Hossa und der Sunrise in Evangelikalien

Seit über einem Jahr ist bei mir immer wieder sonntags Hossa-Tag. Bzw. Hossa-Talk. 😉
Gofi Müller und Jakob „Jay“ Friedrichs veröffentlichen dann nämlich ihren mittlerweile wöchentlich erscheinenden gleichnamigen Podcast. Und den zu hören lohnt sich für mich immer.

Die beiden „evangelikalen Alt-Stars“ (*g* – Jay hat mich als Teil von nimmzwei (heute superzwei) und mit seiner geistreichen Kolumne in der Zeitschrift dran schon als Teenie begleitet; Gofi „kenne“ ich noch als großen Stern am Jugendevangelisations-Himmel) haben sich ein Forum geschaffen, in dem sie öffentlich „laut denken“. Und dabei legen sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, sondern hauen Dinge auch mal aus dem Bauch heraus einfach so in den Äther.

Eine krasse Herangehensweise … 😉 Denn natürlich machen die beiden sich durch den einen oder anderen nicht ganz ausgereiften Satz angreifbar.
Aber ich finde: wer sich da an einzelnen Inhalten aufhängen will, muss erstmal diesen Wahnsinns-Mut würdigen! Und wahrnehmen, dass es genau diese Art des offenen Wortes ist, die viele Hörer/innen begeistert und zum eigenen Nachdenken anstachelt (mich zum Beispiel) und dass sich viele Leute in den Gedanken und Fragen der beiden wiederfinden und verstanden fühlen (ich zum Beispiel).

In den Talks geht es – manchmal im Zweiergespräch zwischen Jay und Gofi, häufig aber auch mit spannenden Gästen – um Gott und die Welt. Und zwar fast immer in (kritischer) Auseinandersetzung mit der eigenen Prägung der Hossa-Talker. Einer konservativ-christlichen, „evangelikalen“ Prägung.

Die heute veröffentlichten Folge „Aufruhr in Evangelikalien“ thematisiert wieder einmal eine Beobachtung, die auch mich schon länger beschäftigt.
(- By the way: Ich muss dringend mal einen Post darüber schreiben, dass und warum ich das e(vangelikal)-Wort für alles andere als hilfreich halte. Aber ob wir jetzt von „den Evangelikalen“ reden wollen oder von „der Jesus-Bewegung“ oder – das mache ich, bis mir was besseres einfällt jetzt erstmal – von „der frommen Szene“: Die Beobachtung stimmt so oder so.)

Ja! Es ist viel in Bewegung unter uns Evang … äh, unter uns, die wir uns vor fünfzehn Jahren noch bedenkenlos evangelikal genannt hätten. 😉
Man kann sicherlich mit Recht von einem „Aufruhr“ sprechen, wie Jay und Gofi das im Titel der Hossa-Folge tun. Aber könnte man nicht auch „Aufbruch“ sagen?! „Aufatmen“!? „Aufleben“?! Oder gar, inspiriert von meinem Sonntagabend-Tequila-Sunrise „Sonnen-AUFgang“?! 😉

In meinem Herzen jedenfalls geht die Sonne auf, wenn ich erlebe, dass heute unter uns Dinge gedacht und gesagt und gelebt werden können, die vor fünfzehn oder zehn oder teilweise auch noch vor fünf Jahren undenkbar waren. (Okay, gedacht wurden sie schon immer von Leuten. Aber wer manche Dinge dann öffentlich gesagt oder gar gelebt hat, der war raus.)
Ich empfinde das zum Beispiel so im Hinblick auf die Frage nach einem angemessenen Schriftverständnis. Oder im Hinblick auf verschiedene ethische Themen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass wir es vermehrt aushalten, uns (zum Beispiel eben in Sachen Bibelverständnis und Ethik) nicht immer zu 100% einig zu sein.

Ich erlebe für mich persönlich, aber auch bei vielen Leuten in meinem Umfeld heute eine sehr viel größere Freiheit. Die Freiheit, intellektuell redlich, ohne Scheuklappen, denken und ringen zu dürfen.
Und, wer hätte das gedacht, ich habe nicht den Eindruck, dass mein Glauben, dass meine Jesus-Beziehung, darunter leidet.

Im Gegenteil!
Es tut gut, nicht mehr auf alles Antworten haben zu müssen. Es tut gut, dass Gott Gott sein darf. Dass er (oder sie *g*) mein Denken übersteigt, meine Bilder sprengt.
Und bisher ist meine Erfahrung, dass ich gerade bei diesem unfassbaren Gott geborgen bin. Sehr viel mehr und sehr viel tiefer geborgen als bei dem berechenbaren kleinen Gott meiner rechtgläubigen Jugend.
(Oha, das klingt jetzt doch böser als es soll. Und als angemessen ist. Also gut: „Was ich meiner frommen Prägung alles verdanke“ kommt auch auf die Liste der Posts, die irgendwann noch kommen müssen. *g*)

… Und jaha, ich weiß! Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Freiheit will gut gestaltet werden. Ich kann an manchen Stellen „auf der anderen Seite vom Pferd fallen“. Und möchte deshalb auf Geschwister aus verschiedenen Hintergründen hören und mich hinterfragen lassen. –

Und ja! Es wird tatsächlich spannend in den nächsten Jahren. Wo gehen wir als „fromme Szene“ hin? Kommt die große Spaltung in „Konservative“ und „Progressive“? (Wo) Ist es richtig für mich, mich von fundamentalistischen Meinungen (und sogar Menschen?!) abzugrenzen – um meiner selbst willen und um all der Menschen willen, die als Schwerverletzte engen Gruppen entkommen sind? (Um welchen Preis) Ist es richtig für mich, die Einheit zu suchen und zu betonen mit ALLEN, die sich auf Jesus berufen?

Da sind viele Fragen am Horizont. Da wird es noch viel Aufruhr geben in Evangelikalien …
Aber an einem sommerlichen Sonntagabend wie diesem werde ich mich doch auch mal nur an der Freiheit freuen dürfen. Den Sonnenuntergang draußen genießen. Und den Sonnenaufgang im Herzen und im Glas.
In diesem Sinne: Halleluja! Und Prost! 🙂