Liederschätze

Mein persönliches Liederschatzproblem

Kennt ihr schon das Liederschatzprojekt? –
In einer groß angelegten Kampagne wollen SCM und diverse Werke und Gemeindeverbände „unsere Gottesdienst- und Worshipkultur verändern“.

Seit ich in der aktuellen AUFATMEN den „Jetzt-geht’s-los“-Artikel von Ulrich Eggers gelesen habe, gärt dieses Thema in mir. Und das nicht in erster Linie, weil ich das Ganze für die gute Idee halte, die es vermutlich unterm Strich ist. Sondern ich merke ganz deutlich:
Irgendwas ist da für mich nicht stimmig …

Worum geht es konkret bei der Initiative? Ulrich Eggers, und mit ihm federführend die lebenden Lobpreis-Legenden Albert Frey und Lothar Kosse, möchten das kostbare Erbe der alten geistlichen Lied-Klassiker in die nächste Generation retten.
Dieses soll gelingen, indem neben den (selbstverständlich weiterhin hochgeschätzen) neueren Worship-Songs wieder mehr „Klassiker“ in den Gottesdiensten vorkommen. Hierzu wurden 36 Lieder, ein „Best of der Kirchengeschichte“, ausgewählt, die SCM nach und nach auf drei CDs „in brandaktuellem Gewand“ herausgeben wird. Hinzu kommen ein von Daniel Schneider verfasstes Andachtsbuch und eine Notenversion der Lieder.
Und das Ganze wird begleitet von einem großen Rauschen in den einschlägigen Medien, um dann – so die Hoffnung – an der Basis erst für Diskussionen und schließlich für eine veränderte Liedauswahl zu sorgen.

Seit Tagen versuche ich klar zu kriegen und zu formulieren, wo genau mein Problem mit der Sache liegt. Hier mein Stand der Dinge:

Vielleicht das zuerst: Falls es in mir Tendenzen gegeben hätte, in dem Ganzen primär eine gehörige Portion Geschäftssinn zu sehen, würde ich das natürlich öffentlich niemals zugeben oder gar anprangern.
Denn erstens würde ein solches Urteil ja mehr über meine Arroganz verraten als über die tatsächlichen Motive, die mir natürlich verborgen bleiben. Zweitens wäre es ja wohl auch nicht nur das Recht, sondern sogar die Pflicht eines Verlagsleiters (selbst eines christlichen), eben genau eine gehörige Portion Geschäftssinn an den Tag zu legen. Und drittens glaube ich den netten Männern, die in der Zeitschrift und auch auf der Projekt-Internetseite ihre kurzen Unterstützungs-Statements abgeben, durchaus ihr aufrichtiges Anliegen.
Also, dickes Kampagnen-Getöse, reichhaltiges Medienangebot – geschenkt. Das ist es an sich nicht, was mich unruhig macht.

Und NEIN!! 😉 Es ist auch nicht die eben bereits erwähnte Tatsache, dass mir bei dieser Kampagne nur Männer als Verantwortliche begegnen. Klar, es stimmt natürlich schon, dass ich eine Frau in der Männerriege super gefunden hätte *g* … z. B. Sarah Kaiser (die ja das Anliegen der Kampagne schon seit einem Jahrzehnt in die CD-Player und Herzen trägt) als Mitproduzentin. Aber dass die Chefs der unterstützenden Werke und Verbände nunmal durch die Bank Männer sind, ist ja kein Problem des Liederschatz-Projekts. Sondern ein (allerdings sehr reales) Problem (in) der frommen Szene allgemein, wo Frauen in prägenden Positionen katastrophal unterrepräsentiert sind.

Warum also treibt mich die Geschichte so um?

Ulrich Eggers schreibt in AUFATMEN:

„Alte Lieder und junge Leute sollen neu zusammen kommen – die Hitliste der schönsten geistlichen Lieder aller Zeiten soll ihren Weg in die Zukunft finden und ihre Wirkung entfalten: Trost, Zuversicht, Halt – Worte und Melodien, mit denen wir leben und sterben können, weil sie sich tief in unseren Herzen einnisten und dort leben.“

Hier merk ich schon, dass sich etwas in mir sträubt. Vom etwas dicken Superlativ („Hitliste der schönsten geistlichen Lieder aller Zeiten“, das ist schon etwas too much, oder? *g*) mal abgesehen – ich glaube, dass auch neue Lieder sich tief in unseren Herzen einnisten können. Und ja – ich glaube, dass es neue Lieder gibt, mit denen man ebenfalls leben und auch sterben kann.

Hinzu kommt, dass „diese jungen Leute“ *g* ja meistens doch selbst herausfinden wollen, was für sie gut ist und trägt. (Wie) Kann eine solche Kampagne aus 16-jährigen Teenagern Liederschatz-Sucher/innen machen? Sicherlich nicht allein dadurch, dass die alten Schätzchen vermehrt im Gottesdienst gesungen werden. (Sonst wären wir in meinem Landeskirchen-Umfeld aber sowas von die Speerspitze der neuen „Klassiker-Bewegung“. 😉 )

Kann es sein, dass tatsächlich nicht weniger nötig ist, als dass wir „unsere Gottesdienstkultur“ grundlegend verändern (lassen)? Denn hier irgendwo, das ahne ich, liegt der wahre Kern meines Unwohlseins. Wahrscheinlich hab ich gar kein wie auch immer geartetes Lieder(schatz)-Problem. Sondern ein Gottesdienst-Problem!

Schon lange treibt mich die Frage nach gegenwärtiger und vor allem zukünftig lebbarer Gestalt von Gemeinde um. Und je länger ich um Wege ringe und meiner Sehnsucht nachspüre, desto mehr denke ich: Was zählt, ist echte Gemeinschaft. Und worauf es weniger ankommt, das ist die immer weitere Optimierung von frontal ausgerichteten Veranstaltungsformaten.
In einem solchen Rahmen von geteiltem Leben sehe ich Chancen, dass wir uns gegenseitig unsere Liederschatzkisten öffnen. Dass alte und junge und mittelalterliche Menschen sich wirklich interessieren für die geistlichen Reichtümer, die die Geschwister für sich erobert (oder geschenkt bekommen?!) haben.

Wenn ihr diesen Blog weiter verfolgen werdet: Bei diesen brennenden Fragen und dieser brennenden Sehnsucht nach Gemeinde/Gemeinschaft finden wir uns sicher noch öfter wieder … 😉

Aber für heute würde es mich freuen zu lesen, was ihr so denkt zu den Liedern und Schätzen und Projekten. Und was ihr so singt … 🙂

5 Gedanken zu „Mein persönliches Liederschatzproblem“

  1. Coole Sache, das mit dem Blog, Astrid!
    Aber nun zum Thema:
    Ich mag ehrlich gesagt, manches alte Gesangbuchlied lieber als die „neuen“ (wobei neu hier sehr breit ausgelegt wird…). Und schön ist es auch, wenn die alten Lieder mal musikalisch aufgepeppt daher kommen. Aber wichtiger als die Frage nach der Liederauswahl, finde ich, und da schließe ich mich Dir an, was in unseren Gottesdiensten erlebbar gemacht wird. Sind wir eine Wohlfühlversammlung? Oder arbeiten wir unser frommes Programm ab? Freut sich Gott eigentlich darüber, wie wir Gottesdienst feiern? Feiern und dienen wir Gott damit überhaupt? (so wie es der Name sagt)
    Mir fehlt oft die spürbare (hörbare) Leidenschaft in dem Ganzen. Es kann nur lebendiger und echter werden, wenn sich mehr Leute öffnen und die anderen an ihren persönlichen Glaubenserfahrungen, positiver wie negativer Art, teilhaben lassen. Sei es in Bezug auf Lieder, Gebet oder die Bibel.
    Dafür eine Grundlage zu schaffen, dass sich Menschen so frei und angenommen fühlen, auch im Gottesdienst vor der ganzen Gemeinde, Persönliches zu teilen, das sehe ich als eine große Herausforderung für die traditionellen Kirchen.

  2. Also… Ich habe ein paar Tage meinen Gedanken zu dem Thema nachgespürt. Und mal die Homepage des Projektes durchgelesen. Putzig finde ich es ja schon, in unserer Gemeinde gibt es ab und zu ein Quoten-Neues-Lied. In den Freikirchen offensichtlich statt dessen den Quoten-Choral. Und wie Meike bin ich auch der Meinung, dass wir unsere Lieder manchmal eher „runtersinken“, als Gott damit zu loben. Letzten Sonntag war ich in Meißen im Godi, an der Stelle, wo die Lerbecker „allein Gott in der Höh'“ singen, wurde dort „Großer Gott wir loben dich“ gesungen. Und prompt bin ich durcheinander gekommen. (mal ganz davon abgesehen taugt „Allein Gott…“ Zum Agathe-Bauer-Song. Ihr wisst, was ich meine?)
    Ich meine, alte und neue Lieder haben ihre Berechtigung. Konfis überfordert man aber oft damit, das schon zu erkennen, weil einfach noch die Lebenserfahrung fehlt, um das Potential zu entdecken.
    Wichtiger als die Frage nach dem Alter des Liedgutes finde ich, wie sprechen die Lieder die Singenden an, bleibt das auf der Ebene des einfach mitmachend oder gehen sie ins Herz, Meike nannte es Leidenschaft. Genau richtig, die fehlt oft.
    Ich persönlich bin ein Fan von Crossover, in Hannover haben wir beim Willow-Creek Kongress eine (piep, böses Wort) geile Version von „Großer Gott, wir loben dich“ gesungen, die Amerikaner singen das als Hymne und waren ganz erstaunt, dass das ein alter deutscher Choral ist, da war Leidenschaft, da wurde gelobt, was das Zeug hielt. Da wurde bewusst gesungen, nicht abgespult.
    Wichtiger als das Entstehungsjahr ist aber auch, dass ein Lied singbar ist, auch für mäßig musikalisch begabte Menschen. Die hören sonst gern mal nur zu. Ich hör jetzt auf, sonst wird das hier eine Doktorarbeit 😉

  3. Also, was ein „Agathe-Bauer-Song“ ist, musste ich erstmal rausfinden. Aber jetzt, wo mir das klar ist, weiß ich glaub ich, was du meinst: „Alfred“ ist das Stichwort, oder? 😉

    Cool, Anja, dass du so engagiert dabei bist! Und keine Sorge: Ich würde selbst eine Doktorarbeit von dir gerne lesen … 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.