Die heilige Hedwig

Anfang der Woche war ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Polen. Wir waren wenn man so will auf den Spuren unseres eigenen „Migrationshintergrundes“ unterwegs. Haben die schlesischen Dörfer besucht, aus denen meine Großeltern stammen. Haben im Geburtszimmer meines Vaters gestanden. Haben manches nachvollzogen von der bedrückenden Fluchtgeschichte.

Am Tag darauf gab es dann das großstädtische Kontrastprogramm im sommerlichen Breslau.
Nachmittags war ich einige Stunden lang allein in der Stadt unterwegs. Ich bin durch die Straßen gestreunert, habe die Sonne auf mich scheinen und die Eindrücke auf mich regnen lassen. An allen Ecken Spuren der wechselvollen Geschichte …

Und an allen Ecken Kirchen! In fast jede, bei der ich vorbeikam, hab ich wenigstens einmal kurz reingeschaut. Und so war ich in mindestens sieben verschiedenen Gotteshäusern innerhalb weniger Stunden.
Das war eine merkwürdige Erfahrung. Fast überall war mein vorherrschender Eindruck: Befremdung.

In der barocken Universitätskirche fühlte ich mich erschlagen. Jeder Winkel voll mit (zweifellos sehenswerten) Gemälden und Verzierungen und Schnörkeln. Schön, sicher. Aber überladen, überfrachtet.

Und dann der Dom! Düster und beklemmend. Schwere Fahnen im Mittelgang. Beeindruckend und bedrückend. Gewaltig und gewichtig. Definitiv kein Ort zum Wohlfühlen.

St. Maria auf dem Sande, eine schlichte Gotikkirche, war mir da auf den ersten Blick sehr viel näher. Aber dann betrat ich eine Seitenkapelle, in der eine große bewegliche Krippe aufgebaut war. Und irgendwie war da auch noch sehr, sehr viel anderes, was mich anglitzerte und anblinkte. Und abstieß! Leuchtende, seichte Jesusbilder. Ein beweglicher Papst. Das alles gruselig musikalisch untermalt. So viel heftigster religiöser Kitsch auf so engem Raum. Ich bin rückwärts wieder rausgegangen.

Nun bin ich ja nicht das Maß aller Dinge. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker. Es gibt eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen und Spiritualitätspraxis. Gott sei Dank!
Und ja, ich bin sowieso gerade gut im Dekonstruieren von Glaubensausprägungen. Und mir ist bewusst, dass ich die positiven Gegenbilder noch zu oft schuldig bleibe.

Aber ich fand das schon irgendwie merkwürdig.
Plötzlich kam mir ein verrückter Gedanke: Wie würde das wirken, wenn dieser jüdische Wanderprediger aus Nazareth, in dem wir Christinnen und Christen ja verrückterweise Gott höchstpersönlich zu begegnen glauben, mit seiner SchülerInnentruppe in eine solche Kirche gekommen wäre? Wie hätten sie ihm gefallen, die weißen, europäischen Jesusse an den Wänden? Was hätte er gesagt zu den prunkvollen Bauten?

Ich weiß es natürlich nicht.
Aber der Eindruck, dass Jesus in seinem eigenen Haus fremd wäre, den konnte ich nicht verscheuchen.
Ist das nicht spannend?! Wie in 2000 Jahren aus der kleinen Bewegung von Jesus-NachfolgerInnen all diese Strukturen und Systeme und Gebäude wurden. Wie immer mehr innere und äußere Überbauten entstanden: Aus Steinen und aus Regeln, aus Traditionen und aus vergoldeten Schnitzereien.

Ich bezweifel nicht, dass es Menschen gibt, die sich wohlfühlen und die ernsthaft (und vielleicht sogar fröhlich?) glauben. In diesen Kirchengebäuden, die mich beklemmen. In den kirchlichen Strukturen, die ich als hemmend empfinde. Vor solch blinkenden Ikonen, die mich abstoßen.

Wie gesagt, ich bin nicht das Maß der Dinge. Aber ich bin doch auch nicht allein mit meinen Anfragen, mit meiner Sehnsucht …
Und mit meinem Glauben an einen Jesus, der dort war, wo sich das echte Leben abgespielt hat. Der mit Menschen gegessen und gefeiert hat. Der Bilder aus dem Alltag benutzte und dessen Relevanz für eben diesen Alltag offensichtlich war. Spürbar. Erlebbar.

Und heute? Kommt es mir so vor, als müsste erst durch ein Labyrinth an kulturellen Unverständlichkeitshindernissen hindurch herbeierklärt werden, dass diese Sache mit Gott auch jenseits der Kirchenmauern Bedeutung haben könnte …

Zu diesen Überlegungen passt mein schönster Kirchen-Moment an diesem Breslau-Nachmittag.
In der Kreuzkirche gab es eine Ausstellung über die heilige Hedwig. Ich habe die Exponate – vor allem Gemälde – zunächst gar nicht bewusst wahrgenommen. Bis mein Blick plötzlich hängen blieb an vier Bildern von Artur Grzegorz Lobusch. Anstelle von verklärender Heiligenikonographie setzt er die alten Legenden in Beziehung mit dem ganz realen Leben heute.

Und so war ich plötzlich angezogen von seiner Darstellung der „heiligen Hedwig von Schlesien“. Oder besser: Von den zwei heiligen Hedwigs …
Da hängt ein Bild der Heiligen Hedwig im Hintergrund an der Wand. Und vorne sitzt die heilige Hedwig von heute. Eine ältere Frau, wie wir sie im Geburtsdorf meines Vaters hätten treffen können. Echt und lebendig und faltig. Nicht spektakulär. Nicht vergoldet.

Das hat mich angerührt.
Im faltigen, erbärmlich unspektakulären Alltag hat das Heilige seinen Platz.

Das könnte man vielleicht ernüchternd finden.
Ich aber finde es anziehend. Verheißungsvoll!
Dort, in Hedwigs Küche, ist Kirche. Dort ereignet sich Glaube.
Und ich denke: Wenn das nicht auch in unseren Küchen geschieht, dann bleiben die altehrwürdigen Kirchenräume – in mehrfachem Sinn – leer.