Frohes neues JA!

NEIN.
Ich fühle mich noch nicht bereit für 2017.
Das alte Jahr steckt mir noch in den Knochen.

Sicherlich, es war mir ein reiches, ein schönes, ein gesegnetes Jahr.
366 Tage auf der Sonnenseite dieser Welt. Satt und warm und sicher.
Begegnungen haben mich bereichert.
Erfahrungen haben mich wachsen lassen.
Kinder und Ideen sind geboren.
Neue Wege haben sich eröffnet, Anfänge sind gemacht.

Aber es gab doch auch die andere Seite.
Schmerzhafte Abschiede. Herbe Enttäuschung. So manche Sackgasse.
Viel Chaos, viel Stress, viel Zuviel.
Und dann diese verrückt gewordene Welt.
Terror und Putsch, Hass und Gewalt, Flucht und Gleichgültigkeit.

Und doch. Das große Dennoch:
Gott war da. Trotz allem. In allem.

Jesus! Der, bei dessen Geburt Gottes Boten in der Finsternis von Frieden sangen.
Sein „Schon-jetzt“ hat das dunkle „Noch-nicht“ durchsäuert.
Damals in Bethlehem. Damals auf Golgatha. Hier und heute.
Auch die tiefste Finsternis ist durchzogen von dem, von dem es heißt: „Ich bin das Licht der Welt“.
Und seine Kraft wird weiter leuchten. Bis zum Ziel: Gottes Friedens-Königreich.

Und deshalb: JA.

Ja, ich freue mich auf das kommende Jahr mit seinen unverbrauchten Tagen und Chancen.
Ja, ich glaube, dass Liebe stärker ist als Hass, dass das Böse überwindbar ist mit Gutem.
Ja, ich möchte festhalten an dieser Hoffnung, die über mich hinausreicht.

Denn, ja, Gottes Ja steht fest. Zur Welt. Und zu mir.
Über diesem frischen Jahr. Schon jetzt.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, […] der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.
Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.
(2. Korinther 1,19+20)
Darum.
Gott zur Ehre, der Welt zum Zeugnis, dem Bösen zum Trotz:
FROHES. NEUES. JA!

Auf Wiedersehen!

Vor einer Woche ist Burkhard Weber gestorben.

Er war der Direktor der Evangelistenschule Johanneum in Wuppertal, wo ich meine Ausbildung gemacht habe.

In der Traueranzeige des Johanneums heißt es:

Burkhard Weber war Journalist und Theologe, Brückenbauer und Prediger, Organisator und Seelsorger. In erster Linie war er Lehrer! Mit Leidenschaft und ganzheitlichem Engagement unterrichtete er im weiten Feld der Theologie. Er hat mehr als eine Generation von Absolventinnen und Absolventen des Johanneums geprägt.

Ja. Oh ja!
Auch mich hat Burkhard geistlich, theologisch und menschlich tief geprägt.
Ich verdanke diesem außergewöhnlichen Menschen sehr viel. 

Und so trauere ich gemeinsam mit vielen, vielen anderen; in der Johanneumsgemeinschaft und weit darüber hinaus.
Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar für den Segen, den ich durch Burkhards Leben erfahren durfte.

Ein bisschen was von diesen Segensspuren in meinem Leben möchte ich euch heute zeigen. Zwangsläufig ist das selektiv und subjektiv. Und es bleibt etwas unsortiert. Aber mir tut das Schreiben gut. Und ich hoffe, euch lässt es etwas erahnen von dieser großen Persönlichkeit.

Im Sommer vor Antritt der Ausbildung bekamen wir zukünftigen Studierenden einen Brief von Burkhard. Diese gut fünf Seiten lesen sich für mich noch heute als realistischer, hilfreicher und herausfordernder Leitfaden für gemeinsames geistliches Leben. Typisch: Anstelle einer „Hausordnung“ erklärte Burkhard, was er im Blick auf gelingende Gemeinschaft im Johanneum für wichtig hielt.
– So habe ich ihn und seinen Leitungsstil all die Jahre wahrgenommen: Anstelle von starren Regeln suchte er das Gespräch. Anstatt auf den Tisch zu hauen und ein Machtwort zu sprechen scheute er nicht das (manchmal antrengende) Verstehen-Wollen und das (nicht selten zähe) gemeinsame Ringen um gute Lösungen.

Der genannte „Begrüßungsbrief“ schloss mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe ihrer Interessen,
sondern die Summe ihrer Hingabe.

Burkhard wusste nicht nur, was er hier schrieb. Er verkörperte es.
Wieviel Reichtum verdanken wir als Johanneumsgemeinschaft Burkhards Hingabe!

Diese Hingabe wurde für mich ganz besonders sichtbar in seiner unnachahmlichen Hinwendung zu Menschen.
Vom ersten Telefonat an habe ich Burkhard erlebt als jemanden, der die Einzelnen sieht und wertschätzt. Er hat unfassbar viel Kraft und Zeit und Herzblut in Begegnungen investiert. 
So bin auch ich sehr dankbar für zahlreiche Gespräche mit ihm. Häufig zu später Stunde in der Bibliothek. Noch öfter in einem Büro inmitten von Stapeln voll anderer Arbeit. Dass diese Stapel immer warten mussten, wenn jemand an seine Tür geklopft hat, das war ein Segen!

Burkhard hat nicht viele Bücher geschrieben. Aber stattdessen verfasste er tausende persönlicher Briefe. Im Oktober dieses Jahres hat er noch einmal begonnen mit dem Vorhaben, allen Johanneumsgeschwistern einen letzten persönlichen Brief zum Geburtstag zu schreiben! Als Anfang-Oktober-Geburtstagskind gehöre ich zu den Glücklichen, die in diesen Genuss gekommen sind.
Burkhard war nicht bekannt für große Reden auf großen Konferenzen. Aber er hat viele tausend Gespräche geführt, die Menschen in ihrem Leben und in ihrem Dienst vorangebracht haben.

So können viele Johanneumsgeschwister von prägenden Begegnungen mit Burkhard erzählen und/oder Sätze aus dem Unterricht oder aus Gesprächen nennen, die ihnen nachhaltig etwas bedeuten. Es hat mich bewegt zu verfolgen, wie sich die Johanneums-Gruppe bei Facebook in der vergangenen Woche mit vielen Erlebnissen und Anekdoten füllte. Und wie sie sich mit den Tagen zu einer respektablen Logienquelle entwickelt hat … *g*

So schrieb zum Beispiel eine Absolventin:

Eine Kursschwester von mir wollte nach Marroko reisen. Sie fuhr nach Frankfurt zum Flughafen. Dort angekommen musste sie bemerken, dass sie nur die Kopie ihres Reisepasses mitgenommen hatte!
Das Original lag noch in der Bib im Kopierer….
Burkhard bekommt Wind davon. Was macht er? Schnappt sich den Reisepass und fährt sofort los nach Frankfurt.

Jemand anderes schrieb darunter:

Sein Kommentar dazu „Da in der Nähe wohnt jemand, den ich eh schon länger mal besuchen wollte. Jetzt hab ich wenigstens nen Grund!“

Das Faszinierende: Diese Geschichte ist im Hinblick auf Burkhard eben nicht außergewöhnlich, sondern geradezu typisch.

Auch mich werden viele Begebenheiten mit Burkhard weiter begleiten.
Und viele Sätze; aus dem Unterricht und darüber hinaus.

Zum Beispiel erinnere ich mich an die mehrmalige Mahnung, wir sollten „nicht nur die Bibel, sondern auch die Zeitung lesen“. Da kam offenbar das Journalistenherz durch. Aber vermutlich zeigte sich darin auch noch mehr:
Theologie bestand für Burkhard nicht in erster Linie aus intellektuellen Höhenflügen. Und christliche Praxis bedeutete niemals eine weltabgeschiedene Geistlichkeit. Sondern beides, Theologie und geistliches Leben, musste „geerdet“ sein oder, wie er häufig sagte, „down to earth“. Immerhin sei ja auch Jesus real über diese Erde gelaufen. („Jesus hatte Sandalen an.“)

Sehr eindrücklich habe ich auch noch in Erinnerung, dass Burkhard mehrmals aus einem Dokument aus der Johanneums-Geschichte zitierte. (Ich muss bei Gelegenheit mal herausfinden, um was für eine Schrift es sich da handelt und genau nachlesen.) Sinngemäß ging es darum, dass am Johanneum „kein Spalierobst“ herangezogen werden solle. Sondern es gehe um einzigartige, vielleicht knorrige und mitunter windschiefe Bäume, die dann aber zu ihrer Zeit ihre gute Frucht bringen.

Außerordentlich prägend war für mich der Unterricht bei Burkhard im ersten Kurs.
Im Fach „Einleitung in das AT“ kamen mit Überlieferungs- und Verfasserfragen ganz schnell auch existenzielle hermeneutische Grundüberzeugungen auf den Tisch. Da geriet so Manches ins Wackeln. Unvergesslich Burkhards Bemerkung: „Jetzt kriegen Sie hier mal noch nicht gleich die Krise. Ich sag Ihnen dann Bescheid, wo Sie wirklich die Krise kriegen können.“
Ich bin Burkhard – und auch den anderen Johanneums-Dozenten – an dieser Stelle sehr dankbar für ein wunderbares, befreiendes „Sowohl-als-auch“: Gesunde, unerschrockene, neugierige, lernbereite Bibelwissenschaft ohne Scheuklappen. Und gleichzeitig ein tiefes, im besten Sinne „schlichtes“ Jesus-Vertrauen und eine große Liebe zur Bibel. Burkhard hat – hier wie auch an anderen Stellen – keine Fronten gezogen, keine Gräben vertieft. Sondern er hat uns vorgelebt, es uns in manchen Fragen eben „zwischen den Stühlen“ bequem (oder gerade unbequem!) zu machen. Und ich erinnere mich an den (für eine fromme Erstkurslerin doch sehr beruhigenden *g*) Satz: „Im Zweifelsfall sitze ich bei den Leuten, die Jesus-Lieder singen.“

Ebenfalls im ersten Kurs machte Burkhard einmal eine grundsätzliche Ansage: Wenn jemand von uns mal pleite sei, dann sollten wir uns doch bitte unbedingt an ihn wenden. „Bevor Sie Ihr Konto überziehen und hohe Zinsen zahlen, leihe ich Ihnen lieber persönlich das Geld!“
Es bestand wohl für niemanden Zweifel, dass er das ernst meinte. Es würde mich sogar eher wundern, wenn er dieses Angebot nicht über die Jahre auch bei Leuten wahr gemacht hätte.

Eine legendäre Redewendung von Burkhard war „freundschaftlich verbunden“. Wenn er Informationen oder Gebetsanliegen weitergab von anderen Werken oder Institutionen, dann leitete er das häufig ein mit den Worten: „Ein Werk, dem wir freundschaftlich verbunden sind“. Dieser Satz ist weit mehr als eine Floskel. Er unterstreicht die verbindende Grundhaltung, die ich bei Burkhard erlebt habe. Und dabei beschränkte sich seine „freundschaftliche Verbundenheit“ durchaus nicht nur auf den „Gnadauer Dunstkreis“ …

Einmal erzählte er uns im Unterricht von einem Gottesdienst des vergangenen Sonntags. (Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war das ein Gottesdienst in der Erlöserkirche.) Der Priester der katholischen Nachbargemeinde war zu Gast. Während des Abendmahls blieb dieser erwartungsgemäß an seinem Platz sitzen. Und dann habe Burkhard – so erzählte er, mit sichtlicher Freude über seinen guten Einfall – eine Blume vom Altarschmuck abgepflückt, sei zu dem katholischen Kollegen gegangen und habe ihm die Blüte geschenkt mit den Worten: „Ich würde gerne noch sehr viel mehr von diesem Tisch mit Ihnen teilen.“

Burkhard war nicht nur sehr weise. Er wusste auch unwahrscheinlich viel! Aber das ließ er nie heraushängen. Und er war sich nie zu schade, sich auf die Fragen von uns Studierenden einzulassen und grundlegende Gedankenwege mit uns mitzugehen.
Einige Jahre nach der Ausbildung habe ich ihn einmal gefragt, ob ihn das nicht mitunter ermüde oder langweile, immer und immer wieder die gleichen (oder doch ähnliche) Klärungsprozesse zu begleiten. Seine Antwort: Nein! Denn es seien ja immer wieder neue Menschen – und dadurch bleibe es spannend.

Letztes Jahr war ich nach einem Christival-Planungstreffen noch in der Johanneums-Bibliothek. Burkhard kam herein und interessierte sich sofort dafür, was ich da las und suchte. Ich erzählte, was mich gerade beschäftigte und wo ich gedanklich hing. Und es folgten zwanzig Minuten Systematik-Privatunterricht, die mich vermutlich weiter gebracht haben als zwanzig Stunden bloße Lektüre es gekonnt hätten. Am Ende empfahl er mir dann aus dem Kopf eine Menge an Aufsätzen und Büchern (teilweise mit konkreten Kapitelangaben), in denen ich unbedingt noch weiterlesen sollte. Ich hab den Zettel noch, auf den ich die Literaturangaben gar nicht so schnell schreiben konnte, wie er diktierte.

Meine letzte Begegnung mit Burkhard war im März, wenige Wochen nach seiner schweren Krebs-Diagnose. Wir besprachen die Äquivalenzbescheinigung für meine Studienbewerbung. Und er erzählte. Von den Schmerzen, von den Arztbesuchen. Dabei machte er immer wieder Witze über seine Krankheit und seine Situation – ich konnte das nur schwer aushalten. Und er berichtete, dass er gerade seine Beerdigung plane und andere letzte Dinge regele. Sein offener und nüchterner Umgang mit der Krankheit hat mich tief beeindruckt.
Bei der Umarmung zum Abschied sagte er „Adieu“. Das ging mir durch Mark und Bein – ich konnte mich nicht erinnern, dass er das jemals vorher gesagt hätte.

Ja, Adieu, Burkhard. Auf Wiedersehen!
– Und bis es so weit ist, werde ich hoffentlich noch weiter wachsen in den vielen Bereichen, wo du mir zum Vorbild geworden bist:

Leidenschaftlich Theologie treiben zum Beispiel. Gründlich, redlich. Tief und weit. Mit Christus in der Mitte. Nah bei den Menschen.
Begegnungen wagen. Unbürokratisch helfen. Im Gespräch bleiben. Verstehen wollen. Um gute Wege ringen. Brücken bauen. Einheit fördern. Freundschaftlich verbunden sein. Verantwortung tragen. Bescheiden bleiben.
– Dienen!

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens.
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
(Hebräer 13,7+8)

Zeit zum Aufstehen ;-)

Heute ist der Tag der Menschenrechte.
Und das finde ich bemerkens-wert.
Gerade gegen Ende eines so wahnsinnigen Jahres. Gerade in unserer verrückt gewordenen Zeit.

Ich hab ein paar Vorschläge, was ihr heute so tun könntet, zur Feier des (Gedenk-)Tages.

Ein guter Anfang wäre doch zum Beispiel, sich die am 10. Dezember 1948 verabschiedete „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ einmal (wieder) zu Gemüte zu führen. Ich hab das gerade mal getan. Und ehrlich gesagt … da war zwar mal irgendwas in der Schule … aber ich würde nicht dafür wetten, dass ich das (übrigens in der Länge durchaus überschaubare) Werk schon jemals ganz durchgelesen habe.
Dabei ist es doch irgendwie gut zu wissen, was da drinsteht! Wo Menschen und Medien sich gerade ständig darauf beziehen. (Apropos: Mein nächstes Lesevorhaben sollte dann vielleicht mal das Grundgesetz sein …?!)

Sehr lohnend finde ich außerdem einen Besuch auf der Homepage der diesjährigen KampagneStand up for someone’s rights today!

Dort bin ich unter anderem auf das folgende großartige Zitat gestoßen. Es stammt von Eleanor Roosevelt – und oha, ich ahne, dass es der Hit wäre, mal etwas mehr über diese/von dieser Frau zu lesen!

“Where, after all, do universal human rights begin? In small places, close to home – so close and so small that they cannot be seen on any maps of the world. Unless these rights have meaning there, they have little meaning anywhere. Without concerted citizen action to uphold them close to home, we shall look in vain for progress in the larger world.“

Eleanor Roosevelt

Ja! Das ist ermutigend! Und herausfordernd zugleich.
Ermutigend, weil es allen globalen und nationalen Katastrophenszenarien zum Trotz behauptet: Es fängt mit jedem und jeder von uns an! Was wir tun, was wir sagen, um diese grundlegenden Menschenrechte zu stärken, das hat Auswirkungen. Und diese Auswirkungen im Kleinen ermöglichen erst, dass es auch im Großen voran geht.
Aber ja, genau da liegt auch die Herausforderung. Denn nicht nur, was wir sagen und tun, hat Einfluss auf unsere Umgebung. Sondern eben auch das, was wir unterlassen in Worten und Taten.

Deshalb: Stand up for someone’s rights today!
Lasst uns aufstehen. Heute. Und morgen. Nächste Woche, nächstes Jahr:
Für Freiheit. Für Recht. Für Leben.
Gegen Diskriminierung. Gegen Gewalt.
Gegen Vorurteile – sogar gegen unsere eigenen.

Zum Schluss leg ich euch heute nochmal das gute „Nicht-in-meinem-Namen“-Video von Bodo Wartke ans Herz, das im Sommer die Runde gemacht hat.
Und auch hier gilt natürlich: Es tut zwar besonders weh, aber es ist auch besonders heilsam, wenn wir dabei nicht zuerst an „die anderen alle“ denken. Sondern wenn wir es auch und gerade hören im Blick auf unseren eigenen Club.

1984 Gründe für mein altes Handy

Vorletzte Woche, Elternabend in der Grundschule:
Ich erwähne, dass ich kein WhatsApp habe. (Und somit darauf angewiesen bin, dass Informationen, die für alle relevant sind, (auch) auf anderen Wegen kommuniziert werden.)
Achtzehn Augenpaare schauen mich mit einer Mischung aus Unglauben, Fassungslosigkeit und Mitleid an. (Lediglich eine Mutter ist sichtlich erfreut, dass sie eine Alien-Verbündete gefunden zu haben scheint.)
Und für mich wird schlagartig Gewissheit, was ich schon seit Langem ahne: Jetzt bin ich endgültig in der gleichen Position wie die Leute, die vor zehn Jahren immer noch erklärten, sie hätten „kein I-Mehl“.

Ja, so ist es wohl, es lässt sich nicht mehr leugnen:
Ich bin ein ein Kommunikations-Dinosaurier.
Wie sagte doch tatsächlich mein Sohn heute zu mir, nachdem mir der Name eines Handy-Spiels mal so gar nichts gesagt hatte: „ALLE, die nicht vor zehn Jahren stehengeblieben sind, kennen das“. 😉

Okay, okay, ich hab’s kapiert.
Ich bin in kommunikationstechnischer Hinsicht stehen geblieben. Irgendwann zwischen heute und dem Frühjahr 2008, als ich mir mein aktuelles Handy gebraucht gekauft habe. Ach, vermutlich sogar NOCH früher.

Aber wisst ihr was?!
Es ist ja an sich gar nicht so, dass ich kein Smartphone haben möchte.
Ehrlich gesagt: Ich hätte sogar ziemlich gerne eins.
Und manchmal frage ich mich sogar schon, wie lange ich mir und anderen meine „Retro-Kommunikation“ noch zumuten möchte.

Beim Christival zum Beispiel war das extrem unpraktisch, da musste unser Teamleiter ständig so Sachen sagen wie: „Wegen morgen schreib ich euch ’ne WhatsApp. – Äh, und Astrid, dich ruf ich an.“
Ach ja, es wäre schon praktisch, so ein Smartphone.
Zum Beispiel auch für Zugfahrten: Ticket im Telefon. Bei Verspätungen einfach mal online nach alternativen Verbindungen gucken. Und vor Ort in der fremden Stadt auch ohne zuvor ausgedruckte Wegbeschreibung das Ziel finden.

Was also hält mich ab, endlich in die digitale Gegenwart einzusteigen?

Nein, es ist noch nicht einmal in erster Linie das beschämende Wissen darum, unter welch furchtbaren Bedingungen diese (und so viele andere!) Geräte in der Regel hergestellt bzw. wie die nötigen Rohstoffe abgebaut werden. Immerhin gibt es da ja mittlerweile schon faire(re) Modelle auf dem Markt. Und ich könnte mir ja auch wieder ein Second-Hand-Schätzchen zulegen. Kriegt man ja quasi geschenkt, sobald es was Aktuelleres gibt.

Der Grund ist etwas, das ich vor ein paar Wochen noch (mit vorteilhaft-dezent zur Schau gestellter Selbstironie *g*) als „Datenkraken-Paranoia“ bezeichnet habe: „Nee, ich hab kein WhatsApp – ich hab noch nicht einmal ein Smartphone. Weißt du, (pseudo-verschämtes Grinsen) ich bin da etwas datenkraken-paranoid.“

Nochmal deutlicher ausgedrückt: Ich habe Angst um meine Daten!
Und ich habe Sorge, dass diese Daten mit einem Smartphone noch schlechter geschützt sind.

Und übrigens: Ich habe auch Angst um EURE Daten.
Ich finde es gruselig, in welchem Ausmaß wir unser Privatleben aushöhlen lassen (müssen). Wie wir geortet werden. Analysiert. Eingruppiert. Berechnet. Manipuliert.

Jaha. Ich hab generell wenig Ahnung von Technik. Ich verstehe bei weitem nicht, wie das alles funktioniert in „diesem Internet“.
Aber trotzdem beruht mein Misstrauen nicht auf diffusen Gefühlen oder gar auf einer grundsätzlichen Ablehnung des „bösen Netzes“. 😉

Und NEIN! Für meine Ängste brauche ich auch keine Verschwörungstheorien! 🙂

Sondern es würde allein schon reichen, „Datenschutz“-Bestimmungen oder Cookie-Richtlinien vor der Zustimmung tatsächlich mal durchzulesen. Da ich das aber aus verschiedenen Gründen in letzter Zeit weitestgehend aufgegeben habe, speisen sich meine Ängste vor allem aus meinen tagtäglichen Beobachtungen und Erfahrungen:

Die Pendlerin im Regionalexpress, die ihren Kolleginnen von ihrer Fitness-App vorschwärmt: Sie wisse nun immer, wie viele Schritte sie an dem Tag schon gegangen sei und wieviel sie noch gehen müsse und beim Sport würde sie noch einen Brustgut umlegen, das würde sich dann synchronisieren und dadurch könne sie jederzeit genau alle ihre Gesundheitswerte checken. (Wer wohl noch alles?)
Der Bekannte, der in einer jungen, expandierenden Firma Einkaufsdaten auswertet und von seiner Arbeit erzählt. (Da fällt mir gerade wieder ein: Ich wollte nicht mehr ständig mit meiner EC-Karte bezahlen …)
Das soziale Netzwerk, das mir empfiehlt, meine Handynummer als Sicherung für mein Konto anzugeben und „der Einfachheit halber“ schonmal meine Nummer in dem entsprechenden Eingabefeld vorschlägt. (Ich hatte die vorher nirgendwo angegeben. Und dass ich mich von meinem Old-School-Handy aus auch noch niemals dort angemeldet habe, muss ich wohl nicht extra erwähnen.)
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Es macht mir Angst, dass es eine solche Fülle gesammelter Daten gibt.
Über mich. Über euch.
Über unsere sozialen Kontakte. Über unsere Gesundheit. Über unsere Einkaufsgewohnheiten. Über das, was wir auf facebook liken, welche Internetseiten wir besuchen, wo wir uns aufhalten, mit wem wir in Kontakt stehen, und und und und und und und.

Wer genau hat Zugriff auf all diese Informationen? Und: Wer wird in Zukunft Zugriff auf sie haben?
Seit Jahren stelle ich mir vor, dass man allein mit den facebook-Daten in zehn Jahren einen großen Teil der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt (!) unter Druck setzen könnte. Und auch, wenn jemand nicht erpressbar sein sollte – mit den enormen Datenmengen lassen sich Menschen analysieren, berechnen, ggf. sogar manipulieren.

Warum kümmern uns diese Fragen so wenig? Warum pochen wir nicht viel stärker auf eine gemeinsame, also staatlich koordinierte Kontrolle der Internetgiganten? (Oder ringen meinetwegen um andere Ideen, wie wir Datenmissbrauch verhindern könnten?) Warum gibt es grundsätzlich so wenig Interesse für diese sensible Thematik?

Da ist es ja an sich super, dass der „Bombenartikel“ eines Schweizer Magazins seit letztem Wochenende so viele Diskussionen angestoßen hat. (In dem Bericht geht es darum, ob bzw. wie eine Firma mit der Anwendung von Analyse-Tools die US-Wahl beeinflusst haben könnte und es wird aufgezeigt, wie erschreckend exakt sich Menschen anhand ihrer Facebook-Aktivitäten analysieren lassen.)

Dennoch verfolge ich die Auseinandersetzungen mit zunehmender Befremdung.
Mittlerweile mehren sich kritische Stimmen zu dem Artikel, etwa in den Netzredaktionen der Öffentlich-Rechtlichen (z. B. hier beim WDR). Und selbstverständlich in den facebook-Kommentaren. Manche wittern schon eine Verschwörungstheorie für Menschen mit notorischer Angst vor dem „gefährlichen Internet“. Und ansonsten wird diskutiert, ob der Artikel seriös recherchiert war und vor allem, ob eine solche Wahlbeeinflussung denn tatsächlich stattgefunden hat.

Aber, Leute!! Die eigentliche Frage ist doch nicht, ob und wenn ja zu wieviel Prozent Big Data die Brexit-Abstimmung oder die US-Wahl beeinflusst hat!

Die wesentliche, dringende, zukunftsentscheidende Frage ist doch verdammt noch mal, was mit unseren Daten geschieht!

Ja, ich geb es gerne nochmal zu: Ich bin ein digitales Fossil. Ich hab noch nie so richtig verstanden, wie dieses Internet funktioniert. Vielleicht habe ich deshalb an der einen oder anderen Stelle auch irrationale Ängste.

Aber ich habe eben auch eine ganze Menge sehr rationaler Ängste.
Und das ist der Grund, warum ich nicht mehr von einer Datenkraken-Paranoia spreche. Paranoia, sagt Wikipedia, kommt aus dem Griechischen, von „parà“ und „noûs“, „wider den Verstand“.
Aber ich denke ja gerade nicht, dass es „wider-sinnig“ ist, wenn ich den Gedanken an den aktuellen Stand der Daten(un)sicherheit immer noch und immer wieder als angsteinflößend empfinde.
Ganz im Gegenteil: Eine große Portion Skepsis (und wer kann sich denn da immer die Ängste vollständig vom Leib halten?)  scheint mir ausgesprochen (ver)standesgemäß für uns Menschen im Kommunikations-Overkill-Zeitalter.

Also: Kann bitte mal irgendjemand von euch internetaffineren Menschen da draußen was unternehmen?