Stützpfeilerinnen

Neulich in der Vorlesungspause.

Zwei Mädels unterhalten sich über gender-sensible Wortendungen. Eine Kommilitonin sagt zur anderen:
„Also, mein Wert hängt ja nicht davon ab, dass man hinter jedes Wort noch ein „-in“ hängt.“
Die andere gibt ihr lächelnd Recht.
Ich mische mich ein, quer durch den Raum: „Also – mir ist das schon wichtig.“

Ich sage das unaufgeregt. Als Info. Ich-will-einfach-was-gesagt-haben. Ohne Ambitionen, in eine Diskussion einzusteigen.
Und so entsteht auch keine.
Aber im Nachhinein denke ich: Hätte ich mich nicht vielleicht doch ein bisschen aufregen sollen?! Warum habe ich die jungen Schwestern (die ich übrigens sehr gut verstehen kann, weil ich in ihrem Alter genau so gedacht und geredet habe) nicht darauf hingewiesen, dass es aus meiner Sicht gar nicht geht, was sie da sagen?!

Denn ist das nicht furchtbar arrogant?
Was soll denn das heißen? Was ist denn das für ein Argument bzw. für ein Nicht-Argument:Mein Wert hängt nicht davon ab?“
Heißt was? „Im Gegensatz zu den bemitleidenswerten, dummen Emanzen-Frauen, die ihren Wert daraus ziehen müssen, dass andere Leute ChristIN, MitarbeiterIN, EvangelistIN, StudentIn sagen??“
Oder wie sonst ist das gemeint …?

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Es ist schon einige Jahre her, da haben wir Silvester mit zwei befreundeten Familien gefeiert. Die Kinder haben gespielt, sich unter Decken versteckt und damit Buden gebaut. Irgendwann stand meine Tochter, damals vier oder fünf Jahre alt, in der Mitte unter einer Decke und rief laut: „Ich bin die Stützpfeilerin!“ – Ich weiß noch, wie mich einer unserer erwachsenen Besucher mit einer Mischung aus (ein wenig) Belustigung und (ziemlich viel!) Befremdung anschaute. 😉

Aber ich dachte damals und denke heute: So what?!
Mittlerweile weiß dieses Mädchen durchaus, dass das maskuline Wort „Stützpfeiler“ in einem solchen Fall der angemessenere Begriff ist.
Aber in anderen Situationen nutzt sie anstelle des gebräuchlichen „kollektiven Maskulinums“ in einer großen Selbstverständlichkeit korrekte feminine Wendungen. (Wenn sie einen Vorsorgetermin hat, dann sagt sie zum Beispiel: „Ich gehe zur Ärztin“ und nicht „Ich gehe zum Arzt“.)
Und das finde ich großartig! Weil ihre Sprache unfassbar großen Einfluss darauf hat, wie sie die Welt versteht. Und somit auch, welche Möglichkeiten sich ihr in dieser noch immer männlich dominierten Welt erschließen.

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Nein. Mein Wert hängt auch nicht davon ab, dass mich jemand als StudentIN, EvangelistIN, ChristIN, MitarbeiterIN bezeichnet. – Gott sei Dank nicht. Denn sonst sähe das auch häufig ziemlich düster aus mit meinem (Selbst-)Wert …

Aber doch: Ja! Ich freue mich, wenn sich Leute um eine „gerechte Sprache“ bemühen. Ich fühle mich wahrgenommen und wertgeschätzt.

Und mehr noch: Ich glaube tatsächlich, dass es etwas verändert.
Ich glaube, dass ein sensibler Umgang mit geschlechtsspezifischen Begriffen die Gleichbehandlung von Männern und Frauen fördert.

Oder andersrum ausgedrückt – ich befürchte bzw. ich nehme wahr: eine Sprache, die nur Christen, Pastoren, Jesus-Nachfolger und Evangelisten, (und Chefs, Studenten, Professoren, Kollegen, Freunde, …) kennt, eine solche Sprache bestätigt und festigt (christliche) Strukturen, in denen Frauen Menschen zweiter Klasse sind.
Und damit wird sie sozusagen zur „Stützpfeilerin“ 😉 eines unguten Systems.

 

 

Beitragsbild: PublicDomainPictures/pixabay

Weiter denken.

Mit 16 Jahren hab ich begonnen, Saxophon zu spielen.
Es war Liebe von Anfang an.
Eine ganze Zeit lang hab ich exzessiv geübt. Jeden Tag. Und auch nach der extremen ersten Phase hätte ich mir kaum ein Leben „ohne“ vorstellen können. Es wäre mir ehrlich schwer gefallen, längere Zeit nicht zu spielen.

Aber einmal ist was Krasses passiert.
Ich war mit Gunnar im Mindener Jazz-Club bei einem Konzert des Saxophonisten Bill Evans. Mit am Start eine absolute All-Star-Band.
Niemals vorher hatte ich so eine (Konzert-)Erfahrung gemacht.
Die Musik war nicht von dieser Welt.
(Gerade hab ich mir ein paar aktuelle Sachen von Bill Evans angehört – und kann davon ausgehend meine Begeisterung nur noch in Teilen nachvollziehen. *g* Aber:) Damals live war es jenseits jeder Beschreibungsmöglichkeit.
Es ging so unfassbar nach vorne! Ich war vollkommen mitgenommen. Mitgerissen. Geplättet. Bis in die Tiefe getroffen. Begeistert. Und erschüttert.
Absolut unbegreiflich, was der Mann da mit seinem Instrument machte. Und was diese Musik mit mir machte!

Und während mich sonst Konzerte für mein eigenes Üben eher motiviert und inspiriert hatten, war dieses Mal das genaue Gegenteil der Fall.
Tatsächlich habe ich danach mehrere Tage selbst keinen einzigen Ton mehr gespielt. Ich konnte nicht.
Diese überirdische Musik war noch zu frisch in meinen Ohren. Ich konnte diese Klänge doch jetzt nicht mit meiner erbärmlichen Mittelmäßigkeit überlagern. Es ging nicht. Ich konnte mich nicht überwinden, mein eigenes Instrument anzufassen.
Wenn es möglich war, so vollkommene Musik hervorzubringen, und wenn ich doch genau wusste, dass ich niemals auch nur in die Nähe dieser Perfektions-Sphären kommen könnte – warum sollte ich es nicht gleich ganz lassen?!

Klar.
Die Phase ging vorüber. 🙂
Mein Kopf hat die Gesamtsituation wieder in den Griff gekriegt und sich an die (eigentlich nahe liegenden *g*) Antworten auf die „Warum-sollte-ich-trotzdem-spielen?“-Frage erinnert.
Weil es nicht genug überirdische Saxophon-Genies gibt, als dass sie allein den Welt-Bedarf an Saxophon-Musik stillen könnten zum Beispiel.
Oder auch das: Weil es Kontexte gibt, wo keine abgedrehten, funkigen Jazz-Improvisationen im Spartenclub gefragt sind, sondern etwa, sagen wir mal, solide Liedbegleitung im klassischen Landeskirchen-Gottesdienst.

Ich hab also wieder gespielt.
Aber ein Stachel ist doch geblieben. Die Ahnung, nein, die Erfahrung, was alles möglich ist … Und damit verbunden die herausfordernde Anfrage, ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge. Ob ich nicht doch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

Ich schreibe diesen kleinen „Schwank aus meiner Jugend“, weil er etwas illustriert, das ich gerade in meinem Theologie-Studium so erlebe.

In den ersten Wochen meiner Präsenz-Zeit hier in Marburg bin ich mir manchmal wie eine Lese-Maschine vorgekommen. 😉
Täglich neuer Stoff, immer viel zu viele lockende Bücher und Artikel.
Und darin: So viele spannende Gedanken. So viel Hilfreiches. Manches Unbequeme, das aber wohl auch gerade deshalb Gewinn bringt.

Aber zwischendurch immer wieder auch das:
Verstörend-atemberaubende Ideen! Unbegreiflich kluge, unnachahmlich kundige Argumentationen. – Denkwege von einer Komplexität, die mich völlig überfordern. Wo mir aus den Worten eine derartige Größe, eine solche Kühn- und Schönheit des Denkens entgegenkommt, dass ich Gänsehaut kriege.

Ja. Da kamen schon mehrmals solche „Bill-Evans-Konzert-Nachwehen“-Tendenzen auf:
Wenn es möglich ist, in solchen überirdischen Sphären nachzudenken (und tatsächlich sogar etwas zu formulieren!) über Gott und die Welt … Wie (und warum!) sollte ich es dann in meinen engen Begrenzungen überhaupt versuchen, Theologie und Philosophie „zu üben“?

Ihr ahnt, worauf ich hinauswill. 😉
Aber für mich war es durchaus erstmal ein Weg, das klarzukriegen.
Ich habe tatsächlich zwischendurch mal ein paar Tage Lese-Verweigerung und Denk-Pause und vor allem Formulierungs-Ferien gebraucht, bis ich bereit war für die auf der Hand liegenden Antworten auf die „Warum-trotzdem“-Frage:

Klar. Die geisteswissenschaftlichen Genies der Vergangenheit und Gegenwart können den Gesprächs-Bedarf über Gott und die Welt allein schon quantitativ nicht decken.
So wie John Coltrane und Bill Evans und Anna-Lena Schnabel nicht für die ganze Welt ausreichen: Karl Barth oder Hannah Arendt oder Thorsten Dietz können es allein auch nicht schaffen. 😉
Und auch hier gilt das andere: Es gibt genug Situationen, in denen es nicht nur in Ordnung, sondern eindeutig angebracht(er) ist, dass sich Verkündigung, Gespräche, ja sogar theologische Information auf einer „soliden Mittelmaß-Ebene“ befinden. Es ist wohl sogar so, dass diese Situationen klar überwiegen. 😉

Also ja.
Ich werde natürlich wieder lesen. Werde meine Hausaufgaben machen. Und auch mal ziellos in der Bib stöbern.
Ich werde mich weiter trauen zu denken.
Und ich werde auch wieder formulieren.
Fragen formulieren natürlich. Das ist einfach(er).
Aber nicht nur das.
Ich werde auch Aussagesätze wagen. Sätze über Gott und über die Welt.
Echte Aussagesätze.
Und als solche tollkühn. Die Wahrheit fast zwangsläufig einengend.
Und trotzdem will ich weiter etwas sagen und schreiben. Auch über Wirklichkeiten, die mir zu groß sind und bleiben werden.
Tapfer. Tastend. Unsicher. Unzureichend. Und gerade darin offen, gerade deshalb durchlässig für Wahrhaftigkeit.
In der Hoffnung darauf, in der Abhängigkeit davon, dass Gott sich erkennbar macht mitten in der Stümperhaftigkeit und Vorläufigkeit meines Denkens und Redens.


Aber daneben bleibt doch auch noch der Stachel … Diese Anfrage.

Nach dem Erleben, nach dem Er-lesen, was alles möglich ist …
Ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge, um hier oder da von (m)einer Denk-Sphäre in eine neue Dimension 😉 zu wechseln.
Ob ich nicht doch auch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

 

 

Beitragsbild: pixel2013/pixabay