Warnhinweis Rassismus

„Braune Haut ist gefährlich!“

Letzte Woche. Während in den Nachrichten über das Dallas-Grauen berichtet wird, lese ich mit meiner Tochter als Gute-Nacht-Geschichte „Conni kommt in die Schule“.
– Beobachtung am Rande: Ich bilde mir ein, dass heute, in den aktuellen Bilderbüchern, die „Quoten-Migrationshintergrundskinder“ in der Regel ziemlich selbstverständlich mit dabei sind. Im über zehn Jahre alten Conni-Buch aber werden die „türkischen Zwillinge“ und „Santa“, das Mädchen mit „schwarzen Locken und schöner brauner Haut“ noch ziemlich deutlich hervorgehoben.

Wie auch immer.
Wir betrachten das Bild mit den Kindern aus Connis Klasse. Und die junge Dame auf meinem Schoß setzt zu einer ihrer momentanen Lieblingsaktionen an: Sie zeigt auf ein Mädchen und sagt:

„Die da bin ich. Und wer bist du?“

Ich überlege kurz, entscheide mich diesmal für Santa und sage:

„Ich bin die mit der schönen braunen Haut“.

Woraufhin ich einen ernsten Blick ernte.
Und nach kurzem Nachdenken kommt dann der Satz:

„Jessi sagt, braune Haut ist gefährlich.“

Jessi* ist vier und geht in die gleiche Kindergartengruppe.
Wow!

Nach einer kurzen Schockstarre gelingt mir ein (so habe ich es zumindest in Erinnerung) einigermaßen natürliches Lachen und ich antworte:

Na, da hat Jessi dir aber Quatsch erzählt. Du kennst doch …
( – ich nenne einige Namen von fantastischen Menschen mit brauner Haut, die dem Kind auf meinem Schoß gut bekannt sind – ).
Sind die etwa gefährlich??“

Ein Grinsen und, etwas gedehnt, die Antwort:

„Nein!“

Puh! Ob das jetzt die weltbeste Reaktion war von mir, darüber könnten wir sicher diskutieren. Aber viel lieber noch würde ich über das diskutieren, was dahintersteckt. Denn ich setze mal voraus, dass wir uns im folgenden Punkt einig sind:
WAS TATSÄCHLICH GENERELL GEFÄHRLICH IST, IST NICHT BRAUNE HAUT, SONDERN BRAUNE ANGSTMACHE!

Nun würde ich ja sofort zustimmen, dass vierjährige Mädchen einige Dinge im Umgang mit fremden (und übrigens auch mit bekannten) Menschen beachten sollten.
ABER DAS IST DOCH BITTE UNABHÄNGIG VON DEREN HAUTFARBE!

Ich möchte nicht in einem Land leben,  in dem sich Kindergartenkinder gegenseitig darüber informieren, dass braune Haut gefährlich ist. – Und das ist ja nur EIN Beispiel für den Alltagsrassismus, der vielen – vor allem vielen dunkelhäutigen –  Menschen in Deutschland jeden Tag entgegenschlägt.

Wir brauchen gar nicht so arrogant auf die furchtbaren Entwicklungen in den USA zu gucken … Lasst uns lieber daran arbeiten, dass die Jessis von heute in zwanzig Jahren keine Polizistinnen sind, die bei „gefährlicher brauner Haut“ vorsichtshalber etwas schneller den Abzug drücken.

Ich möchte, dass meine Kinder anderen Menschen mit Offenheit und Freundlichkeit, mit Respekt und Lernbereitschaft begegnen. Egal, ob diese Menschen braune oder rosa oder schwarze oder weiße Haut haben. Egal, ob sie sich atheistisch nennen oder muslimisch, hinduistisch oder „intensiv evangelisch“. Egal, welche sexuelle Identität sie haben oder welchen sozialen Stand. Und – auch wenn ich mich jetzt sehr weit aus dem Fenster lehne 😉 – ich denke, diese grundlegend wertschätzende Art wünsche ich mir auch gegenüber Pro-Brexit-Briten, AfD-Wählerinnen – und sogar gegenüber Bayern-Fans.

Lasst uns unsere Kinder so zu erziehen versuchen, ja?!
Und uns selbst.
Denn auch wenn ich gerne so tue, als seien die Rassistinnen und die Vorverurteiler und die Wutbürgerinnen immer nur die anderen – es ist ja nicht so, dass mir Vorurteile und irrationale Ängste vor „dem Fremden“ , nunja, völlig „fremd“ *g* wären.

Was also tun? Ich bin überzeugt, eine gute Idee ist: Begegnungen suchen. Kennenlernen.
Und schon ist das/die/der Fremde nicht mehr fremd. Manches Vorurteil wird sich schnell in Luft auflösen; andere Ahnungen mögen sich auch bestätigen. Aber in jedem Fall wird wohl deutlich werden: Wir sind alle Menschen!

Und für diese Spezies gilt nunmal grundsätzlich: Da gibt es sone und solche. Manche Menschen sind mir sympathisch. Andere weniger. Mit manchen verbringe ich gerne Zeit. In der Gesellschaft von anderen fühle ich mich unwohl. Einige hätte ich unglaublich gerne als Nachbarn. Andere würde ich gerne zum Mond schießen. (Und bei nicht wenigen Menschen wechseln meine diesbezüglichen Empfindungen ab und an. *g*)  Manche Menschen verkörpern Weltbilder und Wertmaßstäbe, die ich vorbildlich finde. Und bei anderen Menschen empfinde ich das, was sie sagen und das, was sie leben, als ganz und gar nicht nachahmenswert.  Ja, hier und da würde ich sogar die Vokabel „gefährlich“ als angemessen empfinden.

ABER, SURPRISE (!), DAS ALLES IST EBEN NICHT (!) ABHÄNGIG VON DER HAUTFARBE.
Und von vielem anderen ist es auch nicht abhängig, wir hatten das bereits oben … Und, Brüder und Schwestern, ich möchte nochmal betonen: Das alles ist eben auch nicht einfach so abhängig zu machen von der Religionszugehörigkeit! Ich gebe zu, dass ich das ein bisschen schade finde. Und zwar nicht, weil ich Lust auf, sagen wir mal, Muslimen-Bashing hätte. Sondern weil ich gerne sagen würde („sagen können würde“): Wir Christinnen und Christen sind alle so infiziert mit diesem Nächstenliebe-Ding, dass unser Leben tatsächlich Vorbildcharakter hat.

SO!
Und wenn wir das irgendwann so weit mal klar haben, dann wird es vielleicht auch wieder etwas unverkrampfter möglich sein, etwas Kritisches zu sagen oder zu schreiben. 
Wobei ich auch weiterhin dafür plädieren werde, dass man es sich niemals leicht machen darf, wenn man Kritik übt. Aber dann geht es vielleicht wieder ohne „Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“-Reflexe. Und ohne „Jetzt-will-ich-mal-die-Sorgen-des-kleinen-Mannes-ernst-nehmen“-Vorwand.

Ach, das wird schön! 🙂

Dann kann ich zum Beispiel sagen, dass ich es blöd finde, wenn ein siebenjähriges muslimisches Mädchen an einem Hochsommertag in der Schule fast umkippt, weil ihre Familie ihr wegen des Ramadans das Wassertrinken verbietet. Und (auch wenn ich das nicht explizit dazu sage) niemand wird denken, ich hätte was gegen den Islam.

Und dann kann ich sagen, dass ich es alarmierend finde, wenn ein vierjähriges freievangelisches Mädchen sagt „Braune Haut ist gefährlich“. Und niemand wird deswegen denken, in Freikirchen gedeihe grundsätzlich fremdenfeindliches Gedankengut. (Was in diesem speziellen Fall auch deshalb so unangemessen wäre, weil viele Ehrenamtliche aus Jessis Baptistengemeinde die Flüchtlingshilfe in unserem Ort zentral tragen.)

Aber ich schweife ab …
Also, Kennenlernen und Begegnungen sind die Stichworte. Bleibt die Frage, wie das konkret gestaltet werden kann. 

Von einer tollen Idee hab ich vor einiger Zeit gelesen: Das Projekt  Tapetenwechsel definiert sich als „Schüleraustausch vor Ort“.
8-12-Jährige verbringen einige Tage in der Familie eines anderen Kindes und erlebt den Alltag aus dessen Perspektive. Familien mit ganz unterschiedlichem kulturellen, ethnischen, religiösen und sozialen Hintergründen machen mit.

Die Vorstellung gefällt mir: Vielleicht lebt dann die iranische Arzttochter in der deutschen Hartz-IV-Familie und der Sohn der vietnamesischen Imbiss-Betreiberin lernt den Alltag einer eritreische Flüchtlingsfamilie kennen?!

Das ist für uns Erwachsene vielleicht nicht 1 zu 1 umsetzbar. „Interkultureller Frauentausch“ wär jetzt nicht so mein Ding. 😉 Aber Gott sei Dank gibt es da ja noch alternative Ideen … 🙂

Ihr könnt ja mal ein paar gute Praxisbeispiele in den Kommentaren teilen.
Ich aber muss jetzt schleunigst zum Ende kommen. Hab noch einiges vorzubereiten für Samstag. Da sind wir nämlich zu einer Hochzeit nach Süddeutschland eingeladen. Eine junge Frau mit weißer Haut heiratet einen Mann mit dunkelbrauner. Außerdem wird noch ein Baby getauft. Hautfarbe: hellbraun.

Ob das wohl gefährlich wird auf der Party, Jessi?
Lasst mich kurz überlegen … – ich denke nein!

 

* Jessi heißt eigentlich anders. Der Rest stimmt leider.

7 Gedanken zu „„Braune Haut ist gefährlich!““

  1. Das mit den Bayern-Fans muss ich mir aber nochmal überlegen… 😏
    Nein, Scherz bei Seite…Astrid dein Text ist mal wieder klasse und bringt es auf den Punkt! Ich finde es sehr erschütternd, dass Vierjährige solche Aussagen machen. Das kommt ja nicht von irgendwo. Da würde ich am liebsten in der Gruppe mit den Kindern das Thema aufgreifen…(da kommt die Erzieherin raus 😅🙈)

    Liebe Grüße an dich und deine Lieben!

  2. Ich habe das Zitat deiner fantastischen Tochter überflogen und es ganz anders gedeutet als du:
    „Braune Haut ist gefährlich“. Klar ist es in der Gesellschaft von manchen Menschen gefährlich braune Haut zu haben… Weil man dann ganz schnell nur deswegen zum Außenseiter werden kann…

    Ja, ja. Zitate ohne Kontext können unterschiedlich gedeutet werden…

    1. Das stimmt. Es gibt mehrere Deutungsmöglichkeiten.
      Ich hab auch eine Mail zu dem Beitrag bekommen, wo jemand schrieb, er hoffe, dass sich das Zitat auf den Schutz vor zu viel Sonne beziehe … (Aber: Würde man da nicht eher sagen: „ROTE Haut ist gefährlich!“?)

      Ich würde ja gerne glauben, dass ich da was missverstanden habe. Und ich hab auch kurz überlegt, ob ich nicht (im Sinne von „die Liebe glaubt alles“) erstmal von einer positiveren Deutung hätte ausgehen müssen.

      Aber leider fürchte ich, dass das so stimmt.
      Ganz ohne Kontext ist das Zitat ja nicht. – Ich weiß, wie meine Tochter es verstanden und dann selbst angewendet hat.
      Und leider könnte ich auch noch ein paar andere Begebenheiten aus „Jessis“ Umfeld erzählen, die ins Bild passen …

      1. Echt übel, so kleine Kinder schon 🙁 Ich hoffe, Jessie kriegt noch die Kurve, und ihre Eltern auch… Naja, wie gesagt, sie ist ja noch sehr jung, da kann sich noch vieles ändern. Danke für den Beitrag, der ist echt gut.
        Schönes Wochenende dir.

  3. Ich habe den Satz auch sofort so verstanden: „Es ist gefährlich, braune Haut zu haben“ – weil man damit hier in der Minderheit ist und unter Generalverdacht steht. Kontext is key!
    Mein zweiter Gedanke war tatsächlich der mit der Sonne. Braune Haut ist gefährlich wegen des Hautkrebsrisikos. Und erst nach deinen Gedanken dazu bin ich auf die Schiene, die du an und besprichst gekommen. Viele Grüße von Bee

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