Bibel in schwarz-weiß

Die Bibel in schwarz-weiß

Obwohl das Christival mittlerweile ja schon einige Wochen in der Vergangenheit liegt: Es gibt eine Menge von Erlebnissen, Eindrücken und Gesprächen aus den Tagen in Karlsruhe, die mir – in ganz unterschiedlicher Art und Weise – noch weiter nachgehen.

So war da zum Beispiel diese Begegnung beim Mittagessen in der „Mitarbeiter-Oase“.
Ich saß am Tisch mit zwei netten Anfang-20-Jährigen, einer Frau und einem Mann, beide im fortgeschrittenen Stadium einer Bibelschulausbildung.
(By the way: Das war nicht schwierig, zwischen Theologie-Lernenden zu landen. Wie sehr die vertretenen theologischen Ausbildungsstätten das Christival mit ihrer Man-(and-Woman-)Power gestützt haben – das war großartig!)

Wir kamen ins Gespräch und waren ziemlich schnell beim Thema Bibel. Und da wurde es dann sehr schnell sehr spannend. Denn es stellte sich heraus, dass ich – aus Sicht meiner GesprächspartnerInnen – eine lebendige Unmöglichkeit verkörpere. 😉
Für die beiden gab es nämlich in Sachen Bibelverständnis genau zwei Schubladen:
Auf der einen Seite sind da die Menschen, für die die Bibel „Gottes Wort“ ist. (Ihr werdet es erraten, das sind die Guten.)
– Und dann gibt es noch die Menschen, die die Bibel „historisch-kritisch“ lesen. (Ja genau, gar nicht gut …)

Gedächtnisprotokoll:

————–

Ich: Was meint ihr denn mit „die Bibel als Gottes Wort nehmen“?

Er: Naja, dass man das eben einfach nur so nimmt, wie es da steht.

Sie: Ja, und nicht immer so umdeutet, wie es einem gerade passt.

Ich: Aber ihr nehmt in der Bibel doch auch nicht alles so, „wie es da steht“. Niemand macht das. Wenn ihr lest: „Komm nach Mazedonien“, dann packt ihr ja auch nicht gleich die Koffer, weil ihr denkt, das ist jetzt Gottes direktes Wort an euch.

Er: Ja, klar gibt es Stellen, da weiß man, dass sie an eine bestimmte Person damals gehen. Aber das meiste in der Bibel ist ja allgemein gültig.

Ich: Aber jetzt steht doch zum Beispiel in 3. Mose, dass Männer sich nicht die Haare schneiden dürfen. Wenn du die Bibel immer wörtlich nehmen würdest, dann würdest du jetzt wohl nicht mit kurzen Haaren neben mir sitzen.

(Kurze Pause)

Er: Naja … das steht ja auch im Alten Testament. Das gilt für mich als Christ ja so nicht mehr …

Ich: Wie jetzt?! 😉 Ist jetzt also doch nicht die ganze Bibel Gottes Wort?! Muss ich nur das Neue Testament „so nehmen, wie es da steht“?

————–

🙂 Keine Sorge. Ich glaube, ich war nicht gemein in dem Gespräch. Und als ich später zur Verfasser-Frage des Jesaja-Buchs angemerkt habe, dass das für meinen jungen Kollegen doch gar nicht so relevant sein dürfte, weil das ja eh „nur Altes Testament“ sei, hab ich das mit einem Augenzwinkern gesagt, ehrlich … 😉

– Nein, ganz im Ernst: Ich will und ICH darf mich bestimmt nicht über halbausgegorene Aussagen zur Bibel lustig machen. Ich sag mal nur: I know where I come from …

Aber wahrscheinlich bewegt es mich gerade deshalb so, wenn mir (bei zukünftigen Hauptamtlichen!) ein so wenig reflektiertes, so holzschnittartiges, so selbstherrliches Schriftverständnis begegnet.

Immerhin trete ich in Gesprächen mit „normalen Menschen“ (also Leuten außerhalb meiner frommen Prägung *g*) gerne vehement dafür ein, dass wir Frommen Klischees wie dieses eben nicht (mehr) so erfüllen. Dass wir weiter, gescheiter, intellektuell redlicher sind als unser Ruf.

Und wenn Siegfried Zimmer bei Worthaus (da werd ich noch öfter drauf kommen; hört euch unbedingt mal ein paar Vorträge an, wenn ihr das noch nicht kennt!) mal wieder gegen die „christlichen Nachwuchstalente“ polemisiert, die arrogant an die Hochschule kommen und denken, mit ihrem einzig wahren Glauben könnten sie von den ungläubigen Professoren sowieso nichts mehr lernen, dann hab ich immer gedacht: „Na komm, das sind aber wirklich krasse Randerscheinungen.“
Oder wenn er auf Bibelschulen eindrischt, in denen die Studierenden von wissenschaftlichen Erkenntnissen fern gehalten würden und sich der Theologie immer nur mit Scheuklappen nähern dürften, dann habe ich aus meinem eigenen Erleben mit Überzeugung dagegen gesetzt: „Nein, auch an nicht-akademischen Ausbildungsstätten kann man gute und tiefe und gesunde Theologie lernen.“

Tja. Und da sitze ich also beim Christival. Mitten in dieser Szene, mitten in dieser Bewegung, die ich liebe und zu der ich mich zugehörig fühle. Begegne jesus-begeisterten jungen Menschen, die sich auf einen hauptamtlichen Dienst vorbereiten. Und ich erlebe: Doch, das gibt es tatsächlich. Heute noch. Genau so: Schwarz oder weiß. „Gottes Wort“ oder „historisch-kritischer Zugang“. Und nichts dazwischen.

WAS, frage ich mich, bekommen die beiden und ihre MitschülerInnen denn in ihrer Ausbildung vermittelt über die Bibel und über wissenschaftliche Exegese? Und vor allem: Warum haben sie offensichtlich in ihrer bisherigen mehrjährigen Studienzeit ihr eigenes Bibelverständnis so wenig reflektiert, dass ich in zwanzig Mittagessensgesprächsminuten ständig den Eindruck habe, ihren Denkhorizont zu sprengen?! Und sind sie tatsächlich noch niemals einer Person begegnet, die gleichzeitig a) Jesus liebt und die Bibel ernst nehmen möchte und b) keine Angst vorm schw – äh, vor historischer Bibelwissenschaft hat??

– Ich möchte ja gar nicht behaupten, dass für mich alle Fragen im Bereich Bibelhermeneutik, also im Blick auf ein angemessenes Verstehen und Verständlich-Machen biblischer Texte, geklärt wären … Oh nein, ganz und gar nicht.  Da gibt es noch viel Spannendes, über das ich mir noch klar(er) werden möchte.

Aber – bevor ich euch ranlasse an meine wirklichen Fragen, können wir uns heute vielleicht auf ein paar Basics verständigen, sozusagen als „hermeneutische Aufwärmübung“?

Ich schlag mal vor als kleinsten gemeinsamen Nenner (zumindest für die ChristInnen unter uns *g*):

Die Bibel ist für mich Gottes inspiriertes Wort. Auch heute begegnet Gott Menschen, wenn diese die biblischen Worte lesen oder hören.
Und gleichzeitig ist die Bibel über viele Jahrhunderte hinweg entstandenes „Menschenwort“. Und das darf (und muss) man in seinem Entstehungskontext wahr- und ernstnehmen.
Wissenschaftliche, auch „historisch-kritische“ Zugänge zur Bibel helfen uns dazu und können ein großer Gewinn sein.

Also, wie isses damit? Können wir uns darauf einigen? Dass wir kein Entweder/Oder brauchen. Sondern BEIDES: Frömmigkeit UND Wissenschaft. „Gottes Wort“ UND  „historisch-kritische Methode“. Country UND Western – äh, ach nein, das war jetzt ein ganz anderer Kontext … 😉

Ja?? Eine leere Kommentarspalte deute ich als Zustimmung. 🙂

14 Gedanken zu „Die Bibel in schwarz-weiß“

  1. Unbedingt. Ich sag nur: Dr. Laura Schlessinger… Die persönliche Auswahl der vermeintlich fundamentalistisch auszulegenden Bibelstellen hat – so vermute ich – immer mit den eigenen (vielleicht gar nicht immer zwangsläufig originär bibelimmanenten) Vorurteilen (oder besser: Werteüberzeugungen) zu tun.

    1. Also, ich weiß ja schon um die ein oder andere Gruselgestalt in der US-amerikanischen Szene. Aber DIE Frau ist mir bisher noch nie begegnet. Wen du so kennst … 😉
      Ich sag nur „The proper care & feeding of husbands“ – leider hab ich Ideen, was da wohl drin stehen mag. Als Satire wär’s sicher super, aber leider nehmen ja Leute sowas ernst. Hoffentlich in Deutschland weniger Leute als in den USA; aber dass es das eben hier auch gibt, zeigt ja die Geschichte von Bithyas Freundin, die sie im Kommentar unten erzählt.

      Aber zum eigentlichen Thema: Ja, ich glaube, dass Bibelauslegung immer mit der eigenen Biographie und Prägung, mit den eigenen Werten (und natürlich auch den eigenen Vorurteilen) zu tun hat. Und am Ende sieht Jesus dann immer ein bisschen so aus wie ich und meine Homies …

      Aber ich glaube doch trotzdem, dass im Lesen der und Hören auf die Bibel auch eine Dimension ins Spiel kommt, die außerhalb meiner Person liegt. Und dass es nicht beliebig viele gleichwertige Lesarten der Texte gibt.

      1. Bei mir war es einfach so, dass ich, als ich das erste mal wirklich mit dem christlichen Glauben konfrontiert wurde, ich war 12, es in einer fundamentalistischen Gemeinde war. Sehr liebe Leute, aber sie hatten mir eben ein überwiegend sehr fundamentalistisches und konservatives Bibelverständnis mitgegeben und da ich es nicht besser wusste, hab ich es übernommen.

  2. das waren drei leere Kommentarspalten 😀

    Hey, klar. Das kenn ich doch auch. Ich lebe in diesem Kontext und muss mich öfter mal vor Freunden verteidigen, dass ich die Bibel inzwischen nicht mehr als diktiertes Wort Gottes sehe. Andererseits haben sie auch schon gesagt, dass sie durch meine Sicht der Dinge einiges lernen würden, weil ich mir um mehr Sachen tiefere Gedanken mache. Also bleib dran 😉 andere machen sich Gedanken um das, was du sagst, auch wenn sie es erst nicht zugeben würden.

  3. Kann es nicht sein, dass wir manchmal zu hohe (intellektuelle) Ansprüche an den Tag legen? Spätestens seit den PISA-Studien wissen wir, wie schlecht es um „unser“ Leseverständnis steht. Die Auseinandersetzung mit theologischen Texten ist für die meisten Studenten eine Überforderung. Es ist ein Erfolg, wenn Texte verstanden werden. Das kritische und intensive Hinterfragen eines Textes in den vorgegebenen Zeitrahmen oftmals unmöglich. Ein historisch-kritischer Zugang zur Bibel ist unglaublich wertvoll, erfordert jedoch sehr viel Hintergrundwissen und logisches Denkvermögen. Fehlt dieses beides wird der christliche Glauben schnell beliebig (by the way: auch Dr. Siegfried Zimmer argumentiert oftmals mit nicht korrekten historischen „Tatsachen“). Und so würde ich zu folgendem plädieren: Bessere theologische Ausbildung für Pastoren und mehr „einfachen Jesus-Glauben“ im Alltag (á la Nachbarn lieben, beten, etc.)…
    Eigentlich haben wir auch keine Probleme mit denen, die sagen, dass sie die Bibel einzig und allein als „Wort Gottes“ ansehen. Der Menschenverstand sorgt schon dafür, dass keiner glaubt, dass Jesus eine Tür ist (und das, obwohl er sagt: „Ich bin die Tür“). Und wenn diese Leute die Aussage der Nächstenliebe ernstnehmen (wozu sie ihr Schriftverständnis verpflichtet), dann ist doch alles bestens 🙂

    1. hast du denn den Eindruck, sie tun es? Also Nächstenliebe ernst nehmen? Nach meinen Erfahrungen wird eher ausgegrenzt und rausgemobbt. Und das Ganze mit der Bibel begründet.

    2. Hallo Ohnesorg,

      danke für dein engagiertes Mitreden!
      Das Tür-Beispiel ist großartig 🙂 und auch sonst reizt mich vieles von dem, was du schreibst, zum Weiterdenken und -reden.

      Aber für heute hake ich mal nur beim Stichwort „beliebig“ ein. Mir begegnet öfter eine Angst vor Beliebigkeit (manchmal übrigens auch bei mir selbst!). Und ich finde das gar nicht falsch, an dieser Stelle (selbst)kritisch zu sein.

      Allerdings glaube ich nicht, dass Beliebigkeit ein spezifisches Problem historisch-kritischer Zugänge ist. Auch (vielleicht sogar gerade dann), wenn Leute die Bibel „einfach lesen“ (was ich übrigens großartig und nötig finde, denn natürlich ist die Bibel nicht nur was für promovierte TheologInnen!!), kommt es manchmal zu sehr abenteuerlichen Ergebnissen, für die das Wort Beliebigkeit gut passt …

      Und wenn Menschen die Texte nicht selbst mit ihren Hintergründen erfassen wollen oder können, dann nehmen sie ja nicht statt dessen „das eine, allgemein gültige Verständnis“ an. Weil es das nicht gibt. Sondern sie halten sich an das, was in ihrer Prägung Konsens ist oder an das, was Superpastor X oder Evangelist Y sagt. Das ist ja nicht grundsätzlich falsch. Aber es ist eben auch nicht grundsätzlich besser, als wenn man um ein eigenes Verständnis ringt und dabei manchmal vielleicht falsch liegt.
      Oder?

  4. Ich kann das soooo nachvollziehen, was du da (be)schreibst! 😀 (Warum bloß? 😀 ) Ich kenne solche Gespräche nur zu gut…und so Sätze wie: „Warum kann man das denn nicht einfach mal so glauben wie es da steht?“

  5. Oh krass. Das ist bitter. So etwas habe ich zum Glück noch nicht selber erlebt. Aber in so einem Fall lässt sich doch bestimmt darauf hinweisen, dass das nicht im Sinne Jesu ist, oder?
    – Habe es öfters erlebt, dass gerade „einfache Christen“ sehr konkret versuchen, anderen zu helfen…

    1. das ist schön. Aber leider nicht die Realität, die ich so mitbekomme. Selber hab ich auch nur selten Gewalt in christlichen Szenen erlebt, aber andere, teilweise Bekannte, gute Freunde wurden ganz übel rausgemobbt, weil sie angeblich gesündigt hatten und nun mussten die anderen vor ihrem schlechten Beispiel geschützt werden 🙁
      Da ist zum Beispiel eine gute Freundin, die in ihrer Ehe massive Gewalt erlebt hat, dass sie sich versucht hat, umzubringen. Was wurde ihr gesagt? Frau, ordne dich deinem Mann unter. Als sie sich getrennt hat, war sie die Sünderin, die Ehebrecherin. Und das Schlimmste: Sie hat es selbst geglaubt.
      Oder einige Bekannte, die auf Facebook den rassistischsten und homophobesten Scheiß posten im Namen Jesu, wo ich mich so fremdschäme 🙁 Manchmal frag ich mich echt, wie Jesus sich bei der ganzen Sache fühlt 🙁 Das ist doch den Namen Gottes aufs übelste zu pervertieren, finde ich.
      Sorry dass ich so ausraste. Aber das ist so unfair…

      1. So, ihr Guten, jetzt komm ich endlich auch mal dazu, mich in die Diskussionen einzumischen. 😉 (Bithya, du rockst echt das Haus, danke!)

        Ich finde es nochmal lohnend darüber nachzudenken, ob es tatsächlich diesen Gegensatz gibt zwischen „einfachen ChristInnen“ und ich sag jetzt mal „wissenschaftlich orientierten“.

        Ich kann euch beiden total zustimmen, Ohnesorg und Bithya und ich könnte zu beidem, was ihr erzählt, weitere Beispiele legen.

        Aber da ist doch der Punkt:

        Geht es Leuten darum, Gott und Menschen zu lieben? Und meinetwegen auch die Bibel so zu lieben, wie sie meinen es tun zu müssen? – Mit solchen Leuten kann ich gut reden (sofern sie mit mir reden mögen). Auch dann, wenn wir völlig unterschiedlicher Meinung sind.
        Oder geht es Leuten in erster Linie darum, Recht zu haben und ihren Standpunkt durchzusetzen? Traurigerweise würden diese Leute ja auch behaupten und denken es wohl sogar, dass sie genau das auch aus Liebe zu Gott machen. Aber das bringe ich dann so schlecht zusammen mit dem lieblosen Reden und Handeln. (Siehe deine Beispiele, Bithya!)

        Ich würde jedenfalls sagen, dass ich mir für mich beides wünsche: Schlichte Jesus-Liebe, einfaches Gottvertrauen (inkl. Beten, den nächsten lieben – so wie du das oben beschrieben hast, Ohnesorg). Und gleichzeitig redliches Fragen und Forschen an den Texten.

    1. Meinst du „Kritik der Bibelkritik“ von ULRICH WILCKENS?? Hab gerade eine Beschreibung gelesen und finde, das klingt echt interessant. Interessant im Sinne von: Ich weiß nicht, ob ich ihm zustimme. Wirklich interessant also.

      Meine Recherche beim großen, fiesen Online-Versandhändler, den ich hier aus Prinzip nicht verlinken will, hat ergeben, dass Wilckens im Oktober Band III seiner Theologie des NT herausgibt unter dem Titel: „Theologie des Neuen Testaments: Historische Kritik der historisch-kritischen Exegese“.

      Ich nehme an, ich könnte warten und dann einfach das neue Buch lesen … Ach, leider kostet das immer soviel Zeit und Geld mit diesem Lesen. 😉

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