Pro-Asyl-Brief

Niemand wird tun, was wir nicht tun?!

Mein Soundtrack der vergangenen Woche war der nicht mehr ganz neue, aber nach wie vor großartige Soul-Song „Niemand“ von Joy Denalane.
Mal von der starken Ohrwurm-Musik abgesehen, finde ich den tiefsinnigen Text richtig groß. Mindestens jeden zweiten Satz könnte ich mir gerahmt (oder gesprayt, falls ich Gunnar überzeugen könnte *g*) über unserem Sofa vorstellen.

Hört mal selbst:

Total gut, oder?

Ich bleibe immer schon am Anfang hängen und denke an mein persönliches und unser gesellschaftliches (und übrigens auch gemeindliches) „Immer-mehr-Zeug-immer-weniger-Zeit“-Problem.
Und, wow, was kommt dann für eine Anfrage?! An uns, die wir uns auf Gott, die Liebe selbst, berufen:

Können wir Liebe predigen, wenn uns der Glaube teilt?

Worauf ich heute aber hinauswill, das wurde mir klar, als ich gestern einen Brief von Pro Asyl aufgemacht habe.
Ehrlich gesagt hat mich schon das Öffnen des Briefes Überwindung gekostet. Und zwar aus dem gleichen Grund, warum ich mir schon lange kaum noch Fernsehnachrichten gebe.
Ich fühle mich überfordert! Es kostet mich Kraft hinzusehen. Ich würde das Thema Flüchtlinge, zumindest auf der großen, politischen Ebene, am liebsten verdrängen. Und mir einreden, dass das schon irgendwie richtig ist, wie die Dinge gerade laufen und dass ich ja sowieso nur meinen kleinen Teil vor Ort beitragen kann …

Wie lang sind wir sehenden Auges stumm?

Aber bei allem Weggucken bleibt da diese Ahnung: Was da gerade passiert, geht gar nicht …
Und sobald ich mich den Nachrichten doch ein bisschen mehr aussetze, wird die Ahnung sofort zur Gewissheit. Wenn ich hinschaue, dann kann ich „eigentlich“ nicht mehr still zusehen. Denn dann kann ich mir das nicht mehr schöndenken. Dann sehe ich es mit eigenen Augen:

Es geht ja nicht um ein Flüchtlingsthema! Es geht um Menschen!
Um Menschen, die in Lagern festgehalten werden, oft unter erbärmlichen Bedingungen. Männer, Frauen, Kinder. Echte Menschen, deren größtes Verbrechen darin besteht, dass sie nicht in ein so privilegiertes Land hineingeboren wurden wie ihr und ich.

Menschen, deren Asylantrag niemals individuell geprüft werden wird, sondern die wo immer möglich in den „Sicheren Drittstaat“ Türkei abgeschoben werden sollen. Hm, wie drücke ich es aus … – Mein Vertrauen darauf, dass dort in der Türkei eine faire, menschenwürdige Behandlung oder gar ein ebensolches Asylverfahren auf sie wartet, ist, ich sag mal … nicht übertrieben groß.

Können wir noch länger hadern und meinen, es liegt nicht bei uns?
Können wir das Unrecht nur benennen und doch leben von seiner Gunst?

Ja, „eigentlich“ kann ich nicht mehr still zusehen. Aber – und da nähern wir uns wohl einem Kern der Problematik: Natürlich hab ich auch kein Patentrezept.

Was ist denn die Alternative zum EU-Türkei-Deal? Soll Angela Merkel nochmal sagen: „Kommt alle zu uns. Wir schaffen das!“?

Ein sehr großer Teil von mir sagt: JA!! Das wäre das einzig richtige. Und JA, wir müssen das schaffen in unserem großen, reichen, privilegierten, ach so moralisch hochtrabendem Land! Wie können wir für uns ein Leben in Saus und Braus beanspruchen? Obwohl wir wissen (oder wissen könnten), dass unser Wohlstand an so vielen Stellen auf Kosten ärmerer Länder geht?

Aber ja –  es gibt auch eine andere, ziemlich leise Stimme in mir. Die fragt: „Was schaffen wir wirklich?“
Wie viel Kräfte haben wir? Dürfen (oder müssen?!) wir uns nicht auch irgendwo abgrenzen? Als Gesellschaft genauso wie als Einzelne?
Ist es legitim, diese Parallele zu ziehen zu dem Engagement Einzelner? Ja, auch die einzelne Flüchtlingshelferin vor Ort muss sich irgendwo abgrenzen. Obwohl sie sieht, wie viel andere noch ihre Hilfe brauchen würden.
Das ist eine schmerzliche Wahrheit: Es gibt immer noch mehr schreiendes Elend, als wir bekämpfen können.

Niemand wird tun, was wir nicht tun.

Das tut weh, denn es stimmt oft! (Aber Gott sei Dank stimmt es ja auch nicht immer …)
Und jaha – die „Meine-Kräfte-sind-begrenzt“-Einsicht darf natürlich keine Entschuldigung sein, gar nichts zu tun! Aber erlaubt diese Einsicht nicht doch, das eigene Engagement auch aus den Ressourcen heraus zu definieren und nicht nur aufgrund des (immer die eigenen Kapazitäten übersteigenden!) Bedarfs??

Das sind große Fragen.

Und wisst ihr was? Ich hab die Antwort nicht.

Und wisst ihr noch was? Ich denke, es gibt gar keine einfachen Antworten. Ich fürchte, dass wir diese Dilemmata aushalten müssen. Dass wir zugeben müssen, keine Lösung zu haben. Dass wir Leuten widersprechen dürfen, die es sich – auf der einen oder auf der anderen Seite – zu einfach machen. Und ich glaube, dass wir auch den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zugestehen sollten, keinen Masterplan zu haben – dann müssten diese uns auch nicht ständig für dumm verkaufen.

Ja: Es wäre schöner, es wäre bequemer, jetzt einen beruhigenden, abschließenden Satz zu finden. Aber ich muss mir noch ein letztes Mal Joy Denalanes Worte leihen:

Ich glaub nicht mehr, dass das geht.

4 Gedanken zu „Niemand wird tun, was wir nicht tun?!“

  1. „Und ich glaube, dass wir auch den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zugestehen sollten, keinen Masterplan zu haben – dann müssten diese uns auch nicht ständig für dumm verkaufen.“

    — das sehe ich genauso, der „wutbürger“an unseren geliebten ländlichen stammtischen, der über alles meckern, aber auf nix verzichten kann , der geht mir reichlich auf die nerven.
    — ich denke, mit dem flüchtlingsproblem bekommen wir die rechnung fürs wegschauen (in syrien z. b. hätte man schon mal was sagen können wo das thema mit den chemiewaffen aufkam und sich nicht immer hinter dem amerikaner verstecken müssen)
    — auf der anderen seite ist das der lauf der dinge, krieg und flucht wird es immer geben
    — wenn man jetzt mal in die bibel schaut, könnte man wahrscheinlich recht konkrete antworten und lösungen finden (barmherzigkeit usw…)
    — meine antwort: wenn ich kapazitäten habe, dann sollte ich hinschauen und tätig werden, aber nobody is perfect 😉

    1. Hallo JAZ, danke für’s Mitreden! 🙂

      „— wenn man jetzt mal in die bibel schaut, könnte man wahrscheinlich recht konkrete antworten und lösungen finden (barmherzigkeit usw…)“

      Tja, das ist ja eben der Punkt, an dem ich hänge:

      Ich schau ja schon des öfteren mal in die Bibel *g* – und ich geb dir total Recht mit deiner Schlussfolgerung für das eigene konkrete „Tätig-werden“. Aber ist die Antwort für die größere, politische Ebene tatsächlich auch so klar? Was heißt das denn z. B. für den EU-Türkei-Deal und für die Flüchtlinge, die im Moment festsitzen und für all die Menschen, die darüber hinaus noch Schutz nötig haben?
      Vielleicht ist die Antwort tatsächlich so klar. Und ich ahne ja, dass wir wirklich radikal umdenken müss(t)en, auch im Großen …

      Aber wenn ich die konkrete Situation in der Flüchtlingshilfe vor Ort z. B. in meiner Kommune sehe und auch die Gesamtstimmung in der Bevölkerung, dann frage ich mich schon: Wieviel ist noch machbar?

      Vielleicht ist diese Frage schon unzulässig … Aber sie ist trotzdem da bei mir. Und das zuzugeben gehört vielleicht auch zum „Hinschauen“.

      Liebe Grüße! 🙂

  2. Was ich in letzter Zeit immer häufiger spüre, vor allem wenn ich die Nachrichten höre, ist ein Gefühl der Ohnmacht. Wie jetzt auch nach diesem vollkommen sinnlosen Mord an der englischen Politikerin, die doch nichts weiter getan hat, als für ihre Überzeugungen einzustehen.

    Das paradoxe ist, das Gefühl der Ohnmacht gegenüber etwas, das man (vermeintlich oder tatsächlich) nicht beeinflussen kann, das gestehe ich durchaus auch den „Wutbürgern“ zu. Sie ziehen bloß meiner Meinung nach die absolut verkehrten Schlüsse daraus.

    Ich verändere eine Situation nicht, indem ich sie wahlweise ignoriere, andere beschimpfe oder gar gewalttätig werde. Wenn die „Wutbürger“ nur einen kleinen Teil ihrer ver(sch)wendeten Energie nutzen würden, um mit dem Rest der Gesellschaft an EINEM Strang zu ziehen, ginge es voran und jeder einzelne bräuchte nicht solche Wahnsinnsanstrengungen vollbringen.
    Sie tun es aber nunmal nicht.
    Und da kommt der Punkt mit dem Aushalten ins Spiel, der auch für mich manchmal nur schwer zu ertragen ist.

    Ich sage mir aber immer wieder: wenn ich nicht mit meinen Kräften haushalte, und dann irgendwann ganz auf der Nase liege, oder sogar mal angegriffen werde, nutzt es auch niemandem. Denn ich habe nicht nur dem Elend der Welt gegenüber eine Verantwortung, sondern auch meinem Mann und meinen Kindern gegenüber.
    Wenn ich die auch ernst nehme, bleibt mir nichts als das Meine tun, den Rest aushalten und „nach oben“ abgeben.

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