Die heilige Hedwig

Anfang der Woche war ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Polen. Wir waren wenn man so will auf den Spuren unseres eigenen „Migrationshintergrundes“ unterwegs. Haben die schlesischen Dörfer besucht, aus denen meine Großeltern stammen. Haben im Geburtszimmer meines Vaters gestanden. Haben manches nachvollzogen von der bedrückenden Fluchtgeschichte.

Am Tag darauf gab es dann das großstädtische Kontrastprogramm im sommerlichen Breslau.
Nachmittags war ich einige Stunden lang allein in der Stadt unterwegs. Ich bin durch die Straßen gestreunert, habe die Sonne auf mich scheinen und die Eindrücke auf mich regnen lassen. An allen Ecken Spuren der wechselvollen Geschichte …

Und an allen Ecken Kirchen! In fast jede, bei der ich vorbeikam, hab ich wenigstens einmal kurz reingeschaut. Und so war ich in mindestens sieben verschiedenen Gotteshäusern innerhalb weniger Stunden.
Das war eine merkwürdige Erfahrung. Fast überall war mein vorherrschender Eindruck: Befremdung.

In der barocken Universitätskirche fühlte ich mich erschlagen. Jeder Winkel voll mit (zweifellos sehenswerten) Gemälden und Verzierungen und Schnörkeln. Schön, sicher. Aber überladen, überfrachtet.

Und dann der Dom! Düster und beklemmend. Schwere Fahnen im Mittelgang. Beeindruckend und bedrückend. Gewaltig und gewichtig. Definitiv kein Ort zum Wohlfühlen.

St. Maria auf dem Sande, eine schlichte Gotikkirche, war mir da auf den ersten Blick sehr viel näher. Aber dann betrat ich eine Seitenkapelle, in der eine große bewegliche Krippe aufgebaut war. Und irgendwie war da auch noch sehr, sehr viel anderes, was mich anglitzerte und anblinkte. Und abstieß! Leuchtende, seichte Jesusbilder. Ein beweglicher Papst. Das alles gruselig musikalisch untermalt. So viel heftigster religiöser Kitsch auf so engem Raum. Ich bin rückwärts wieder rausgegangen.

Nun bin ich ja nicht das Maß aller Dinge. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker. Es gibt eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen und Spiritualitätspraxis. Gott sei Dank!
Und ja, ich bin sowieso gerade gut im Dekonstruieren von Glaubensausprägungen. Und mir ist bewusst, dass ich die positiven Gegenbilder noch zu oft schuldig bleibe.

Aber ich fand das schon irgendwie merkwürdig.
Plötzlich kam mir ein verrückter Gedanke: Wie würde das wirken, wenn dieser jüdische Wanderprediger aus Nazareth, in dem wir Christinnen und Christen ja verrückterweise Gott höchstpersönlich zu begegnen glauben, mit seiner SchülerInnentruppe in eine solche Kirche gekommen wäre? Wie hätten sie ihm gefallen, die weißen, europäischen Jesusse an den Wänden? Was hätte er gesagt zu den prunkvollen Bauten?

Ich weiß es natürlich nicht.
Aber der Eindruck, dass Jesus in seinem eigenen Haus fremd wäre, den konnte ich nicht verscheuchen.
Ist das nicht spannend?! Wie in 2000 Jahren aus der kleinen Bewegung von Jesus-NachfolgerInnen all diese Strukturen und Systeme und Gebäude wurden. Wie immer mehr innere und äußere Überbauten entstanden: Aus Steinen und aus Regeln, aus Traditionen und aus vergoldeten Schnitzereien.

Ich bezweifel nicht, dass es Menschen gibt, die sich wohlfühlen und die ernsthaft (und vielleicht sogar fröhlich?) glauben. In diesen Kirchengebäuden, die mich beklemmen. In den kirchlichen Strukturen, die ich als hemmend empfinde. Vor solch blinkenden Ikonen, die mich abstoßen.

Wie gesagt, ich bin nicht das Maß der Dinge. Aber ich bin doch auch nicht allein mit meinen Anfragen, mit meiner Sehnsucht …
Und mit meinem Glauben an einen Jesus, der dort war, wo sich das echte Leben abgespielt hat. Der mit Menschen gegessen und gefeiert hat. Der Bilder aus dem Alltag benutzte und dessen Relevanz für eben diesen Alltag offensichtlich war. Spürbar. Erlebbar.

Und heute? Kommt es mir so vor, als müsste erst durch ein Labyrinth an kulturellen Unverständlichkeitshindernissen hindurch herbeierklärt werden, dass diese Sache mit Gott auch jenseits der Kirchenmauern Bedeutung haben könnte …

Zu diesen Überlegungen passt mein schönster Kirchen-Moment an diesem Breslau-Nachmittag.
In der Kreuzkirche gab es eine Ausstellung über die heilige Hedwig. Ich habe die Exponate – vor allem Gemälde – zunächst gar nicht bewusst wahrgenommen. Bis mein Blick plötzlich hängen blieb an vier Bildern von Artur Grzegorz Lobusch. Anstelle von verklärender Heiligenikonographie setzt er die alten Legenden in Beziehung mit dem ganz realen Leben heute.

Und so war ich plötzlich angezogen von seiner Darstellung der „heiligen Hedwig von Schlesien“. Oder besser: Von den zwei heiligen Hedwigs …
Da hängt ein Bild der Heiligen Hedwig im Hintergrund an der Wand. Und vorne sitzt die heilige Hedwig von heute. Eine ältere Frau, wie wir sie im Geburtsdorf meines Vaters hätten treffen können. Echt und lebendig und faltig. Nicht spektakulär. Nicht vergoldet.

Das hat mich angerührt.
Im faltigen, erbärmlich unspektakulären Alltag hat das Heilige seinen Platz.

Das könnte man vielleicht ernüchternd finden.
Ich aber finde es anziehend. Verheißungsvoll!
Dort, in Hedwigs Küche, ist Kirche. Dort ereignet sich Glaube.
Und ich denke: Wenn das nicht auch in unseren Küchen geschieht, dann bleiben die altehrwürdigen Kirchenräume – in mehrfachem Sinn – leer.

„Gemeinde entwickeln“ – Wieso, weshalb, wohin?

Letzte Woche Freitag hatte ich im Rahmen meines Theologie-Studiums eine mündliche Prüfung im Modul „Gemeinde entwickeln“.
In der Vorbereitung für die fünfzehn Minuten Prüfungsgespräch habe ich mir mehr als fünfzehn Stunden lang nochmal alles Mögliche (und auch manches Unmögliche …) reingezogen, was hierzulande in den vergangenen fünfzig Jahren so zum Thema „Church growth/Gemeindeaufbau/Gemeindeentwicklung“ angesagt war.

Das war weit, weit spannender, als ich vorher befürchtet hatte! 🙂
Und tatsächlich musste so manches arrogant-halbwissende Vorurteil weichen. Denn nein – es ist wohl doch nicht alles, was es da so an Konzepten gibt, nur technokratisches Machbarkeitswahn-Zeug für Leute, deren Herz deutlich mehr für BWL als für Theologie schlägt. 😉
Ich habe also mit großem Gewinn gelesen. Und nachgedacht. Und weitergelesen. Und mitunter sogar ansatz- oder probeweise umgedacht.

Und trotzdem bin ich pausenlos an meinem grundlegenden „Gemeindeproblem“ hängen geblieben. Habe mich immer und immer wieder verheddert in meiner kleinen pessimistischen Sicht auf „Gemeinde“! (Diese meine subjektive Sicht hat sich seit dem etwas waghalsigen und ziemlich düsteren Fazit nach dem Emergent-Forum im letzten Jahr noch nicht signifikant aufgehellt.)

Warum will ich denn „Gemeinde entwickeln“? (Bzw. warum sollte ich es wollen? *g*) Wieso? Weshalb? Und vor allem: Wohin soll (s)ich die Gemeinde entwickeln?
Ich vermute, die meisten „Gemeindeaufbauer“, von denen ich gelesen habe, würden als Antwort auf die Warum-Frage unterschreiben: „Damit viele Leute zum Glauben an Jesus finden“.
Aber was macht denn diesen Jesus-Glauben, die Jesus-Nachfolge aus? Gemeinde-Mitgliedschaft? Gemeinde-Mitarbeit?
Geht es etwa bei Jesus in erster Linie darum, dass Menschen – um mal ein Beispiel aus Rick Warrens Buch „Kirche mit Vision“ zu betrachten – aus der „suchenden, kirchendistanzierten Gesellschaft“ ganz am Rande des Schaubildes in die Mitte kommen, nämlich in den „Kern der Gemeinde“?? – Nein, oder?!! Jedenfalls doch um Gottes Willen nicht als Selbstzweck!

Mal abgesehen von der gruselig-richtenden Abstufung von „ganz draußen“ über „ein bisschen dabei“ bis zum (selbst-)gerechten „vollwertigen Gemeindekernmitglied“, die mir aus diesem Modell entgegenschlägt: Call me cynical – aber ich bin schon lange nicht mehr sicher, ob ich fröhlichen, gesunden, kirchendistanzierten Menschen wirklich pauschal wünsche, in den „Kern“ einer Gemeinde zu geraten …

Klar! Ich wünsche allen Menschen Jesus-Begegnungen! Ich wünsche allen, dass Gott sie begeistert, dass ihr ganzes Leben durchdrungen und auf den Kopf gestellt wird von Gottes Geistkraft.
Aber ist der Ausgangspunkt und vor allem ist der Zielpunkt des Jesus-Glaubens, der Jesus-Nachfolge wirklich eine „klassische Gemeinde“ mit ihren Gremien und Gebäuden und Gruppen?
Ich merke überdeutlich, dass ich diese Frage nicht mehr bejahen kann. Mir liegen neue Formen, missionale Überlegungen, Fresh-X-Versuche so viel näher …  Immer noch und immer wieder (und immer mehr) hege ich den Verdacht, dass „herkömmliche“ Gemeinden häufig nicht nur nicht förderlich sind für die Jesus-Nachfolge ihrer Mitglieder, sondern geradezu hinderlich.

Nun muss ich der Fairness halber wohl noch anmerken, dass sich Rick Warren in Teil 4 seines Buches „Kirche mit Vision“ (Überschrift: „Holen Sie die Menschen aus Ihrem Umfeld in die Gemeinde“(…!)) ausdrücklich dagegen wendet, einen Gegensatz aufzubauen zwischen – ich nenn es jetzt mal – „Komm-Struktur“ und „Geh-Struktur“. (Manchmal ist es eben doch hilfreich, in einem Buch mehr wahrzunehmen als die fragwürdigen Schaubilder. *g*) Er fasst es dann so zusammen, wie beide Pole in seiner Gemeinde ineinanderspielen:

Wir sagen: „Kommt und seht!“ zu unserer Umgebung, aber zu unserer Kerngemeinde sagen wir: „Geht und erzählt!“

Ich kann es noch nicht ganz genau fassen. Aber was mich daran (ver-)stört, liegt wohl irgendwo in dieser uneingeschränkt positiven Sicht auf die Gemeinde und auf uns ChristInnen. Als würden Menschen automatisch Jesus begegnen, wenn sie in das Haifischbecken Gemeinde eintauchen! Als wären wir Jesus-Leute tatsächlich per se so anziehend …

Nein! Sondern Jesus selbst ist doch der Anziehende! Nur durch ihn macht irgendein Gemeinde-Sein Sinn. Und nur er selbst kann Menschen in seine Nachfolge rufen. Und deshalb kann doch so ein „Komm und sieh!“ niemals ein Ruf „in die Gemeinde“ sein, sondern nur eine Einladung zu Christus selbst.
Hm. Idealerweise hätte das beides miteinander zu tun. 😉 Aber ganz deckungsgleich ist es doch wohl nie …

Puh. Keine Ahnung, ob sich euch meine wirren Gedanken gerade erschließen. 😉 Aber wenn ihr bis hier durchgehalten habt, dann seid ihr sicher auch noch bereit für die abschließende Frage: Und jetzt?
Wie geht es jetzt weiter??
Mit mir und der Gemeinde und all den Fragen?

Ich weiß es nicht. Noch immer nicht.

Vielleicht sollte ich tatsächlich öfter mal wieder „eine Gemeinde besuchen“?! Anstatt aus meiner „suchenden, kirchendistanzierten“ 🙂 Perspektive heraus (Ver-)Urteilendes zu schreiben über „Die-da-drinnen“ …

Sicherlich könnte es auch nicht schaden, nochmal gründlich(er) in die Bibel zu gucken und der Frage nachzugehen, wie (bzw. ob?! *g*) denn Jesus-Nachfolge dort in Beziehung steht mit dem, wie sich Gemeinde heute darstellt.
Womit dann wohl auch bald die grundlegende systematische Fragestellung auf dem Tisch wäre: Nämlich die nach dem eigentlichen Wesen von Gemeinde. Was macht denn Gemeinde aus? Was sind ihre Kennzeichen? Was ist ihr Auftrag?

Ach ja … – das klär ich dann alles kurz im Wintersemester im Modul „Missionarischer Gemeindeaufbau“. 😉 (Ursprünglich hatte ich dieses Modul tatsächlich nur gewählt, weil ich alle Credits brauche, die ich kriegen kann und weil es noch in den Plan passte. Aber seit letzter Woche werde ich den Verdacht nicht los, dass es mir inhaltlich vermutlich doch mehr als gut tun wird … 😉 )

Und bis dahin freue ich mich daran, dass ich nicht alleine bin mit meinem Unterwegs-Sein, mit meinem Suchen, mit meiner Sehnsucht.

Immer wieder stoße ich auf Erfahrungsberichte von Leuten, die sich einen Raum erobert haben, in dem sie christliche Gemeinschaft ganz neu (oder ganz alt *g*) zu leben versuchen. Oder die an ähnlichen Stellen ringen und fragen. (Meinen größten diesbezüglichen „Ja-genau!“-Moment hatte ich in letzter Zeit bei diesem Kirchentags-Rückblick auf relevanzvakanz.wordpress.com. Sehr lesenswert!)

In diesem Sinne feiere ich auch schon seit Monaten das aktuelle Buch „Es ist kompliziert“ von Rachel Held Evans. Ständig finde ich mich dort wieder! Vielleicht krieg ich es ja bald mal gebacken, euch das Buch vorzustellen und ein paar der großartigen Gedanken mit euch zu teilen. Als Teaser – und als ziemlich treffender Abschluss dieses Posts – kommt hier schon mal so ein „Das-spricht-mir-aus-der-Seele“-Zitat:

„Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie das geht, ohne den alten zu verdammen, ohne ihn in Grund und Boden zu brüllen, meine Unabhängigkeit zu erklären und dann so schnell ich kann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.“

Vielleicht findet Rachel Held Evans es ja vor mir heraus …
Oder aber ihr bringt mich in den Kommentaren oder (noch besser!) in einem Real-Life-Gespräch von meinen Anti-Gedanken zurück „auf den richtigen Weg“ …? 😉
Herzliche Einladung! 🙂

 

 

Beitragsbild: MichaelGaida/pixabay

Ein Link zwischendurch

Ich bin auf den letzten Lerntunnel-Metern für meine Sommersemester-Prüfungen.
Und damit es hier nicht ganz so still ist, kommt heute mal ein Loop, äh – Link zwischendurch. 🙂

Falls ihr es noch nicht kennt, empfehle ich euch, unbedingt mal Das Bibel Projekt wahrzunehmen.
Was das ist? Auf der Homepage wird es so erklärt:

„Das Bibel Projekt“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, biblische Erzählungen und Themen in kurzen, kreativen Videos anschaulich zu vermitteln. Diese Videos helfen dir, den Aufbau eines biblischen Buches oder ein biblisches Thema besser zu verstehen und anderen weiterzugeben!“

Das Projekt kommt ursprünglich aus den USA. Auf www.thebibleproject.com liegen im englischsprachigen Original bereits Videos zu allen biblischen Büchern vor. Außerdem gibt es zahlreiche Themenvideos. Und all diese Ressourcen sollen jetzt nach und nach auch auf deutsch verfügbar gemacht werden.

Ich war am Anfang etwas skeptisch. Zur grundlegenden (und ja, selbstverständlich hinterfragungswürdigen! *g*) „Was-kann-aus-den-USA-schon-Gutes-kommen?“-Arroganz kam nämlich die Tatsache, dass ich gleich beim ersten Video, das ich gesehen habe, inhaltlich was zu meckern hatte.

Glücklicherweise hab ich dem Ganzen vor meiner NT-Prüfung Anfang des Jahres noch eine Chance gegeben. 🙂 Und siehe da: Ich habe extrem davon profitiert und musste mein Vorurteil revidieren … Und auch jetzt, in der Vorbereitung für meine AT-Prüfung liebe ich die Videos als Ergänzung zu all der Leserei.
Das Material ist tatsächlich unglaublich hilfreich für einen soliden Bibelkunde-Überblick. Es ist grandios gemacht! Und dass es kostenlos im Netz verfügbar ist, ist natürlich super.

Klar: Über das eine oder andere könnte man diskutieren. (So wie über das eine oder andere bei gedruckten Bibelkunden auch.) Manch eine/r würde vielleicht sogar die Grundthese der beiden Projektleiter Tim Mackie und Jonathan Collins kritisch bedenken wollen: Die Bibel, so erläutern die zwei am Ende der Original-Videos häufig, sei „one unified story“ und diese wollten sie durch ihre Arbeit sichtbar machen.

Aber seien wir mal ehrlich: Solche Diskussionen werden deutlich fruchtbarer (und vielleicht überhaupt erst sinnvoll), wenn man sich mit der Materie auskennt. 😉
Und für eben dieses Überblick-Verschaffen kenne ich im Moment nichts vergleichbar Gutes!

LesenBetenLiebenVerändern … mit Magdalena Onyango

Magdalena Onyango // 30 Jahre alt // lebt mit ihrem aus Kenia stammenden Mann und einjährigem Sohn in Paderborn //  Katholische Theologin und Bildungsreferentin beim Internationalen Hilfswerk missio // leidenschaftliche Pianistin

LESEN:

Emails, Hausarbeiten, Facebook-Posts, Briefe, Rechnungen, vielleicht die ersten drei Abschnitte eines Magazin-Artikels, bis das Kind wieder wach ist. Viel ist es nicht, was ich zur Zeit lese – höchst selten ist es Lesen aus Muße. Als „working mum“ mit Mann in Ausbildung und ohne Oma oder Kindermädchen um die Ecke beschränkt sich das Lesen auf das Notwendigste.

Lesen hat für mich mit unserem aufgeweckten kleinen einjährigen Weltentdecker eine übertragene Bedeutung bekommen. Ich LESE Essensreste unter dem Esstisch auf, ich LESE Spielzeug und geradezu alles, was nicht fest verankert ist oder mindestens auf einem Meter Höhe verstaut ist, in der ganzen Wohnung auf. Und wenn der Entdeckergeist des kleinen Mannes allzu tollkühn wird, muss ich ihm manchmal auch die Leviten LESEN. Vieles, was in der Welt der Erwachsenen kaum Beachtung erhält, dürfen wir mit dem neugierigen Wicht in allen Einzelheiten durchBUCHstabieren.

Lesen ist für mich aktuell also selten zweidimensional, schwarz auf weiß, sondern meistens dreidimensional, aktives Tun. Ein Kleinkind spornt dazu an, nicht zu lesen, sondern selbst Geschichte zu schreiben.

BETEN:

Mir gefällt der Gedanke, dass auch mein Gebet nicht zweidimensional, also nicht nur geschrieben oder gedacht, sondern dreidimensional ist und mitten ins Leben hineinwirkt und es verändert. Ich versuche so zu leben, als wäre jede Handlung meines Lebens aktives Gebet. Kontemplation in Aktion.

Wie friedvoll wäre die Welt, wenn alle Menschen jede Tätigkeit ihres Lebens als den Ausdruck ihres ureigenen Gebets zu Gott verstehen würden.

Charismatiker der Gegenwart und der Geschichte sind oft tiefgründige BeterInnen.  Sie wirken so beeindruckend, weil sie ihr Gebet authentisch in ihr tätiges Leben übersetzen.

Würde ich mein „Lebensgebet“, also mein tägliches Tun, niederschreiben, kommt ganz gewiss kein seligmachendes Glaubensbekenntnis heraus. Mein „Lebensgebet“ ist oft nicht mehr als ein undurchsichtiges Stückwerk. War nicht auch Jesu Leben bis zum Tag seiner Auferstehung ein Stückwerk ohne letzte Sinnhaftigkeit?

LIEBEN:

Wenn die Liebe Gottes durch mein tägliches Tun durchscheint, wird mein Leben zum Gebet. Es kommt auf die Haltung an, mit der ich die Steuererklärung anfertige, mit der ich die Mail an den Kollegen verfasse.  Manchmal geht es zugegeben einfach nur darum, zu funktionieren. Die To-Dos abzuarbeiten, den Laden am Laufen zu halten. Aber auch das gehört dazu aus Verantwortung, aus Liebe zur Familie und zum Leben. Und manchmal passiert es dann wirklich, es scheint Göttliches in meinem Lebensgebet auf, z.B. wenn unser kleiner Sohn mich mit nimmt in seine Welt, die ganz im Hier und Jetzt spielt. Wo Zeit keine große Rolle spielt und das kleine Wunder, die Pusteblume im Garten, zum Mittelpunkt der Welt wird.

VERÄNDERN:

Wenn mein Gebet dreidimensional ist, also mitten ins Leben hineinspielt, das Leben auch mal durcheinanderwirbelt, hat es Kraft, mein Leben, ja, die Welt zu verändern. Auch Jesus hat Geschichten mitten aus dem Leben erzählt und damit die Menschen aus ihrem täglichen Trott zum Umdenken aufgeweckt. Beim Abendessen diskutieren wir oft über weltweite Gerechtigkeit; denken an die Familie und die Freunde meines Mannes in Kenia; können oft nur aus der Ferne teilhaben; träumen davon, die kenianische Lebensfreude, das Gottvertrauen und die Unverkrampftheit nach Deutschland zu importieren; schätzen zugleich die Sicherheit, Berechenbarkeit und Planbarkeit in Deutschland.

Es gibt viel zu verändern. Jesu Geschichten, mitten aus dem damaligen Leben gegriffen, geben uns eine Richtung. Nicht jeden Tag folgen wir der Spur. Auch Ohnmacht, Aushalten und Ausharren verlangt das aktive Gebet. Allein das Wissen darum, dass das Gebet nie enden wird, gibt Kraft, die immer durch trägt.

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In der Serie LesenBetenLieben sind Menschen zu Gast, die ich gerne mag. Und sie teilen ihre Gedanken und/oder Erfahrungen in Sachen readpraylove mit uns. Vielen Dank, Magdalena, dass du dir Zeit genommen hast für diese starke Folge! 🙂

LesenBetenLieben – Mittwoch geht’s weiter!

Am Mittwoch geht die LesenBetenLieben-Serie in die fünfte Runde.

Das freut mich!
Zum einen, weil man jetzt langsam mal wirklich zu Recht von einer „Serie“ sprechen kann. 🙂 Und zum anderen, weil es einmal mehr großartig wird. 😉

Mit Magdalena Onyango ist zum ersten Mal eine katholische Theologin zu Gast.
Magdalena arbeitet für das Hilfswerk missio. Und auch ihr „privates“ Interesse und Engagement gilt Fragen rund um globale Gerechtigkeit. So veranstaltete sie zum Beispiel mit ihrer Band „Gegenwind“ schon mehrfach Benefizkonzerte für Hilfsprojekte im ländlichen Raum Kenias. Diese Projekte initiierte Magdalena gemeinsam mit ihrem Mann, der gebürtig aus Kenia stammt.

Apropos: Man kann von Glück sagen, dass sie diesen Mann geheiratet hat. Denn durch ihn, der ein Jahr lang in unserer Familie Aupair war, haben wir uns überhaupt erst kennengelernt.
Wie gut für mich also. 🙂
Und wie gut für euch! 🙂
Denn Magdalenas LesenBetenLieben-Artikel, den ihr ab Mittwoch hier lesen könnt, hat es echt in sich!

Komm, heiliger Geist!

Vergangenes Wochenende war ich in Hermannsburg und habe am „Begegnungstag“ der Communität Koinonia teilgenommen.

Neben vielen bereichernden Begegnungen war mein Höhepunkt des Tages das Referat des Schweizer Theologen Walter Dürr unter der Überschrift „Re-imagining the church“ und die daran anschließende Gesprächsrunde. Das hat mal wieder so viel angestoßen und aufgewühlt auf meiner persönlichen kleinen „Ekklesiologie-Baustelle“, dass ich da jetzt richtig viel zu schreiben könnte … Mach ich aber nicht. 😉

Sondern ich lege euch zur Feier des (Pfingst-)Tages ans Herz, euch mal die Homepage des Studienzentrums für Glaube und Gesellschaft der Universität Fribourg anzuschauen, in dem Dürr arbeitet. Und da werdet ihr dann sofort stolpern über die hochkarätig besetzten Studientage zum Thema „Komm, heiliger Geist“, die dort in zwei Wochen stattfinden. Spannend! (Wenn das nicht so weit weg wäre und wenn ich nicht die ein oder andere Prüfung vor mir hätte, würde ich ja direkt in Versuchung kommen … 🙂 )

Was mich daran besonders bewegt: Im Rahmen dieser Studienkonferenz wird am 20. Juni ein Ökumenischer Gebetsgottesdienst stattfinden. – Und es ist so wunderbar zu lesen, wie breit das „Spektrum“ der Geschwister ist, die dort gemeinsam um Gottes Geist bitten werden: Der Evangelische Kirchenbund steht genauso dahinter wie die Schweizer Bischofskonferenz oder die Evangelische Allianz oder Campus für Christus.

Wow! Das wünsche ich mir auch für „die Szene“ in Deutschland, im Großen und im Kleinen.
Dass wir uns noch mehr einen lassen von Gottes Geistkraft.
Über Konfessionsgrenzen, über Stil- und Sprachbarrieren hinweg.
Und auch, dass wir theologisches Nachdenken und Forschen natürlich verbinden mit geistlicher Praxis, mit demütigem Sich-angewiesen-Wissen auf Gottes Geist.

In Verbindung mit dem bevorstehenden Gottesdienst wurde eine Gebetsliturgie veröffentlicht. Ich finde diese Zusammenstellung wunderschön; sie ist mir zum Pfingst-Gebet geworden. Besonders berühren mich die folgenden Sätze von Leonardo Boff.
Vielleicht sind das ja auch Worte, die eure werden wollen?!

KOMM, HEILIGER GEIST,
du Geist der Wahrheit, die uns frei macht.
Du Geist des Sturmes, der uns unruhig macht,
Du Geist des Mutes, der uns stark macht.
Du Geist des Feuers, das uns glaubhaft macht.
KOMM, HEILIGER GEIST,
du Geist der Liebe, die uns einig macht.
Du Geist der Freude, die uns glücklich macht.
Du Geist des Friedens, der uns versöhnlich macht.
Du Geist der Hoffnung, die uns gütig macht.
KOMM, HEILIGER GEIST!
(Leonardo Boff)
Beitragsbild: music4life/pixabay

Ahmads Lebenslauf

Letzte Woche.

Ich muss lernen. Und zwar dringend! Ende Juni ist meine Hebräisch-Prüfung. Ich bin katastrophal hinter meinem Lern-Plan.
Und ich weiß ja durchaus um die Lösung für das Problem …
Sie hat mit Disziplin zu tun. Und mit Prioritäten. Und sie ist an jedem neuen Tag umkämpft.

Da klingelt das Telefon. Es ist Ahmad*, ein afghanischer Bekannter, der mit seiner Frau Fatima* und den drei Kindern Ende 2013 nach Deutschland geflohen ist. Er brauche für seine Bewerbung einen Lebenslauf. Eigentlich noch diese Woche. Ob ich ihm helfen könne. „Aber nur, wenn du hast Zeit, Astrid.“

Habe ich Zeit?
Ja – natürlich habe ich Zeit! Wir alle haben Zeit. 24 kostbare Stunden an jedem einzelnen Tag.
Das ist viel und wenig zugleich.
Und ich muss (und ich darf!) entscheiden: Was ist jetzt richtiger? Was ist jetzt wichtiger?

„Ja“, sage ich. „Komm gerne vorbei. Aber ich habe nur eine Stunde – dann muss ich lernen!“ – Ahmad weiß, dass ich Hebräisch lerne. Seitdem ich versuche, mich in diese neue Schrift, diese fremden Wörter, dieses ungewohnte Denken reinzufuchsen, habe ich eine ganz neue Verständnisebene erklommen, wenn es darum geht, die Deutschlern-Herausforderungen von Geflüchteten nachzuvollziehen. 😉

Da sitzen wir also am Küchentisch. Zwischen meinen Hebräisch-Büchern und der Biblia Hebraica, die Ahmad interessiert anschaut.
„Bis elf hab ich Zeit“, sag ich nochmal zur Sicherheit und wir starten.

Ich öffne einen alten Bewerbungs-Lebenslauf von mir und wir überschreiben zunächst die persönlichen Angaben. So weit, so einfach.

Aber dann kommen wir zu dem Punkt „Ausbildung und Berufserfahrung“.
Und es wird schnell klar: Ahmads komplexe, in einer völlig anderen Kultur angesiedelte Biographie passt eigentlich nicht in ein deutsches A4-Lebenslauf-Formular.

Ausbildung? – „Weißt du, Astrid, das ist dort anders als hier in Deutschland …“
Ja, ich weiß. Es gibt Länder, in denen es nicht primär auf Scheine und Stempel ankommt, sondern mehr auf tatsächliche Kompetenzen.
Aber es hilft ja nichts. Wir brauchen Jahreszahlen. Und zwar gregorianische und nicht persische. Und wir brauchen Formulierungen, mit denen eine deutsche Arbeitgeberin etwas anfangen kann.

Also muss ich verstehen. Mehr und genauer als vorher.

Und Ahmad fängt an zu erzählen.
Und ich begreife, wie wenig ich eigentlich wirklich weiß, von diesem Mann, von dieser Familie, die ich schon seit mehr als zwei Jahren „kenne“ …

Ahmad erzählt.
Von der Schulzeit in Afghanistan und der Flucht in den Iran. Von der Zeit in einer größeren iranischen Stadt. Wie er ein Handwerk lernte. Und sich selbstständig machte. Bis zu sechs Mitarbeitende beschäftigte.

Ich höre zu, frage hier und da nach. Und mache langsam Fortschritte auf dem Bewerbungs-Word-Formular.

Er erzählt weiter.
Dass sie nach über zwanzig Jahren wieder weg mussten.
Nächste Station Teheran. Wie schwierig es dort war. Und wie gefährlich. Und wie sie sich schließlich zur Flucht nach Europa durchrangen. Mit den drei kleinen Kindern.

Was dann kommt, kann ich kaum ertragen.

Ja, ich weiß um die Realitäten von skrupellosen Schleppern und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer. Natürlich.
Ja, ich habe gelesen von Übergriffen in bulgarischen Gefängnissen.
Ja, ich kenne Geschichten von nächtelangen Wanderungen ohne Essen.

Und klar, ich weiß theoretisch, dass die meisten der Geflüchteten in meinem Umfeld Schreckliches erlebt haben.

Aber ich merke: SO genau, SO konkret will ich es eigentlich gar nicht wissen.
Ich will sie nicht wahr haben, diese Wahrheit, um die ich doch eigentlich längst weiß: Dass es nämlich keine anonymen, gesichts- und geschichtslosen Gestalten sind in den Nachrichtenbildern. In den Booten. In den Lagern.
Sondern Menschen!

Ahmad erzählt und erzählt.
Es kommt mir vor, als ob es das erste Mal überhaupt ist, dass er seine Geschichte so ausführlich erzählt. Die Deutschkenntnisse hätten vor einem Jahr auch noch kaum ausgereicht. Und vielleicht auch nicht das Vertrauen.

Zwischendurch schaut er auf die Uhr. „Ach – du musst lernen, Astrid“, sagt er.
Es ist schon lange nach elf.
Aber dieses Mal muss ich nicht überlegen: „Nein“, sag ich, „das ist jetzt wichtiger“.

Er erzählt weiter. Und zwischendurch kommen dem gestandenen Mann die Tränen.
Mir nicht. Denn ich halte das Gehörte mühsam auf Abstand. Ich kann, ich will das nicht an mich ranlassen, was Ahmad, Fatima und die drei Kinder erlebt und durchgemacht haben.

Schließlich hat sich Ahmad noch einmal durchgeschlagen bis nach Deutschland. Ist noch einmal gestrandet am Frankfurter Hauptbahnhof. Noch einmal von Übergangsquartier zu Übergangsquartier gezogen. Und endlich hier ganz in der Nähe gelandet.

Es ist halb eins.
Wir machen den Lebenslauf fertig. Jetzt geht es schnell.
Sieht gut aus, das Dokument. Ich würde Ahmad kennenlernen wollen, wenn ich das lese.

Ahmad bedankt sich und geht.
Und ich sitze wie betäubt in der Küche.

Wie verrückt ist diese Welt!

Die einen sorgen sich ums nackte Überleben.
Und die anderen um – ja was eigentlich?! Das Bestehen einer Klausur?? Nicht mein Ernst …

 

*Ahmad und Fatima heißen eigentlich anders.

Ein Jahr readpraylove! :-)

Jubiläum! Heute vor einem Jahr, Pfingstmontag 2016, habe ich den ersten Beitrag auf dieser Seite veröffentlicht.

Ein guter Zeitpunkt, um mal wieder zu sagen:
DANKE euch, die ihr hier regelmäßig oder sporadisch mitlest und mitdenkt.
Danke besonders auch für alles Mitreden. In den Kommentaren, per Mail und in „echten“ Gesprächen. Es ist für mich ein totales Geschenk, auf diese Weise mit euch verbunden zu sein. Denn natürlich bringt es mich weiter, von euch bestätigt, hinterfragt und (notfalls auch *g*) korrigiert zu werden.

Ach, und es gibt noch so viele „Baustellen“, an die ich mich in Zukunft gerne mal rantrauen möchte …
Für einige dieser potenziellen Artikel muss ich noch Informationen sammeln. Und für andere noch Mut. Aber für viele interessante Themen fehlen eigentlich „nur noch“ Zeit und Muße zum Schreiben. 😉
Von daher hab ich Hoffnung auf ein weiteres spannendes Jahr.
Es wäre schön, wenn ihr auch in Zukunft mit dabei seid!

Zum Schluss teile ich zur Feier des Tages nochmal ein paar Artikel aus dem ersten Jahr mit euch, die mir besonders am Herzen liegen. (Es war gar nicht so leicht, diese „Top 5“ zusammenzustellen … – an einigen Stellen hätte ich auch anders entscheiden können.) Ihr seht sie unten in ihrer Erscheinungsreihenfolge.

Wenn ihr die noch nicht gelesen habt: Das solltet ihr nachholen. 🙂

Die Bibel in schwarz-weiß

Jesus, Jesus, Jesus und nochmal Jesus

Ich glaube schon. (Teil 2)

Auf Wiedersehen!

Putzen oder predigen?

Putzen oder predigen?

Als Jugendliche lebte ich tatsächlich in dem Glauben, dass mein Geschlecht für meine berufliche Zukunft unerheblich sei.

Ich war ein Mädchen, klar. Aber das machte doch keinen Unterschied!
Von Haus aus war ich mit einem gesunden Selbstbewusstsein ausgestattet. Meine Vorbilder hießen Pippi Langstrumpf, Maren Meinert oder Astrid Lindgren. Starke Frauen, die Pferde hochheben und Traumtore aus der zweiten Reihe schießen und sich als geächtete alleinerziehende Mutter zur weltberühmten Autorin hochschreiben konnten.

In der Schule wurde so getan, als komme es im (Berufs-)Leben ausschließlich auf die Kompetenzen an. Ich passte gut ins (heute finde ich: an vielen Stellen hinterfragungswürdige) Schul-System, verließ mein Gymnasium mit einem hervorragenden Abi und dachte immer noch, dass Leistungsfähigkeit und -bereitschaft die entscheidenden Faktoren für berufliches Fortkommen seien. Und nicht Geschlechtsteile.

Selbst während der seminaristisch-theologischen Ausbildung am Johanneum, wo ich mich ja immerhin auf eine Tätigkeit im – ich sag mal – „frömmeren Spektrum der kirchlichen Szene“ *g* vorbereitete, kam ich nicht auf die Idee, dass es einen Unterschied machen könnte, als Frau oder als Mann im hauptamtlichen Dienst zu arbeiten. Die Thematik kam gar nicht vor – oder zumindest kam sie nicht bei mir an.

Dann bekam ich mein erstes Kind, schloss meine Ausbildung ab, begann als Jugendreferentin zu arbeiten und war in einigen frommen Gremien und Netzwerken unterwegs.

Und merkte: Oh, doch! Es machte einen großen Unterschied, dass ich eine Frau bin. 
Und mehr noch: Es machte einen extremen Unterschied, dass ich eine Mutter bin.

Ich weiß noch, wie oft ich fassungslos und wütend war. Über das, was ich ständig selbst erlebt habe. Und über Geschichten, die ich von anderen „hauptamtlichen Frauen“ erzählt bekam.

Zum Beispiel die Sache mit dem Gremium, in dem wir zu dem Zeitpunkt nur zwei junge Frauen unter vielen (zumeist älteren) Männern waren. Die Kollegin hatte sich für einen Posten zur Verfügung gestellt und es gab noch einen zweiten (ebenfalls geeigneten, aber aus meiner Sicht vielleicht nicht ganz so starken) Kandidaten. Bei der Beratung in Abwesenheit der beiden machte sich dann ein Bruder stark dafür, dass wir die „junge Schwester“ doch lieber nicht wählen sollten, und zwar „um ihrer selbst willen“. Denn sie wäre doch möglicherweise überfordert mit der Aufgabe und sei ja immerhin auch gerade erst neu in den Verband XY eingestiegen und ob man das eben diesem Anstellungsträger gegenüber verantworten könne, sie in ein übergeordnetes Amt zu wählen …?! – Zustimmend-skeptische Mienen in der gesamten Runde.

AAAAAHHH, natürlich konnte ich nicht still bleiben. 😉 Sondern musste (so freundlich, wie ich in der Situation eben konnte *g*) doch mal anmerken, dass solche Bedenken in der Rückfragerunde vorher ihren Platz gehabt hätten. Und dass wir dieser erwachsenen Frau (die noch nicht einmal eine Berufsanfängerin war!) wohl selbst zutrauen könnten, so etwas richtig einzuschätzen.
In der Kaffeepause kam dann jemand auf mich zu und fragte mich väterlich-verständnisvoll, ob ich denn eigentlich selbst gerne diesen Posten gehabt hätte, da ich mich ja so engagiert eingebracht hätte … (- Äh – NEIN!?!)
Und übrigens (das ist wirklich wahr!), zwei oder drei Jahre später, das gleiche Gremium, der gleiche Posten musste besetzt werden: Diesmal stand ein „junger Bruder“ zur Wahl, der zufällig im genau gleichen oben genannten Verband XY soeben seine Arbeit aufgenommen hatte (und noch dazu totaler Dienstanfänger war). – Genau! Niemand hatte das Bedürfnis, uns vor seiner Wahl zu warnen …

Ich könnte -zig solcher Geschichten erzählen.
Und besonders viele dieser Trauergeschichten handeln von der krassen Ungleichbehandlung von Müttern und Vätern im hauptamtlichen Dienst.

Der Klassiker: Auf einer (womöglich mehrtägigen) Veranstaltung bekommt mein (gerne schon älteres) männliches Gegenüber mit, dass ich Mutter von kleinen Kindern bin. Und fragt voller Erstaunen (und nicht selten mit echter Besorgnis), wer sich denn jetzt um eben diese Kinder kümmere und wie das denn überhaupt gehe mit meiner Berufstätigkeit …

Damit keine Missverständnisse aufkommen: Ich finde es an sich durchaus eine berechtigte und notwendige Frage, ob bzw. wie sich ambitionierter Dienst im Reich Gottes und eine junge Familie gesund in Einklang bringen lassen. (Und ich hätte zu ihrer Beantwortung einiges beizutragen.)

Aber warum ist das bitte eine Frage, die sich (und der sich!) noch immer fast ausschließlich die jungen MÜTTER stellen müssen??

Meine (vielleicht nicht repräsentativen, aber mitunter sehr alarmierenden) Eindrücke aus Gesprächen mit Ehefrauen von Hauptamtlichen legen jedenfalls nahe, dass ein Umdenken hin zu einer familienfreundlicheren „Kultur der Hauptamtlichkeit“ ALLEN gut tun würde.
Nicht zuletzt natürlich auch der beschämenden Frauenquote in prägenden Positionen der frommen Szene.

Ach ja … 😉
Lassen wir es mal für heute dabei.
Es ist ein weites, komplexes Feld. Und leider häufig ein Schlachtfeld, auf dem man sich nur schwer unverletzt bewegen kann.

Denn natürlich wird dieses Thema schnell persönlich und emotional.
Weil es um „Sachen“ geht, die ich liebe und die mir heilig sind.
Um meine Familie. Um Gott. Um sein Wort und um das Weitertragen dieses Wortes.

Und da möchte ich nicht in ein Alternativ-Denken gezwungen werden!

Putzen oder predigen? (- Okay, wenn ich da die Wahl hätte, fiele sie mir eigentlich gar nicht so schwer … 😉 ) Erziehen oder evangelisieren? „Häuslich“ oder „hauptamtlich“ sein?
Ich wünsche mir ein Sowohl-Als-Auch!
Für Frauen UND Männer. Für Väter UND Mütter.

„Do as I say, don’t do as I do“

In der kleinen Welt deines zweijährigen Kindes ist etwas wirklich schlecht gelaufen. Es guckt ernst, nahezu verzweifelt, und ruft dann lauthals: „SSEISSE!!“

Es sind diese Momente, wo du denkst: „Schei … – äh … – Mist! Ich muss wohl jetzt doch wirklich mal darauf achten, was ich so sage.“ 😉

Klar, es gäbe schon Ausreden: Der Kindergarten. Die Nachbarskinder.
Aber du weißt es ja besser. Natürlich hat dieses Kind das von dir.

Was in Situationen wie dieser noch vergleichsweise harmlos anfängt (ich meine, „scheiße“ sagen ist ja eigentlich gesellschaftsfähig – und wenn die lieben Kleinen das SCH dann auch noch so süß aussprechen … wer könnte da böse sein?! *g*), geht in den nächsten Jahren weiter. Und dann zeigt dieses dein geliebtes Kind plötzlich Eigenschaften, Verhaltensweisen, Reaktionsmuster, die du bei dir selbst ganz furchtbar hasst.
Es ist gruselig, aber an diesem „Kinder-halten-dir-einen-Spiegel-vor“-Spruch ist schon was dran. Und ich würde aus meiner subjektiven Sicht bestätigen: Doch, ja, Kinder lernen wirklich extrem viel durch Nachahmung. Das ist ja auch oft gut, klar. Aber manchmal ist es eben auch eher so mittel … (Um nicht zu sagen: ganz „sseisse“. *g*)

Ich kam drauf, als ich neulich über das Bibellesen nachgedacht habe. Und über eine Klage, die ich seit Jahren (in zunehmendem Maße?!) wahrzunehmen meine: „Die Jugendlichen von heute“, so lautet nämlich die artikulierte Sorge, „lesen nicht mehr Bibel“ / „kennen sich nicht mehr in der Bibel aus“ / „interessieren sich nicht mehr für die Bibel“ / und / so / weiter …

Jetzt könnte man möglicherweise fragen, ob das überhaupt stimmt.
Und man könnte dieser Sorge Hoffnungsbilder entgegensetzen. Zum Beispiel das Bild von 3000 Jugendlichen, die während des WortWechsels beim Christival vor genau einem Jahr still in einer riesigen Messehalle sitzen und – Bibel lesen! Und dann könnte man konstruktiv überlegen, wie sich solche guten Ansätze fortführen lassen im Alltag dieser Teens und jungen Erwachsenen. Das wäre sicher lohnend – und es passiert ja auch schon, dass Leute da gute Ideen (weiter-)entwickeln und ausprobieren.

Aber ich stelle sie jetzt trotzdem, diese unbequeme Frage, die sich nach diesem Einstieg ja schon aufdrängt:
Was ist denn, wenn wir Nicht-mehr-Jugendlichen uns vor allem mal an unsere Nase fassen müssten? Wenn wir zu schnell dabei sind mit den Erklärungs-Ausreden (die Medienüberflutung der jungen Leute, die Leseunlust bzw. -unfähigkeit, …).
Anstatt zu fragen: Wo sind denn die Vorbilder? Wo sind denn die Älteren und Alten, die „noch in der Bibel lesen“ / „sich noch in der Bibel auskennen“ / „sich noch für die Bibel interessieren“ …??
Und die in dieser persönlichen Beschäftigung mit der Bibel nicht nur ihre achteinhalb starren Dogmen in die Texte hineinlesen und sich das bestätigen lassen, was sie schon immer wussten. Sondern die tatsächlich ehrlich sagen würden, dass sie bei der Bibellese Gottesbegegnungen haben. Die auch schwierige Stellen nicht gleich schönerklären (oder übergehen). Die erkennbar frische Gedanken denken. Deren Leben und Reden und Glauben, deren Alltag vom Gelesenen (und dem Geist, den die heilige Schrift atmet!) durchdrungen wird …?!

Puh. Ist wirklich unbequem, die Frage.
Und die Antwort wird vielleicht nicht bequemer …

Deshalb mach ich mal lieber für heute hier Schluss. 😉
Und verlinke euch noch den Video-Beweis: Die Erkenntnis, dass das mit dem „Do as I say, don’t do as I do“ eigentlich gar nicht so toll ist, gab es mindestens schon in den 90ern.
Meine Generation und alle aufwärts könnten es also schon lange wissen. 😉