Alle Jahre wieder …

Du liebe Zeit! Es ist schon wieder so weit …
Anfang September; die „Vorweihnachtszeit“ hat begonnen.
Zumindest im Supermarkt.

Und wie jedes Jahr fühlt es sich falsch an.
Im vergangenen September hab ich mir mein Befremden über die spätsommerlichen Weihnachtsgebäck-Paletten hier auf dem Blog von der Seele geschrieben – und bei der Gelegenheit gleich auch noch etwas genereller über den Segen des Wartens philosophiert.
Ich hab’s mir gerade nochmal durchgelesen – das hat gut getan. 🙂

Wenn ihr auch mögt, da ist der Link zum Artikel:

O du selige, gnadenbringende Wartezeit

Und hier direkt noch ein kleiner Auszug:

Ich glaube, dass es gesund ist, warten zu können. Ich glaube, dass ein „Alles-hat-seine-Zeit“-Leben reich ist und glücklich macht. Ich glaube, dass es sich lohnt, das zu leben und das zu feiern, was jetzt dran und was heute möglich ist.

Und deshalb lass ich die Lebkuchenpaletten noch viele Wochen links liegen. Und hoffe darauf, dass zu Beginn der Adventszeit noch ein bisschen Weihnachtsgebäck für mich übrig ist.

Und bis dahin freu ich mich erstmal auf das, was der Herbst so bringt: Drachen steigen lassen. Erntedankfest feiern. Kastanien sammeln. Ja – auch die Blätter fallen sehen, mich dem rauhen Wind aussetzen. Melancholie zulassen. Vergänglichkeit nicht verdrängen.“

In diesem Sinne: Leben und feiern wir den Herbst!
Mit oder ohne Stollen und Printen. 😉

O du selige, gnadenbringende Wartezeit

Alle Jahre wieder … trifft es mich völlig unvorbereitet. Und jedes Mal ist es aufs Neue wieder ein Schock, den ich erstmal verkraften muss.

So auch gestern.
Ich gehe einkaufen. Früher Abend, sonniges Spätsommer-Feeling, 20 Grad.
Und da sind sie wieder! Im Aktionsbereich hinter dem Gemüse, wo letzte Woche noch Fackeln für den Garten standen und Marshmallows zum Grillen. Dichtgedrängt, hochgestapelt: Paletten mit WEIHNACHTSGEBÄCK UND -SÜSSIGKEITEN!
Lebkuchen, Spekulatius, Pfeffernüsse, Marzipankartoffeln, Stollen, Knusperhäuschen zum Selbstbauen und vermutlich noch vieles mehr. – Ich weiß nicht genau, denn ich bin lieber schnell dran vorbeigespurtet …

Um die Möglichkeit der Ehrenrettung meines EDEKA-Marktes grundsätzlich offen zu halten, sei angemerkt, dass es theoretisch stimmen könnte, was Gunnar gesagt hat. Dass es noch gar keine Schoko-Weihnachtsmänner gibt (wie ja das Titelbild (eventuell fälschlicherweise) glauben machen will). Und dass das andere mittlerweile eben als Herbstgebäck deklariert wird.
Aber, hallo?! Stollen?! Und Knusperhäuschen mit winterlicher Verpackung?! Herbstgebäck? Nee, is klar. 😉

Nun will ich euch natürlich nicht diese besondere Freude vermiesen, die ihr empfindet, wenn ihr heute zum Kaffee in die frisch gekauften Lebkuchenherzen beißt. Also zumindest nicht in erster Linie … 😉
Sondern ich möchte mit euch überlegen, ob diese Weihnachtssüßigkeiten-Geschichte nicht etwas Grundsätzliches über unser Verhältnis zum Warten verdeutlicht, über das nachzudenken sich lohnt.

Nicht, dass ich an sich prädestiniert dafür wäre, altkluge und moralisch hochtrabende Loblieder auf den Segen des Wartens in die Welt zu posaunen. Wohl eher im Gegenteil …
Vielleicht hat mich die ganze Thematik gestern auch gerade deshalb so bewegt, weil ich morgens ein Auswahlgespräch für ein Stipendium hatte. Und jetzt sage und schreibe sechs Wochen auf die Entscheidung warten muss. Ich meine: SECHS! WOCHEN!! WARTEN!!! Da erschließt sich mir weder die Notwendigkeit noch der Sinn und erst Recht nicht die Schönheit des Wartens. Ich will es einfach nur wissen. Am besten JETZT! 😉

Aber es gibt andere Situationen, in denen ich es durchaus einleuchtend finde, dass sich warten lohnt. Beziehungsweise lohnen würde:
Den Apfel erst dann pflücken, wenn er reif ist.
Auf die emotionale Konfliktmail nicht direkt eine zornige (wenn auch berechtigt zornige) Antwortmail schreiben. Sondern warten, bis sich der erste Ärger gelegt hat und, vielleicht morgen, das direkte Gespräch suchen.
In Ruhe zu Ende essen und damit leben, dass uns gerade dieser oder jener Fakt nicht einfällt, anstatt hastig das Smartphone zu befragen.
Einer Idee oder einer Sehnsucht Zeit geben, um auszureifen, um konkret zu werden und sie nicht gleich aussortieren und wegschieben, weil sie im Hier und Jetzt nicht zu passen scheint.
Geduld haben mit Menschen, die sich nicht auf Knopfdruck verändern können. Sogar mit uns selbst.

Auf die Gefahr hin, dass das hier jetzt endgültig die Grenze zu pseudo-philosophischem Weltverbesserungs-Geschwafel überschreitet: Könnte es nicht sein, dass wir als Gesellschaft gerade etwas Wichtiges verlernen? Und dass wir etwas Wertvolles verlieren, weil wir nicht mehr warten können oder wollen? Weil alles immer und sofort verfügbar sein muss?

Ja, ich glaube, dass mein Unbehagen tatsächlich über die konkreten Weihnachtszeug-Paletten im Supermarkt hinausreicht und in eine solche grundlegende Richtung geht.
Denn natürlich sind Lebkuchen Anfang September für sich genommen noch kein Problem. Aber was bedeutet es, wenn nach der Freibadsaison direkt die „Vorweihnachtszeit“ anfangen muss?! Und wenn wir dann spätestens am 28. Dezember nichts Weihnachtliches mehr sehen können und noch vor Silvester den Tannenbaum austauschen gegen Osterglocken und Primeln und sonstige Frühlingsdeko …?!

Ich glaube, dass es gesund ist, warten zu können. Ich glaube, dass ein „Alles-hat-seine-Zeit“-Leben reich ist und glücklich macht. Ich glaube, dass es sich lohnt, das zu leben und das zu feiern, was jetzt dran und was heute möglich ist.

Und deshalb lass ich die Lebkuchenpaletten noch viele Wochen links liegen. Und hoffe darauf, dass zu Beginn der Adventszeit noch ein bisschen Weihnachtsgebäck für mich übrig ist.

Und bis dahin freu ich mich erstmal auf das, was der Herbst so bringt: Drachen steigen lassen. Erntedankfest feiern. Kastanien sammeln. Ja – auch die Blätter fallen sehen, mich dem rauhen Wind aussetzen. Melancholie zulassen. Vergänglichkeit nicht verdrängen.
Ach ja, und natürlich freu ich mich dann auch auf eine Antwort von der Stipendien-Stiftung. In SECHS WOCHEN, puh …