Jein ist keine gute Wahl

Gestern habe ich in einer Gemeinde einen Abend für Mitarbeitende gestaltet. Das Thema war „Jein ist keine gute Wahl. Wie ich als Christ/in reife Entscheidungen treffen kann.“

Die Vorbereitung hat Spaß gemacht.
Vor allem fand ich es spannend, mal ein paar „Entscheidungssituationen“ in der Bibel näher anzuschauen. Da gibt es ja eine große Bandbreite …

Von Josef, der durch einen Engel im Traum Klarheit gewinnt, Maria nicht zu verlassen. Über die verrückte Geschichte von Gideon, der „ein Vlies auslegt“ zu den Aposteln, die nach Judas‘ Verrat per Losentscheid über dessen Nachfolge im Zwölferkreis bestimmen. Bis hin zur Jerusalemer Apostelversammlung (Apostelgeschichte 15), wo Menschen in einem „Gremium“ zusammenkommen und sich „lange streiten“, bevor sie dann irgendwann zu einem Ergebnis kommen, das „dem heiligen Geist und ihnen“ (V. 28! *g*) gefällt. Ist doch irgendwie tröstlich, dass auch das „biblisch“ ist, oder? 😉

Was ich heute aber eigentlich mit euch teilen wollte, ist das kurze Video, das gestern den Einstieg gebildet hat. (Den Tipp hatte ich von meiner Freundin Isa!)
Seht es euch an, es ist großartig! Und. So. Wahr! 😉

„Wenn du nur genug betest …“

Vor zwei Wochen war das Christival gerade in vollem Gange – und vieles aus den großartigen Tagen in Karlsruhe wirkt bei mir noch nach.

So bewegen mich noch immer die Bibeltexte, mit denen wir uns an den Vormittagen während der so genannten WortWechsel beschäftigt haben.
(Diese für das Christival (weiter-)entwickelten und unbedingt nachahmenswerten interaktiven „Bibelarbeits-Formate“ schreien auch nach einem Post – ach, aber alles zu seiner Zeit. *g*)

Der Text für Freitagmorgen kam aus dem 16. Kapitel der Apostelgeschichte.
Paulus und Silas werden in Philippi hart misshandelt (lest mal 1. Thessalonicher 2,2 – das war für die beiden mehr als eine kleine alltägliche Schwierigkeit am Rande). Sie landen schwer verwundet im Gefängnis, in der Hochsicherheitszelle. Haben die Füße im Block, können sich kaum rühren.
Und dann kommt die ungeheuerliche Aussage:

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder.
(Apg. 16,25, BasisBibel)

Während dieser mitternächtlichen Sing-&Pray-Session bebt plötzlich die Erde, wodurch alle Türen aufspringen und alle Fesseln abfallen. – Und daraufhin bebt dann das Leben des Gefängniswärters …

Wir haben in „unserem“ Wortwechsel als Vierer-Team spontan auf Fragen der 3000 jeweils anwesenden Christivaller reagiert.
Manche Fragen kamen trotz intensiver Vorbereitung überraschend. Viele hatten wir aber auch so oder so ähnlich erwartet. Wie zum Beispiel – und damit komme ich endlich mal zum Punkt 🙂 – Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem „heldenhaften Lobgebet“ der Apostel in dieser krassen Situation – und dem wunderbaren Eingreifen Gottes.
(By the way: Ich glaube übrigens nicht, dass in jener Gefängniszelle die ganze Zeit wohlklingender Lobpreis zu hören war, aber das ist ein anderes Thema …)

Auf den Punkt gebracht: Hat Gott das Erdbeben geschickt, WEIL Paulus und Silas selbst in dieser düsteren Situation noch gebetet und gelobt haben? Als automatische Folge? Als Belohnung? Haben die Apostel Gott durch ihr Gebet zum Handeln bewegt?
Für heute gefragt:  Kann ich Gott zum Eingreifen bewegen, wenn ich genug bete, wenn ich genug (Achtung, Gänsehaut-Formulierung!) „Lobpreis mache“?

Und dann im Umkehrschluss: Was ist, wenn Gott bei mir kein Erdbeben schickt? Wenn ich immer noch mit meinen Fesseln (meinen Problemen /meinen Ängsten/ meiner Krankheit) hier im Dunkeln sitze?  

Tja, wenn Gott bei dir nicht handelt, so würden viele antworten (und dabei (ich denke, zu Unrecht!) auch Apg. 16 in ihrem Rücken wähnen), dann hast du wohl offensichtlich nicht genug gebetet. Oder nicht richtig gebetet. Wahrscheinlich hättest du Gott mehr loben müssen. Denn wenn selbst Paulus und Silas in dieser Situation Gott gelobt haben – dann wird Gott das ja von dir erst Recht erwarten (können).

Denkt ihr, was ich denke?! Spürt ihr, was ich spüre?!
SOLCHES DENKEN, SOLCHES REDEN GEHT GAR NICHT!!
Es ist lieblos und es macht Menschen erst Recht krank. Es befreit nicht, sondern erschafft geradezu neue Fesseln.
Und ja: Ich halte es auch von der Bibel her für völlig unangemessen!

Ein gründlicher Blick auf den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, wie er z. B. in Teilen der alttestamentlichen Weisheitsliteratur beschrieben (und an anderen Stellen der Bibel, etwa im Prediger-Buch oder bei Hiob hart hinterfragt!) wird, wäre jetzt spannend, aber würde diesen Post sprengen. Mehr dazu könnt ihr zum Beispiel hier lesen.

Aber es reicht auch schon, in der Apostelgeschichte zu bleiben, um etwas Spannendes zu entdecken. Lukas berichtet uns nämlich mehrfach von wundersamen Befreiungen inhaftierter Apostel. Und, wer hätte das gedacht?! In den anderen Berichten spielt das Gebet der Gefangenen keine Rolle.

In Kapitel 5,17 ff. ist überhaupt nichts von Gebet zu lesen. Die Apostel werden gefangen genommen, ein Engel des Herrn führt sie aus dem Gefängnis. Einfach so.

Und hochinteressant dann Kapitel 12: Herodes hat Jakobus enthaupten lassen. Und weil das im Volk gut ankam, ließ er als nächstes gleich noch Petrus verhaften. Eine denkbar gruselige Lage: Petrus sitzt übermäßig bewacht in der Zelle und wartet auf seine Verhandlung und damit möglicherweise auf sein Todesurteil.
Und? Hat er sich die Seele aus dem Leib gebetet?? Vielleicht. Ich würde sogar sagen, sehr wahrscheinlich hat er das. Aber Lukas hält es nicht für nötig, uns darüber zu informieren. Sondern wir sehen den Apostel im entscheidenden Moment schlafend!

Was wir hingegen erfahren:

Aber die Gemeinde betete Tag und Nacht für ihn zu Gott.
(Apg. 12,5 BasisBibel; vgl. auch V. 12)

Wenn also das nächste Mal Leute sagen: „Du hast wohl nicht genug gebetet“, wär doch mal eine coole Entgegnung: „Nee, meine lieben Geschwister: IHR habt wohl nicht genug gebetet!“ 😉

Oder wollen wir nicht lieber in eine ganz andere Richtung denken?

Wäre es nicht angemessener, davon auszugehen, dass Gott Gott ist? Dass er souverän handelt, wenn und wann und wie er es für richtig hält?
Es steht ja außer Frage, dass viele Menschen Befreiungserfahrungen gemacht haben, während sie gebetet haben. Aber ich glaube nicht, dass sie befreit wurden, WEIL sie gebetet haben. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass das Gebet Gott zu irgendwelchen Handlungen hätte bewegen müssen. Gott befreit aus Gnade und nicht als automatische, berechenbare Reaktion auf geistliche oder sonstige Leistungen.

Gott braucht das Gebet nicht. Aber wir brauchen es!
Nicht wir bewegen Gott durch unser Gebet. Sondern Gott bewegt im Gebet etwas in uns.

Kann man das so sagen? Oder ist das zu einseitig gedacht?
Was meint ihr …?