.
Gebt euch den unbedingt! Da ist sehr sehr vieles drin, was danach schreit, weiter bedacht und durchbetet, gelebt und erstritten zu werden …
Und an der Stelle mit den „Pippi-Langstrumpf-Engeln für die lettischen Pfarrerinnen“ schließt sich dann auch wunderbar der Kreis zum Anfang … 🙂

Die Bibel in schwarz-weiß

Obwohl das Christival mittlerweile ja schon einige Wochen in der Vergangenheit liegt: Es gibt eine Menge von Erlebnissen, Eindrücken und Gesprächen aus den Tagen in Karlsruhe, die mir – in ganz unterschiedlicher Art und Weise – noch weiter nachgehen.

So war da zum Beispiel diese Begegnung beim Mittagessen in der „Mitarbeiter-Oase“.
Ich saß am Tisch mit zwei netten Anfang-20-Jährigen, einer Frau und einem Mann, beide im fortgeschrittenen Stadium einer Bibelschulausbildung.
(By the way: Das war nicht schwierig, zwischen Theologie-Lernenden zu landen. Wie sehr die vertretenen theologischen Ausbildungsstätten das Christival mit ihrer Man-(and-Woman-)Power gestützt haben – das war großartig!)

Wir kamen ins Gespräch und waren ziemlich schnell beim Thema Bibel. Und da wurde es dann sehr schnell sehr spannend. Denn es stellte sich heraus, dass ich – aus Sicht meiner GesprächspartnerInnen – eine lebendige Unmöglichkeit verkörpere. 😉
Für die beiden gab es nämlich in Sachen Bibelverständnis genau zwei Schubladen:
Auf der einen Seite sind da die Menschen, für die die Bibel „Gottes Wort“ ist. (Ihr werdet es erraten, das sind die Guten.)
– Und dann gibt es noch die Menschen, die die Bibel „historisch-kritisch“ lesen. (Ja genau, gar nicht gut …)

Gedächtnisprotokoll:

————–

Ich: Was meint ihr denn mit „die Bibel als Gottes Wort nehmen“?

Er: Naja, dass man das eben einfach nur so nimmt, wie es da steht.

Sie: Ja, und nicht immer so umdeutet, wie es einem gerade passt.

Ich: Aber ihr nehmt in der Bibel doch auch nicht alles so, „wie es da steht“. Niemand macht das. Wenn ihr lest: „Komm nach Mazedonien“, dann packt ihr ja auch nicht gleich die Koffer, weil ihr denkt, das ist jetzt Gottes direktes Wort an euch.

Er: Ja, klar gibt es Stellen, da weiß man, dass sie an eine bestimmte Person damals gehen. Aber das meiste in der Bibel ist ja allgemein gültig.

Ich: Aber jetzt steht doch zum Beispiel in 3. Mose, dass Männer sich nicht die Haare schneiden dürfen. Wenn du die Bibel immer wörtlich nehmen würdest, dann würdest du jetzt wohl nicht mit kurzen Haaren neben mir sitzen.

(Kurze Pause)

Er: Naja … das steht ja auch im Alten Testament. Das gilt für mich als Christ ja so nicht mehr …

Ich: Wie jetzt?! 😉 Ist jetzt also doch nicht die ganze Bibel Gottes Wort?! Muss ich nur das Neue Testament „so nehmen, wie es da steht“?

————–

🙂 Keine Sorge. Ich glaube, ich war nicht gemein in dem Gespräch. Und als ich später zur Verfasser-Frage des Jesaja-Buchs angemerkt habe, dass das für meinen jungen Kollegen doch gar nicht so relevant sein dürfte, weil das ja eh „nur Altes Testament“ sei, hab ich das mit einem Augenzwinkern gesagt, ehrlich … 😉

– Nein, ganz im Ernst: Ich will und ICH darf mich bestimmt nicht über halbausgegorene Aussagen zur Bibel lustig machen. Ich sag mal nur: I know where I come from …

Aber wahrscheinlich bewegt es mich gerade deshalb so, wenn mir (bei zukünftigen Hauptamtlichen!) ein so wenig reflektiertes, so holzschnittartiges, so selbstherrliches Schriftverständnis begegnet.

Immerhin trete ich in Gesprächen mit „normalen Menschen“ (also Leuten außerhalb meiner frommen Prägung *g*) gerne vehement dafür ein, dass wir Frommen Klischees wie dieses eben nicht (mehr) so erfüllen. Dass wir weiter, gescheiter, intellektuell redlicher sind als unser Ruf.

Und wenn Siegfried Zimmer bei Worthaus (da werd ich noch öfter drauf kommen; hört euch unbedingt mal ein paar Vorträge an, wenn ihr das noch nicht kennt!) mal wieder gegen die „christlichen Nachwuchstalente“ polemisiert, die arrogant an die Hochschule kommen und denken, mit ihrem einzig wahren Glauben könnten sie von den ungläubigen Professoren sowieso nichts mehr lernen, dann hab ich immer gedacht: „Na komm, das sind aber wirklich krasse Randerscheinungen.“
Oder wenn er auf Bibelschulen eindrischt, in denen die Studierenden von wissenschaftlichen Erkenntnissen fern gehalten würden und sich der Theologie immer nur mit Scheuklappen nähern dürften, dann habe ich aus meinem eigenen Erleben mit Überzeugung dagegen gesetzt: „Nein, auch an nicht-akademischen Ausbildungsstätten kann man gute und tiefe und gesunde Theologie lernen.“

Tja. Und da sitze ich also beim Christival. Mitten in dieser Szene, mitten in dieser Bewegung, die ich liebe und zu der ich mich zugehörig fühle. Begegne jesus-begeisterten jungen Menschen, die sich auf einen hauptamtlichen Dienst vorbereiten. Und ich erlebe: Doch, das gibt es tatsächlich. Heute noch. Genau so: Schwarz oder weiß. „Gottes Wort“ oder „historisch-kritischer Zugang“. Und nichts dazwischen.

WAS, frage ich mich, bekommen die beiden und ihre MitschülerInnen denn in ihrer Ausbildung vermittelt über die Bibel und über wissenschaftliche Exegese? Und vor allem: Warum haben sie offensichtlich in ihrer bisherigen mehrjährigen Studienzeit ihr eigenes Bibelverständnis so wenig reflektiert, dass ich in zwanzig Mittagessensgesprächsminuten ständig den Eindruck habe, ihren Denkhorizont zu sprengen?! Und sind sie tatsächlich noch niemals einer Person begegnet, die gleichzeitig a) Jesus liebt und die Bibel ernst nehmen möchte und b) keine Angst vorm schw – äh, vor historischer Bibelwissenschaft hat??

– Ich möchte ja gar nicht behaupten, dass für mich alle Fragen im Bereich Bibelhermeneutik, also im Blick auf ein angemessenes Verstehen und Verständlich-Machen biblischer Texte, geklärt wären … Oh nein, ganz und gar nicht.  Da gibt es noch viel Spannendes, über das ich mir noch klar(er) werden möchte.

Aber – bevor ich euch ranlasse an meine wirklichen Fragen, können wir uns heute vielleicht auf ein paar Basics verständigen, sozusagen als „hermeneutische Aufwärmübung“?

Ich schlag mal vor als kleinsten gemeinsamen Nenner (zumindest für die ChristInnen unter uns *g*):

Die Bibel ist für mich Gottes inspiriertes Wort. Auch heute begegnet Gott Menschen, wenn diese die biblischen Worte lesen oder hören.
Und gleichzeitig ist die Bibel über viele Jahrhunderte hinweg entstandenes „Menschenwort“. Und das darf (und muss) man in seinem Entstehungskontext wahr- und ernstnehmen.
Wissenschaftliche, auch „historisch-kritische“ Zugänge zur Bibel helfen uns dazu und können ein großer Gewinn sein.

Also, wie isses damit? Können wir uns darauf einigen? Dass wir kein Entweder/Oder brauchen. Sondern BEIDES: Frömmigkeit UND Wissenschaft. „Gottes Wort“ UND  „historisch-kritische Methode“. Country UND Western – äh, ach nein, das war jetzt ein ganz anderer Kontext … 😉

Ja?? Eine leere Kommentarspalte deute ich als Zustimmung. 🙂