Freier Wille beim Friseur

Gestern war ich bei meiner Friseurin.
Die türkischstämmige Frau und mich verbindet so einiges. Wir sind in etwa gleich alt, wir haben beide Kinder – und vor allem: Hanife und ich glauben beide an Jesus.

Seit wir das festgestellt haben, sind meine (allerdings ziemlich seltenen) Friseurbesuche in der Regel mit spannenden Gesprächen verbunden.

Ein bisschen skurril finde ich das ja schon auch immer (- mein Fehler?! Sollte es nicht vielmehr natürlich sein?): Aus dem Radio dudelt belangloser Pop des Lokalsenders, Kunde und Friseurin neben uns unterhalten sich über die Bierpreise in Skigebieten – und wir besprechen tief-geistliche Themen.

Meinetwegen hätten wir dieses Mal durchaus auch bei Smalltalk bleiben können. Nach einer extrem gewinnbringenden, aber auch sehr kräftezehrenden Prüfungs- und Seminararbeits-Phase ist in dieser Woche nämlich mein Plan, das Gehirn ein bisschen auslüften zu lassen. Oder, wie Johann Georg Hamann, von dem ich letzte Woche viel gelesen habe, so schön an Herder schreibt: „Denken Sie weniger und leben Sie mehr.“ 😉

Ich sitze also genüsslich schweigend im Frisierstuhl und lasse mich entspannt vom Radio- und Gesprächsgeplänkel berieseln.
Da erzählt Hanife aus dem Nichts von ihrem Vater, der im Sterben liege und den sie kurz zuvor besucht habe und der, so sagt sie, aus Angst vor dem Tod das Leben nicht loslassen könne.
Zack. Da sind wir also bei den Themen Krankheit und Sterben. Und dabei, wie man sich auf den Tod vorbereiten kann. Und was es für einen Unterschied macht, wenn man als ChristIn eine schwere Diagnose bekommt.

„Gott kann alles heilen“, sagt Hanife bestimmt.
„Ja …“, sage ich vorsichtig, „das glaube ich schon auch. Aber – manchmal tut er es eben nicht.“

Sofort bestätigt sich, was ich schon geahnt habe: Das kann, das will die Frau neben mir nicht hören.
Sie setzt die Schere ab, richtet sich auf, blickt mich durch den Spiegel an und flüstert ehrlich betroffen, fast beschwörend:
„Doch! Doch – er tut es. Du musst glauben! Dann ist alles möglich!“

In den kommenden Minuten muss Hanife noch öfter ihre Arbeit unterbrechen, um ihren zunehmend besorgten Gesprächsbeiträgen mehr Gewicht zu verleihen. (Glücklicherweise ist das Friseurgeschäft am Dienstagmorgen ungewöhnlich leer und offenbar ist sie nicht in Eile.)
Die Erfahrungen, von denen ich berichte, wo Menschen mit beeindruckendem Gottvertrauen an schweren Krankheiten gestorben sind, lässt sie nicht gelten. Vielmehr scheint sie im Laufe der Unterhaltung Zweifel zu bekommen, „ob ich Jesus überhaupt schonmal richtig erfahren hätte“?! Die Behauptung, Gott würde eine/n Glaubende/n manchmal nicht heilen, scheint ihr fast körperliche Schmerzen zu bereiten.

„Nein!“, sagt sie immer wieder und schüttelt heftig den Kopf. „Gott heilt alles! Du musst wirklich glauben. Du kannst dich entscheiden, richtig zu glauben. Deshalb haben wir doch einen freien Willen! Wir können uns entscheiden, zu glauben! Und dann heilt Gott alles!“

Oha. Da ist er also mal wieder, der „Freie Wille“.
Gefühlt finde ich mich in letzter Zeit ständig in Gesprächen wieder, in denen fromme Menschen (auch gerne mal irr(ig)erweise unter Berufung auf Luther) den freien Willen hochhalten.
Ich glaub, das hat schon vor einem Jahr angefangen, als ich mich zweimal kurz hintereinander bemüßigt fühlte, in Online-Diskussionen einen in etwa identischen Beitrag zu schreiben. (Nämlich hier in Bithyas gemigblog und hier unter der interessanten „Hölle, Hölle, Hölle vs. Allversöhnung“-Podcastfolge bei den – leider in letzter Zeit verstummten?! – Jungs von fromm+frei.)
Und seitdem ist mir die Thematik öfter „in real life“ begegnet: „Gott hat uns doch einen freien Willen geschenkt“, betonten die unterschiedlichen GesprächspartnerInnen. Ergo: Wir können uns enscheiden! 
Entscheiden zu glauben, entscheiden, genug zu glauben, entscheiden, richtig zu glauben. Entscheiden, ob wir mehr Lust haben, nach dem Tod bei Gott zu sein oder ob wir doch eher bevorzugen, eine Ewigkeit lang in der Hölle zu schmoren.
Und nun können wir uns also auch noch entscheiden, ob wir lieber gesund werden oder lieber krank bleiben (beziehungsweise im Extremfall sogar lieber an einer tödlichen Krankheit sterben) möchten.

– Merkwürdig, dass und warum so vielen Menschen die Wahl anscheinend schwer fällt.

Ich erzähle Hanife, wie befreiend ich die Entdeckung finde, dass sogar mein Glaube schon Geschenk ist. Dass mein Heil – und in unserem Gedankenspiel: auch meine Heilung – allein in Gottes Händen liegen. Dass ich das als Kern dessen verstehe, was wir „Gnade“ nennen. Bedingungs-los: Geliebt, gerettet. Und dass das alles ja nicht ausschließt, uns in und mit unserem Leben als „zur Ver-Antwortung fähig“ zu begreifen.

Ja, Gnade findet Hanife auch gut. Aber trotzdem: Wir müssten doch glauben. Und dürften nicht befürchten, dass Gott uns vielleicht nicht heilt. Nicht zweifeln. Nicht so klein von Jesus denken …

Unser Gespräch dreht sich im Kreis.
Und irgendwann beschließt Hanife, dass sie fertig ist mit dem Haarschnitt.
Die letzen Minuten hatte sie nach meiner Einschätzung sowieso nur noch hier und da ein bisschen was „nachgebessert“ – vermutlich in der Hoffnung, dass ich irgendwann zur Einsicht käme.

„Okay“, sagt sie, sichtlich mitgenommen. „Ich lasse dir deine Meinung und du lässt mir meine.“

Darauf können wir uns leicht einigen. (In dieser Hinsicht ist diese Begebenheit wohl immerhin noch eins der besseren Beispiele von „christlicher Uneinigkeit“.)

Wir verabschieden uns freundlich. Aber auch irgendwie distanziert.

Ich bin ziemlich sicher, dass Hanife jetzt für mich betet. Darum, dass Gott mir „richtigen Glauben“ schenkt und dass ich nicht mehr „zu klein von ihm denke“.
Das finde ich eine durchaus schöne Vorstellung. Also, dass sie für mich betet. Und ja, schon auch, dass ich noch größer von Gott denken könnte …
Denn tatsächlich hinterfragt mich diese Begegnung ja. Habe ich es mir vielleicht zu gemütlich gemacht in meinem auf- und abgeklärten Glauben? Könnte, sollte ich mehr mit Gottes Eingreifen rechnen, auch in scheinbar aussichtslosen Situationen?

Gleichzeitig: Ja, ich hab gestern auch für Hanife gebetet. Dass Gott ihr im Zweifelsfall diese Freiheits-Revolutions-Erfahrung gibt: zu merken, wie seine Treue auch dann noch hält, wenn wir Menschen keinen Glauben mehr zusammenkratzen können.
Und ich wollte eigentlich beten, dass Hanife das niemals erleben muss: Wie Menschen sterben, während und obwohl sie tief und fest an Jesus glauben.
– Aber dann war ich unsicher, ob das ein angemessenes Gebet ist …?

Puh.
Etwas zu viel bedeutende Gedanken für meine Urlaubswoche, wenn ihr mich fragt …
Ich werde sie also erstmal wieder wegschieben.

Aber das halte ich (zum wiederholten Male) fest: Ich muss endlich noch einmal Luthers Schrift „De servo arbitrio“ (Vom unfreien Willen) gründlich lesen!
Hm. Vielleicht nächste Woche, wenn ich mit dem „Gehirn-Lüften“ fertig bin … Oder spätestens im Zuge des verheißungsvoll klingenden Moduls „Theologie der Evangelisation“, das ich im Sommersemester belegt habe.

„De servo arbitrio“ steht schon so lange auf meiner To-Read-Liste. Und ich krieg’s einfach nicht gebacken.
Naja, so viel ist jedenfalls klar: In diesem Fall scheitert es nun wirklich an anderen Komponenten als an meinem unfreien Willen. 😉

 

 

Beitragsbild: Jo_Johnston/pixabay

Happy Birthday, Rosa Parks!

Ab morgen beginnt die Wintersemester-Prüfungsphase. Puh – so viele spannende Dinge, um die es da geht. (Und potenziell alles Fässer ohne Boden. Ich meine – wann bitte ist man denn zum Beispiel in Sachen Theologie des NT „fertig mit Lernen“?? Genau: nie. *g*)

In den letzten Tagen hab ich also viel Zeit damit verbracht, mich in den Rausch zu lesen und zu denken. 😉
Aber zwischendurch brauchte ich immer mal ein paar ganz andere Gedanken. Und so bin ich irgendwann dabei gelandet, mir ältere Sachen von 2Flügel anzuhören.

Und da begegnete sie mir und sprach mich an: Rosa Parks.
Jene Afroamerikanerin, die Mitte der 50er-Jahre in den USA ihren Sitz im Bus nicht für einen Weißen räumte. Die einfach sitzen blieb. Die sitzen blieb und damit einem Aufstand den Weg bahnte.

Wenn ihr das 2Flügel-Stück nicht kennt, schaut mal hier (ab Minute 17:30 – aber auch der Rest ist erwartungsgemäß lohnend; geistreich und begeisternd):

Wie gut, dass sie mich ansprach, die Rosa.
„Astrid“, sagte sie,
„das mit dem Lernen ist ja schön und gut.
Aber vergiss über allem Denken nicht das Tun.
Vergiss über allem Wissen nicht den Mut.

Und da hat sie wohl Recht, die Bürgerrechtlerin.
Rosa Parks.
Heute vor 105 Jahren ist sie geboren.
Ich hab in ihren Geburtstag reingefeiert. Und ein Bier getrunken in Gedenken an sie.
Und ich hab gebetet. Gebetet, dass auch ich den Mut habe, zu meinen Überzeugungen zu stehen. Oder, wenn nötig, für sie sitzen zu bleiben.
Auch dann, wenn es etwas kostet.

 

 

Beitragsbild: Free-Photos/pixabay