Karfreitag

Ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

Es ist Karfreitag und ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

In den letzten Tagen habe ich viel gedacht und gelesen und gehört.
Über das Kreuz. Und darüber, wie Menschen es verstehen und verstanden (oder gerade nicht verstanden?!).

Ein christusgläubiger Jude vor fast 2000 Jahren.
Ein mittelalterlicher Mönch vor über 900 Jahren.
Feministische Theologinnen vor 30 Jahren.
Und so viele andere.

Und da sitze ich nun. Und habe viele, viele Fragen.
Wer da eigentlich stirbt. Und warum und wozu! Und wie(so) genau sich das heute auswirkt. (Um nur einige zu nennen …)
Da sind Fragen dabei, von denen ich ahne, dass ich in diesem Leben zu keiner befriedigenden Antwort kommen werde. (Und andere, von denen ich das sogar ziemlich sicher weiß. *g*)
Und daneben gibt es durchaus auch die, wo ich noch realistischen Raum sehe für Erkenntnis- und Verständnisgewinn.
– Aber nicht mehr heute.

Denn heute ist Karfreitag und ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

Was ich statt dessen tun will: Hinsehen.
Auch wenn es ein furchtbares, ein grausames Bild ist.
Auch wenn Wegschauen schöner wäre. Und so viel einfacher.
Ich werde sie anschauen, diese „Ikone des Albtraums“, wie Peter Aschoff kürzlich in einem starken Artikel auf seinem Blog formulierte. Er schreibt weiter:

„Was hast du dir dabei gedacht, Gott, als du dieses Bild von dir veröffentlicht hast? Damit ist kein Staat zu machen. Dafür bekommt man keine „Likes“. Kein Wunder, dass die Leute dir in Scharen davonlaufen.“

Ich will versuchen, nicht davonzulaufen.
Ich möchte hinschauen.

Und was ich noch tun will: Hinhören.

Zum Beispiel auf die Sätze, die uns Lukas aus der Kreuzigungsszene überliefert.

Ich möchte Jesus hören. Immer wieder. Diese unglaublichen Worte:

„Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Damit im Ohr kann ich vielleicht ertragen, was danach kommt.
Und sogar hinhören auf die ungeheuerlichen Worte der frommen (!) Elite.
Wie sie den elend Sterbenden verspotten. Wie ihre Rechtgläubigkeit sie kalt macht gegenüber dem unschuldigen Leiden.

Und ich möchte hören auf den zweiten Verbrecher am Kreuz.  Der in dem gefolterten Mann neben ihm einen König erkennt. Den König. Und der seine letzte Hoffnung auf ihn setzt:

„Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“

—————–

Hinsehen und hinhören, ja.
Das werde ich versuchen.
Wo das Denken an seinen Grenzen ist, meine Augen und meine Ohren ranlassen.
Und mein Herz! – Denn wie könnte ich da unbeteiligt bleiben?

Sehen und Hören.
Erschrecken.
Mich abstoßen – und mich faszinieren – lassen.
Mich wiederfinden in diesem Geschehen.
Mich finden lassen.

Etwas spüren von dem großen Geheimnis.
Etwas ahnen von der Kraft, die hier wirkt.

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“

Das Leben stirbt.
Und dadurch der Tod.

Ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.
Es ist Karfreitag.
Heute noch …

Ein Gedanke zu „Ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.“

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