Ahmads Lebenslauf

Letzte Woche.

Ich muss lernen. Und zwar dringend! Ende Juni ist meine Hebräisch-Prüfung. Ich bin katastrophal hinter meinem Lern-Plan.
Und ich weiß ja durchaus um die Lösung für das Problem …
Sie hat mit Disziplin zu tun. Und mit Prioritäten. Und sie ist an jedem neuen Tag umkämpft.

Da klingelt das Telefon. Es ist Ahmad*, ein afghanischer Bekannter, der mit seiner Frau Fatima* und den drei Kindern Ende 2013 nach Deutschland geflohen ist. Er brauche für seine Bewerbung einen Lebenslauf. Eigentlich noch diese Woche. Ob ich ihm helfen könne. „Aber nur, wenn du hast Zeit, Astrid.“

Habe ich Zeit?
Ja – natürlich habe ich Zeit! Wir alle haben Zeit. 24 kostbare Stunden an jedem einzelnen Tag.
Das ist viel und wenig zugleich.
Und ich muss (und ich darf!) entscheiden: Was ist jetzt richtiger? Was ist jetzt wichtiger?

„Ja“, sage ich. „Komm gerne vorbei. Aber ich habe nur eine Stunde – dann muss ich lernen!“ – Ahmad weiß, dass ich Hebräisch lerne. Seitdem ich versuche, mich in diese neue Schrift, diese fremden Wörter, dieses ungewohnte Denken reinzufuchsen, habe ich eine ganz neue Verständnisebene erklommen, wenn es darum geht, die Deutschlern-Herausforderungen von Geflüchteten nachzuvollziehen. 😉

Da sitzen wir also am Küchentisch. Zwischen meinen Hebräisch-Büchern und der Biblia Hebraica, die Ahmad interessiert anschaut.
„Bis elf hab ich Zeit“, sag ich nochmal zur Sicherheit und wir starten.

Ich öffne einen alten Bewerbungs-Lebenslauf von mir und wir überschreiben zunächst die persönlichen Angaben. So weit, so einfach.

Aber dann kommen wir zu dem Punkt „Ausbildung und Berufserfahrung“.
Und es wird schnell klar: Ahmads komplexe, in einer völlig anderen Kultur angesiedelte Biographie passt eigentlich nicht in ein deutsches A4-Lebenslauf-Formular.

Ausbildung? – „Weißt du, Astrid, das ist dort anders als hier in Deutschland …“
Ja, ich weiß. Es gibt Länder, in denen es nicht primär auf Scheine und Stempel ankommt, sondern mehr auf tatsächliche Kompetenzen.
Aber es hilft ja nichts. Wir brauchen Jahreszahlen. Und zwar gregorianische und nicht persische. Und wir brauchen Formulierungen, mit denen eine deutsche Arbeitgeberin etwas anfangen kann.

Also muss ich verstehen. Mehr und genauer als vorher.

Und Ahmad fängt an zu erzählen.
Und ich begreife, wie wenig ich eigentlich wirklich weiß, von diesem Mann, von dieser Familie, die ich schon seit mehr als zwei Jahren „kenne“ …

Ahmad erzählt.
Von der Schulzeit in Afghanistan und der Flucht in den Iran. Von der Zeit in einer größeren iranischen Stadt. Wie er ein Handwerk lernte. Und sich selbstständig machte. Bis zu sechs Mitarbeitende beschäftigte.

Ich höre zu, frage hier und da nach. Und mache langsam Fortschritte auf dem Bewerbungs-Word-Formular.

Er erzählt weiter.
Dass sie nach über zwanzig Jahren wieder weg mussten.
Nächste Station Teheran. Wie schwierig es dort war. Und wie gefährlich. Und wie sie sich schließlich zur Flucht nach Europa durchrangen. Mit den drei kleinen Kindern.

Was dann kommt, kann ich kaum ertragen.

Ja, ich weiß um die Realitäten von skrupellosen Schleppern und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer. Natürlich.
Ja, ich habe gelesen von Übergriffen in bulgarischen Gefängnissen.
Ja, ich kenne Geschichten von nächtelangen Wanderungen ohne Essen.

Und klar, ich weiß theoretisch, dass die meisten der Geflüchteten in meinem Umfeld Schreckliches erlebt haben.

Aber ich merke: SO genau, SO konkret will ich es eigentlich gar nicht wissen.
Ich will sie nicht wahr haben, diese Wahrheit, um die ich doch eigentlich längst weiß: Dass es nämlich keine anonymen, gesichts- und geschichtslosen Gestalten sind in den Nachrichtenbildern. In den Booten. In den Lagern.
Sondern Menschen!

Ahmad erzählt und erzählt.
Es kommt mir vor, als ob es das erste Mal überhaupt ist, dass er seine Geschichte so ausführlich erzählt. Die Deutschkenntnisse hätten vor einem Jahr auch noch kaum ausgereicht. Und vielleicht auch nicht das Vertrauen.

Zwischendurch schaut er auf die Uhr. „Ach – du musst lernen, Astrid“, sagt er.
Es ist schon lange nach elf.
Aber dieses Mal muss ich nicht überlegen: „Nein“, sag ich, „das ist jetzt wichtiger“.

Er erzählt weiter. Und zwischendurch kommen dem gestandenen Mann die Tränen.
Mir nicht. Denn ich halte das Gehörte mühsam auf Abstand. Ich kann, ich will das nicht an mich ranlassen, was Ahmad, Fatima und die drei Kinder erlebt und durchgemacht haben.

Schließlich hat sich Ahmad noch einmal durchgeschlagen bis nach Deutschland. Ist noch einmal gestrandet am Frankfurter Hauptbahnhof. Noch einmal von Übergangsquartier zu Übergangsquartier gezogen. Und endlich hier ganz in der Nähe gelandet.

Es ist halb eins.
Wir machen den Lebenslauf fertig. Jetzt geht es schnell.
Sieht gut aus, das Dokument. Ich würde Ahmad kennenlernen wollen, wenn ich das lese.

Ahmad bedankt sich und geht.
Und ich sitze wie betäubt in der Küche.

Wie verrückt ist diese Welt!

Die einen sorgen sich ums nackte Überleben.
Und die anderen um – ja was eigentlich?! Das Bestehen einer Klausur?? Nicht mein Ernst …

 

*Ahmad und Fatima heißen eigentlich anders.

Niemand wird tun, was wir nicht tun?!

Mein Soundtrack der vergangenen Woche war der nicht mehr ganz neue, aber nach wie vor großartige Soul-Song „Niemand“ von Joy Denalane.
Mal von der starken Ohrwurm-Musik abgesehen, finde ich den tiefsinnigen Text richtig groß. Mindestens jeden zweiten Satz könnte ich mir gerahmt (oder gesprayt, falls ich Gunnar überzeugen könnte *g*) über unserem Sofa vorstellen.

Hört mal selbst:

Total gut, oder?

Ich bleibe immer schon am Anfang hängen und denke an mein persönliches und unser gesellschaftliches (und übrigens auch gemeindliches) „Immer-mehr-Zeug-immer-weniger-Zeit“-Problem.
Und, wow, was kommt dann für eine Anfrage?! An uns, die wir uns auf Gott, die Liebe selbst, berufen:

Können wir Liebe predigen, wenn uns der Glaube teilt?

Worauf ich heute aber hinauswill, das wurde mir klar, als ich gestern einen Brief von Pro Asyl aufgemacht habe.
Ehrlich gesagt hat mich schon das Öffnen des Briefes Überwindung gekostet. Und zwar aus dem gleichen Grund, warum ich mir schon lange kaum noch Fernsehnachrichten gebe.
Ich fühle mich überfordert! Es kostet mich Kraft hinzusehen. Ich würde das Thema Flüchtlinge, zumindest auf der großen, politischen Ebene, am liebsten verdrängen. Und mir einreden, dass das schon irgendwie richtig ist, wie die Dinge gerade laufen und dass ich ja sowieso nur meinen kleinen Teil vor Ort beitragen kann …

Wie lang sind wir sehenden Auges stumm?

Aber bei allem Weggucken bleibt da diese Ahnung: Was da gerade passiert, geht gar nicht …
Und sobald ich mich den Nachrichten doch ein bisschen mehr aussetze, wird die Ahnung sofort zur Gewissheit. Wenn ich hinschaue, dann kann ich „eigentlich“ nicht mehr still zusehen. Denn dann kann ich mir das nicht mehr schöndenken. Dann sehe ich es mit eigenen Augen:

Es geht ja nicht um ein Flüchtlingsthema! Es geht um Menschen!
Um Menschen, die in Lagern festgehalten werden, oft unter erbärmlichen Bedingungen. Männer, Frauen, Kinder. Echte Menschen, deren größtes Verbrechen darin besteht, dass sie nicht in ein so privilegiertes Land hineingeboren wurden wie ihr und ich.

Menschen, deren Asylantrag niemals individuell geprüft werden wird, sondern die wo immer möglich in den „Sicheren Drittstaat“ Türkei abgeschoben werden sollen. Hm, wie drücke ich es aus … – Mein Vertrauen darauf, dass dort in der Türkei eine faire, menschenwürdige Behandlung oder gar ein ebensolches Asylverfahren auf sie wartet, ist, ich sag mal … nicht übertrieben groß.

Können wir noch länger hadern und meinen, es liegt nicht bei uns?
Können wir das Unrecht nur benennen und doch leben von seiner Gunst?

Ja, „eigentlich“ kann ich nicht mehr still zusehen. Aber – und da nähern wir uns wohl einem Kern der Problematik: Natürlich hab ich auch kein Patentrezept.

Was ist denn die Alternative zum EU-Türkei-Deal? Soll Angela Merkel nochmal sagen: „Kommt alle zu uns. Wir schaffen das!“?

Ein sehr großer Teil von mir sagt: JA!! Das wäre das einzig richtige. Und JA, wir müssen das schaffen in unserem großen, reichen, privilegierten, ach so moralisch hochtrabendem Land! Wie können wir für uns ein Leben in Saus und Braus beanspruchen? Obwohl wir wissen (oder wissen könnten), dass unser Wohlstand an so vielen Stellen auf Kosten ärmerer Länder geht?

Aber ja –  es gibt auch eine andere, ziemlich leise Stimme in mir. Die fragt: „Was schaffen wir wirklich?“
Wie viel Kräfte haben wir? Dürfen (oder müssen?!) wir uns nicht auch irgendwo abgrenzen? Als Gesellschaft genauso wie als Einzelne?
Ist es legitim, diese Parallele zu ziehen zu dem Engagement Einzelner? Ja, auch die einzelne Flüchtlingshelferin vor Ort muss sich irgendwo abgrenzen. Obwohl sie sieht, wie viel andere noch ihre Hilfe brauchen würden.
Das ist eine schmerzliche Wahrheit: Es gibt immer noch mehr schreiendes Elend, als wir bekämpfen können.

Niemand wird tun, was wir nicht tun.

Das tut weh, denn es stimmt oft! (Aber Gott sei Dank stimmt es ja auch nicht immer …)
Und jaha – die „Meine-Kräfte-sind-begrenzt“-Einsicht darf natürlich keine Entschuldigung sein, gar nichts zu tun! Aber erlaubt diese Einsicht nicht doch, das eigene Engagement auch aus den Ressourcen heraus zu definieren und nicht nur aufgrund des (immer die eigenen Kapazitäten übersteigenden!) Bedarfs??

Das sind große Fragen.

Und wisst ihr was? Ich hab die Antwort nicht.

Und wisst ihr noch was? Ich denke, es gibt gar keine einfachen Antworten. Ich fürchte, dass wir diese Dilemmata aushalten müssen. Dass wir zugeben müssen, keine Lösung zu haben. Dass wir Leuten widersprechen dürfen, die es sich – auf der einen oder auf der anderen Seite – zu einfach machen. Und ich glaube, dass wir auch den Verantwortlichen in Politik und Verwaltung zugestehen sollten, keinen Masterplan zu haben – dann müssten diese uns auch nicht ständig für dumm verkaufen.

Ja: Es wäre schöner, es wäre bequemer, jetzt einen beruhigenden, abschließenden Satz zu finden. Aber ich muss mir noch ein letztes Mal Joy Denalanes Worte leihen:

Ich glaub nicht mehr, dass das geht.