Göttin des Glücks

Lieber nackt als unfair?

Heute vor vier Jahren stürzte in Bangladesh das Rana Plaza ein.
Weit über 1000 Menschen starben, weit über 2000 wurden verletzt. – Die meisten Opfer waren Textilarbeiterinnen, die man an jenem 24. April gezwungen hatte, ihre Arbeit aufzunehmen. Obwohl am Tag zuvor bereits gefährliche Risse in dem achtstöckigen Gebäude festgestellt worden waren.

An diesen furchtbaren, vermeidbaren Unfall erinnert uns heute der Fashion Revolution Day. Initiiert wurde dieser Tag von der Fashion-Revolution-Initiative, die es seit 2014 auch in Deutschland gibt. Mit politischer Arbeit und unterschiedlichen Aktionen bemüht sich diese Organisation um ein stärkeres Bewusstsein für die prekäre Lage in der Textilindustrie. Und um Veränderung.

Wie auch schon in den letzten Jahren gab es den Aufruf, heute in sozialen Netzwerken ein Bild von sich zu posten mit den Klamotten „inside out“. Also so, dass man das (faire?!) Label erkennen kann.
Das ist natürlich eine gute Werbeaktion für Firmen, die sich der fairen und transparenten Produktion verpflichtet haben. Und das finde ich durchaus super! (By the way: Auf dem Foto seht ihr was von dem kleinen, feinen österreichischen Label Göttin des Glücks. Tendiert vielleicht auf der Skala etwas mehr zu „Ü-30-Öko-Tussi“ als zu „Anfang-20-Wanna-be-Hipster“. Aber mir gefallen viele Sachen – ich bin halt auch nicht mehr 21. *g*)

Trotzdem empfinde ich die Aktion auch als zwiespältig. Und deshalb hab ich auch länger überlegt, ob dieser Artikel tatsächlich entstehen wird …

Denn wenn ich mich jetzt hier als diejenige inszeniere, die das Mega-Vorbild ist in Sachen faire Klamotten. Die sich auskennt mit hippen und noch hipperen Fair-Trade-Labels und -Online-Shops und -Real-Life-Läden. Die sich ihre Zeit auf Second-Hand-Kinder-Basaren um die Ohren schlägt. Die sogar extra ein bisschen Nähen gelernt hat, um Sachen reparieren zu können. Und und und …
Dann weiß ich ja nur zu gut, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist.

Und deshalb muss ich natürlich auch vom anderen Teil der Wahrheit schreiben.
Davon, dass ich bisher im Zweifelsfall noch immer „unfair“ den Vorzug vor „nackt“ gegeben habe …

Davon, dass mich dieses ganze Thema immer wieder belastet.
Es ist ja schon grundsätzlich so, dass alles, was auch nur entfernt mit Haushalt zu tun hat, weder zu meinen primären Interessen noch zu meinen Primärkompetenzen gehört. 😉
Und die Aufgabe, dass alle fünf Menschen in unserem Haushalt, vor allem diese drei ständig wachsenden Kinder, jeweils zur richtigen Jahreszeit in der richtigen Größe die richtigen Klamotten am Start haben (und dass diese dann auch noch morgens um zwanzig vor sieben sauber und auffindbar sind!) – die erscheint mir sowieso schon nahezu unlösbar. 
Der berechtigte, not-wendige Anspruch, dass dann auch alles, von den Schuhen bis zur Unterwäsche, entweder fair produziert und aus zweiter Hand gekauft (oder geerbt) sein sollte, überfordert mich oft.

Und so gibt es immer noch ab und zu spontane Verzweiflungskäufe von einem Fünferpack Kindersocken oder -unterwäsche, für die ich dann Geschäfte wie H&M oder Ernsting’s family betrete. Und ich komme mir dabei richtig schlecht vor.
Und es gibt sie, die Bestellungen bei einem familienfreundlichen Online-Händler. Der zwar zunehmend auch von Nachhaltigkeit und Fairness redet. Aber damit in erster Linie meint, dass die Kinderklamotten lange halten und dass die Preise für die Kund/innen (!) fair seien.
Und es gibt die Kinderschuh-Kaufaktionen, bei denen wir durchaus nicht zu Billigware greifen. Aber wo ich mich bisher noch gar nicht gründlich damit befasst habe, wie diese Schuhe jeweils hergestellt werden. Die Tatsache allerdings, dass die Hersteller nicht mit einer fairen Produktion werben, deutet ja leider schon ziemlich direkt darauf hin, dass ich es vielleicht auch eigentlich lieber gar nicht so genau wissen will …
Und mir würden durchaus noch andere Beispiele einfallen.

So ist es also. Ich kämpfe mit diesem Thema.
Und mit noch so vielen anderen Bereichen, wo ich weiß (oder wissen könnte), dass mein Lebensstil auf Kosten anderer Menschen geht.

Dieses Ringen lässt sich nicht schön schreiben.
Ein versöhnliches Ende gibt es nicht. Zumindest vorerst nicht.

Aber es gibt doch einen Trost: Dass nämlich dieses Ding mit Ostern auch hier hineinspielt.
Dass die Schuld, für die Jesus gestorben ist, auch meine zahlreichen Verstrickungen in globale Ungerechtigkeiten umfasst.
Dass der Gott, der am Kreuz qualvoll verreckt ist, denen besonders nahe ist, die leiden. Zum Beispiel der Näherin in Bangladesh.
Und dass es für unsere kaputte Welt insgesamt Auferstehungshoffnung gibt: Dass Gott den Himmel und die Erde neu machen wird. Eine Welt ohne Tränen und Geschrei. Voller Liebe und Gerechtigkeit.

Nein, ich will mich nicht drücken vor meiner Verantwortung.
Ja, ich will mit daran arbeiten, dass schon jetzt etwas sichtbar wird von Gottes liebevoller, gerechter Königsherrschaft.
Ja, ich will weiter ringen mit den Fragen und Entscheidung rund um fairen Konsum.

Aber ich kann das nur tun, ohne dabei wahnsinnig zu werden, weil ich gewiss bin: Auch mein Scheitern wird bei Gott liebevoll umfangen.
Weil an Ostern eine Revolution in Gang gekommen ist, die all die (fashion-)revolutionären Bemühungen von uns Menschen umfasst und übersteigt. Und die sie am Ende zu einem guten Ziel führen wird!

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