Ankunft

Komm, o mein Heiland Jesu Christ

Letzten Samstag beim Dorfweihnachtsmarkt.
Auf dem Parkplatz des EDEKAs haben lokale Geschäftsleute und Vereine für einen Nachmittag so einiges auf die Beine gestellt. Es gibt Glühwein und Stollen und ein paar weitere Verkaufsstände. Ein LKW-Anhänger dient als Bühne.

Wir sind zur Eröffnung um 15 Uhr da – unsere Tochter hat einen Auftritt 🙂 mit dem Kindergarten.
Aber bevor die lampenfiebrigen Kids ihre Lieder vortragen dürfen, werden wir von vorne ausgiebig begrüßt. Vom Moderator, dem Vorsitzenden der organisierenden Interessengemeinschaft. Und vom Bürgermeister unserer Kommune.

Die beiden beschwören die „besinnliche Zeit“ herauf, die nun beginne und freuen sich, dass wir „uns jetzt gemeinsam darauf einstimmen können“.
Ich höre: „Bei Weihnachten geht es ja nicht um Kommerz.“

Stimmt, denke ich.
Sondern – wartet, worum nochmal …?

„Dass man wieder Zeit füreinander hat“, wissen die Herren vorne. Und scheinbar irgendwie um Frieden. Darum, „den Schwachen nicht zu vergessen“. Ja, und es sei doch vielleicht dran, ermahnt uns der Moderator nicht ohne Pathos, die Weihnachtstage zu nutzen, um wirklich mal „in sich zu gehen“.

Ich umklammere Gunnars Arm, wie häufig, wenn ich etwas höre, was mich fassungslos zu machen droht.
Ich gehe innerlich auf ironische Distanz – und merke es sofort – und schäme mich ein bisschen.
Aber vergeblich bemühe ich mich um eine positivere Sicht.
Es bleibt eine schale Mischung aus Traurigkeit und … – Leere?!

Natürlich ist es traurig, dass die Advents- und Weihnachtszeit zur Kommerzzeit verkommen ist. Und das ist sie ja nicht nur bei „den andern“. Seit Wochen puzzeln Gunnar und ich an dem Masterplan, welches Kind (und welches Patenkind und wer nicht sonst noch alles) wann von wem was geschenkt bekommt. Ich finde das anstrengend, in mehrfacher Hinsicht. Ich weiß natürlich, dass im Advent etwas anderes im Vordergrund stehen sollte. Aber bisher haben wir es noch in keinem Jahr hingekriegt, die Lage an der Geschenke-Front signifikant zu entspannen.

Mittlerweile singen die Kindergarten-Kinder.
Sie machen das toll.
Unsere Tochter ist in einer guten AWO-Einrichtung mit engagierten Erzieherinnen. Wir sind sehr zufrieden dort.
Aber jetzt ist wieder einer dieser Momente, wo ich es schon schade finde, wie rigoros alle konfessionellen Elemente (oder sollte ich nicht besser schreiben: Grundlagen?!) aus den Jahresfesten eliminiert werden.
Klar, nach all den Kindergartenjahren habe ich schon so manchen belanglosen „weltlichen Schlager“ richtig lieb gewonnen: „Milli und Molli, zwei nette Kühe wollen mit Laternen gehn“ beim Laternenfest zum Beispiel. (Oder, auch schön, zur Yellow-Submarine-Melodie gegrölt: „Wir ziehn heut mit Laternen durch die Nacht – HEY!“ *g*)
Aber jetzt gerade sind Lieder wie „Oh wei-wei-Weihnachten“ (der Weihnachtsmann hat sich ein Bein gebrochen und kann die Geschenke nicht bringen – glücklicherweise springt der Rest der Märchenwelt ein, denn sonst wäre ja Weinachten dieses Jahr „futsch“ …) not exactly what I need.

Was also setzen wir nun gegen oder doch zumindest neben den Geschenke-Wahnsinn?
Das, was uns bei der Begrüßung ins Gewissen geredet wurde?
„Besinnlichkeit“? „In-uns-gehen“? In diesen dreieinhalb Advents-Wochen mal alle Konflikte unter den Teppich kehren?

Die Tanz-AG der Grundschule übernimmt.
Schwarzgekleidete Mädels mit rotem Tüllrock und Weihnachtsmannmütze tanzen erst zu „Galway Girl“ und dann zu einem seichten amerikanischen Christmas-Popsong, in dem für meinen Geschmack etwas zu viel Glöckchen-Gebimmel und vor allem zu viele „Wir-haben-uns-alle-lieb“-Phrasen vorkommen.

Muss ich jetzt also – neben all dem Stress, den ich mit den Geschenken schon habe – auch noch dieses „Love, Peace and Harmony“-Ding hinkriegen? Und zwar aus eigener Kraft?
Oha. Wenn das die Adventsbotschaft wäre, dann würde ich mich aber mal ganz schnell zu den Jungs vom Männergesangsverein an den Glühweinstand begeben und dort sehr, sehr lange bleiben. Und ich befürchte, selbst so könnte ich mir die Sache nicht schöntrinken.

Wir gehen nach Hause.
Es war nett irgendwie. Wirklich.
Unsere Tochter ist stolz und fröhlich.

Aber in mir überwiegt die dumpfe Ahnung:
Auf den Advent „eingestimmt“ bin ich noch lange nicht.
Überlagert von der ehrlichen Traurigkeit: Wie viele Menschen leben völlig vorbei an dem Geheimnis des Advents …?!

Da ist sie. Und sie wächst. Nicht ohne Tendenz zu verzagen. Aber doch unaufhaltsam, trotzig. Diese Sehnsucht, die Gewissheit:

Ich möchte das nicht.

Ich möchte mich nicht ziellos besinnen.
Ich möchte nicht einfach so „in mich gehen“. Schon gar nicht mit dem irren Anspruch, in mir selbst genug „Frieden“ und „Liebe“ zu finden, um die wahre Bedeutung von Advent und Weihnachten gegenüber all dem Kitsch und Konsum (ja, auch meinem!) zu retten.

Ich sehne mich nach Jesus.
Ich sehne mich nach dem heruntergekommenen Gott.
Nach Gott, der sich klein genug gemacht hat für eine Krippe in Bethlehem.
Und demütig genug für verfettete Menschenherzen wie meins.

Ich sehne mich nach Jesus.
Ich sehne mich nach dem „König der Ehre“.
Nach der mächtigen „Ich-bin-der-ich-bin“-Gottheit, stärker als alles.

Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch.

Ich möchte diese alten Worte aus Psalm 24 mit so vielen Christen und Christinnen vor mir auf die Ankunft von Jesus hin lesen.
Ich möchte singen, ich möchte beten:

Komm, o mein Heiland Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.

Ja, komm, Herr Jesus.
In mein Herz, in mein Leben.
Wenn ich besinnungslos vor mich hinlebe.
Und auch, gerade auch, wenn ich versuche, mich zu besinnen.

Komm in meinen trubeligen Advents-Alltag.

In dunkler werdenden Tagen. Im grellen Kaufhaus-Licht.

Ich will deine Ankunft erwarten.

 

 

 

Beitragsbild: markusspiske/pixabay

2 Gedanken zu „Komm, o mein Heiland Jesu Christ“

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