Hebraica

„Hebräisch denken“ für AnfängerInnen

„Sprache schafft Wirklichkeit“, zitierte ein Bekannter von mir neulich gleich mehrmals in einem Gespräch. Und das ging mir noch länger nach …
Ob bzw. inwieweit man das tatsächlich so sagen (! *g*) kann, wäre sicherlich spannend zu fragen – aber ich ahne, dass das sowohl diesen Post als auch meinen momentanen Denkhorizont sprengen würde.
Vermutlich aber sind wir uns so weit einig: Sprache prägt unser Denken und unsere Wahrnehmung immens! Der Einfluss von Wörtern und Worten, vom Reden und Zuhören und Zusammenreimen ist riesig im Hinblick darauf, wie wir Gott und die Welt sehen und verstehen.

Und nun ist es ja so, dass ich gerade begonnen habe, Hebräisch zu lernen. Und ich merke – viel deutlicher als bei den anderen Fremdsprachen, mit denen ich es bisher intensiver zu tun hatte – dass ich hier einer völlig anderen Kultur begegne. Dass die für mich ungewohnten Buchstaben und Wörter und Satzbaumeisterwerke für mich auch ungewohnte Zugänge zur Wirklichkeit eröffnen.

In diesem Zusammenhang habe ich letzte Woche zwei Vorträge von Wolfgang J. Bittner gehört, die voll sind mit konkreten, gut verständlichen und unfassbar hilfreichen Erklärungen zum „hebräischen Denken“.
Wirklich total spannend! Auch (und vielleicht gerade!) für Leute, die (noch) kein Hebräisch können.

Ich erinnere mich gut: Als ich die Vorträge vor einigen Jahren schon einmal gehört habe, sind mir ganze Kronleuchter aufgegangen, was den Zugang zu alttestamentlichen Texten und Begriffen angeht.

Was öffnen sich beispielsweise für neue Verstehenswelten, wenn man wahrnimmt, dass die hebräische Sprache sich – anders als unsere *g* –  kaum für abstrakte Begriffe interessiert?! Sondern dass sie vielmehr die konkreten Vorgänge hinter einem Wort im Blick hat?!
Hier zeigt sich eine so wohltuend gesunde, pragmatische, realistische Sicht auf das Leben … Und mir drängt sich die Frage auf: Könnte es sein, dass die unter uns Frommen mitunter so verbreitete kleinkarierte Prinzipienreiterei auf Hebräisch weniger gut funktionieren würde als auf Deutsch? 😉

Ein weiteres eindrückliches Beispiel: Was für ein riesiger Unterschied ist es, ob ich beim Wort „Gerechtigkeit“ an einen Rechtsbegriff denke, der normativ in richtig und falsch einteilt. – Oder ob ich wahrnehme, was mit dem hebräischen Wort, welches in unseren Bibelübersetzungen häufig mit „Gerechtigkeit“ wiedergegeben wird, eigentlich angesprochen ist: Nämlich ein Beziehungsgeschehen!

Ein echtes Aha-Erlebnis hatte ich auch bei Wolfgang Bittners Beobachtungen zum im Hebräischen üblichen „Denken in Aspekten“. Wie verheißungsvoll (und wie grundlegend ungewohnt) ist die Vorstellung, dass sich eine Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln gleichberechtigt beschreiben lassen kann. Und dass deshalb zwei (oder drei oder vier) unterschiedliche Sätze zum gleichen Gegenstand nicht zwingend um die eine Wahrheit konkurrieren müssen, sondern vielleicht gerade im „Einander-Ergänzen“ der Wirklichkeit näher kommen, als ein Satz allein es könnte.

Aaaahh! Ich fürchte, dass meine Beispiele etwas abgehoben klingen … Die Vorträge sind aber ganz und gar nicht abgehoben. 🙂 Sondern sehr gut verständlich. Und wirklich wirklich lohnend!
Hört sie euch unbedingt an!

Hier findet ihr die direkten Links:

Hebräisches Denken – Teil 1 – Vortrag

Hebräisches Denken – Teil 2 – Vortrag

Und darüber hinaus müsst ihr auf jeden Fall mal noch etwas mehr stöbern auf der Homepage von Wolfgang J. Bittner und seiner Frau Ulrike Bittner. Die beiden veröffentlichen dort neben einem Journal immer wieder sehr hörenswerte Vorträge und Predigten.

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