Kirchenbänke

„Gemeinde entwickeln“ – Wieso, weshalb, wohin?

Letzte Woche Freitag hatte ich im Rahmen meines Theologie-Studiums eine mündliche Prüfung im Modul „Gemeinde entwickeln“.
In der Vorbereitung für die fünfzehn Minuten Prüfungsgespräch habe ich mir mehr als fünfzehn Stunden lang nochmal alles Mögliche (und auch manches Unmögliche …) reingezogen, was hierzulande in den vergangenen fünfzig Jahren so zum Thema „Church growth/Gemeindeaufbau/Gemeindeentwicklung“ angesagt war.

Das war weit, weit spannender, als ich vorher befürchtet hatte! 🙂
Und tatsächlich musste so manches arrogant-halbwissende Vorurteil weichen. Denn nein – es ist wohl doch nicht alles, was es da so an Konzepten gibt, nur technokratisches Machbarkeitswahn-Zeug für Leute, deren Herz deutlich mehr für BWL als für Theologie schlägt. 😉
Ich habe also mit großem Gewinn gelesen. Und nachgedacht. Und weitergelesen. Und mitunter sogar ansatz- oder probeweise umgedacht.

Und trotzdem bin ich pausenlos an meinem grundlegenden „Gemeindeproblem“ hängen geblieben. Habe mich immer und immer wieder verheddert in meiner kleinen pessimistischen Sicht auf „Gemeinde“! (Diese meine subjektive Sicht hat sich seit dem etwas waghalsigen und ziemlich düsteren Fazit nach dem Emergent-Forum im letzten Jahr noch nicht signifikant aufgehellt.)

Warum will ich denn „Gemeinde entwickeln“? (Bzw. warum sollte ich es wollen? *g*) Wieso? Weshalb? Und vor allem: Wohin soll (s)ich die Gemeinde entwickeln?
Ich vermute, die meisten „Gemeindeaufbauer“, von denen ich gelesen habe, würden als Antwort auf die Warum-Frage unterschreiben: „Damit viele Leute zum Glauben an Jesus finden“.
Aber was macht denn diesen Jesus-Glauben, die Jesus-Nachfolge aus? Gemeinde-Mitgliedschaft? Gemeinde-Mitarbeit?
Geht es etwa bei Jesus in erster Linie darum, dass Menschen – um mal ein Beispiel aus Rick Warrens Buch „Kirche mit Vision“ zu betrachten – aus der „suchenden, kirchendistanzierten Gesellschaft“ ganz am Rande des Schaubildes in die Mitte kommen, nämlich in den „Kern der Gemeinde“?? – Nein, oder?!! Jedenfalls doch um Gottes Willen nicht als Selbstzweck!

Mal abgesehen von der gruselig-richtenden Abstufung von „ganz draußen“ über „ein bisschen dabei“ bis zum (selbst-)gerechten „vollwertigen Gemeindekernmitglied“, die mir aus diesem Modell entgegenschlägt: Call me cynical – aber ich bin schon lange nicht mehr sicher, ob ich fröhlichen, gesunden, kirchendistanzierten Menschen wirklich pauschal wünsche, in den „Kern“ einer Gemeinde zu geraten …

Klar! Ich wünsche allen Menschen Jesus-Begegnungen! Ich wünsche allen, dass Gott sie begeistert, dass ihr ganzes Leben durchdrungen und auf den Kopf gestellt wird von Gottes Geistkraft.
Aber ist der Ausgangspunkt und vor allem ist der Zielpunkt des Jesus-Glaubens, der Jesus-Nachfolge wirklich eine „klassische Gemeinde“ mit ihren Gremien und Gebäuden und Gruppen?
Ich merke überdeutlich, dass ich diese Frage nicht mehr bejahen kann. Mir liegen neue Formen, missionale Überlegungen, Fresh-X-Versuche so viel näher …  Immer noch und immer wieder (und immer mehr) hege ich den Verdacht, dass „herkömmliche“ Gemeinden häufig nicht nur nicht förderlich sind für die Jesus-Nachfolge ihrer Mitglieder, sondern geradezu hinderlich.

Nun muss ich der Fairness halber wohl noch anmerken, dass sich Rick Warren in Teil 4 seines Buches „Kirche mit Vision“ (Überschrift: „Holen Sie die Menschen aus Ihrem Umfeld in die Gemeinde“(…!)) ausdrücklich dagegen wendet, einen Gegensatz aufzubauen zwischen – ich nenn es jetzt mal – „Komm-Struktur“ und „Geh-Struktur“. (Manchmal ist es eben doch hilfreich, in einem Buch mehr wahrzunehmen als die fragwürdigen Schaubilder. *g*) Er fasst es dann so zusammen, wie beide Pole in seiner Gemeinde ineinanderspielen:

Wir sagen: „Kommt und seht!“ zu unserer Umgebung, aber zu unserer Kerngemeinde sagen wir: „Geht und erzählt!“

Ich kann es noch nicht ganz genau fassen. Aber was mich daran (ver-)stört, liegt wohl irgendwo in dieser uneingeschränkt positiven Sicht auf die Gemeinde und auf uns ChristInnen. Als würden Menschen automatisch Jesus begegnen, wenn sie in das Haifischbecken Gemeinde eintauchen! Als wären wir Jesus-Leute tatsächlich per se so anziehend …

Nein! Sondern Jesus selbst ist doch der Anziehende! Nur durch ihn macht irgendein Gemeinde-Sein Sinn. Und nur er selbst kann Menschen in seine Nachfolge rufen. Und deshalb kann doch so ein „Komm und sieh!“ niemals ein Ruf „in die Gemeinde“ sein, sondern nur eine Einladung zu Christus selbst.
Hm. Idealerweise hätte das beides miteinander zu tun. 😉 Aber ganz deckungsgleich ist es doch wohl nie …

Puh. Keine Ahnung, ob sich euch meine wirren Gedanken gerade erschließen. 😉 Aber wenn ihr bis hier durchgehalten habt, dann seid ihr sicher auch noch bereit für die abschließende Frage: Und jetzt?
Wie geht es jetzt weiter??
Mit mir und der Gemeinde und all den Fragen?

Ich weiß es nicht. Noch immer nicht.

Vielleicht sollte ich tatsächlich öfter mal wieder „eine Gemeinde besuchen“?! Anstatt aus meiner „suchenden, kirchendistanzierten“ 🙂 Perspektive heraus (Ver-)Urteilendes zu schreiben über „Die-da-drinnen“ …

Sicherlich könnte es auch nicht schaden, nochmal gründlich(er) in die Bibel zu gucken und der Frage nachzugehen, wie (bzw. ob?! *g*) denn Jesus-Nachfolge dort in Beziehung steht mit dem, wie sich Gemeinde heute darstellt.
Womit dann wohl auch bald die grundlegende systematische Fragestellung auf dem Tisch wäre: Nämlich die nach dem eigentlichen Wesen von Gemeinde. Was macht denn Gemeinde aus? Was sind ihre Kennzeichen? Was ist ihr Auftrag?

Ach ja … – das klär ich dann alles kurz im Wintersemester im Modul „Missionarischer Gemeindeaufbau“. 😉 (Ursprünglich hatte ich dieses Modul tatsächlich nur gewählt, weil ich alle Credits brauche, die ich kriegen kann und weil es noch in den Plan passte. Aber seit letzter Woche werde ich den Verdacht nicht los, dass es mir inhaltlich vermutlich doch mehr als gut tun wird … 😉 )

Und bis dahin freue ich mich daran, dass ich nicht alleine bin mit meinem Unterwegs-Sein, mit meinem Suchen, mit meiner Sehnsucht.

Immer wieder stoße ich auf Erfahrungsberichte von Leuten, die sich einen Raum erobert haben, in dem sie christliche Gemeinschaft ganz neu (oder ganz alt *g*) zu leben versuchen. Oder die an ähnlichen Stellen ringen und fragen. (Meinen größten diesbezüglichen „Ja-genau!“-Moment hatte ich in letzter Zeit bei diesem Kirchentags-Rückblick auf relevanzvakanz.wordpress.com. Sehr lesenswert!)

In diesem Sinne feiere ich auch schon seit Monaten das aktuelle Buch „Es ist kompliziert“ von Rachel Held Evans. Ständig finde ich mich dort wieder! Vielleicht krieg ich es ja bald mal gebacken, euch das Buch vorzustellen und ein paar der großartigen Gedanken mit euch zu teilen. Als Teaser – und als ziemlich treffender Abschluss dieses Posts – kommt hier schon mal so ein „Das-spricht-mir-aus-der-Seele“-Zitat:

„Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie das geht, ohne den alten zu verdammen, ohne ihn in Grund und Boden zu brüllen, meine Unabhängigkeit zu erklären und dann so schnell ich kann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.“

Vielleicht findet Rachel Held Evans es ja vor mir heraus …
Oder aber ihr bringt mich in den Kommentaren oder (noch besser!) in einem Real-Life-Gespräch von meinen Anti-Gedanken zurück „auf den richtigen Weg“ …? 😉
Herzliche Einladung! 🙂

 

 

Beitragsbild: MichaelGaida/pixabay

6 Gedanken zu „„Gemeinde entwickeln“ – Wieso, weshalb, wohin?“

  1. Hi Astrid, nach deinem Post von gestern musste ich doch erstmal drüber schlafen….
    Ich finde es schon manchmal merk-würdig, wie wir uns parallel, und aus unterschiedlichen Gründen, mit denselben Themen „rumplagen“!
    Im Rahmen der Übertragung meiner AT-Facharbeit in eine heutige Situation habe ich mich mit Gemeindeentwicklung befasst.
    Und deine Zweifel, deine Unbehaglichkeiten, vielleicht sogar Ängste, kann ich sehr gut nachvollziehen.
    Denn dort, wo „Gemeinde“ vor allem über ein mehr oder weniger bürokratisches Konstrukt definiert wird, wo die Anzahl der „funktionierenden“ Kreise oder der Besuch des Gottesdienstes das bevorzugte Qualitätskriterium zu sein scheint, da sehe ich tatsächlich wenig Wachstumspotential und Perspektive.
    Wo sich aber Menschen für Gemeinschaft stark machen, über alle Unterschiede in der persönlichen Frömmigkeit hinweg, wo nicht vermeintliche Rechtgläubigkeit, sondern der Wille, mit der bestehenden Vielfalt einig zu sein in der Nachfolge Jesu, im Mittelpunkt liegt, da kann Gemeinde auch heute in der Gesellschaft eine gute und wichtige Stellung einnehmen.

    Ich persönlich bin der Meinung, das Ringen und Suchen, das dich umtreibt, das sollte eigentlich viel mehr Leute umtreiben. Vielleicht tun es sogar viel, trauen sich nur nicht, das auch öffentlich zu bekennen, dass es mit überkommenen Modellen und Denkweisen in der heutigen Zeit nicht mehr getan ist.
    Vielleicht denkt sich insgeheim so mancher: Aber ich möchte nicht der/die Erste sein, der das zugibt. Was denken denn dann die anderen von mir?
    Also ringe du ruhig weiter, ich ringe mit. Auch wenn wir beide an manchen Stellen zu anderen Ergebnissen kommen, hat das seine Berechtigung und wenn wir das aushalten, können und sollen das auch andere….
    (Ganz am Rand würde mich noch interessieren, so faszinierend die Persönlichkeiten Rick Warren und RHE auch sind: Hast du dir auch mal Autoren aus dem deutschsprachigen Raum mit ihren Gedanken angeschaut? Denn so ganz vergleichbar finde ich die amerikanische Art und Weise nicht zu unserer Kirchenlandschaft, die sind dort oft viel pompöser als wir trockenen Deutschen…)
    Liebe Grüße, Anja

    1. „Wo sich aber Menschen für Gemeinschaft stark machen, über alle Unterschiede in der persönlichen Frömmigkeit hinweg, wo nicht vermeintliche Rechtgläubigkeit, sondern der Wille, mit der bestehenden Vielfalt einig zu sein in der Nachfolge Jesu, im Mittelpunkt liegt, da kann Gemeinde auch heute in der Gesellschaft eine gute und wichtige Stellung einnehmen.“

      Goldene Worte! 🙂
      Ach, Anja, es ist schön mit dir gemeinsam (zumindest gedanklich) unterwegs zu sein …!

      Und was das „Interesse am Rande“ angeht: Ja, es ist sicher ein Unterschied, in welcher Kultur ich mir diese Fragen stelle. Mehr noch als die Unterscheidung zwischen „amerikanisch-pompös“ und „deutsch-trocken“ *g* spielt wahrscheinlich eine Rolle, ob ich in einem volkskirchlichen Setting mit noch immer vor allem parochialen Strukturen denke oder eher freikirchliche Strukturen vor Augen habe.

      In dem Modul (wo ich allerdings nicht bei den Lehrveranstaltungen dabei war, sondern nur die Prüfung mitgemacht habe) ging es schon auch um diverse deutsche Perspektiven: Um die Gemeinschaftsbewegung zum Beispiel oder um die Möglichkeiten rund um Diakonie (da hab ich doch endlich mal ein bisschen in Frieder Schaefers spannender Doktorarbeit gelesen *g*) oder um die „Natürliche Gemeindeentwicklung“ von Christian A. Schwarz (die zugegebenermaßen zwar von einem Deutschen entwickelt wurde, aber ja wohl starke US-amerikanische Einflüsse hat und sehr international ausgerichtet ist). Auch Fresh X finde ich für uns extrem relevant; zum einen weil der Entstehungskontext in Großbritannien unserer Sitution nahe kommt und zum anderen, weil ja hier in Deutschland viele Leute daran weiterdenken und -experimentieren. (Letzteres trifft bzw. traf aber natürlich auch auf „Kirche mit Vision“, „Willow Creek“ etc. zu.)

      Für mich persönlich war beim Lernen spannend zu entdecken, was sich hier in Deutschland in den 80er-Jahren in dieser Frage getan hat. Fritz und Christian A. Schwarz sind da prägende Namen und natürlich Michael Herbst, dessen Dissertation „Missionarischer Gemeindeaufbau in der Volkskirche“ jetzt immerhin schonmal neben meinem Bett liegt … 😉
      Ich merke, dass ich da noch viel wahrzunehmen habe, von dem, was kluge Leute schon alles gedacht haben. – Ach ja, ich hab da ja nächstes Semester noch ein entsprechendes Modul vor mir. Das soll wohl so sein. 😉

      Diese Auseinandersetzung mit den Grundlagen bereichert und vertieft und gründet sicherlich mein persönliches Ringen und Suchen.
      Aber ersetzen kann – und soll – es das natürlich nicht.
      Und in diesem Sinne ist das Buch von Rachel Held Evans einfach genial! USA hin oder her. Die Frau ist so alt wie ich und hat in vielen Bereichen ganz ähnliche Entwicklungen hinter sich. Ach, und allein dieses „Geht mir genau so“ tut so gut. 🙂

      Weshalb es ja auch so schön ist, immer wieder mal von dir zu hören und zu lesen. 🙂
      Danke und liebe Grüße!

  2. Liebe Astrid,

    ich leit/de ja auch (unter) Gemeinde. 😉
    Aber was ich mich frage: Paulus spricht den Jesus-Folgern zu „ihr seid Leib Christi“. (1.kor 12) Also quasi: „wer euch sieht, der sieht Jesus.“
    Wie ihr einander dient/liebt/ehrt.
    Also definitiv glaube ich immer noch, dass Menschen durch die Begegnung mit Christen auch Jesus begegnen können.
    Am Liebsten würde ich sogar das Modalverb („können“) weglassen.
    Ich glaube daran, dass Jesus im Zusammenleben von Menschen sichtbar/erlebbar wird. Hab ich sogar selbst als Teen auf Freizeiten so empfunden.
    Bloß im „jetzt“, im Gemeindealltag scheint das so fern. Mit all den nervigen Machtkämpfen, Beziehungskonflikten usw.
    Wie lebt es sich also in einer Gemeinschaft von Jesusnachfolgern durch die Jesus sichtbar wird?
    Oder ist genau MEINE Gemeinde das schon und ich hab es frustriert aus dem Auge verloren? Bonhoeffer hat mal gesagt: Man soll nicht den Traum von Gemeinde lieben. Man soll einfach die Menschen lieben, die in der Gemeinde sind. (Oder so ähnlich…)
    Jetzt könnte man sich eine Gruppe von Menschen suchen, die einfach zu lieben sind. Aber genau das hat Bonhoeffer vermutlich nicht gemeint…

    1. Puh …
      Danke, Isa, das sind gute und herausfordernde Gedanken. „Nicht den Traum von Gemeinde lieben“. Hm, da fühle ich mich ertappt.
      Klar, dass Menschen in Begegnung mit ChristInnen Jesus begegnen (mit und ohne „können“), in aller Begrenztheit, die ja JEDER Gemeinschaft innewohnt, das glaube ich ja auch.

      Aber da sind eben auch die gegenteiligen Erfahrungen, dass und wie Menschen in Gemeinden kaputt gemacht werden (leider oft ohne „können“) und danach auf Abstand gehen zu ChristInnen und zu Christus. Kennste selbst. Davon möchte ich mich schon gerne abgrenzen …

      Tja, wie machen wir denn jetzt weiter?

      1. Ich weiß leider auch nicht genau. Vielleicht ganz simpel: Wo es uns die heilige Geistin schenkt, die Menschen lieben, die unseren Weg kreuzen. Und darüber staunen was Gott daraus macht…
        Mehr ist bei mir im Moment nicht drin.
        Bin aber weiteren Ideen gegenüber aufgeschlossen.

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