„… sein ist auch die Ewigkeit“

„Mein Sterbebett steht im Advent.“

Das soll Burkhard Weber wenige Tage vor seinem Tod am 12. Dezember 2016 gesagt haben.

Jetzt, wo wieder Advent ist, denke ich öfter an diesen Satz.
Und ich denke an Burkhard.

Unvergessen ist er noch immer.
Unvergessen so viele Begegnungen.
Unvergessen all die Anregungen, Anstöße, Sätze, Gedankengänge, Weisheiten, die ich ihm verdanke.
Unvergessen, unvergesslich.

Allein schon durch mein Theologiestudium denke ich häufig an Unterrichtsstunden bei Burkhard zurück. Und ich merke wieder an allen Ecken, wie sehr er – und die gesamte Ausbildung am Johanneum – mich geprägt haben.

Bezeichnenderweise leuchtet die Erinnerung an „den großen Gesprächspartner“ Burkhard aber besonders oft in persönlichen Gesprächen auf.
„Burkhard Weber, der frühere Direktor des Johanneums, der hätte jetzt vermutlich gesagt …“ – So oder so ähnlich hab ich mich in den letzten Wochen mehrfach zu Mitstudierenden reden hören. Um dann etwas Kostbares weiterzugeben, das mich bis heute bereichert.

Heute, an Burkhards Todestag erinnere ich mich bewusst an diesen besonderen Mann.
Ich danke Gott für die nachhaltigen Segensspuren, die er in meinem Leben hinterlassen hat.

Und ich denke an Burkhards Beerdigung.
An diesen bewegenden Tag, der in aller tiefen Trauer von einer noch viel tiefgreifenderen Hoffnung durchdrungen war.

In besonderer Erinnerung ist mir das Lied „Meinem Gott gehört die Welt“ geblieben, das wir beim Gottesdienst in der Erlöserkirche gesungen haben. So weit ich weiß hat Burkhard das selbst ausgesucht.

Meinem Gott gehört die Welt,
meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit,
sein ist auch die Ewigkeit.

Ich hatte dieses Lied mit dem Text von Arno Pötzsch vorher schon Jahre lang nicht mehr auf dem Schirm gehabt. Irgendwo hinten in meinem Kopf war es unter „Kinderlieder“ abgespeichert und fast vergessen.
Aber bei der Trauerfeier hat es mich tief berührt.
Mit seinen schlichten und gleichzeitig großen Worten und mit dem kindlichen Vertrauen, das es ausdrückt, passte dieses Lied so wundervoll zu Burkhard.
Und was war es für ein Trost, mit vielen hundert anderen Menschen die Abschlussstrophe zu singen (- bzw. sie sich von Leuten, deren Stimme gerade nicht versagte, zusingen zu lassen):

Leb ich, Gott, bist du bei mir,
sterb ich, bleib ich auch bei dir,
und im Leben und im Tod
bin ich dein, du lieber Gott!

Wow.

Advent – das heißt für mich seit letztem Jahr noch einmal mehr:
Der, um dessen Kommen es hier geht, bringt wahrhaftig Licht in die Dunkelheit.
Selbst Sterbebetten umhüllt er mit adventlicher Hoffnung.

Komm, o mein Heiland Jesu Christ

Letzten Samstag beim Dorfweihnachtsmarkt.
Auf dem Parkplatz des EDEKAs haben lokale Geschäftsleute und Vereine für einen Nachmittag so einiges auf die Beine gestellt. Es gibt Glühwein und Stollen und ein paar weitere Verkaufsstände. Ein LKW-Anhänger dient als Bühne.

Wir sind zur Eröffnung um 15 Uhr da – unsere Tochter hat einen Auftritt 🙂 mit dem Kindergarten.
Aber bevor die lampenfiebrigen Kids ihre Lieder vortragen dürfen, werden wir von vorne ausgiebig begrüßt. Vom Moderator, dem Vorsitzenden der organisierenden Interessengemeinschaft. Und vom Bürgermeister unserer Kommune.

Die beiden beschwören die „besinnliche Zeit“ herauf, die nun beginne und freuen sich, dass wir „uns jetzt gemeinsam darauf einstimmen können“.
Ich höre: „Bei Weihnachten geht es ja nicht um Kommerz.“

Stimmt, denke ich.
Sondern – wartet, worum nochmal …?

„Dass man wieder Zeit füreinander hat“, wissen die Herren vorne. Und scheinbar irgendwie um Frieden. Darum, „den Schwachen nicht zu vergessen“. Ja, und es sei doch vielleicht dran, ermahnt uns der Moderator nicht ohne Pathos, die Weihnachtstage zu nutzen, um wirklich mal „in sich zu gehen“.

Ich umklammere Gunnars Arm, wie häufig, wenn ich etwas höre, was mich fassungslos zu machen droht.
Ich gehe innerlich auf ironische Distanz – und merke es sofort – und schäme mich ein bisschen.
Aber vergeblich bemühe ich mich um eine positivere Sicht.
Es bleibt eine schale Mischung aus Traurigkeit und … – Leere?!

Natürlich ist es traurig, dass die Advents- und Weihnachtszeit zur Kommerzzeit verkommen ist. Und das ist sie ja nicht nur bei „den andern“. Seit Wochen puzzeln Gunnar und ich an dem Masterplan, welches Kind (und welches Patenkind und wer nicht sonst noch alles) wann von wem was geschenkt bekommt. Ich finde das anstrengend, in mehrfacher Hinsicht. Ich weiß natürlich, dass im Advent etwas anderes im Vordergrund stehen sollte. Aber bisher haben wir es noch in keinem Jahr hingekriegt, die Lage an der Geschenke-Front signifikant zu entspannen.

Mittlerweile singen die Kindergarten-Kinder.
Sie machen das toll.
Unsere Tochter ist in einer guten AWO-Einrichtung mit engagierten Erzieherinnen. Wir sind sehr zufrieden dort.
Aber jetzt ist wieder einer dieser Momente, wo ich es schon schade finde, wie rigoros alle konfessionellen Elemente (oder sollte ich nicht besser schreiben: Grundlagen?!) aus den Jahresfesten eliminiert werden.
Klar, nach all den Kindergartenjahren habe ich schon so manchen belanglosen „weltlichen Schlager“ richtig lieb gewonnen: „Milli und Molli, zwei nette Kühe wollen mit Laternen gehn“ beim Laternenfest zum Beispiel. (Oder, auch schön, zur Yellow-Submarine-Melodie gegrölt: „Wir ziehn heut mit Laternen durch die Nacht – HEY!“ *g*)
Aber jetzt gerade sind Lieder wie „Oh wei-wei-Weihnachten“ (der Weihnachtsmann hat sich ein Bein gebrochen und kann die Geschenke nicht bringen – glücklicherweise springt der Rest der Märchenwelt ein, denn sonst wäre ja Weinachten dieses Jahr „futsch“ …) not exactly what I need.

Was also setzen wir nun gegen oder doch zumindest neben den Geschenke-Wahnsinn?
Das, was uns bei der Begrüßung ins Gewissen geredet wurde?
„Besinnlichkeit“? „In-uns-gehen“? In diesen dreieinhalb Advents-Wochen mal alle Konflikte unter den Teppich kehren?

Die Tanz-AG der Grundschule übernimmt.
Schwarzgekleidete Mädels mit rotem Tüllrock und Weihnachtsmannmütze tanzen erst zu „Galway Girl“ und dann zu einem seichten amerikanischen Christmas-Popsong, in dem für meinen Geschmack etwas zu viel Glöckchen-Gebimmel und vor allem zu viele „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Phrasen vorkommen.

Muss ich jetzt also – neben all dem Stress, den ich mit den Geschenken schon habe – auch noch dieses „Love, Peace and Harmony“-Ding hinkriegen? Und zwar aus eigener Kraft?
Oha. Wenn das die Adventsbotschaft wäre, dann würde ich mich aber mal ganz schnell zu den Jungs vom Männergesangsverein an den Glühweinstand begeben und dort sehr, sehr lange bleiben. Und ich befürchte, selbst so könnte ich mir die Sache nicht schöntrinken.

Wir gehen nach Hause.
Es war nett irgendwie. Wirklich.
Unsere Tochter ist stolz und fröhlich.

Aber in mir überwiegt die dumpfe Ahnung:
Auf den Advent „eingestimmt“ bin ich noch lange nicht.
Überlagert von der ehrlichen Traurigkeit: Wie viele Menschen leben völlig vorbei an dem Geheimnis des Advents …?!

Da ist sie. Und sie wächst. Nicht ohne Tendenz zu verzagen. Aber doch unaufhaltsam, trotzig. Diese Sehnsucht, die Gewissheit:

Ich möchte das nicht.

Ich möchte mich nicht ziellos besinnen.
Ich möchte nicht einfach so „in mich gehen“. Schon gar nicht mit dem irren Anspruch, in mir selbst genug „Frieden“ und „Liebe“ zu finden, um die wahre Bedeutung von Advent und Weihnachten gegenüber all dem Kitsch und Konsum (ja, auch meinem!) zu retten.

Ich sehne mich nach Jesus.
Ich sehne mich nach dem heruntergekommenen Gott.
Nach Gott, der sich klein genug gemacht hat für eine Krippe in Bethlehem.
Und demütig genug für verfettete Menschenherzen wie meins.

Ich sehne mich nach Jesus.
Ich sehne mich nach dem „König der Ehre“.
Nach der mächtigen „Ich-bin-der-ich-bin“-Gottheit, stärker als alles.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch.

Ich möchte diese alten Worte aus Psalm 24 mit so vielen Christen und Christinnen vor mir auf die Ankunft von Jesus hin lesen.
Ich möchte singen, ich möchte beten:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.

Ja, komm, Herr Jesus.
In mein Herz, in mein Leben.
Wenn ich besinnungslos vor mich hinlebe.
Und auch, gerade auch, wenn ich versuche, mich zu besinnen.

Komm in meinen trubeligen Advents-Alltag.

In dunkler werdenden Tagen. Im grellen Kaufhaus-Licht.

Ich will deine Ankunft erwarten.

 

 

 

Beitragsbild: markusspiske/pixabay

Stützpfeilerinnen

Neulich in der Vorlesungspause.

Zwei Mädels unterhalten sich über gender-sensible Wortendungen. Eine Kommilitonin sagt zur anderen:
„Also, mein Wert hängt ja nicht davon ab, dass man hinter jedes Wort noch ein „-in“ hängt.“
Die andere gibt ihr lächelnd Recht.
Ich mische mich ein, quer durch den Raum: „Also – mir ist das schon wichtig.“

Ich sage das unaufgeregt. Als Info. Ich-will-einfach-was-gesagt-haben. Ohne Ambitionen, in eine Diskussion einzusteigen.
Und so entsteht auch keine.
Aber im Nachhinein denke ich: Hätte ich mich nicht vielleicht doch ein bisschen aufregen sollen?! Warum habe ich die jungen Schwestern (die ich übrigens sehr gut verstehen kann, weil ich in ihrem Alter genau so gedacht und geredet habe) nicht darauf hingewiesen, dass es aus meiner Sicht gar nicht geht, was sie da sagen?!

Denn ist das nicht furchtbar arrogant?
Was soll denn das heißen? Was ist denn das für ein Argument bzw. für ein Nicht-Argument:Mein Wert hängt nicht davon ab?“
Heißt was? „Im Gegensatz zu den bemitleidenswerten, dummen Emanzen-Frauen, die ihren Wert daraus ziehen müssen, dass andere Leute ChristIN, MitarbeiterIN, EvangelistIN, StudentIn sagen??“
Oder wie sonst ist das gemeint …?

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Es ist schon einige Jahre her, da haben wir Silvester mit zwei befreundeten Familien gefeiert. Die Kinder haben gespielt, sich unter Decken versteckt und damit Buden gebaut. Irgendwann stand meine Tochter, damals vier oder fünf Jahre alt, in der Mitte unter einer Decke und rief laut: „Ich bin die Stützpfeilerin!“ – Ich weiß noch, wie mich einer unserer erwachsenen Besucher mit einer Mischung aus (ein wenig) Belustigung und (ziemlich viel!) Befremdung anschaute. 😉

Aber ich dachte damals und denke heute: So what?!
Mittlerweile weiß dieses Mädchen durchaus, dass das maskuline Wort „Stützpfeiler“ in einem solchen Fall der angemessenere Begriff ist.
Aber in anderen Situationen nutzt sie anstelle des gebräuchlichen „kollektiven Maskulinums“ in einer großen Selbstverständlichkeit korrekte feminine Wendungen. (Wenn sie einen Vorsorgetermin hat, dann sagt sie zum Beispiel: „Ich gehe zur Ärztin“ und nicht „Ich gehe zum Arzt“.)
Und das finde ich großartig! Weil ihre Sprache unfassbar großen Einfluss darauf hat, wie sie die Welt versteht. Und somit auch, welche Möglichkeiten sich ihr in dieser noch immer männlich dominierten Welt erschließen.

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Nein. Mein Wert hängt auch nicht davon ab, dass mich jemand als StudentIN, EvangelistIN, ChristIN, MitarbeiterIN bezeichnet. – Gott sei Dank nicht. Denn sonst sähe das auch häufig ziemlich düster aus mit meinem (Selbst-)Wert …

Aber doch: Ja! Ich freue mich, wenn sich Leute um eine „gerechte Sprache“ bemühen. Ich fühle mich wahrgenommen und wertgeschätzt.

Und mehr noch: Ich glaube tatsächlich, dass es etwas verändert.
Ich glaube, dass ein sensibler Umgang mit geschlechtsspezifischen Begriffen die Gleichbehandlung von Männern und Frauen fördert.

Oder andersrum ausgedrückt – ich befürchte bzw. ich nehme wahr: eine Sprache, die nur Christen, Pastoren, Jesus-Nachfolger und Evangelisten, (und Chefs, Studenten, Professoren, Kollegen, Freunde, …) kennt, eine solche Sprache bestätigt und festigt (christliche) Strukturen, in denen Frauen Menschen zweiter Klasse sind.
Und damit wird sie sozusagen zur „Stützpfeilerin“ 😉 eines unguten Systems.

 

 

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Weiter denken.

Mit 16 Jahren hab ich begonnen, Saxophon zu spielen.
Es war Liebe von Anfang an.
Eine ganze Zeit lang hab ich exzessiv geübt. Jeden Tag. Und auch nach der extremen ersten Phase hätte ich mir kaum ein Leben „ohne“ vorstellen können. Es wäre mir ehrlich schwer gefallen, längere Zeit nicht zu spielen.

Aber einmal ist was Krasses passiert.
Ich war mit Gunnar im Mindener Jazz-Club bei einem Konzert des Saxophonisten Bill Evans. Mit am Start eine absolute All-Star-Band.
Niemals vorher hatte ich so eine (Konzert-)Erfahrung gemacht.
Die Musik war nicht von dieser Welt.
(Gerade hab ich mir ein paar aktuelle Sachen von Bill Evans angehört – und kann davon ausgehend meine Begeisterung nur noch in Teilen nachvollziehen. *g* Aber:) Damals live war es jenseits jeder Beschreibungsmöglichkeit.
Es ging so unfassbar nach vorne! Ich war vollkommen mitgenommen. Mitgerissen. Geplättet. Bis in die Tiefe getroffen. Begeistert. Und erschüttert.
Absolut unbegreiflich, was der Mann da mit seinem Instrument machte. Und was diese Musik mit mir machte!

Und während mich sonst Konzerte für mein eigenes Üben eher motiviert und inspiriert hatten, war dieses Mal das genaue Gegenteil der Fall.
Tatsächlich habe ich danach mehrere Tage selbst keinen einzigen Ton mehr gespielt. Ich konnte nicht.
Diese überirdische Musik war noch zu frisch in meinen Ohren. Ich konnte diese Klänge doch jetzt nicht mit meiner erbärmlichen Mittelmäßigkeit überlagern. Es ging nicht. Ich konnte mich nicht überwinden, mein eigenes Instrument anzufassen.
Wenn es möglich war, so vollkommene Musik hervorzubringen, und wenn ich doch genau wusste, dass ich niemals auch nur in die Nähe dieser Perfektions-Sphären kommen könnte – warum sollte ich es nicht gleich ganz lassen?!

Klar.
Die Phase ging vorüber. 🙂
Mein Kopf hat die Gesamtsituation wieder in den Griff gekriegt und sich an die (eigentlich nahe liegenden *g*) Antworten auf die „Warum-sollte-ich-trotzdem-spielen?“-Frage erinnert.
Weil es nicht genug überirdische Saxophon-Genies gibt, als dass sie allein den Welt-Bedarf an Saxophon-Musik stillen könnten zum Beispiel.
Oder auch das: Weil es Kontexte gibt, wo keine abgedrehten, funkigen Jazz-Improvisationen im Spartenclub gefragt sind, sondern etwa, sagen wir mal, solide Liedbegleitung im klassischen Landeskirchen-Gottesdienst.

Ich hab also wieder gespielt.
Aber ein Stachel ist doch geblieben. Die Ahnung, nein, die Erfahrung, was alles möglich ist … Und damit verbunden die herausfordernde Anfrage, ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge. Ob ich nicht doch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

Ich schreibe diesen kleinen „Schwank aus meiner Jugend“, weil er etwas illustriert, das ich gerade in meinem Theologie-Studium so erlebe.

In den ersten Wochen meiner Präsenz-Zeit hier in Marburg bin ich mir manchmal wie eine Lese-Maschine vorgekommen. 😉
Täglich neuer Stoff, immer viel zu viele lockende Bücher und Artikel.
Und darin: So viele spannende Gedanken. So viel Hilfreiches. Manches Unbequeme, das aber wohl auch gerade deshalb Gewinn bringt.

Aber zwischendurch immer wieder auch das:
Verstörend-atemberaubende Ideen! Unbegreiflich kluge, unnachahmlich kundige Argumentationen. – Denkwege von einer Komplexität, die mich völlig überfordern. Wo mir aus den Worten eine derartige Größe, eine solche Kühn- und Schönheit des Denkens entgegenkommt, dass ich Gänsehaut kriege.

Ja. Da kamen schon mehrmals solche „Bill-Evans-Konzert-Nachwehen“-Tendenzen auf:
Wenn es möglich ist, in solchen überirdischen Sphären nachzudenken (und tatsächlich sogar etwas zu formulieren!) über Gott und die Welt … Wie (und warum!) sollte ich es dann in meinen engen Begrenzungen überhaupt versuchen, Theologie und Philosophie „zu üben“?

Ihr ahnt, worauf ich hinauswill. 😉
Aber für mich war es durchaus erstmal ein Weg, das klarzukriegen.
Ich habe tatsächlich zwischendurch mal ein paar Tage Lese-Verweigerung und Denk-Pause und vor allem Formulierungs-Ferien gebraucht, bis ich bereit war für die auf der Hand liegenden Antworten auf die „Warum-trotzdem“-Frage:

Klar. Die geisteswissenschaftlichen Genies der Vergangenheit und Gegenwart können den Gesprächs-Bedarf über Gott und die Welt allein schon quantitativ nicht decken.
So wie John Coltrane und Bill Evans und Anna-Lena Schnabel nicht für die ganze Welt ausreichen: Karl Barth oder Hannah Arendt oder Thorsten Dietz können es allein auch nicht schaffen. 😉
Und auch hier gilt das andere: Es gibt genug Situationen, in denen es nicht nur in Ordnung, sondern eindeutig angebracht(er) ist, dass sich Verkündigung, Gespräche, ja sogar theologische Information auf einer „soliden Mittelmaß-Ebene“ befinden. Es ist wohl sogar so, dass diese Situationen klar überwiegen. 😉

Also ja.
Ich werde natürlich wieder lesen. Werde meine Hausaufgaben machen. Und auch mal ziellos in der Bib stöbern.
Ich werde mich weiter trauen zu denken.
Und ich werde auch wieder formulieren.
Fragen formulieren natürlich. Das ist einfach(er).
Aber nicht nur das.
Ich werde auch Aussagesätze wagen. Sätze über Gott und über die Welt.
Echte Aussagesätze.
Und als solche tollkühn. Die Wahrheit fast zwangsläufig einengend.
Und trotzdem will ich weiter etwas sagen und schreiben. Auch über Wirklichkeiten, die mir zu groß sind und bleiben werden.
Tapfer. Tastend. Unsicher. Unzureichend. Und gerade darin offen, gerade deshalb durchlässig für Wahrhaftigkeit.
In der Hoffnung darauf, in der Abhängigkeit davon, dass Gott sich erkennbar macht mitten in der Stümperhaftigkeit und Vorläufigkeit meines Denkens und Redens.


Aber daneben bleibt doch auch noch der Stachel … Diese Anfrage.

Nach dem Erleben, nach dem Er-lesen, was alles möglich ist …
Ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge, um hier oder da von (m)einer Denk-Sphäre in eine neue Dimension 😉 zu wechseln.
Ob ich nicht doch auch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

 

 

Beitragsbild: pixel2013/pixabay

Apropos Einheit.

Der Beschluss lautet:

Mauern einreißen.
Tanzen und jubeln.
Die Trennung, dieser Irrsinn, ist vorbei.
Grenzen öffnen.
Die Anderen, die Fremden, die Feinde umarmen.
Begegnungen suchen. Ungewohnt Klingendes verstehen lernen.
Gemeinsam leben.
Durch alle Schwierigkeiten hindurch.

Für wen das gilt?

So weit ich weiß für alle.
Egal, woher sie kommen. Geographisch, politisch, theologisch.
Ob von links oder rechts. Oder von irgendwo dazwischen.

Doch, wirklich. Sogar für uns Christ/innen soll das gelten.
Von nun an Brücken bauen. Anstatt andere von der Brücke stoßen.

Ab wann das in Kraft tritt?
Äh … also … nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich.

 

 

Beitragsbild: Sarah_Loetscher/pixabay

Zweitausendzweiundzwanzig! (Und Zweitausendsiebzehn.)

Was ich noch sagen wollte: Haltet euch auf jeden Fall schon mal den 25.-29. Mai 2022 frei. 😉
Denn nach einem spannenden Überlegungsprozess ist es jetzt offiziell: 2022 wird es ein nächstes Christival geben. 🙂
Seit ich 1996 als Vierzehnjährige in Dresden bei meinem ersten Christival dabei war, bin ich Fan. Und ich hab seitdem keins dieser prägenden Festivals für junge Christinnen und Christen ausgelassen. (Okay – waren ja auch nicht sooo viele seitdem.)

Also, behaltet es schonmal (mindestens) im Hinterkopf.
Und dann treffen wir uns 2022 auf’n Kaffee, okay?

Ach so: Und falls ihr jetzt noch keine (Kaffee-)Dates für 2022 macht oder falls ihr denkt, dass ihr dann vielleicht für ein Junge-Erwachsenen-Festival zu alt seid (aber hey – ich werde ja auch hingehen *g*) oder falls ihr schon ein bisschen eher einen Kaffee mit mir trinken wollt:
Anfang November (2017 *g*) gibt es in Marburg, wo ich ja gerade studiere, den NEXTPLUS-Kongress für junge Erwachsene. Zum Thema „Wahrheit oder Pflicht“ werden dort unter anderem die fabelhafte Christina Brudereck und mein Systematik-Professor Thorsten Dietz am Start sein.

Sagt es weiter und/oder kommt selbst!

Also, was ist? Sehen wir uns?
(Dann könnten wir bei der Gelegenheit vielleicht auch direkt klären, ob wir dann in ein paar Jahren tatsächlich immer diesen Zungenbrecher „Zweitausendzweiundzwanzig“ aussprechen werden? Oder wird es dann etwa „Zwanzigzweiundzwanzig“ heißen? Brrr, hoffentlich nicht. Oder nur „Zweiundzwanzig?“ … – Naja, oder aber wir unterhalten uns dann einfach doch über wirklich Wichtiges. ;-))

 

 

Foto: Free-Photos/Pixabay

Alle Jahre wieder …

Du liebe Zeit! Es ist schon wieder so weit …
Anfang September; die „Vorweihnachtszeit“ hat begonnen.
Zumindest im Supermarkt.

Und wie jedes Jahr fühlt es sich falsch an.
Im vergangenen September hab ich mir mein Befremden über die spätsommerlichen Weihnachtsgebäck-Paletten hier auf dem Blog von der Seele geschrieben – und bei der Gelegenheit gleich auch noch etwas genereller über den Segen des Wartens philosophiert.
Ich hab’s mir gerade nochmal durchgelesen – das hat gut getan. 🙂

Wenn ihr auch mögt, da ist der Link zum Artikel:

O du selige, gnadenbringende Wartezeit

Und hier direkt noch ein kleiner Auszug:

Ich glaube, dass es gesund ist, warten zu können. Ich glaube, dass ein „Alles-hat-seine-Zeit“-Leben reich ist und glücklich macht. Ich glaube, dass es sich lohnt, das zu leben und das zu feiern, was jetzt dran und was heute möglich ist.

Und deshalb lass ich die Lebkuchenpaletten noch viele Wochen links liegen. Und hoffe darauf, dass zu Beginn der Adventszeit noch ein bisschen Weihnachtsgebäck für mich übrig ist.

Und bis dahin freu ich mich erstmal auf das, was der Herbst so bringt: Drachen steigen lassen. Erntedankfest feiern. Kastanien sammeln. Ja – auch die Blätter fallen sehen, mich dem rauhen Wind aussetzen. Melancholie zulassen. Vergänglichkeit nicht verdrängen.“

In diesem Sinne: Leben und feiern wir den Herbst!
Mit oder ohne Stollen und Printen. 😉

Es ist kompliziert.

Dass Rachel Held Evans Potenzial hat zur Heldin, legt ja ihr Name schon nahe. 😉 Und tatsächlich ist sie für mich in mancherlei Hinsicht ein Vorbild.
Seit Jahren schon verfolge ich mehr oder weniger regelmäßig ihren Blog. Da ist es zwar im Moment ziemlich ruhig (die Autorin schreibt gerade an ihrem vierten Buch und ist außerdem im vergangenen Jahr Mutter geworden), aber, wenn ihr des Englischen mächtig seid: Stöbert mal im Archiv, das lohnt sich!

Ihr Buch „A Year of Biblical Womanhood“ habe ich vor zwei Jahren im englischen Original verschlungen. Großartig! 😉 Ich weiß noch, wie ich mich gewundert habe, dass die deutsche Ausgabe nicht durch die Decke ging. (Naja – vielleicht lag es daran, dass das Cover ein bisschen so aussah wie eine Lydia-Zeitschrift Anfang der 90er?! Und möglicherweise wurde deshalb nicht exakt die Zielgruppe angesprochen, der dann auch die Inhalte gefallen hätten? *g*)

Rachel Held Evans‘ aktuelles Buch „Searching for Sunday“ ist im vergangenen Herbst unter dem Titel „Es ist kompliziert“ auf deutsch erschienen. Ich hab es im Frühjahr mit großem Gewinn gelesen und hier ja schonmal kurz zitiert.

Jetzt will ich es euch endlich nochmal explizit ans Herz legen.

Held Evans strukturiert das Buch in die sieben Kapitel Taufe, Beichte, Weihe, Abendmahl, Konfirmation, Krankensalbung und Ehe. Aber – obwohl man das bei dieser Gliederung vermuten könnte – es entsteht alles andere als eine systematische Abhandlung.
Sondern die Autorin verwebt in raffinierter Weise grundlegende (theologische) Fragen sowie Zitate aus Bibel, (Kirchen-)Geschichte und Gegenwart mit ihrem eigenen Erleben.
Dadurch entsteht so etwas wie ein Mosaik aus einer großen Fülle von Denkanstößen. Nicht immer ist das „easy-reading“ – und es hat tatsächlich mehrere Wochen gedauert, bis ich mich durch die immerhin 360 Seiten gelesen hatte. Aber, ja, das wird der Materie gerecht. Es ist eben komplex. Und es ist kompliziert … 😉

Durch das gesamte Buch zieht sich Rachel Held Evans‘ persönliche „Kirchengeschichte“. Und ich finde mich ständig wieder mit meinem eigenen „Kirchen-Ringen“! Diese Ahnung um das große Geheimnis, um die großen Möglichkeiten, um den großen Schatz. Das Verzweifeln an so mancher Realität. Die Sehnsucht, das Suchen nach neuen Wegen. „Loving, leaving, and finding the church“ (so der Untertitel der englischen Ausgabe) – das alles und noch viel mehr kommt vor in „Es ist kompliziert“.

Da sind durchaus die dankbaren, positiven Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in einer evangelikalen Gemeinde.

„Wenn die ganze Familie die Grippe hatte, klingelte die Kirche an der Tür und brachte Hähnchenauflauf vorbei. Manchmal rief sie noch nach Mitternacht an, um um Gebet zu bitten und zu weinen. Sie tratschte in der Abholzeit an der Schule und war freitagabends unser Babysitter. […] Die Kirche kam viel öfter zu mir, als dass ich hinging, und darüber bin ich froh.“

Aber da ist eben auch die wachsende Befremdung und das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt:

„[W]ir meinen, die Kirche sei etwas für Leute, die in dem „Nachher-Bild“ leben. Wir meinen, Kirche sei etwas für spirituelle Instagramdarstellungen und für unsere besten Momente. Wir meinen, Kirche sei etwas für die Gesunden, obwohl Jesus uns immer wieder gesagt hat, er sei gekommen, um den Kranken zu dienen. Wir meinen, Kirche sei etwas für die anständigen, die guten Menschen, nicht für auferstandene Menschen.
Also täuschen wir es vor.“

Für Rachel Held Evans kommt es nicht nur zu einer Entfremdung von ihrer Gemeinde, sondern auch zur Entfremdung von dem Gottesbild, das ihr dort vermittelt wurde.

Ich wurde dem beschäftigten, onkelhaften Gott fremd, der meinen Freunden Parklücken freimachte und Gebetsanliegen entgegennahm, die sich auf Wetter und Wahlergebnisse bezogen, während er 30 000 Kinder am Tag an vermeidbaren Krankheiten sterben ließ.

Es folgt ein spannender Prozess des Dekonstruierens, Suchens, Neu-Ausprobierens, Scheiterns und (Wieder-)Entdeckens, den ihr unbedingt selbst nachlesen solltet.

Das Ganze natürlich in der unvergleichlichen Rachel-Held-Evans-Sprache, die ich so liebe: Tiefgründig, (selbst-)ironisch, manchmal poetisch, mitunter urkomisch, tastend, vorsichtig, und doch auch glasklar; in jedem Fall bedeutsam.
– An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, den englischen „Urtext“ *g* zu lesen, in dem diese sprachliche Virtuosität vermutlich nochmal stärker rüberkommt.

Fazit: Das Buch ist wirklich lesenswert.
Und noch mehr: Die Gedanken, die Rachel Held Evans bewegt, sind unbedingt nach-denkenswert. Auch für uns in Deutschland.
Lasst uns im Gespräch bleiben, ja? Darüber, wie wir hier bei uns Kirche leben können und wollen. Und lasst uns auf diesen Weg etwas mitnehmen von der Einstellung, die ich in „Es ist kompliziert“ wahrnehme:

„Ich schreibe, weil wir manchmal in unserer Verletzlichkeit näher an der Wahrheit sind als in unseren sicheren Sicherheiten und weil ich trotz aller Zweifel und Unsicherheit, trotz meines beständigen Drangs, am Sonntagmorgen einfach auszuschlafen, die ersten flüchtigen Lichtbänder der Dämmerung gesehen habe […].“

Pharisäer/innen wie du und ich

Ich so:
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute; Hardliner, Ungebildete, Fundamentalistinnen – oder auch wie diese entsetzlich gesetzlichen Evangelikalen.
Ich höre zweimal in der Woche Worthaus oder Hossa Talk und mein handgebrühter Filterkaffee ist direkt gehandelt.“

Gott so:
„?“

Die heilige Hedwig

Anfang der Woche war ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Polen. Wir waren wenn man so will auf den Spuren unseres eigenen „Migrationshintergrundes“ unterwegs. Haben die schlesischen Dörfer besucht, aus denen meine Großeltern stammen. Haben im Geburtszimmer meines Vaters gestanden. Haben manches nachvollzogen von der bedrückenden Fluchtgeschichte.

Am Tag darauf gab es dann das großstädtische Kontrastprogramm im sommerlichen Breslau.
Nachmittags war ich einige Stunden lang allein in der Stadt unterwegs. Ich bin durch die Straßen gestreunert, habe die Sonne auf mich scheinen und die Eindrücke auf mich regnen lassen. An allen Ecken Spuren der wechselvollen Geschichte …

Und an allen Ecken Kirchen! In fast jede, bei der ich vorbeikam, hab ich wenigstens einmal kurz reingeschaut. Und so war ich in mindestens sieben verschiedenen Gotteshäusern innerhalb weniger Stunden.
Das war eine merkwürdige Erfahrung. Fast überall war mein vorherrschender Eindruck: Befremdung.

In der barocken Universitätskirche fühlte ich mich erschlagen. Jeder Winkel voll mit (zweifellos sehenswerten) Gemälden und Verzierungen und Schnörkeln. Schön, sicher. Aber überladen, überfrachtet.

Und dann der Dom! Düster und beklemmend. Schwere Fahnen im Mittelgang. Beeindruckend und bedrückend. Gewaltig und gewichtig. Definitiv kein Ort zum Wohlfühlen.

St. Maria auf dem Sande, eine schlichte Gotikkirche, war mir da auf den ersten Blick sehr viel näher. Aber dann betrat ich eine Seitenkapelle, in der eine große bewegliche Krippe aufgebaut war. Und irgendwie war da auch noch sehr, sehr viel anderes, was mich anglitzerte und anblinkte. Und abstieß! Leuchtende, seichte Jesusbilder. Ein beweglicher Papst. Das alles gruselig musikalisch untermalt. So viel heftigster religiöser Kitsch auf so engem Raum. Ich bin rückwärts wieder rausgegangen.

Nun bin ich ja nicht das Maß aller Dinge. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker. Es gibt eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen und Spiritualitätspraxis. Gott sei Dank!
Und ja, ich bin sowieso gerade gut im Dekonstruieren von Glaubensausprägungen. Und mir ist bewusst, dass ich die positiven Gegenbilder noch zu oft schuldig bleibe.

Aber ich fand das schon irgendwie merkwürdig.
Plötzlich kam mir ein verrückter Gedanke: Wie würde das wirken, wenn dieser jüdische Wanderprediger aus Nazareth, in dem wir Christinnen und Christen ja verrückterweise Gott höchstpersönlich zu begegnen glauben, mit seiner SchülerInnentruppe in eine solche Kirche gekommen wäre? Wie hätten sie ihm gefallen, die weißen, europäischen Jesusse an den Wänden? Was hätte er gesagt zu den prunkvollen Bauten?

Ich weiß es natürlich nicht.
Aber der Eindruck, dass Jesus in seinem eigenen Haus fremd wäre, den konnte ich nicht verscheuchen.
Ist das nicht spannend?! Wie in 2000 Jahren aus der kleinen Bewegung von Jesus-NachfolgerInnen all diese Strukturen und Systeme und Gebäude wurden. Wie immer mehr innere und äußere Überbauten entstanden: Aus Steinen und aus Regeln, aus Traditionen und aus vergoldeten Schnitzereien.

Ich bezweifel nicht, dass es Menschen gibt, die sich wohlfühlen und die ernsthaft (und vielleicht sogar fröhlich?) glauben. In diesen Kirchengebäuden, die mich beklemmen. In den kirchlichen Strukturen, die ich als hemmend empfinde. Vor solch blinkenden Ikonen, die mich abstoßen.

Wie gesagt, ich bin nicht das Maß der Dinge. Aber ich bin doch auch nicht allein mit meinen Anfragen, mit meiner Sehnsucht …
Und mit meinem Glauben an einen Jesus, der dort war, wo sich das echte Leben abgespielt hat. Der mit Menschen gegessen und gefeiert hat. Der Bilder aus dem Alltag benutzte und dessen Relevanz für eben diesen Alltag offensichtlich war. Spürbar. Erlebbar.

Und heute? Kommt es mir so vor, als müsste erst durch ein Labyrinth an kulturellen Unverständlichkeitshindernissen hindurch herbeierklärt werden, dass diese Sache mit Gott auch jenseits der Kirchenmauern Bedeutung haben könnte …

Zu diesen Überlegungen passt mein schönster Kirchen-Moment an diesem Breslau-Nachmittag.
In der Kreuzkirche gab es eine Ausstellung über die heilige Hedwig. Ich habe die Exponate – vor allem Gemälde – zunächst gar nicht bewusst wahrgenommen. Bis mein Blick plötzlich hängen blieb an vier Bildern von Artur Grzegorz Lobusch. Anstelle von verklärender Heiligenikonographie setzt er die alten Legenden in Beziehung mit dem ganz realen Leben heute.

Und so war ich plötzlich angezogen von seiner Darstellung der „heiligen Hedwig von Schlesien“. Oder besser: Von den zwei heiligen Hedwigs …
Da hängt ein Bild der Heiligen Hedwig im Hintergrund an der Wand. Und vorne sitzt die heilige Hedwig von heute. Eine ältere Frau, wie wir sie im Geburtsdorf meines Vaters hätten treffen können. Echt und lebendig und faltig. Nicht spektakulär. Nicht vergoldet.

Das hat mich angerührt.
Im faltigen, erbärmlich unspektakulären Alltag hat das Heilige seinen Platz.

Das könnte man vielleicht ernüchternd finden.
Ich aber finde es anziehend. Verheißungsvoll!
Dort, in Hedwigs Küche, ist Kirche. Dort ereignet sich Glaube.
Und ich denke: Wenn das nicht auch in unseren Küchen geschieht, dann bleiben die altehrwürdigen Kirchenräume – in mehrfachem Sinn – leer.