Lieber nackt als unfair?

Heute vor vier Jahren stürzte in Bangladesh das Rana Plaza ein.
Weit über 1000 Menschen starben, weit über 2000 wurden verletzt. – Die meisten Opfer waren Textilarbeiterinnen, die man an jenem 24. April gezwungen hatte, ihre Arbeit aufzunehmen. Obwohl am Tag zuvor bereits gefährliche Risse in dem achtstöckigen Gebäude festgestellt worden waren.

An diesen furchtbaren, vermeidbaren Unfall erinnert uns heute der Fashion Revolution Day. Initiiert wurde dieser Tag von der Fashion-Revolution-Initiative, die es seit 2014 auch in Deutschland gibt. Mit politischer Arbeit und unterschiedlichen Aktionen bemüht sich diese Organisation um ein stärkeres Bewusstsein für die prekäre Lage in der Textilindustrie. Und um Veränderung.

Wie auch schon in den letzten Jahren gab es den Aufruf, heute in sozialen Netzwerken ein Bild von sich zu posten mit den Klamotten „inside out“. Also so, dass man das (faire?!) Label erkennen kann.
Das ist natürlich eine gute Werbeaktion für Firmen, die sich der fairen und transparenten Produktion verpflichtet haben. Und das finde ich durchaus super! (By the way: Auf dem Foto seht ihr was von dem kleinen, feinen österreichischen Label Göttin des Glücks. Tendiert vielleicht auf der Skala etwas mehr zu „Ü-30-Öko-Tussi“ als zu „Anfang-20-Wanna-be-Hipster“. Aber mir gefallen viele Sachen – ich bin halt auch nicht mehr 21. *g*)

Trotzdem empfinde ich die Aktion auch als zwiespältig. Und deshalb hab ich auch länger überlegt, ob dieser Artikel tatsächlich entstehen wird …

Denn wenn ich mich jetzt hier als diejenige inszeniere, die das Mega-Vorbild ist in Sachen faire Klamotten. Die sich auskennt mit hippen und noch hipperen Fair-Trade-Labels und -Online-Shops und -Real-Life-Läden. Die sich ihre Zeit auf Second-Hand-Kinder-Basaren um die Ohren schlägt. Die sogar extra ein bisschen Nähen gelernt hat, um Sachen reparieren zu können. Und und und …
Dann weiß ich ja nur zu gut, dass das nur ein Teil der Wahrheit ist.

Und deshalb muss ich natürlich auch vom anderen Teil der Wahrheit schreiben.
Davon, dass ich bisher im Zweifelsfall noch immer „unfair“ den Vorzug vor „nackt“ gegeben habe …

Davon, dass mich dieses ganze Thema immer wieder belastet.
Es ist ja schon grundsätzlich so, dass alles, was auch nur entfernt mit Haushalt zu tun hat, weder zu meinen primären Interessen noch zu meinen Primärkompetenzen gehört. 😉
Und die Aufgabe, dass alle fünf Menschen in unserem Haushalt, vor allem diese drei ständig wachsenden Kinder, jeweils zur richtigen Jahreszeit in der richtigen Größe die richtigen Klamotten am Start haben (und dass diese dann auch noch morgens um zwanzig vor sieben sauber und auffindbar sind!) – die erscheint mir sowieso schon nahezu unlösbar. 
Der berechtigte, not-wendige Anspruch, dass dann auch alles, von den Schuhen bis zur Unterwäsche, entweder fair produziert und aus zweiter Hand gekauft (oder geerbt) sein sollte, überfordert mich oft.

Und so gibt es immer noch ab und zu spontane Verzweiflungskäufe von einem Fünferpack Kindersocken oder -unterwäsche, für die ich dann Geschäfte wie H&M oder Ernsting’s family betrete. Und ich komme mir dabei richtig schlecht vor.
Und es gibt sie, die Bestellungen bei einem familienfreundlichen Online-Händler. Der zwar zunehmend auch von Nachhaltigkeit und Fairness redet. Aber damit in erster Linie meint, dass die Kinderklamotten lange halten und dass die Preise für die Kund/innen (!) fair seien.
Und es gibt die Kinderschuh-Kaufaktionen, bei denen wir durchaus nicht zu Billigware greifen. Aber wo ich mich bisher noch gar nicht gründlich damit befasst habe, wie diese Schuhe jeweils hergestellt werden. Die Tatsache allerdings, dass die Hersteller nicht mit einer fairen Produktion werben, deutet ja leider schon ziemlich direkt darauf hin, dass ich es vielleicht auch eigentlich lieber gar nicht so genau wissen will …
Und mir würden durchaus noch andere Beispiele einfallen.

So ist es also. Ich kämpfe mit diesem Thema.
Und mit noch so vielen anderen Bereichen, wo ich weiß (oder wissen könnte), dass mein Lebensstil auf Kosten anderer Menschen geht.

Dieses Ringen lässt sich nicht schön schreiben.
Ein versöhnliches Ende gibt es nicht. Zumindest vorerst nicht.

Aber es gibt doch einen Trost: Dass nämlich dieses Ding mit Ostern auch hier hineinspielt.
Dass die Schuld, für die Jesus gestorben ist, auch meine zahlreichen Verstrickungen in globale Ungerechtigkeiten umfasst.
Dass der Gott, der am Kreuz qualvoll verreckt ist, denen besonders nahe ist, die leiden. Zum Beispiel der Näherin in Bangladesh.
Und dass es für unsere kaputte Welt insgesamt Auferstehungshoffnung gibt: Dass Gott den Himmel und die Erde neu machen wird. Eine Welt ohne Tränen und Geschrei. Voller Liebe und Gerechtigkeit.

Nein, ich will mich nicht drücken vor meiner Verantwortung.
Ja, ich will mit daran arbeiten, dass schon jetzt etwas sichtbar wird von Gottes liebevoller, gerechter Königsherrschaft.
Ja, ich will weiter ringen mit den Fragen und Entscheidung rund um fairen Konsum.

Aber ich kann das nur tun, ohne dabei wahnsinnig zu werden, weil ich gewiss bin: Auch mein Scheitern wird bei Gott liebevoll umfangen.
Weil an Ostern eine Revolution in Gang gekommen ist, die all die (fashion-)revolutionären Bemühungen von uns Menschen umfasst und übersteigt. Und die sie am Ende zu einem guten Ziel führen wird!

Gute Frage zum Emmaus-Ehepaar:

Mein Supermarkt signalisiert mir zwar, dass Ostern jetzt vorbei sei. (Klar, für alle, die die bunten Eier seit Januar regelmäßig gekauft haben, reicht es jetzt vermutlich auch wirklich, was das angeht. *g*)
Aber ich schreib trotzdem heute was zu einer Ostergeschichte. Denn wär ja schlecht, wenn die Auferweckungs-Story schon nach einer knappen Woche nicht mehr aktuell wäre. Und immerhin ist ja auch im Kirchenjahr noch … – ach was, wisster selber, ’ne …! 😉

Ich war ja im März als Evangelistin bei einer JESUSHOUSE-Veranstaltung dabei.
Der Bibeltext für den letzten Abend war Lukas 24,13 ff.
Die Geschichte mit den Emmaus-Jüngern. Beziehungsweise möglicherweise die Geschichte mit dem Emmaus-Jünger und der Emmaus-Jüngerin. 🙂

Es geht mir gleich zwar noch um was anderes, aber dieser kleine Exkurs muss jetzt sein:
Ich musste tatsächlich erst Mitte 30 werden, bis ich im vergangenen Jahr zum ersten Mal überhaupt mit der Möglichkeit in Berührung kam, dass es sich bei den beiden Jesus-Leuten in Lukas 24 vielleicht gar nicht um zwei Männer gehandelt hat. Sondern möglicherweise um einen Mann (dessen Namen wir ja sogar erfahren: Kleopas) und eine Frau.

Und in der Vorbereitung auf den JESUSHOUSE-Abend fand ich es auch nochmal echt spannend, wie selbstverständlich in eigentlich allen Kommentaren, die ich wahrgenommen habe, von zwei Männern ausgegangen wird.

Dabei ist das sprachlich überhaupt nicht zwingend: In V. 13 gehen „zwei von ihnen“ nach Emmaus. „Ihnen“, das wird im Abschnitt vorher ganz deutlich, ist eine größere Gruppe von Jüngern und ausdrücklich auch Jüngerinnen.

Auch rein sachlich wäre es doch sehr gut möglich, an ein Paar zu denken. (Zumindest jene Herren Ausleger, die als zweiten Jünger den Sohn des Kleopas in den Text hineinspekulieren, könnten doch auch dieser Variante wenigstens etwas Raum geben. *g*) Denn das wäre doch durchaus schlüssig, dass Kleopas mit seiner Frau gemeinsam Jesus nachgefolgt war – und sich jetzt gemeinsam mit ihr enttäuscht und desillusioniert auf den Heimweg macht. Zumal, darüber bin ich kürzlich nochmal gestolpert, im Johannesevangelium eine der Marias unterm Kreuz die „Frau des Klopas“ ist und ich in dem Zusammenhang die Vermutung gelesen habe, das könne gut die Frau des Emmaus-Jüngers Kleopas sein …

Wie auch immer. 🙂
Ich stelle mir jetzt jedenfalls bis auf weiteres ein (Ehe-)Paar vor, von dem wir da am Ende des Lukasevangeliums lesen.

Aber zurück zu JESUSHOUSE.
Die Mitarbeitenden an „meinem“ Ort hatten sich für eine Jugendwoche im Dialog-Format entschieden. Das heißt, dass wir nach einer kurzen „Hinführung“ von mir den Bibeltext gemeinsam gelesen haben. Und zwar nach der (für solche Zwecke total guten!) BasisBibel-Übersetzung, die die Leute als handliche Lukas-und-Apostelgeschichte-Ausgabe vor sich hatten. Die Besucher/innen bekamen dann noch etwas Zeit zum eigenen Lesen und haben danach in Dreiergruppen eine Frage oder eine Statement aufgeschrieben. Und diese Fragen und Statements wurden anschließend vom Moderationsteam in den eigentlichen Verkündigungsteil eingebracht.

Das Herzstück der Verkündigung war also dann dieses Gespräch zwischen mir und den Moderatoren. Und by the way: Ich finde diesen Verkündigungsansatz so dermaßen verheißungsvoll, dass ich kaum noch Lust hab, „klassisch“ zu predigen … 🙂

Natürlich habe ich mich im Vorfeld so gut ich konnte auf die Texte vorbereitet und mir (zum Teil ziemlich konkret) überlegt, wie ich auf diese oder jene potenzielle Frage reagieren könnte. Aber bei aller Vorbereitung: Es sind immer Fragen und Gedanken dabei gewesen, mit denen ich nicht gerechnet hatte, ja, auf die ich selbst überhaupt nicht gekommen wäre.

Am Emmaus-Abend lautete eine solche unerwartete Frage sinngemäß:

„Warum hat sich Jesus den beiden nicht sofort zu erkennen gegeben? Warum hat er sie noch länger als nötig in ihrer Trauer und Verzweiflung gelassen?“

Eine richtig gute – und doch auch eigentlich durchaus nahe liegende – Frage, oder?
Ja, warum hat Jesus nicht einfach gesagt: „Hey ihr zwei, ich bin’s! Spart euch den Weg nach Emmaus, ihr könnt gleich umkehren!“

Was hättet ihr spontan geantwortet??

Ich habe an diesem Freitag (wie übrigens zuvor schon öfter während der JESUSHOUSE-Woche *g*) zuallererst gesagt:

„Weiß ich auch nicht!“ 😉

Denn ich finde es zunehmend schwierig und mitunter sogar echt anmaßend, wenn Menschen meinen, die Gründe hinter Gottes Handeln verstehen und erklären zu können.

Aber auch, wenn ich zurückhaltend sein will, mir aus dieser (und anderen) Geschichte(n) ein System über Gottes Motive zusammenzuschustern – es ist ja trotzdem möglich, dieser Frage etwas weiter nachzuspüren.
Und mich dadurch mitten in diesem Emmaus-Geschehen wiederzufinden.

(Wo) Habe ich das denn zum Beispiel schonmal selbst erlebt? Da bin ich einen richtig schweren Weg gegangen – und hab erst im Nachhinein gemerkt, dass Jesus ja lange schon mitgegangen war?!
Wie war das denn da? Warum wohl habe ich Jesus nicht eher erkannt? Lag es an ihm? Oder lag es „an meinen Augen“ (V. 16)?

Oder: Könnte es sein, dass es manchmal eine notwendige (oder zumindest hilfreiche) Voraussetzung für eine Jesus-Begegnung ist, die eigenen Fragen und Zweifel und Enttäuschungen nicht wegzuwischen? Sondern sie in einem Gespräch „hin- und herzuwälzen“ (V.15)?!
Und vielleicht passiert es ja gerade im Gespräch mit einem Fremden, dass Dinge klar(er) werden und Denkblockaden langsam bröckeln …?!

Besonders schön finde ich, auf die Situation zu schauen, in der das Emmaus-Paar Jesus schließlich erkennt.
Es ist, nachdem sie Jesus in ihr Haus eingeladen
(oder besser: genötigt) haben.
Es ist, als sie mit dem scheinbar fremden Wanderer gemeinsam essen.
(Und damit eine engere Gemeinschaft ausdrücken, als wir heute mit gemeinsamem Essen verbinden.)
Es ist in dem Moment, als Jesus ihnen das Brot reicht …

Bei JESUSHOUSE haben wir die jugendlichen Besucher/innen eingeladen zu dieser engen (Tisch-)Gemeinschaft mit Jesus.

Darauf hoffe ich.
Für alle meine nachösterlichen (oder müsste es nicht eher heißen österlichen?!) Wege:

Dass Jesus mitgeht. Auch, wenn ich ihn nicht erkenne.
Und dass er nicht verzweifelt, wenn ich mal wieder „in meinem Herzen langsam bin“ (V. 25), das zu glauben, was ich eigentlich wissen könnte.
Sondern dass er ein neues Feuer in meinem Herzen entfacht (V. 32).

Und vor allem:
Dass er zum Essen bleibt.
Und sich erkennen lässt.
Und mich in Bewegung setzt.
Auch dann, wenn (und auch dort, wo) ich ihn mit meinen Augen nicht sehe.

Ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

Es ist Karfreitag und ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

In den letzten Tagen habe ich viel gedacht und gelesen und gehört.
Über das Kreuz. Und darüber, wie Menschen es verstehen und verstanden (oder gerade nicht verstanden?!).

Ein christusgläubiger Jude vor fast 2000 Jahren.
Ein mittelalterlicher Mönch vor über 900 Jahren.
Feministische Theologinnen vor 30 Jahren.
Und so viele andere.

Und da sitze ich nun. Und habe viele, viele Fragen.
Wer da eigentlich stirbt. Und warum und wozu! Und wie(so) genau sich das heute auswirkt. (Um nur einige zu nennen …)
Da sind Fragen dabei, von denen ich ahne, dass ich in diesem Leben zu keiner befriedigenden Antwort kommen werde. (Und andere, von denen ich das sogar ziemlich sicher weiß. *g*)
Und daneben gibt es durchaus auch die, wo ich noch realistischen Raum sehe für Erkenntnis- und Verständnisgewinn.
– Aber nicht mehr heute.

Denn heute ist Karfreitag und ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.

Was ich statt dessen tun will: Hinsehen.
Auch wenn es ein furchtbares, ein grausames Bild ist.
Auch wenn Wegschauen schöner wäre. Und so viel einfacher.
Ich werde sie anschauen, diese „Ikone des Albtraums“, wie Peter Aschoff kürzlich in einem starken Artikel auf seinem Blog formulierte. Er schreibt weiter:

„Was hast du dir dabei gedacht, Gott, als du dieses Bild von dir veröffentlicht hast? Damit ist kein Staat zu machen. Dafür bekommt man keine „Likes“. Kein Wunder, dass die Leute dir in Scharen davonlaufen.“

Ich will versuchen, nicht davonzulaufen.
Ich möchte hinschauen.

Und was ich noch tun will: Hinhören.

Zum Beispiel auf die Sätze, die uns Lukas aus der Kreuzigungsszene überliefert.

Ich möchte Jesus hören. Immer wieder. Diese unglaublichen Worte:

„Vater, vergib ihnen. Denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Damit im Ohr kann ich vielleicht ertragen, was danach kommt.
Und sogar hinhören auf die ungeheuerlichen Worte der frommen (!) Elite.
Wie sie den elend Sterbenden verspotten. Wie ihre Rechtgläubigkeit sie kalt macht gegenüber dem unschuldigen Leiden.

Und ich möchte hören auf den zweiten Verbrecher am Kreuz.  Der in dem gefolterten Mann neben ihm einen König erkennt. Den König. Und der seine letzte Hoffnung auf ihn setzt:

„Jesus, denke an mich, wenn du in dein Reich kommst.“

—————–

Hinsehen und hinhören, ja.
Das werde ich versuchen.
Wo das Denken an seinen Grenzen ist, meine Augen und meine Ohren ranlassen.
Und mein Herz! – Denn wie könnte ich da unbeteiligt bleiben?

Sehen und Hören.
Erschrecken.
Mich abstoßen – und mich faszinieren – lassen.
Mich wiederfinden in diesem Geschehen.
Mich finden lassen.

Etwas spüren von dem großen Geheimnis.
Etwas ahnen von der Kraft, die hier wirkt.

„Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein!“

Das Leben stirbt.
Und dadurch der Tod.

Ich gebe auf, diese Geschichte zu verstehen.
Es ist Karfreitag.
Heute noch …

LesenBetenLiebenWagen … mit Johannes Bartels

Johannes Bartels // 48 Jahre alt // lebt mit zwei Kindern in Pirna // Evangelist bzw. Referent für Jugendevangelisation in Sachsen // passionierter Lakritz-Konsument und Black-Stories-Grübler und -Autor // www.evjusa.de

LESEN:

Kabarettisten lesen den Subtext – und sprechen ihn aus. Diesen Satz schnappte ich vor kurzem im Fernsehen auf. Dort hieß es auch, dass das Geschäft der Kabarettisten in Zeiten des Populismus schwierig geworden sei, da die Populisten sich gar keine Mühe mehr machen würden, den Subtext zu verbergen. Sie sprechen ihn gleich selbst aus – aus Dummheit oder Dreistigkeit oder einer Mischung aus beidem.

Den Subtext lesen, zwischen den Zeilen lesen – eine hohe Kunst, nicht nur für Kabarettisten, sondern auch für Seelsorger und gute Freunde. Hoffentlich mit angenehmeren Gesprächspartnern als den Populisten!

BETEN:

Wer singt, betet doppelt, so hört man manchmal. Gefällt mir. Singen ist eine Form des Betens, mit der ich etwas anfangen kann. Und manchmal bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich spüre, dass jemand tatsächlich in diesem Sinne singt – als Gebet und mit Leidenschaft.

Übrigens gibt es noch viele andere Formen des Betens. „Es gibt mehr Möglichkeiten, als du denkst!“ (Klaus Douglass)

LIEBEN:

Lieben macht das Leben spannend. Das Böse mag anfangs für einen gewissen Nervenkitzel sorgen, doch irgendwann wird es langweilig. Einfach weil man da letztlich immer bei sich bleibt. Die Liebe dagegen ruft zum Aufbruch, sie bringt uns dazu, über den eigenen Schatten zu springen – hinüber zum Du. Liebe führt zur Begegnung – und sorgt damit oft genug für Überraschungen. Wer liebt, wächst über sich hinaus.

WAGEN:

Wer wagt, gewinnt. Wer immer nur den sicheren Weg geht, hat gute Chancen, unbeschadet durchzukommen – doch er wird auch nicht viel gewinnen. Wer wagt, riskiert zwar zu scheitern. Doch Scheitern gehört zum Leben dazu. Die Herausforderung besteht nicht darin, das Scheitern zu vermeiden, sondern „gekonnt zu scheitern“.

Und noch etwas: Wer scheitert, kann Gnade empfangen. Auch das gehört zum Leben dazu. Wer nie am eigenen Leibe erfahren hat, dass er auf Gnade angewiesen ist, wird vermutlich auch keine Gnade erfahren. Der ist zu bedauern!

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In der Serie LesenBetenLieben sind Menschen zu Gast, die ich gerne mag. Und sie teilen ihre Gedanken und/oder Erfahrungen in Sachen readpraylove mit uns. DANKE Johannes, dass du so spontan mitgemacht hast! 🙂

LesenBetenLieben #4 – Freitag!

Am Freitag gibt’s mal wieder eine Folge LesenBetenLieben mit einem tollen Gast: Johannes Bartels.

Johannes ist Jugendevangelist und (wie ich jetzt erst herausgefunden habe *g*) promovierter Theologe. Wir kennen uns von den Foren der AGJE (Arbeitsgemeinschaft Jugendevangelisation) und in diesem Zusammenhang hat sich eine schöne Blues-Brothers-Tradition entwickelt. 🙂 (Ich meine, hey?! Wer will durch die Kneipen Berlins ziehen, wenn man den Samstagabend in der Hauptstadt auch mit Jake & Elwood verbringen kann – und mit zwei netten Sachsen, die die eigene, nicht unbedingt alltägliche, Filmleidenschaft teilen?! *g*)

Auf die gute Idee, Johannes für LesenBetenLieben anzufragen, bin ich vorletzte Woche gekommen. Als ich nämlich hier auf ein immens spannendes „Schreibgespräch“ zum Thema Mission gestoßen bin, bei dem er mitgeredet (bzw. -geschrieben) hat. Ich leg euch sehr ans Herz, die klugen und anregenden Gedanken der vier Gesprächspartner/innen einmal in Ruhe zu lesen.

Die Seite des „Forums für Gemeinschaft und Theologie“ lohnt übrigens auch sonst mal einen Besuch. Zum Beispiel um die super Idee der „Tischgemeinschaften“ zu kopieren: frei-und-fromm.de.
(Nicht zu verwechseln mit frommundfrei.net – was aber für theologisch interessierte und etwas verrückte Freunde und Freundinnen des gepflegten Podcasts auch ein echter Linktipp ist.)

Na dann: Die Woche über habt ihr jetzt genug zum Lesen und Hören.
Und Freitag kommt ihr dann unbedingt wieder hier vorbei.
Es lohnt sich! 🙂

Auf’n Kaffee mit Judit und Susanna

Vor einer Woche war ich beim Regionaltreffen der Johanneumsgemeinschaft in Ostwestfalen. Thematisch haben wir uns mit Bibelübersetzungen beschäftigt, insbesondere mit der neuen Luther-Revision.
Ich hab das zum Anlass genommen, jetzt doch auch mal eine aktuelle Luther-Ausgabe anzuschaffen. Und als ich so im Buchladen vor dem Regal stand, da dachte ich mir: „Ach, wieso eigentlich nicht mal eine mit Apokryphen?!“

Gedacht, gekauft. Und – wie spannend ist das denn?! 🙂
Jetzt hab ich doch tatsächlich eine Bibel, in der es eine Reihe von Büchern gibt, von denen ich mal sowas von überhaupt keinen blassen Schimmer habe.
Gut, die beiden Makkabäer-Bücher habe ich während meines Geschichtsstudiums in einem Proseminar zum Thema „Juden“ mal wahrgenommen. Aber das ist ages ago …
Und sonst so? „Jesus Sirach“, „Weisheit Salomos“, „Judit“, „Baruch“, „Tobit“?! Schonmal gehört, ja. Hier und da eine vage Idee, vielleicht … 😉 Aber was da tatsächlich drinsteht?! Keine Ahnung. (Von den drei weiteren apokryphen Büchern, die in der Lutherbibel abgedruckt sind, mal ganz zu schweigen …)

Und dabei sagt immerhin Luther über die Apokryphen:

Das sind Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind.

Also, jedenfalls hab ich vorhin einfach mal ein bisschen gelesen.
Und ich fand es extrem spannend! 🙂

Im Durchblättern des Buches Sirach war ich ständig hin- und hergerissen zwischen Zustimmung und Widerspruch. Da gibt es einiges, was ich mir gerahmt über’s Sofa hängen würde. Und anderes würde ich am liebsten aus meiner schönen neuen Bibel reißen.

Beim Buch Judit dann ist mir das Querlesen nur zur Hälfte gelungen. Denn nachdem diese außergewöhnliche Frau in Kapitel 8 eingeführt wurde, war ich von der Story so gefesselt, dass ich den ganzen Rest bis Kapitel 16 in einem Rutsch weggelesen habe.

Sehr spannend auch das erste Kapitel von den „Stücken zu Daniel“, einem Zusatz zum Anfang des Daniel-Buches. Dort lernen wir eine weitere Frau kennen, deren Schönheit und Frömmigkeit ihresgleichen sucht: Susanna. Und es entspinnt sich eine Geschichte über Sex & Crime und männlichen Machtmissbrauch, die man fast eins zu eins in eine heutige Soap übertragen könnte …

Nun ja – in den nächsten Wochen werde ich mich dann wieder vorrangig mit den kanonischen Schriften der hebräischen Bibel beschäftigen. Damit die AT-Prüfung am Ende des Sommersemesters für alle Beteiligten erfreulich wird. 😉

Aber so viel steht jedenfalls fest: Ich freu mich schon drauf, mir die apokryphen Bücher (auch die neutestamentlichen übrigens) irgendwann näher zu Gemüte zu führen.
Und dann möchte ich auch unbedingt nochmal die Prozesse der Kanonisierung näher nachvollziehen. Und den damit verbundenen bibelhermeneutischen (An-)Fragen Raum geben.

Aber, wie gesagt, alles zu seiner Zeit.
Jetzt trinke ich erstmal noch einen Kaffee.
Hm, vielleicht ja dieses Mal mit Ester …?! 😉

Die zwei Seiten des Evangelisationsveranstaltungs-Pferdes

Letzte Woche war ich als Evangelistin bei einer JESUSHOUSE-Woche im Oberbergischen dabei. Und ich bin am Samstag sehr dankbar und beschenkt nach Hause gefahren.

Zum einen lag das an dem tollen Team vor Ort – es war ein Privileg, da dabei sein zu dürfen.
Die Mitarbeitenden kamen aus verschiedenen Gemeinden (Landeskirche und Baptisten) und aus dem CVJM und es war eine super Mischung aus „alten Hasen“ und jungen Leuten. Wenn ihr mal staunen wollt über das, was die Crews dort z. B. in Sachen Technik, Drama, Bistro und Deko (und in noch vielen weiteren Bereichen!) auf die Beine gestellt haben, dann kriegt ihr einen schönen Eindruck durch die Fotos auf der Homepage. Oder schaut euch mal das Erklärungsvideo für die grandiose „Tut er’s oder tut sie’s nicht“-Aktion an. 😉

Tut er´s oder tut sie´s nicht?

Kennt Ihr schon unsere #JESUSHOUSE #Challenge "Tut er´s oder tut sie´s nicht?" ?? Schaut Euch mal das Video an und Ihr erfahrt wie es geht :-)#jesushouse2017 #jesushouseoberberg #jesuslounge

Posted by JesusHouse Oberberg on Donnerstag, 16. März 2017

 

Worum es mir jetzt aber vor allem geht, das ist ein anderer Grund, warum ich so froh und dankbar auf die Woche zurückblicke. Dieser Grund lässt sich nicht ganz so schnell beschreiben (und vor allem nicht so schön visualisieren *g*) – aber ich versuch’s mal.

Es ist nämlich so (jetzt kann ich’s ja sagen *g*), dass ich schon einige Jahre bei keiner dezidiert evangelistischen Veranstaltung mehr gepredigt habe. Das war gar nicht mal Absicht. Ich habe generell nur wenige Verkündigungsdienste wahrgenommen und es hat sich einfach nicht ergeben.

Und nun hat sich aber ja während dieser längeren Zeit der Evangelisationsveranstaltungs-Abstinenz so einiges getan in meinem Glauben. Und in meinem Zweifeln.
Zum Beispiel habe ich mich weiter entfremdet (oder ich wurde entfremdet?!) von so mancher evangelikalen Mainstream-Meinung. Ich habe in einigen dogmatischen oder ethischen Fragen „den einen klaren Standpunkt“ (sofern ich den überhaupt jemals hatte) verlassen und empfinde mich dort heute als „unterwegs“. (An mancher Stelle werde ich sicherlich auch niemals mehr zu der gleichen „Klarheit“ (oder Starrheit?!) kommen wie früher.)
Ähnliche Entfremdungs-Erfahrungen mache ich auch an vielen Stellen der „frommen Kultur“. So ist zum Beispiel mein Zugang zu den meisten Worship-Liedern … äh, ich sag mal schwierig. Und auch sonst reagiere ich auf manches allergisch, was so gesagt und geschrieben und getan wird bei uns Jesus-Leuten.

Mitunter reagiere ich sicherlich sogar allergischer als angemessen. For reasons, natürlich! – Das sind dann Bereiche, in denen ich selbst schlechte Erfahrungen gemacht habe. Oder wo ich von anderen weiß, dass sie durch den Glauben oder durch die Gemeinschaft mit Christen – bzw. vielmehr durch das, was ihnen dafür verkauft wurde! – nicht nur nicht heil geworden sind und frei. Sondern im Gegenteil: krank, abhängig, ängstlich, klein! Und klar, ich möchte mich von den Worst-Practice-Beispielen abgrenzen.

Aber die Gefahr besteht natürlich, hier und da auch mal ein Kind mit dem Bade auszuschütten. Oder, wo wir schonmal bei mittelmäßigen Metaphern sind – dann auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen.
Interessanterweise haben sich letzte Woche gleich mehrere Gespräche mit Leuten aus dem Team ergeben, in denen um diesen Punkt ging: Wo stehen wir in der Gefahr, dass wir „der nächsten Generation“ etwas vorenthalten, was aber gut wäre?

Diese Überlegungen finde ich sehr spannend und extrem wichtig. Denn natürlich ist es gut, wenn wir den Jugendlichen unsere eigenen destruktiven Erfahrungen ersparen möchten. – Aber es ist doch wohl trotzdem so, dass der Missbrauch den guten Gebrauch nicht in jedem Fall aufheben muss und sollte.

Nun ja, und um mal wieder zum Thema zu kommen – keine Ahnung, ob ihr mir gerade folgen könnt, für mich ergibt das jedenfalls Sinn *g*: Mein Eindruck ist, dass sich viele Leute in einem solchen Zwiespalt befinden, wenn es um Evangelisationsveranstaltungen geht. Da gibt es negative oder zumindest sehr durchwachsene Erfahrungen und – Gott sei Dank! – ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass in einer solchen Veranstaltung Potenzial für Manipulation vorhanden ist. (Hört dazu doch mal (wieder) den legendären und immer noch sehr lohnenden ersten Hossa Talk mit Torsten Hebel).

Auch ich selbst kenne Vorbehalte gegenüber evangelistischen (Groß-)Veranstaltungen durchaus nicht nur von anderen.  Sondern ich habe genug eigenes Negativ-Erleben, um Skeptiker/innen gut verstehen zu können.

Und trotzdem hab ich mit Überzeugung zugesagt, bei dieser JESUSHOUSE-Woche dabei zu sein. Denn bei allem, was ich heute kritisch sehe, ist das eine ja geblieben oder sogar gewachsen: Jesus begeistert und bewegt mich. Und diese heilsbringende Erfahrung wünsche ich allen!

Aber ich war schon sehr gespannt:
(Wie) Geht das, weder auf der „Turn-or-Burn“-Seite vom Pferd zu fallen noch auf der „Ist-eigentlich-auch-egal,-ob-du-glaubst“-Seite.
(Wie) Kann es in diesem Veranstaltungs-Setting gelingen, die lebens- und weltverändernde Hoffnungsbotschaft von Jesus zu verkünden und dabei Menschen konkret einzuladen, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen – OHNE manipulativ oder gar übergriffig zu werden?

Und nach der Woche sage ich: Ja, ich glaube, es geht! 🙂 Und das freut mich total! 🙂

Die Frage danach, WIE das geht, sprengt jetzt hier den Rahmen, aber es ist sicherlich lohnend, darüber weiter nachzudenken. Und ja, diese Sache ist es wohl sogar wert, darum zu streiten.
Dabei wird es zum einen um methodische Fragen gehen müssen.

Ich persönlich empfinde zum Beispiel das dialogische Veranstaltungsformat, das für JESUSHOUSE (weiter)entwickelt wurde, als eine sehr verheißungsvolle Spur, weil es im guten Fall einen Raum für ehrliche Auseinandersetzung und echtes Gespräch eröffnet.
Noch entscheidender sind aber wohl die theologischen Grundlagen.
Was ist meine Motivation für eine evangelistische Predigt? Will ich etwas Bestimmtes erzwingen oder vertraue ich auf Gottes Wirken? Sehe ich Glaube (und eine wie auch immer definierte „Bekehrung“) als eine Leistung des Menschen oder als ein Geschenk von Gott selbst? Treibt mich Angst oder werde ich von der Liebe getragen?

Ach, ich merke schon, es bleibt spannend … 😉

Jetzt freu ich mich aber erstmal über die ermutigende Erfahrung der letzten Woche! Bin dankbar, dass ich mich nicht verbiegen musste. Sondern dass es sich echt und redlich und richtig angefühlt hat.

Ich kann schwärmen von Jesus! Ich kann davon reden, wie er die Welt und wie er Menschen neu macht. Und ich kann Leute konkret einladen, bei dieser Reich-Gottes-Revolution dabei zu sein!

Und ja, das möchte ich gerne weiterhin tun. 🙂

 

Beitragsbild: Katharina Hein

Ich würde eine Pastorin sein wollen, die betet

Ein Artikel aus der aktuellen AUFATMEN-Ausgabe (1/2017) hat mich sehr bewegt. Thomas Härry schreibt in der Serie „Menschen, die mich prägen“ einen großartigen Beitrag über den US-amerikanischen Pastor Eugene Peterson.

Wenn ihr irgendwo eine AUFATMEN zu fassen kriegt, dann lest euch den Artikel unbedingt durch (ab S. 64). Ich werde euch hier nämlich nicht alle guten Gedanken daraus aufschreiben (können). Sondern ich möchte nur ein Peterson-Zitat mit euch teilen, das ich extrem spannend finde:

„Ich möchte ein Pastor sein, der betet.
Ich möchte ein Pastor sein, der liest und seriös studiert.
Ich möchte ein Pastor sein, der sich frei von Druck und Hetze Zeit nehmen kann für Gespräche mit seinen Gemeindegliedern, um ihnen ein guter geistlicher Begleiter zu sein.
Ich möchte ein Pastor sein, der die Gemeinde im Gottesdienst leitet, der mit Tiefgang predigt und die Bibel für euch lebendig werden lässt.
Ich möchte Zeit haben, meiner zweijährigen Tochter Geschichten vorzulesen.
Und schließlich: Ich möchte nicht länger ein gestresster Pastor sein.“

Diese Sätze sagte Peterson zur Leitung der Gemeinde, in der er als Pastor tätig war. Und zwar, nachdem er seine Kündigung ausgesprochen hatte. Weil ihm nämlich nach Jahren des Dienstes am oder über dem Limit vor lauter Arbeit der Kern seiner Berufung zu entgleiten schien.

Ich kenne solche Sätze – und ich kenne die Not, aus der heraus sie entstehen.
Ich kenne sie von vielen anderen Hauptamtlichen. Und ich kenne sie aus Phasen meines eigenen Dienstes.

Und so viel steht fest: Da will ich nie wieder hin!

Jetzt, wo die Menschen in meinem weiteren Umfeld langsam Wind von meinem Theologiestudium bekommen, werde ich häufig gefragt: „Ach so, und dann willst du also Pastorin werden?“

Und ich sage dann nicht „ja“.

Denn selbst wenn es stimmt, dass in immer mehr Landeskirchen schon an den roten Teppichen geknüpft wird, die man theologisch ausgebildeten Menschen ohne klassisches Pfarramtstudium dann spätestens in zehn bis fünfzehn Jahren (wenn der Pfarrer/innenmangel voll zuschlagen wird) ausrollen könnte – ich glaube, dass sich einiges an den Strukturen ändern müsste, damit ich einen solchen Dienst tun wollte und könnte.

Ich habe großen Respekt vor den Pfarrerinnen und Pfarrern, die sich Tag für Tag (und so manche Presbyteriumsnacht) durch ihren Aufgabendschungel schlagen. Und ich bewundere all die, die dabei auch noch fröhliche, gesunde und geistliche Menschen bleiben.

Aber mir ist (im Moment zumindest) ganz deutlich: Für mich wäre das nichts. Ich hätte Sorge, dass mir vor lauter Management, Orga, Gremien, Kasualien, Veranstaltungen und tausendfachen Erwartungen das Eigentliche abhanden käme.

Oder, anders ausgedrückt: Ich würde eine Pastorin sein wollen, die betet.

War Jesus effizient?

Letzte Woche sprach ich mit einem Bekannten, der in einem größeren Unternehmen eine verantwortliche Stellung innehat. Und der seit Jahren die massiven Veränderungen miterlebt, die mit den „Umstrukturierungen“ im Betrieb einhergehen.

Wirtschaftlich, sagt er, sei das, was da passiere, das einzig Richtige.
Aber es gebe sie eben, die Kehrseite der Zusammenlegungen und Prozessoptimierungen, die düsteren Folgen der (mein Wort, nicht seins) „Effizienzwut“: Langjährige Mitarbeitende würden sich nicht mehr mit „ihrem“ Unternehmen identifizieren und orientierten sich um, sobald sich eine andere Gelegenheit biete. Ständig steige der Stress und der Druck in den Arbeitsabläufen. Und dann das traurige Fazit:

„Da bleibt die Menschlichkeit manchmal auf der Strecke.“

Es ist ja nun keine neue Beobachtung – aber mir wurde dabei nochmal so bewusst, wie sehr der Optimierungs- und Effizienzwahn unsere Gesellschaft und auch unser persönliches Leben prägt. Und wie oft er zerstörerisch wirkt: Beziehungen vergiftet oder verkümmern lässt. Menschen krank macht.

Und leider sind (zumindest nach meiner Beobachtung) unsere Kirchen und unsere Gemeinden keine Ausnahme in dieser Entwicklung.

Als in den späten 90er-Jahren die erste Sturm- und Drangzeit meines Glaubens begann, schwappten aus den USA gerade diverse Konzepte zu uns, die stark von wirtschaftlichem Denken geprägt waren. Da gab es zuhauf Formeln und „Tools“ *g* nach dem „Wenn-dann-Schema“: Wenn du die richtige Vision entwickelst / wenn du die Veranstaltungsformate optimierst / wenn du „deine“ (!) Mitarbeitenden nach der richtigen Strategie auswählst / wenn du im missionarischen Gespräch die richtige „Technik“ anwendest / wenn wenn wenn … dann!
Dann bekehren sich die Leute in deinem Umfeld scharenweise und dann wächst deine Gemeinde ins Unermessliche. (Wobei mit Letzterem weitestgehend unhinterfragt ein quantitatives Wachstum der Zahl von z. B. GottesdienstbesucherInnen gemeint war.)

Sicherlich gab es auch „damals“ (wie alt bin ich denn eigentlich? *g*) schon reflektiertere Stimmen. Aber das oben Skizzierte war das, was ich wahrgenommen habe – vielleicht auch wahrnehmen wollte. Und es hat mich natürlich sehr geprägt.

Was machen wir nun aber, wenn wir gemerkt haben, dass diese Automatismen so nicht greifen?! Dass das Leben komplexer ist?! Dass Gott sich doch tatsächlich manchmal unseren Schemata widersetzt?! 😉

Was machen wir, wenn wir vielleicht sogar Ähnliches beobachten müssen wie mein Bekannter in seinem Wirtschaftsunternehmen?! Da sind haufenweise gebrannte hauptberuflich und ehrenamtlich Mitarbeitende. Menschen, die sich nicht mehr mit der Gemeinde (und fatalerweise manchmal auch nicht mehr mit dem Glauben) identifizieren können oder wollen. Die in unseren Anforderungs-, Leistungs- und Erfolgssystemen tief verletzt wurden. Die sich von allem Frommen abgewandt haben oder die es gerne würden und insgeheim schon lange nach einer Exit-Strategie suchen. (Bei Hauptamtlichen ist das ja extrem schwierig: da kommt zu der großen sozialen Abhängigkeit häufig auch noch eine krasse wirtschaftliche dazu. Und so erscheint der Ausstieg aus dem Beruf für manche kaum möglich.)

Was machen wir, wenn wir am Ende sogar zu dem gleichen bitteren Fazit kommen wie mein Gesprächspartner?! Wenn wir sagen müssen: Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Äh – und von „der Göttlichkeit“ mal ganz zu schweigen …

Tja … was machen wir da??

Das ist keine rethorische Frage.
Denn die Alternative kann ja nicht einfach heißen, ab jetzt alles strategische Denken, alles Planen, alles Bemühen um gelingende Prozesse und alle Verantwortung für wirtschaftliche Realitäten einfach bleiben zu lassen. (Zumindest nicht innerhalb unserer gewachsenen Kirchen-, Gemeinde-, Werksstrukturen.)

Viele gute Denkanstöße zu diesem Fragenkreis verdanke ich dem Buch Gemeinde neu denken von Reiner Knieling und Isabel Hartmann. Die beiden schauen bewusst aus einer geistlichen Perspektive auf das Thema. Zitat aus der Buchbeschreibung:

Nicht effizientere Strukturen und besseres Marketing machen die Kirche neu, sondern eine biblisch motivierte Spiritualität, die in eine offene und zuversichtliche Praxis führt.

Ich empfehle euch dieses Buch sehr. Aber ich will (eigentlich die ganze Zeit schon *g*) heute auf eine andere Frage hinaus. Meine Mentorin hat sie mir vor einigen Jahren gestellt und sie begleitet mich seitdem:

Wie war das denn bei Jesus? War Jesus „effizient“?

Ging es Jesus nicht eher um Menschen als um Strukturen? Ging es ihm nicht eher darum, dass dieses ver-rückte Reich-Gottes-Ding Raum gewinnt als um ein funktionierendes, effizientes, effektives, imposantes, erfolgreiches System?

Das würde mir natürlich gerade alles gut in mein Welt- (und Jesus-)bild passen. 🙂
Aber nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so: Was heißt das denn dann für mich – und für uns als Gemeinde Jesu? Was bedeutet das für uns westliche Menschen im Jahr 2017, die wir – anders als Jesus – nunmal Terminkalender und Planungssitzungen haben?! Was bedeutet es für uns als (Landeskirchen-)Gemeinden, die wir Verantwortung tragen für Gebäude und (ungleich mehr noch *g*) für Menschen, die bei uns angestellt sind?!

Was sagt ihr dazu?

„Hebräisch denken“ für AnfängerInnen

„Sprache schafft Wirklichkeit“, zitierte ein Bekannter von mir neulich gleich mehrmals in einem Gespräch. Und das ging mir noch länger nach …
Ob bzw. inwieweit man das tatsächlich so sagen (! *g*) kann, wäre sicherlich spannend zu fragen – aber ich ahne, dass das sowohl diesen Post als auch meinen momentanen Denkhorizont sprengen würde.
Vermutlich aber sind wir uns so weit einig: Sprache prägt unser Denken und unsere Wahrnehmung immens! Der Einfluss von Wörtern und Worten, vom Reden und Zuhören und Zusammenreimen ist riesig im Hinblick darauf, wie wir Gott und die Welt sehen und verstehen.

Und nun ist es ja so, dass ich gerade begonnen habe, Hebräisch zu lernen. Und ich merke – viel deutlicher als bei den anderen Fremdsprachen, mit denen ich es bisher intensiver zu tun hatte – dass ich hier einer völlig anderen Kultur begegne. Dass die für mich ungewohnten Buchstaben und Wörter und Satzbaumeisterwerke für mich auch ungewohnte Zugänge zur Wirklichkeit eröffnen.

In diesem Zusammenhang habe ich letzte Woche zwei Vorträge von Wolfgang J. Bittner gehört, die voll sind mit konkreten, gut verständlichen und unfassbar hilfreichen Erklärungen zum „hebräischen Denken“.
Wirklich total spannend! Auch (und vielleicht gerade!) für Leute, die (noch) kein Hebräisch können.

Ich erinnere mich gut: Als ich die Vorträge vor einigen Jahren schon einmal gehört habe, sind mir ganze Kronleuchter aufgegangen, was den Zugang zu alttestamentlichen Texten und Begriffen angeht.

Was öffnen sich beispielsweise für neue Verstehenswelten, wenn man wahrnimmt, dass die hebräische Sprache sich – anders als unsere *g* –  kaum für abstrakte Begriffe interessiert?! Sondern dass sie vielmehr die konkreten Vorgänge hinter einem Wort im Blick hat?!
Hier zeigt sich eine so wohltuend gesunde, pragmatische, realistische Sicht auf das Leben … Und mir drängt sich die Frage auf: Könnte es sein, dass die unter uns Frommen mitunter so verbreitete kleinkarierte Prinzipienreiterei auf Hebräisch weniger gut funktionieren würde als auf Deutsch? 😉

Ein weiteres eindrückliches Beispiel: Was für ein riesiger Unterschied ist es, ob ich beim Wort „Gerechtigkeit“ an einen Rechtsbegriff denke, der normativ in richtig und falsch einteilt. – Oder ob ich wahrnehme, was mit dem hebräischen Wort, welches in unseren Bibelübersetzungen häufig mit „Gerechtigkeit“ wiedergegeben wird, eigentlich angesprochen ist: Nämlich ein Beziehungsgeschehen!

Ein echtes Aha-Erlebnis hatte ich auch bei Wolfgang Bittners Beobachtungen zum im Hebräischen üblichen „Denken in Aspekten“. Wie verheißungsvoll (und wie grundlegend ungewohnt) ist die Vorstellung, dass sich eine Sache aus unterschiedlichen Blickwinkeln gleichberechtigt beschreiben lassen kann. Und dass deshalb zwei (oder drei oder vier) unterschiedliche Sätze zum gleichen Gegenstand nicht zwingend um die eine Wahrheit konkurrieren müssen, sondern vielleicht gerade im „Einander-Ergänzen“ der Wirklichkeit näher kommen, als ein Satz allein es könnte.

Aaaahh! Ich fürchte, dass meine Beispiele etwas abgehoben klingen … Die Vorträge sind aber ganz und gar nicht abgehoben. 🙂 Sondern sehr gut verständlich. Und wirklich wirklich lohnend!
Hört sie euch unbedingt an!

Hier findet ihr die direkten Links:

Hebräisches Denken – Teil 1 – Vortrag

Hebräisches Denken – Teil 2 – Vortrag

Und darüber hinaus müsst ihr auf jeden Fall mal noch etwas mehr stöbern auf der Homepage von Wolfgang J. Bittner und seiner Frau Ulrike Bittner. Die beiden veröffentlichen dort neben einem Journal immer wieder sehr hörenswerte Vorträge und Predigten.