Neue Serie: LesenBetenLieben

Am Sonntag ist es so weit und die erste readpraylove-Serie startet. Sie hat den schönen Namen LesenBetenLieben! 🙂

Und so geht’s: Menschen, die ich mag, schreiben einen Gastbeitrag über – *g* – naja, eben lesen und beten und lieben.
Und zu den drei vorgegebenen Wörtern dürfen sich die Gäste noch ein viertes Verb suchen. Und auch zu dem noch was schreiben.

Tja, und damit wären die Vorgaben schon zu Ende. 🙂

Simple as it is … ich glaube, das wird super.
Jetzt freu ich mich erstmal auf Folge 1 mit meiner Freundin Isa Radler! Die Gute spielt sozusagen den Platz warm – und ich kann euch schon verraten, wie es wird: Großartig.

In nächster Zeit folgen dann immer wieder mal Beiträge von weiteren coolen Menschen. Falls ihr Wünsche habt, wen ich mal fragen soll: Sagt Bescheid

Statusbericht und Emmaus-Segen

Es wird mal wieder höchste Zeit für was Neues auf readpraylove … Nicht, dass ihr noch aufhört hier vorbeizuschauen! Und am Ende auf die wahnwitzige Idee kommt, hier gebe es nichts mehr zu lesen (und zu beten und zu lieben).

Ihr könntet kaum „fälscher“ liegen! 🙂
Denn da schwelen lauter Gedanken in mir, die Spannendes verheißen.

Zum Beispiel hatte ich in letzter Zeit zwei großartige Begegnungen mit wunderbaren Atheisten, die mir eine Menge Denkstoff mitgegeben haben. „Feuerofen, Heulen und Zähneklappern“ sind da so Stichworte oder die Frage nach persönlichen „Gotteserfahrungen“ oder der an mich herangetragene Verdacht, dass ich die schönen Glaubenssätze, wie sie in den klassischen Bekenntnistexten formuliert sind, doch so gar nicht mehr mitsprechen könne. (Keine Sorge – ich kann! *g*)
Ach, und das ist noch längst nicht alles, was ich gerne mit euch teilen möchte in den kommenden Wochen und Monaten …

Außerdem gibt’s gute Nachrichten für alle Serien-Junkies. 😉 Denn in Kürze teste ich mal die erste von meinen fantastischen Serien-Ideen: Bei „LesenBetenLieben mit …“ werden Menschen, die ich mag, offenbaren, was bei ihnen readpraylove-mäßig gerade so geht.
Ja, oder?! Das wollt ihr genau so gerne lesen wie ich, ne?

Und wo wir jetzt schonmal dabei sind und sich dieser (verflixte siebte?) Post sowieso bereits zu so einem About-Geplänkel entwickelt hat, nutz ich das mal um zu schreiben: Danke, dass ihr hier mitlest und danke für alle Kommentare und alle Rückmeldungen per Mail oder „im echten Leben“!
Das freut mich sehr.

So, und damit es nicht ohne Substanz bleibt heute, gibt’s jetzt zum Schluss den (leicht abgewandelten) Segen aus einem Frauengottesdienst, zu dem ich vor einer Woche eingeladen war. Das Thema des Gottesdienstes war „Miteinander reden – aufeinander hören“ und es ging um die Emmaus-Geschichte (Lk. 24,13 ff.).

– 🙂 Ich weiß jetzt schon, dass manche von euch die Krise kriegen werden aufgrund der Sprache. Und trotzdem – vielleicht auch ein bisschen gerade deswegen – spreche bzw. schreibe ich euch genau diese Worte zu!

Und wenn ihr streiten wollt über Gottesbilder oder über feministische Theologie (die ich übrigens weder in der Tiefe kenne noch (von dem her, was ich bisher gelesen habe) vorbehaltlos gut finde): Nur zu; das bringt uns alle weiter! Das Kommentarfeld findet ihr unten … 🙂

 

Wenn ihr euch jetzt auf euren Weg macht;
nicht nach Emmaus :-),
sondern erstmal weg von diesem Blog,
hin zu dem, was jetzt dran ist,
in den weiteren Tag, in die neue Woche,
dann könnt ihr gewiss sein:
Es ist nicht nur ein frommer Wunsch, sondern Realität:

GOTT GEHT MIT EUCH.
Mit seiner Kraft und seiner Liebe.
Mit seiner Korrektur und mit seinem Trost.
Mit allem, was ihr braucht.

——————————-

So segne euch Gott; Schöpfungsmacht,
die euch Ohren und Münder und Herzen gegeben hat.
Gesegnet sei euer Hören und Reden – und euer Verstehen.

So segne euch Gott; Jesus Christus,
der Auferweckte, der Lebendige.
Er sei euch Wegbegleiter, Schrifterklärer, Augenöffner.

So segne euch Gott, Heilige Geistkraft.
Sie fülle eure Herzen mit Feuer und Flamme – und mit Frieden.

Amen.

Niemand wird tun, was wir nicht tun?!

Mein Soundtrack der vergangenen Woche war der nicht mehr ganz neue, aber nach wie vor großartige Soul-Song „Niemand“ von Joy Denalane.
Mal von der starken Ohrwurm-Musik abgesehen, finde ich den tiefsinnigen Text richtig groß. Mindestens jeden zweiten Satz könnte ich mir gerahmt (oder gesprayt, falls ich Gunnar überzeugen könnte *g*) über unserem Sofa vorstellen.

Hört mal selbst:

Total gut, oder?

Ich bleibe immer schon am Anfang hängen und denke an mein persönliches und unser gesellschaftliches (und übrigens auch gemeindliches) „Immer-mehr-Zeug-immer-weniger-Zeit“-Problem.
Und, wow, was kommt dann für eine Anfrage?! An uns, die wir uns auf Gott, die Liebe selbst, berufen:

Können wir Liebe predigen, wenn uns der Glaube teilt?

Worauf ich heute aber hinauswill, das wurde mir klar, als ich gestern einen Brief von Pro Asyl aufgemacht habe.
Ehrlich gesagt hat mich schon das Öffnen des Briefes Überwindung gekostet. Und zwar aus dem gleichen Grund, warum ich mir schon lange kaum noch Fernsehnachrichten gebe.
Ich fühle mich überfordert! Es kostet mich Kraft hinzusehen. Ich würde das Thema Flüchtlinge, zumindest auf der großen, politischen Ebene, am liebsten verdrängen. Und mir einreden, dass das schon irgendwie richtig ist, wie die Dinge gerade laufen und dass ich ja sowieso nur meinen kleinen Teil vor Ort beitragen kann …

Wie lang sind wir sehenden Auges stumm?

Aber bei allem Weggucken bleibt da diese Ahnung: Was da gerade passiert, geht gar nicht …
Und sobald ich mich den Nachrichten doch ein bisschen mehr aussetze, wird die Ahnung sofort zur Gewissheit. Wenn ich hinschaue, dann kann ich „eigentlich“ nicht mehr still zusehen. Denn dann kann ich mir das nicht mehr schöndenken. Dann sehe ich es mit eigenen Augen:

Es geht ja nicht um ein Flüchtlingsthema! Es geht um Menschen!
Um Menschen, die in Lagern festgehalten werden, oft unter erbärmlichen Bedingungen. Männer, Frauen, Kinder. Echte Menschen, deren größtes Verbrechen darin besteht, dass sie nicht in ein so privilegiertes Land hineingeboren wurden wie ihr und ich.

Menschen, deren Asylantrag niemals individuell geprüft werden wird, sondern die wo immer möglich in den „Sicheren Drittstaat“ Türkei abgeschoben werden sollen. Hm, wie drücke ich es aus … – Mein Vertrauen darauf, dass dort in der Türkei eine faire, menschenwürdige Behandlung oder gar ein ebensolches Asylverfahren auf sie wartet, ist, ich sag mal … nicht übertrieben groß.

Können wir noch länger hadern und meinen, es liegt nicht bei uns?
Können wir das Unrecht nur benennen und doch leben von seiner Gunst?

Ja, „eigentlich“ kann ich nicht mehr still zusehen. Aber – und da nähern wir uns wohl einem Kern der Problematik: Natürlich hab ich auch kein Patentrezept.

Was ist denn die Alternative zum EU-Türkei-Deal? Soll Angela Merkel nochmal sagen: „Kommt alle zu uns. Wir schaffen das!“?

Ein sehr großer Teil von mir sagt: JA!! Das wäre das einzig richtige. Und JA, wir müssen das schaffen in unserem großen, reichen, privilegierten, ach so moralisch hochtrabendem Land! Wie können wir für uns ein Leben in Saus und Braus beanspruchen? Obwohl wir wissen (oder wissen könnten), dass unser Wohlstand an so vielen Stellen auf Kosten ärmerer Länder geht?

Aber ja –  es gibt auch eine andere, ziemlich leise Stimme in mir. Die fragt: „Was schaffen wir wirklich?“
Wie viel Kräfte haben wir? Dürfen (oder müssen?!) wir uns nicht auch irgendwo abgrenzen? Als Gesellschaft genauso wie als Einzelne?
Ist es legitim, diese Parallele zu ziehen zu dem Engagement Einzelner? Ja, auch die einzelne Flüchtlingshelferin vor Ort muss sich irgendwo abgrenzen. Obwohl sie sieht, wie viel andere noch ihre Hilfe brauchen würden.
Das ist eine schmerzliche Wahrheit: Es gibt immer noch mehr schreiendes Elend, als wir bekämpfen können.

Niemand wird tun, was wir nicht tun.

Das tut weh, denn es stimmt oft! (Aber Gott sei Dank stimmt es ja auch nicht immer …)
Und jaha – die „Meine-Kräfte-sind-begrenzt“-Einsicht darf natürlich keine Entschuldigung sein, gar nichts zu tun! Aber erlaubt diese Einsicht nicht doch, das eigene Engagement auch aus den Ressourcen heraus zu definieren und nicht nur aufgrund des (immer die eigenen Kapazitäten übersteigenden!) Bedarfs??

Das sind große Fragen.

Und wisst ihr was? Ich hab die Antwort nicht.

Und wisst ihr noch was? Ich denke, es gibt gar keine einfachen Antworten. Ich fürchte, dass wir diese Dilemmata aushalten müssen. Dass wir zugeben müssen, keine Lösung zu haben. Dass wir Leuten widersprechen dürfen, die es sich – auf der einen oder auf der anderen Seite – zu einfach machen. Und ich glaube, dass wir auch den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zugestehen sollten, keinen Masterplan zu haben – dann müssten diese uns auch nicht ständig für dumm verkaufen.

Ja: Es wäre schöner, es wäre bequemer, jetzt einen beruhigenden, abschließenden Satz zu finden. Aber ich muss mir noch ein letztes Mal Joy Denalanes Worte leihen:

Ich glaub nicht mehr, dass das geht.

Hossa und der Sunrise in Evangelikalien

Seit über einem Jahr ist bei mir immer wieder sonntags Hossa-Tag. Bzw. Hossa-Talk. 😉
Gofi Müller und Jakob „Jay“ Friedrichs veröffentlichen dann nämlich ihren mittlerweile wöchentlich erscheinenden gleichnamigen Podcast. Und den zu hören lohnt sich für mich immer.

Die beiden „evangelikalen Alt-Stars“ (*g* – Jay hat mich als Teil von nimmzwei (heute superzwei) und mit seiner geistreichen Kolumne in der Zeitschrift dran schon als Teenie begleitet; Gofi „kenne“ ich noch als großen Stern am Jugendevangelisations-Himmel) haben sich ein Forum geschaffen, in dem sie öffentlich „laut denken“. Und dabei legen sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, sondern hauen Dinge auch mal aus dem Bauch heraus einfach so in den Äther.

Eine krasse Herangehensweise … 😉 Denn natürlich machen die beiden sich durch den einen oder anderen nicht ganz ausgereiften Satz angreifbar.
Aber ich finde: wer sich da an einzelnen Inhalten aufhängen will, muss erstmal diesen Wahnsinns-Mut würdigen! Und wahrnehmen, dass es genau diese Art des offenen Wortes ist, die viele Hörer/innen begeistert und zum eigenen Nachdenken anstachelt (mich zum Beispiel) und dass sich viele Leute in den Gedanken und Fragen der beiden wiederfinden und verstanden fühlen (ich zum Beispiel).

In den Talks geht es – manchmal im Zweiergespräch zwischen Jay und Gofi, häufig aber auch mit spannenden Gästen – um Gott und die Welt. Und zwar fast immer in (kritischer) Auseinandersetzung mit der eigenen Prägung der Hossa-Talker. Einer konservativ-christlichen, „evangelikalen“ Prägung.

Die heute veröffentlichten Folge „Aufruhr in Evangelikalien“ thematisiert wieder einmal eine Beobachtung, die auch mich schon länger beschäftigt.
(- By the way: Ich muss dringend mal einen Post darüber schreiben, dass und warum ich das e(vangelikal)-Wort für alles andere als hilfreich halte. Aber ob wir jetzt von „den Evangelikalen“ reden wollen oder von „der Jesus-Bewegung“ oder – das mache ich, bis mir was besseres einfällt jetzt erstmal – von „der frommen Szene“: Die Beobachtung stimmt so oder so.)

Ja! Es ist viel in Bewegung unter uns Evang … äh, unter uns, die wir uns vor fünfzehn Jahren noch bedenkenlos evangelikal genannt hätten. 😉
Man kann sicherlich mit Recht von einem „Aufruhr“ sprechen, wie Jay und Gofi das im Titel der Hossa-Folge tun. Aber könnte man nicht auch „Aufbruch“ sagen?! „Aufatmen“!? „Aufleben“?! Oder gar, inspiriert von meinem Sonntagabend-Tequila-Sunrise „Sonnen-AUFgang“?! 😉

In meinem Herzen jedenfalls geht die Sonne auf, wenn ich erlebe, dass heute unter uns Dinge gedacht und gesagt und gelebt werden können, die vor fünfzehn oder zehn oder teilweise auch noch vor fünf Jahren undenkbar waren. (Okay, gedacht wurden sie schon immer von Leuten. Aber wer manche Dinge dann öffentlich gesagt oder gar gelebt hat, der war raus.)
Ich empfinde das zum Beispiel so im Hinblick auf die Frage nach einem angemessenen Schriftverständnis. Oder im Hinblick auf verschiedene ethische Themen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass wir es vermehrt aushalten, uns (zum Beispiel eben in Sachen Bibelverständnis und Ethik) nicht immer zu 100% einig zu sein.

Ich erlebe für mich persönlich, aber auch bei vielen Leuten in meinem Umfeld heute eine sehr viel größere Freiheit. Die Freiheit, intellektuell redlich, ohne Scheuklappen, denken und ringen zu dürfen.
Und, wer hätte das gedacht, ich habe nicht den Eindruck, dass mein Glauben, dass meine Jesus-Beziehung, darunter leidet.

Im Gegenteil!
Es tut gut, nicht mehr auf alles Antworten haben zu müssen. Es tut gut, dass Gott Gott sein darf. Dass er (oder sie *g*) mein Denken übersteigt, meine Bilder sprengt.
Und bisher ist meine Erfahrung, dass ich gerade bei diesem unfassbaren Gott geborgen bin. Sehr viel mehr und sehr viel tiefer geborgen als bei dem berechenbaren kleinen Gott meiner rechtgläubigen Jugend.
(Oha, das klingt jetzt doch böser als es soll. Und als angemessen ist. Also gut: „Was ich meiner frommen Prägung alles verdanke“ kommt auch auf die Liste der Posts, die irgendwann noch kommen müssen. *g*)

… Und jaha, ich weiß! Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Freiheit will gut gestaltet werden. Ich kann an manchen Stellen „auf der anderen Seite vom Pferd fallen“. Und möchte deshalb auf Geschwister aus verschiedenen Hintergründen hören und mich hinterfragen lassen. –

Und ja! Es wird tatsächlich spannend in den nächsten Jahren. Wo gehen wir als „fromme Szene“ hin? Kommt die große Spaltung in „Konservative“ und „Progressive“? (Wo) Ist es richtig für mich, mich von fundamentalistischen Meinungen (und sogar Menschen?!) abzugrenzen – um meiner selbst willen und um all der Menschen willen, die als Schwerverletzte engen Gruppen entkommen sind? (Um welchen Preis) Ist es richtig für mich, die Einheit zu suchen und zu betonen mit ALLEN, die sich auf Jesus berufen?

Da sind viele Fragen am Horizont. Da wird es noch viel Aufruhr geben in Evangelikalien …
Aber an einem sommerlichen Sonntagabend wie diesem werde ich mich doch auch mal nur an der Freiheit freuen dürfen. Den Sonnenuntergang draußen genießen. Und den Sonnenaufgang im Herzen und im Glas.
In diesem Sinne: Halleluja! Und Prost! 🙂

Bier und Choräle

Nach meinem letzten Post über das Liederschatzproblemjekt ist mir klar geworden: Als nächstes muss ich euch ein grandioses Buch vorstellen.
Das schließt sich nämlich deshalb so großartig an, weil das Abschlusskapitel des Buches „Bier und Choräle“ heißt. Und damit den Namen einer Gemeindeveranstaltung trägt, die ich als, nun ja, äußerst ansprechenden Zugang zu alten Kirchenliedern empfinde *g*:

„Bier und Choräle findet alle paar Monate statt. Dabei stopfen wir normalerweise so viele Leute wie möglich in den Keller einer Kneipe und singen mit erhobenen Bierkrügen aus voller Kehle alte Choräle.“

Die Menschen, die dort Bier trinken und singen gehören zur lutherischen Gemeinde House for all Sinners and Saints in Denver, Colorado. Ihre Pastorin (die als trockene Alkoholikerin übrigens kein Bier, sondern Diät-Cola bestellt) heißt Nadia Bolz-Weber und ist die Autorin des New York Times Bestsellers „Pastrix. The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint“.
Und eben dieses Buch solltet ihr unbedingt lesen!

Dabei dürft ihr euch nicht vom etwas sperrigen deutschen Titel abschrecken lassen: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Und auch nicht vom Klappentext, durch den man möglicherweise eine vorhersehbare und mäßig spannende Geschichte nach dem Schema Frommes-Mädchen-gerät-auf-die-schiefe-Bahn-aber-findet-Gott-wieder-und-wird-dann-Pastorin erwartet.

Nein, diese Geschichte passt so leicht in gar kein Schema. 😉

Nadia Bolz-Weber schreibt über ihr Leben. Und obwohl ihre Lebensgeschichte wirklich extra-ordinary ist, finde ich mich ständig wieder.

Es geht um die Entdeckung von Gnade jenseits von engen Glaubenstraditionen und engen Gottesbildern.
Und es geht um die Sehnsucht und die Suche nach einer Gemeinschaft, in der alle, und zwar wirklich alle, willkommen sind.

Was die Autorin von der Gemeinde berichtet, die sie mit „ihren Leuten“ gegründet hat, ist dabei aber so gar nicht „guckt-mal-wie’s-geht“-mäßig. Sondern es ist echt und ehrlich, selbstkritisch und häufig überraschend. Großartig find ich zum Beispiel, wie sie (potenzielle) neue Gemeindeglieder bei der vierteljährlichen Welcome-Veranstaltung begrüßt:

„Willkommen im House for All Sinners and Saints. Wir werden dich enttäuschen.”

Also: Diese 250 Seiten sind der Hammer! Leicht geschrieben und zuweilen zum Brüllen komisch. Und gleichzeitig klug und inhaltlich krass tief.

„Ich finde Gott in den Ding …“ – äh, also dieses Buch zu lesen war ein riesengroßer Gewinn für mich. Es hat mich berührt, herausgefordert, entlarvt, bestärkt, hinterfragt, bewegt, bereichert, inspiriert.

LEST ES UNBEDINGT SELBST!

Lest zum Beispiel, was passiert, als die Autorin ihren konservativen Eltern beichtet, dass sie Pastorin werden will. Ihren Eltern, in deren fundamentalistischer Prägung Frauen auf gar keinen Fall „als Älteste dienen, predigen oder Gottesdienste leiten dürfen“ … – An der Stelle habe ich geheult.

Lest, wie Nadia Bolz-Weber einem konservativen christlichen Podcaster begegnet, der schon häufig im Netz gegen sie gewettert hat. Wie dann aus zwei Feinden Freunde werden, die sich – trotz aller Unterschiedlichkeit – in Shitstorms des Lebens beistehen.

Und lest … – Ach was, lest das ganze Buch! IHR WERDET ES LIEBEN.

Ja echt, ich wette mit euch, dass ihr euch dem anschließt, was Christina Brudereck im Vorwort schreibt:

„Von A bis Z, Seite 1 bis zum Schluss ein Gewinn und ein Genuss. Für die Gemeinde ein Muss. Für alle wunden Seelen ein heilsamer Kuss.“

Was der Einsatz ist, falls ich die Wette verliere?!
Ich verlier ja nicht … 🙂 Aber wenn ihr drauf besteht: wie wär’s mit einem Kaltgetränk bei einer deutschen Version von „Bier und Choräle“?! 😉

 

Nadia Bolz-Weber:
„Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Pastorin der Ausgestoßenen

ISBN 978-3-86506-780-7

Mein persönliches Liederschatzproblem

Kennt ihr schon das Liederschatzprojekt? –
In einer groß angelegten Kampagne wollen SCM und diverse Werke und Gemeindeverbände „unsere Gottesdienst- und Worshipkultur verändern“.

Seit ich in der aktuellen AUFATMEN den „Jetzt-geht’s-los“-Artikel von Ulrich Eggers gelesen habe, gärt dieses Thema in mir. Und das nicht in erster Linie, weil ich das Ganze für die gute Idee halte, die es vermutlich unterm Strich ist. Sondern ich merke ganz deutlich:
Irgendwas ist da für mich nicht stimmig …

Worum geht es konkret bei der Initiative? Ulrich Eggers, und mit ihm federführend die lebenden Lobpreis-Legenden Albert Frey und Lothar Kosse, möchten das kostbare Erbe der alten geistlichen Lied-Klassiker in die nächste Generation retten.
Dieses soll gelingen, indem neben den (selbstverständlich weiterhin hochgeschätzen) neueren Worship-Songs wieder mehr „Klassiker“ in den Gottesdiensten vorkommen. Hierzu wurden 36 Lieder, ein „Best of der Kirchengeschichte“, ausgewählt, die SCM nach und nach auf drei CDs „in brandaktuellem Gewand“ herausgeben wird. Hinzu kommen ein von Daniel Schneider verfasstes Andachtsbuch und eine Notenversion der Lieder.
Und das Ganze wird begleitet von einem großen Rauschen in den einschlägigen Medien, um dann – so die Hoffnung – an der Basis erst für Diskussionen und schließlich für eine veränderte Liedauswahl zu sorgen.

Seit Tagen versuche ich klar zu kriegen und zu formulieren, wo genau mein Problem mit der Sache liegt. Hier mein Stand der Dinge:

Vielleicht das zuerst: Falls es in mir Tendenzen gegeben hätte, in dem Ganzen primär eine gehörige Portion Geschäftssinn zu sehen, würde ich das natürlich öffentlich niemals zugeben oder gar anprangern.
Denn erstens würde ein solches Urteil ja mehr über meine Arroganz verraten als über die tatsächlichen Motive, die mir natürlich verborgen bleiben. Zweitens wäre es ja wohl auch nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht eines Verlagsleiters (selbst eines christlichen), eben genau eine gehörige Portion Geschäftssinn an den Tag zu legen. Und drittens glaube ich den netten Männern, die in der Zeitschrift und auch auf der Projekt-Internetseite ihre kurzen Unterstützungs-Statements abgeben, durchaus ihr aufrichtiges Anliegen.
Also, dickes Kampagnen-Getöse, reichhaltiges Medienangebot – geschenkt. Das ist es an sich nicht, was mich unruhig macht.

Und NEIN!! 😉 Es ist auch nicht die eben bereits erwähnte Tatsache, dass mir bei dieser Kampagne nur Männer als Verantwortliche begegnen. Klar, es stimmt natürlich schon, dass ich eine Frau in der Männerriege super gefunden hätte *g* … z. B. Sarah Kaiser (die ja das Anliegen der Kampagne schon seit einem Jahrzehnt in die CD-Player und Herzen trägt) als Mitproduzentin. Aber dass die Chefs der unterstützenden Werke und Verbände nunmal durch die Bank Männer sind, ist ja kein Problem des Liederschatz-Projekts. Sondern ein (allerdings sehr reales) Problem (in) der frommen Szene allgemein, wo Frauen in prägenden Positionen katastrophal unterrepräsentiert sind.

Warum also treibt mich die Geschichte so um?

Ulrich Eggers schreibt in AUFATMEN:

„Alte Lieder und junge Leute sollen neu zusammen kommen – die Hitliste der schönsten geistlichen Lieder aller Zeiten soll ihren Weg in die Zukunft finden und ihre Wirkung entfalten: Trost, Zuversicht, Halt – Worte und Melodien, mit denen wir leben und sterben können, weil sie sich tief in unseren Herzen einnisten und dort leben.“

Hier merk ich schon, dass sich etwas in mir sträubt. Vom etwas dicken Superlativ („Hitliste der schönsten geistlichen Lieder aller Zeiten“, das ist schon etwas too much, oder? *g*) mal abgesehen – ich glaube, dass auch neue Lieder sich tief in unseren Herzen einnisten können. Und ja – ich glaube, dass es neue Lieder gibt, mit denen man ebenfalls leben und auch sterben kann.

Hinzu kommt, dass „diese jungen Leute“ *g* ja meistens doch selbst herausfinden wollen, was für sie gut ist und trägt. (Wie) Kann eine solche Kampagne aus 16-jährigen Teenagern Liederschatz-Sucher/innen machen? Sicherlich nicht allein dadurch, dass die alten Schätzchen vermehrt im Gottesdienst gesungen werden. (Sonst wären wir in meinem Landeskirchen-Umfeld aber sowas von die Speerspitze der neuen „Klassiker-Bewegung“. 😉 )

Kann es sein, dass tatsächlich nicht weniger nötig ist, als dass wir „unsere Gottesdienstkultur“ grundlegend verändern (lassen)? Denn hier irgendwo, das ahne ich, liegt der wahre Kern meines Unwohlseins. Wahrscheinlich hab ich gar kein wie auch immer geartetes Lieder(schatz)-Problem. Sondern ein Gottesdienst-Problem!

Schon lange treibt mich die Frage nach gegenwärtiger und vor allem zukünftig lebbarer Gestalt von Gemeinde um. Und je länger ich um Wege ringe und meiner Sehnsucht nachspüre, desto mehr denke ich: Was zählt, ist echte Gemeinschaft. Und worauf es weniger ankommt, das ist die immer weitere Optimierung von frontal ausgerichteten Veranstaltungsformaten.
In einem solchen Rahmen von geteiltem Leben sehe ich Chancen, dass wir uns gegenseitig unsere Liederschatzkisten öffnen. Dass alte und junge und mittelalterliche Menschen sich wirklich interessieren für die geistlichen Reichtümer, die die Geschwister für sich erobert (oder geschenkt bekommen?!) haben.

Wenn ihr diesen Blog weiter verfolgen werdet: Bei diesen brennenden Fragen und dieser brennenden Sehnsucht nach Gemeinde/Gemeinschaft finden wir uns sicher noch öfter wieder … 😉

Aber für heute würde es mich freuen zu lesen, was ihr so denkt zu den Liedern und Schätzen und Projekten. Und was ihr so singt … 🙂

„Wenn du nur genug betest …“

Vor zwei Wochen war das Christival gerade in vollem Gange – und vieles aus den großartigen Tagen in Karlsruhe wirkt bei mir noch nach.

So bewegen mich noch immer die Bibeltexte, mit denen wir uns an den Vormittagen während der so genannten WortWechsel beschäftigt haben.
(Diese für das Christival (weiter-)entwickelten und unbedingt nachahmenswerten interaktiven „Bibelarbeits-Formate“ schreien auch nach einem Post – ach, aber alles zu seiner Zeit. *g*)

Der Text für Freitagmorgen kam aus dem 16. Kapitel der Apostelgeschichte.
Paulus und Silas werden in Philippi hart misshandelt (lest mal 1. Thessalonicher 2,2 – das war für die beiden mehr als eine kleine alltägliche Schwierigkeit am Rande). Sie landen schwer verwundet im Gefängnis, in der Hochsicherheitszelle. Haben die Füße im Block, können sich kaum rühren.
Und dann kommt die ungeheuerliche Aussage:

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder.
(Apg. 16,25, BasisBibel)

Während dieser mitternächtlichen Sing-&Pray-Session bebt plötzlich die Erde, wodurch alle Türen aufspringen und alle Fesseln abfallen. – Und daraufhin bebt dann das Leben des Gefängniswärters …

Wir haben in „unserem“ Wortwechsel als Vierer-Team spontan auf Fragen der 3000 jeweils anwesenden Christivaller reagiert.
Manche Fragen kamen trotz intensiver Vorbereitung überraschend. Viele hatten wir aber auch so oder so ähnlich erwartet. Wie zum Beispiel – und damit komme ich endlich mal zum Punkt 🙂 – Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem „heldenhaften Lobgebet“ der Apostel in dieser krassen Situation – und dem wunderbaren Eingreifen Gottes.
(By the way: Ich glaube übrigens nicht, dass in jener Gefängniszelle die ganze Zeit wohlklingender Lobpreis zu hören war, aber das ist ein anderes Thema …)

Auf den Punkt gebracht: Hat Gott das Erdbeben geschickt, WEIL Paulus und Silas selbst in dieser düsteren Situation noch gebetet und gelobt haben? Als automatische Folge? Als Belohnung? Haben die Apostel Gott durch ihr Gebet zum Handeln bewegt?
Für heute gefragt:  Kann ich Gott zum Eingreifen bewegen, wenn ich genug bete, wenn ich genug (Achtung, Gänsehaut-Formulierung!) „Lobpreis mache“?

Und dann im Umkehrschluss: Was ist, wenn Gott bei mir kein Erdbeben schickt? Wenn ich immer noch mit meinen Fesseln (meinen Problemen /meinen Ängsten/ meiner Krankheit) hier im Dunkeln sitze?  

Tja, wenn Gott bei dir nicht handelt, so würden viele antworten (und dabei (ich denke, zu Unrecht!) auch Apg. 16 in ihrem Rücken wähnen), dann hast du wohl offensichtlich nicht genug gebetet. Oder nicht richtig gebetet. Wahrscheinlich hättest du Gott mehr loben müssen. Denn wenn selbst Paulus und Silas in dieser Situation Gott gelobt haben – dann wird Gott das ja von dir erst Recht erwarten (können).

Denkt ihr, was ich denke?! Spürt ihr, was ich spüre?!
SOLCHES DENKEN, SOLCHES REDEN GEHT GAR NICHT!!
Es ist lieblos und es macht Menschen erst Recht krank. Es befreit nicht, sondern erschafft geradezu neue Fesseln.
Und ja: Ich halte es auch von der Bibel her für völlig unangemessen!

Ein gründlicher Blick auf den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, wie er z. B. in Teilen der alttestamentlichen Weisheitsliteratur beschrieben (und an anderen Stellen der Bibel, etwa im Prediger-Buch oder bei Hiob hart hinterfragt!) wird, wäre jetzt spannend, aber würde diesen Post sprengen. Mehr dazu könnt ihr zum Beispiel hier lesen.

Aber es reicht auch schon, in der Apostelgeschichte zu bleiben, um etwas Spannendes zu entdecken. Lukas berichtet uns nämlich mehrfach von wundersamen Befreiungen inhaftierter Apostel. Und, wer hätte das gedacht?! In den anderen Berichten spielt das Gebet der Gefangenen keine Rolle.

In Kapitel 5,17 ff. ist überhaupt nichts von Gebet zu lesen. Die Apostel werden gefangen genommen, ein Engel des Herrn führt sie aus dem Gefängnis. Einfach so.

Und hochinteressant dann Kapitel 12: Herodes hat Jakobus enthaupten lassen. Und weil das im Volk gut ankam, ließ er als nächstes gleich noch Petrus verhaften. Eine denkbar gruselige Lage: Petrus sitzt übermäßig bewacht in der Zelle und wartet auf seine Verhandlung und damit möglicherweise auf sein Todesurteil.
Und? Hat er sich die Seele aus dem Leib gebetet?? Vielleicht. Ich würde sogar sagen, sehr wahrscheinlich hat er das. Aber Lukas hält es nicht für nötig, uns darüber zu informieren. Sondern wir sehen den Apostel im entscheidenden Moment schlafend!

Was wir hingegen erfahren:

Aber die Gemeinde betete Tag und Nacht für ihn zu Gott.
(Apg. 12,5 BasisBibel; vgl. auch V. 12)

Wenn also das nächste Mal Leute sagen: „Du hast wohl nicht genug gebetet“, wär doch mal eine coole Entgegnung: „Nee, meine lieben Geschwister: IHR habt wohl nicht genug gebetet!“ 😉

Oder wollen wir nicht lieber in eine ganz andere Richtung denken?

Wäre es nicht angemessener, davon auszugehen, dass Gott Gott ist? Dass er souverän handelt, wenn und wann und wie er es für richtig hält?
Es steht ja außer Frage, dass viele Menschen Befreiungserfahrungen gemacht haben, während sie gebetet haben. Aber ich glaube nicht, dass sie befreit wurden, WEIL sie gebetet haben. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass das Gebet Gott zu irgendwelchen Handlungen hätte bewegen müssen. Gott befreit aus Gnade und nicht als automatische, berechenbare Reaktion auf geistliche oder sonstige Leistungen.

Gott braucht das Gebet nicht. Aber wir brauchen es!
Nicht wir bewegen Gott durch unser Gebet. Sondern Gott bewegt im Gebet etwas in uns.

Kann man das so sagen? Oder ist das zu einseitig gedacht?
Was meint ihr …?

Rückenwind

siehst du den horizont?
direkt überm boden fängt der himmel an
und wär ich dort dann würd ich wetten
dass ich ihn erreichen kann
doch hier hat es den anschein
bin ich dafür zu klein

Natürlich gibt es genug Gründe dagegen.

Die Zeit, klar. Was könnte man nicht sonst alles tun … Und die Technik! Ich hab ja noch nicht mal ein Smartphone … Aber vor allem: Dass es nicht perfekt werden wird.

Leute werden tatsächlich Dinge anders sehen. Und manchmal werden sie damit sogar Recht haben. Was, wenn sie unschöne Kommentare schreiben, was, wenn sie schimpfen und trollen? Was, wenn sie nicht aufbauen wollen, sondern verletzen, was, wenn sie mir den Glauben absprechen? Und: Was, wenn sie merken, dass ich gar nicht ganz so bright bin, wie ich gerne scheinen will?

Tja, was dann? –

Wir werden es sehen.

Denn natürlich gibt es noch viel mehr Gründe dafür:

Bücher und Gedichte und sonstige Wortkunst; viel zu großartig, um sie nicht zu teilen. So viele gute Fragen, um die es sich zu streiten lohnt. Ausufernde Sehnsucht nach Gemeinschaft und Gerechtigkeit. Und nach Gott selbst, der beides schafft. Liebe zum Leben. Verheißungsvolle Horizonte. Der Himmel, der so nah kommt, wenn Grenzen sich weiten.

Und das alles Pfingsten! Wir feiern kreative Geistkraft. Belebenden Wind; nicht immer nur im Rücken, aber auch (vielleicht gerade?!) dann heilsam, wenn er uns stark entgegenpustet. Parakletin, ermutigend und ermahnend. Neue Sprachen, neues Verstehen. Wege, die wir noch nicht hatten …

Cool, wenn ihr mitkommt!

ich sag es euch auf diese weise
alle die am suchen sind
sind mit mir auf der reise haben rückenwind

Thomas D – Rückenwind (1997)