Es ist kompliziert

Es ist kompliziert.

Dass Rachel Held Evans Potenzial hat zur Heldin, legt ja ihr Name schon nahe. 😉 Und tatsächlich ist sie für mich in mancherlei Hinsicht ein Vorbild.
Seit Jahren schon verfolge ich mehr oder weniger regelmäßig ihren Blog. Da ist es zwar im Moment ziemlich ruhig (die Autorin schreibt gerade an ihrem vierten Buch und ist außerdem im vergangenen Jahr Mutter geworden), aber, wenn ihr des Englischen mächtig seid: Stöbert mal im Archiv, das lohnt sich!

Ihr Buch „A Year of Biblical Womanhood“ habe ich vor zwei Jahren im englischen Original verschlungen. Großartig! 😉 Ich weiß noch, wie ich mich gewundert habe, dass die deutsche Ausgabe nicht durch die Decke ging. (Naja – vielleicht lag es daran, dass das Cover ein bisschen so aussah wie eine Lydia-Zeitschrift Anfang der 90er?! Und möglicherweise wurde deshalb nicht exakt die Zielgruppe angesprochen, der dann auch die Inhalte gefallen hätten? *g*)

Rachel Held Evans‘ aktuelles Buch „Searching for Sunday“ ist im vergangenen Herbst unter dem Titel „Es ist kompliziert“ auf deutsch erschienen. Ich hab es im Frühjahr mit großem Gewinn gelesen und hier ja schonmal kurz zitiert.

Jetzt will ich es euch endlich nochmal explizit ans Herz legen.

Held Evans strukturiert das Buch in die sieben Kapitel Taufe, Beichte, Weihe, Abendmahl, Konfirmation, Krankensalbung und Ehe. Aber – obwohl man das bei dieser Gliederung vermuten könnte – es entsteht alles andere als eine systematische Abhandlung.
Sondern die Autorin verwebt in raffinierter Weise grundlegende (theologische) Fragen sowie Zitate aus Bibel, (Kirchen-)Geschichte und Gegenwart mit ihrem eigenen Erleben.
Dadurch entsteht so etwas wie ein Mosaik aus einer großen Fülle von Denkanstößen. Nicht immer ist das „easy-reading“ – und es hat tatsächlich mehrere Wochen gedauert, bis ich mich durch die immerhin 360 Seiten gelesen hatte. Aber, ja, das wird der Materie gerecht. Es ist eben komplex. Und es ist kompliziert … 😉

Durch das gesamte Buch zieht sich Rachel Held Evans‘ persönliche „Kirchengeschichte“. Und ich finde mich ständig wieder mit meinem eigenen „Kirchen-Ringen“! Diese Ahnung um das große Geheimnis, um die großen Möglichkeiten, um den großen Schatz. Das Verzweifeln an so mancher Realität. Die Sehnsucht, das Suchen nach neuen Wegen. „Loving, leaving, and finding the church“ (so der Untertitel der englischen Ausgabe) – das alles und noch viel mehr kommt vor in „Es ist kompliziert“.

Da sind durchaus die dankbaren, positiven Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in einer evangelikalen Gemeinde.

„Wenn die ganze Familie die Grippe hatte, klingelte die Kirche an der Tür und brachte Hähnchenauflauf vorbei. Manchmal rief sie noch nach Mitternacht an, um um Gebet zu bitten und zu weinen. Sie tratschte in der Abholzeit an der Schule und war freitagabends unser Babysitter. […] Die Kirche kam viel öfter zu mir, als dass ich hinging, und darüber bin ich froh.“

Aber da ist eben auch die wachsende Befremdung und das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt:

„[W]ir meinen, die Kirche sei etwas für Leute, die in dem „Nachher-Bild“ leben. Wir meinen, Kirche sei etwas für spirituelle Instagramdarstellungen und für unsere besten Momente. Wir meinen, Kirche sei etwas für die Gesunden, obwohl Jesus uns immer wieder gesagt hat, er sei gekommen, um den Kranken zu dienen. Wir meinen, Kirche sei etwas für die anständigen, die guten Menschen, nicht für auferstandene Menschen.
Also täuschen wir es vor.“

Für Rachel Held Evans kommt es nicht nur zu einer Entfremdung von ihrer Gemeinde, sondern auch zur Entfremdung von dem Gottesbild, das ihr dort vermittelt wurde.

Ich wurde dem beschäftigten, onkelhaften Gott fremd, der meinen Freunden Parklücken freimachte und Gebetsanliegen entgegennahm, die sich auf Wetter und Wahlergebnisse bezogen, während er 30 000 Kinder am Tag an vermeidbaren Krankheiten sterben ließ.

Es folgt ein spannender Prozess des Dekonstruierens, Suchens, Neu-Ausprobierens, Scheiterns und (Wieder-)Entdeckens, den ihr unbedingt selbst nachlesen solltet.

Das Ganze natürlich in der unvergleichlichen Rachel-Held-Evans-Sprache, die ich so liebe: Tiefgründig, (selbst-)ironisch, manchmal poetisch, mitunter urkomisch, tastend, vorsichtig, und doch auch glasklar; in jedem Fall bedeutsam.
– An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, den englischen „Urtext“ *g* zu lesen, in dem diese sprachliche Virtuosität vermutlich nochmal stärker rüberkommt.

Fazit: Das Buch ist wirklich lesenswert.
Und noch mehr: Die Gedanken, die Rachel Held Evans bewegt, sind unbedingt nach-denkenswert. Auch für uns in Deutschland.
Lasst uns im Gespräch bleiben, ja? Darüber, wie wir hier bei uns Kirche leben können und wollen. Und lasst uns auf diesen Weg etwas mitnehmen von der Einstellung, die ich in „Es ist kompliziert“ wahrnehme:

„Ich schreibe, weil wir manchmal in unserer Verletzlichkeit näher an der Wahrheit sind als in unseren sicheren Sicherheiten und weil ich trotz aller Zweifel und Unsicherheit, trotz meines beständigen Drangs, am Sonntagmorgen einfach auszuschlafen, die ersten flüchtigen Lichtbänder der Dämmerung gesehen habe […].“

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