Es ist kompliziert.

Dass Rachel Held Evans Potenzial hat zur Heldin, legt ja ihr Name schon nahe. 😉 Und tatsächlich ist sie für mich in mancherlei Hinsicht ein Vorbild.
Seit Jahren schon verfolge ich mehr oder weniger regelmäßig ihren Blog. Da ist es zwar im Moment ziemlich ruhig (die Autorin schreibt gerade an ihrem vierten Buch und ist außerdem im vergangenen Jahr Mutter geworden), aber, wenn ihr des Englischen mächtig seid: Stöbert mal im Archiv, das lohnt sich!

Ihr Buch „A Year of Biblical Womanhood“ habe ich vor zwei Jahren im englischen Original verschlungen. Großartig! 😉 Ich weiß noch, wie ich mich gewundert habe, dass die deutsche Ausgabe nicht durch die Decke ging. (Naja – vielleicht lag es daran, dass das Cover ein bisschen so aussah wie eine Lydia-Zeitschrift Anfang der 90er?! Und möglicherweise wurde deshalb nicht exakt die Zielgruppe angesprochen, der dann auch die Inhalte gefallen hätten? *g*)

Rachel Held Evans‘ aktuelles Buch „Searching for Sunday“ ist im vergangenen Herbst unter dem Titel „Es ist kompliziert“ auf deutsch erschienen. Ich hab es im Frühjahr mit großem Gewinn gelesen und hier ja schonmal kurz zitiert.

Jetzt will ich es euch endlich nochmal explizit ans Herz legen.

Held Evans strukturiert das Buch in die sieben Kapitel Taufe, Beichte, Weihe, Abendmahl, Konfirmation, Krankensalbung und Ehe. Aber – obwohl man das bei dieser Gliederung vermuten könnte – es entsteht alles andere als eine systematische Abhandlung.
Sondern die Autorin verwebt in raffinierter Weise grundlegende (theologische) Fragen sowie Zitate aus Bibel, (Kirchen-)Geschichte und Gegenwart mit ihrem eigenen Erleben.
Dadurch entsteht so etwas wie ein Mosaik aus einer großen Fülle von Denkanstößen. Nicht immer ist das „easy-reading“ – und es hat tatsächlich mehrere Wochen gedauert, bis ich mich durch die immerhin 360 Seiten gelesen hatte. Aber, ja, das wird der Materie gerecht. Es ist eben komplex. Und es ist kompliziert … 😉

Durch das gesamte Buch zieht sich Rachel Held Evans‘ persönliche „Kirchengeschichte“. Und ich finde mich ständig wieder mit meinem eigenen „Kirchen-Ringen“! Diese Ahnung um das große Geheimnis, um die großen Möglichkeiten, um den großen Schatz. Das Verzweifeln an so mancher Realität. Die Sehnsucht, das Suchen nach neuen Wegen. „Loving, leaving, and finding the church“ (so der Untertitel der englischen Ausgabe) – das alles und noch viel mehr kommt vor in „Es ist kompliziert“.

Da sind durchaus die dankbaren, positiven Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in einer evangelikalen Gemeinde.

„Wenn die ganze Familie die Grippe hatte, klingelte die Kirche an der Tür und brachte Hähnchenauflauf vorbei. Manchmal rief sie noch nach Mitternacht an, um um Gebet zu bitten und zu weinen. Sie tratschte in der Abholzeit an der Schule und war freitagabends unser Babysitter. […] Die Kirche kam viel öfter zu mir, als dass ich hinging, und darüber bin ich froh.“

Aber da ist eben auch die wachsende Befremdung und das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt:

„[W]ir meinen, die Kirche sei etwas für Leute, die in dem „Nachher-Bild“ leben. Wir meinen, Kirche sei etwas für spirituelle Instagramdarstellungen und für unsere besten Momente. Wir meinen, Kirche sei etwas für die Gesunden, obwohl Jesus uns immer wieder gesagt hat, er sei gekommen, um den Kranken zu dienen. Wir meinen, Kirche sei etwas für die anständigen, die guten Menschen, nicht für auferstandene Menschen.
Also täuschen wir es vor.“

Für Rachel Held Evans kommt es nicht nur zu einer Entfremdung von ihrer Gemeinde, sondern auch zur Entfremdung von dem Gottesbild, das ihr dort vermittelt wurde.

Ich wurde dem beschäftigten, onkelhaften Gott fremd, der meinen Freunden Parklücken freimachte und Gebetsanliegen entgegennahm, die sich auf Wetter und Wahlergebnisse bezogen, während er 30 000 Kinder am Tag an vermeidbaren Krankheiten sterben ließ.

Es folgt ein spannender Prozess des Dekonstruierens, Suchens, Neu-Ausprobierens, Scheiterns und (Wieder-)Entdeckens, den ihr unbedingt selbst nachlesen solltet.

Das Ganze natürlich in der unvergleichlichen Rachel-Held-Evans-Sprache, die ich so liebe: Tiefgründig, (selbst-)ironisch, manchmal poetisch, mitunter urkomisch, tastend, vorsichtig, und doch auch glasklar; in jedem Fall bedeutsam.
– An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, den englischen „Urtext“ *g* zu lesen, in dem diese sprachliche Virtuosität vermutlich nochmal stärker rüberkommt.

Fazit: Das Buch ist wirklich lesenswert.
Und noch mehr: Die Gedanken, die Rachel Held Evans bewegt, sind unbedingt nach-denkenswert. Auch für uns in Deutschland.
Lasst uns im Gespräch bleiben, ja? Darüber, wie wir hier bei uns Kirche leben können und wollen. Und lasst uns auf diesen Weg etwas mitnehmen von der Einstellung, die ich in „Es ist kompliziert“ wahrnehme:

„Ich schreibe, weil wir manchmal in unserer Verletzlichkeit näher an der Wahrheit sind als in unseren sicheren Sicherheiten und weil ich trotz aller Zweifel und Unsicherheit, trotz meines beständigen Drangs, am Sonntagmorgen einfach auszuschlafen, die ersten flüchtigen Lichtbänder der Dämmerung gesehen habe […].“

„Gemeinde entwickeln“ – Wieso, weshalb, wohin?

Letzte Woche Freitag hatte ich im Rahmen meines Theologie-Studiums eine mündliche Prüfung im Modul „Gemeinde entwickeln“.
In der Vorbereitung für die fünfzehn Minuten Prüfungsgespräch habe ich mir mehr als fünfzehn Stunden lang nochmal alles Mögliche (und auch manches Unmögliche …) reingezogen, was hierzulande in den vergangenen fünfzig Jahren so zum Thema „Church growth/Gemeindeaufbau/Gemeindeentwicklung“ angesagt war.

Das war weit, weit spannender, als ich vorher befürchtet hatte! 🙂
Und tatsächlich musste so manches arrogant-halbwissende Vorurteil weichen. Denn nein – es ist wohl doch nicht alles, was es da so an Konzepten gibt, nur technokratisches Machbarkeitswahn-Zeug für Leute, deren Herz deutlich mehr für BWL als für Theologie schlägt. 😉
Ich habe also mit großem Gewinn gelesen. Und nachgedacht. Und weitergelesen. Und mitunter sogar ansatz- oder probeweise umgedacht.

Und trotzdem bin ich pausenlos an meinem grundlegenden „Gemeindeproblem“ hängen geblieben. Habe mich immer und immer wieder verheddert in meiner kleinen pessimistischen Sicht auf „Gemeinde“! (Diese meine subjektive Sicht hat sich seit dem etwas waghalsigen und ziemlich düsteren Fazit nach dem Emergent-Forum im letzten Jahr noch nicht signifikant aufgehellt.)

Warum will ich denn „Gemeinde entwickeln“? (Bzw. warum sollte ich es wollen? *g*) Wieso? Weshalb? Und vor allem: Wohin soll (s)ich die Gemeinde entwickeln?
Ich vermute, die meisten „Gemeindeaufbauer“, von denen ich gelesen habe, würden als Antwort auf die Warum-Frage unterschreiben: „Damit viele Leute zum Glauben an Jesus finden“.
Aber was macht denn diesen Jesus-Glauben, die Jesus-Nachfolge aus? Gemeinde-Mitgliedschaft? Gemeinde-Mitarbeit?
Geht es etwa bei Jesus in erster Linie darum, dass Menschen – um mal ein Beispiel aus Rick Warrens Buch „Kirche mit Vision“ zu betrachten – aus der „suchenden, kirchendistanzierten Gesellschaft“ ganz am Rande des Schaubildes in die Mitte kommen, nämlich in den „Kern der Gemeinde“?? – Nein, oder?!! Jedenfalls doch um Gottes Willen nicht als Selbstzweck!

Mal abgesehen von der gruselig-richtenden Abstufung von „ganz draußen“ über „ein bisschen dabei“ bis zum (selbst-)gerechten „vollwertigen Gemeindekernmitglied“, die mir aus diesem Modell entgegenschlägt: Call me cynical – aber ich bin schon lange nicht mehr sicher, ob ich fröhlichen, gesunden, kirchendistanzierten Menschen wirklich pauschal wünsche, in den „Kern“ einer Gemeinde zu geraten …

Klar! Ich wünsche allen Menschen Jesus-Begegnungen! Ich wünsche allen, dass Gott sie begeistert, dass ihr ganzes Leben durchdrungen und auf den Kopf gestellt wird von Gottes Geistkraft.
Aber ist der Ausgangspunkt und vor allem ist der Zielpunkt des Jesus-Glaubens, der Jesus-Nachfolge wirklich eine „klassische Gemeinde“ mit ihren Gremien und Gebäuden und Gruppen?
Ich merke überdeutlich, dass ich diese Frage nicht mehr bejahen kann. Mir liegen neue Formen, missionale Überlegungen, Fresh-X-Versuche so viel näher …  Immer noch und immer wieder (und immer mehr) hege ich den Verdacht, dass „herkömmliche“ Gemeinden häufig nicht nur nicht förderlich sind für die Jesus-Nachfolge ihrer Mitglieder, sondern geradezu hinderlich.

Nun muss ich der Fairness halber wohl noch anmerken, dass sich Rick Warren in Teil 4 seines Buches „Kirche mit Vision“ (Überschrift: „Holen Sie die Menschen aus Ihrem Umfeld in die Gemeinde“(…!)) ausdrücklich dagegen wendet, einen Gegensatz aufzubauen zwischen – ich nenn es jetzt mal – „Komm-Struktur“ und „Geh-Struktur“. (Manchmal ist es eben doch hilfreich, in einem Buch mehr wahrzunehmen als die fragwürdigen Schaubilder. *g*) Er fasst es dann so zusammen, wie beide Pole in seiner Gemeinde ineinanderspielen:

Wir sagen: „Kommt und seht!“ zu unserer Umgebung, aber zu unserer Kerngemeinde sagen wir: „Geht und erzählt!“

Ich kann es noch nicht ganz genau fassen. Aber was mich daran (ver-)stört, liegt wohl irgendwo in dieser uneingeschränkt positiven Sicht auf die Gemeinde und auf uns ChristInnen. Als würden Menschen automatisch Jesus begegnen, wenn sie in das Haifischbecken Gemeinde eintauchen! Als wären wir Jesus-Leute tatsächlich per se so anziehend …

Nein! Sondern Jesus selbst ist doch der Anziehende! Nur durch ihn macht irgendein Gemeinde-Sein Sinn. Und nur er selbst kann Menschen in seine Nachfolge rufen. Und deshalb kann doch so ein „Komm und sieh!“ niemals ein Ruf „in die Gemeinde“ sein, sondern nur eine Einladung zu Christus selbst.
Hm. Idealerweise hätte das beides miteinander zu tun. 😉 Aber ganz deckungsgleich ist es doch wohl nie …

Puh. Keine Ahnung, ob sich euch meine wirren Gedanken gerade erschließen. 😉 Aber wenn ihr bis hier durchgehalten habt, dann seid ihr sicher auch noch bereit für die abschließende Frage: Und jetzt?
Wie geht es jetzt weiter??
Mit mir und der Gemeinde und all den Fragen?

Ich weiß es nicht. Noch immer nicht.

Vielleicht sollte ich tatsächlich öfter mal wieder „eine Gemeinde besuchen“?! Anstatt aus meiner „suchenden, kirchendistanzierten“ 🙂 Perspektive heraus (Ver-)Urteilendes zu schreiben über „Die-da-drinnen“ …

Sicherlich könnte es auch nicht schaden, nochmal gründlich(er) in die Bibel zu gucken und der Frage nachzugehen, wie (bzw. ob?! *g*) denn Jesus-Nachfolge dort in Beziehung steht mit dem, wie sich Gemeinde heute darstellt.
Womit dann wohl auch bald die grundlegende systematische Fragestellung auf dem Tisch wäre: Nämlich die nach dem eigentlichen Wesen von Gemeinde. Was macht denn Gemeinde aus? Was sind ihre Kennzeichen? Was ist ihr Auftrag?

Ach ja … – das klär ich dann alles kurz im Wintersemester im Modul „Missionarischer Gemeindeaufbau“. 😉 (Ursprünglich hatte ich dieses Modul tatsächlich nur gewählt, weil ich alle Credits brauche, die ich kriegen kann und weil es noch in den Plan passte. Aber seit letzter Woche werde ich den Verdacht nicht los, dass es mir inhaltlich vermutlich doch mehr als gut tun wird … 😉 )

Und bis dahin freue ich mich daran, dass ich nicht alleine bin mit meinem Unterwegs-Sein, mit meinem Suchen, mit meiner Sehnsucht.

Immer wieder stoße ich auf Erfahrungsberichte von Leuten, die sich einen Raum erobert haben, in dem sie christliche Gemeinschaft ganz neu (oder ganz alt *g*) zu leben versuchen. Oder die an ähnlichen Stellen ringen und fragen. (Meinen größten diesbezüglichen „Ja-genau!“-Moment hatte ich in letzter Zeit bei diesem Kirchentags-Rückblick auf relevanzvakanz.wordpress.com. Sehr lesenswert!)

In diesem Sinne feiere ich auch schon seit Monaten das aktuelle Buch „Es ist kompliziert“ von Rachel Held Evans. Ständig finde ich mich dort wieder! Vielleicht krieg ich es ja bald mal gebacken, euch das Buch vorzustellen und ein paar der großartigen Gedanken mit euch zu teilen. Als Teaser – und als ziemlich treffender Abschluss dieses Posts – kommt hier schon mal so ein „Das-spricht-mir-aus-der-Seele“-Zitat:

„Ich versuche, meinen eigenen Weg zu gehen, aber ich habe noch nicht herausgefunden, wie das geht, ohne den alten zu verdammen, ohne ihn in Grund und Boden zu brüllen, meine Unabhängigkeit zu erklären und dann so schnell ich kann in die entgegengesetzte Richtung zu rennen.“

Vielleicht findet Rachel Held Evans es ja vor mir heraus …
Oder aber ihr bringt mich in den Kommentaren oder (noch besser!) in einem Real-Life-Gespräch von meinen Anti-Gedanken zurück „auf den richtigen Weg“ …? 😉
Herzliche Einladung! 🙂

 

 

Beitragsbild: MichaelGaida/pixabay

War Jesus effizient?

Letzte Woche sprach ich mit einem Bekannten, der in einem größeren Unternehmen eine verantwortliche Stellung innehat. Und der seit Jahren die massiven Veränderungen miterlebt, die mit den „Umstrukturierungen“ im Betrieb einhergehen.

Wirtschaftlich, sagt er, sei das, was da passiere, das einzig Richtige.
Aber es gebe sie eben, die Kehrseite der Zusammenlegungen und Prozessoptimierungen, die düsteren Folgen der (mein Wort, nicht seins) „Effizienzwut“: Langjährige Mitarbeitende würden sich nicht mehr mit „ihrem“ Unternehmen identifizieren und orientierten sich um, sobald sich eine andere Gelegenheit biete. Ständig steige der Stress und der Druck in den Arbeitsabläufen. Und dann das traurige Fazit:

„Da bleibt die Menschlichkeit manchmal auf der Strecke.“

Es ist ja nun keine neue Beobachtung – aber mir wurde dabei nochmal so bewusst, wie sehr der Optimierungs- und Effizienzwahn unsere Gesellschaft und auch unser persönliches Leben prägt. Und wie oft er zerstörerisch wirkt: Beziehungen vergiftet oder verkümmern lässt. Menschen krank macht.

Und leider sind (zumindest nach meiner Beobachtung) unsere Kirchen und unsere Gemeinden keine Ausnahme in dieser Entwicklung.

Als in den späten 90er-Jahren die erste Sturm- und Drangzeit meines Glaubens begann, schwappten aus den USA gerade diverse Konzepte zu uns, die stark von wirtschaftlichem Denken geprägt waren. Da gab es zuhauf Formeln und „Tools“ *g* nach dem „Wenn-dann-Schema“: Wenn du die richtige Vision entwickelst / wenn du die Veranstaltungsformate optimierst / wenn du „deine“ (!) Mitarbeitenden nach der richtigen Strategie auswählst / wenn du im missionarischen Gespräch die richtige „Technik“ anwendest / wenn wenn wenn … dann!
Dann bekehren sich die Leute in deinem Umfeld scharenweise und dann wächst deine Gemeinde ins Unermessliche. (Wobei mit Letzterem weitestgehend unhinterfragt ein quantitatives Wachstum der Zahl von z. B. GottesdienstbesucherInnen gemeint war.)

Sicherlich gab es auch „damals“ (wie alt bin ich denn eigentlich? *g*) schon reflektiertere Stimmen. Aber das oben Skizzierte war das, was ich wahrgenommen habe – vielleicht auch wahrnehmen wollte. Und es hat mich natürlich sehr geprägt.

Was machen wir nun aber, wenn wir gemerkt haben, dass diese Automatismen so nicht greifen?! Dass das Leben komplexer ist?! Dass Gott sich doch tatsächlich manchmal unseren Schemata widersetzt?! 😉

Was machen wir, wenn wir vielleicht sogar Ähnliches beobachten müssen wie mein Bekannter in seinem Wirtschaftsunternehmen?! Da sind haufenweise gebrannte hauptberuflich und ehrenamtlich Mitarbeitende. Menschen, die sich nicht mehr mit der Gemeinde (und fatalerweise manchmal auch nicht mehr mit dem Glauben) identifizieren können oder wollen. Die in unseren Anforderungs-, Leistungs- und Erfolgssystemen tief verletzt wurden. Die sich von allem Frommen abgewandt haben oder die es gerne würden und insgeheim schon lange nach einer Exit-Strategie suchen. (Bei Hauptamtlichen ist das ja extrem schwierig: da kommt zu der großen sozialen Abhängigkeit häufig auch noch eine krasse wirtschaftliche dazu. Und so erscheint der Ausstieg aus dem Beruf für manche kaum möglich.)

Was machen wir, wenn wir am Ende sogar zu dem gleichen bitteren Fazit kommen wie mein Gesprächspartner?! Wenn wir sagen müssen: Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Äh – und von „der Göttlichkeit“ mal ganz zu schweigen …

Tja … was machen wir da??

Das ist keine rethorische Frage.
Denn die Alternative kann ja nicht einfach heißen, ab jetzt alles strategische Denken, alles Planen, alles Bemühen um gelingende Prozesse und alle Verantwortung für wirtschaftliche Realitäten einfach bleiben zu lassen. (Zumindest nicht innerhalb unserer gewachsenen Kirchen-, Gemeinde-, Werksstrukturen.)

Viele gute Denkanstöße zu diesem Fragenkreis verdanke ich dem Buch Gemeinde neu denken von Reiner Knieling und Isabel Hartmann. Die beiden schauen bewusst aus einer geistlichen Perspektive auf das Thema. Zitat aus der Buchbeschreibung:

Nicht effizientere Strukturen und besseres Marketing machen die Kirche neu, sondern eine biblisch motivierte Spiritualität, die in eine offene und zuversichtliche Praxis führt.

Ich empfehle euch dieses Buch sehr. Aber ich will (eigentlich die ganze Zeit schon *g*) heute auf eine andere Frage hinaus. Meine Mentorin hat sie mir vor einigen Jahren gestellt und sie begleitet mich seitdem:

Wie war das denn bei Jesus? War Jesus „effizient“?

Ging es Jesus nicht eher um Menschen als um Strukturen? Ging es ihm nicht eher darum, dass dieses ver-rückte Reich-Gottes-Ding Raum gewinnt als um ein funktionierendes, effizientes, effektives, imposantes, erfolgreiches System?

Das würde mir natürlich gerade alles gut in mein Welt- (und Jesus-)bild passen. 🙂
Aber nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so: Was heißt das denn dann für mich – und für uns als Gemeinde Jesu? Was bedeutet das für uns westliche Menschen im Jahr 2017, die wir – anders als Jesus – nunmal Terminkalender und Planungssitzungen haben?! Was bedeutet es für uns als (Landeskirchen-)Gemeinden, die wir Verantwortung tragen für Gebäude und (ungleich mehr noch *g*) für Menschen, die bei uns angestellt sind?!

Was sagt ihr dazu?

Emergent Forum – Nachklänge

Da bin ich wieder. Nach dem Emergent Forum 2016.
Inspiriert. Dankbar. Angestachelt. Sehnsüchtig. Aufgewühlt. Gesegnet.

Ich hatte ein großartiges Wochenende!
Das hatte ich zwar erwartet. 😉 Aber selbstverständlich ist es ja doch nicht.

Mein Kopf und mein Herz sind noch voll mit Menschen und Begegnungen, mit Wortkunstwerken, mit Gedankenanstößen und mit anstößigen Gedanken, mit Erkenntnissen und vor allem mit Fragen …
Es ist wirklich schwierig zu entscheiden, was von all dem ich hier mit euch teile.

Ich mach’s jetzt mal so: Für ein umfassenderes Bild des Wochenendes verweise ich euch an die Fotos und Berichte auf der Forums-Seite. Einen guten ersten Überblick bekommt ihr zum Beispiel in diesem Blogartikel von Toby Faix.
Und ich verabschiede mich auch von der irrwitzigen Idee, euch Einblick zu geben in ALLE Punkte, die ich noch bewege und die mich noch bewegen. (Hoffentlich werde ich den einen oder anderen Faden später nochmal aufnehmen.)
Statt dessen kriegt ihr heute die volle Ladung ab von EINER Sache, die in mir im Moment am lautesten nachklingt. Dass ich ausgerechnet an dieser Stelle hänge, liegt vermutlich mehr an mir als am Forum. Aber ja – Theologie gibt es eben nicht abseits der eigenen Biographie. Und die Tage in Niederhöchstadt haben da etwas an- und aufgerissen, das euch vielleicht schon aus dem einen oder anderen Post bekannt vorkommt. 😉

Nämlich: Das Thema „Kirche für alle, aber …“ hat mich persönlich, subjektiv, existenziell gepackt.
Schon am ersten Abend, bei der lockeren Interview-Runde mit den Hauptreferentinnen Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber, wurde mir überdeutlich: Wie so eine Kirche aussieht, in der alle willkommen sind und gemeinsam eine echte Gemeinschaft von geheiligten SünderInnen bilden, das ist nicht zuerst eine theoretische Frage für Ekklesiologie-Freaks. Es ist keine Frage, die lediglich wichtig wäre für missionarische Strategien oder für ein sauberes Political-Correctness-Gewissen oder gar als Anti-Mitgliederschwund-Programm für meine (Landes-)Kirche.
Es ist zutiefst MEINE Frage. Sie trifft eine Sehnsucht, ein Suchen in mir, sie begleitet mich schon seit Jahren und sie treibt mich zunehmend um.

Denn ich sehne mich nach einer „Kirche für MICH“.
Nach einer Kirche, in der ICH willkommen bin.
Willkommen mit meinem Glauben und meinem Zweifeln. Mit meiner Familie und meinen beruflichen Ambitionen. Mit meinem frommen Beten und meinem sich weitenden Denken. Mit meiner Angst vor Spießigkeit (*g*) und meiner Lust auf Weltoffenheit. Mit meiner Liebe zu Liturgischem und meiner Neugier für neue Wege. Mit meiner Sehnsucht nach geteiltem geistlichen Leben und echten Beziehungen.
Und ich leide schmerzlich unter den vielen vielen Abers, an denen ich mich immer wieder stoße.

„Kirche für mich, aber …“

Das klingt nach einem egoistischen Zugang. Wo kämen wir hin, wenn jede/r wünsch-dir-was-mäßig eine Liste aufstellt und sagt: „SO muss sich Kirche aber für mich gestalten, sonst bin ich raus“?! –
Ja, wo kämen wir da hin, wenn wir alle unserer persönlichen Kirchensehnsucht nachgingen? – Ich denke ja, dass wir an neue Orte kämen, in neue Räume, zu neuen Formen, zu mehr Vielfalt und mehr Leben. Und ich denke, dass das gut wäre!
Und soviel schonmal zur Beruhigung: Wenn ihr bis zum Schluss durchhaltet, werdet ihr erleben, wie sich dieser narzisstische Ansatz noch relativiert. 😉

Kirche für mich, ABER … was heißt denn hier Kirche?

Vor ein paar Wochen habe ich in einem Wohnzimmer, in dem ich zu Gast war, ein spannendes Buch von Manfred Josuttis entdeckt: „‚Unsere Volkskirche‘ und die Gemeinde der Heiligen. Erinnerungen an die Zukunft der Kirche“. (By the way: Sollte das jemand im Schrank stehen haben und mir leihen (oder schenken *g*) wollen, tut euch keinen Zwang an!) Ich hab nur ganz kurz reingelesen, aber was der Mann vor fast zwanzig Jahren geschrieben hat, war so klar und brandaktuell und herausfordernd:
„Kirche sein“, das ist nichts, was wir Menschen in der Hand haben. Keine Gruppe oder Institution kann von sich aus Kirche im christlichen Sinne sein. Kirche bedeutet nicht ein System oder eine Struktur, sondern Gemeinschaft geheiligter SünderInnen. Diese Gemeinschaft wird nur durch Gott selbst ermöglicht und legitimiert.
Ob das mit den „geheiligten SünderInnen“ tatsächlich so da steht oder ob sich das in meinem Kopf nur so verknüpft hat, wäre noch nachzuprüfen. *g* In jedem Fall passt das zu vielen Gedanken des Wochenendes und es ist als Basis wichtig für das, was jetzt kommt.

Wenn ich nämlich gleich weiter von meiner Sehnsucht nach Kirche schreibe und über die „Abers“, an denen ich mich reibe, dann meine ich mit Kirche das: Gemeinschaft von „Sinners-and-Saints“. Ein Ort, an dem die Vergebung der Sünden verkündigt und gelebt wird. Wo alle Menschen kommen und bleiben dürfen, ohne „sofern du“ und ohne „aber erst wenn“. Ein Raum, in dem die Gnade regiert.

Ich schreibe aus meiner subjektiven Sicht. Und aus meinem Landeskirchen-Blickwinkel. Aber ich vermute, dass vieles auch über mein Empfinden und über meine Kirche hinaus relevant ist.

Kirche für mich, ABER … die Strukturen!

Was ich gleich schreibe, hab ich so noch nie gesagt. Es klingt krass und anmaßend und ich muss noch etwas Mut sammeln … Ich bin gerne Landeskirchlerin und möchte es liebend gerne bleiben. Seit zwei Jahrzehnten bringe ich mich ehren- und hauptamtlich ein. Umso schwerer fällt mir diese Aussage:

Ich sehe im Moment keine zukunftsfähigen Wege mehr für unsere aktuelle landeskirchliche Struktur. Für die unübersichtlich großen (und durch Zusammenlegungen immer noch größer werdenden) Parochialgemeinden, in denen überforderte Hauptamtliche mit immer weniger zeitlichen Kapazitäten immer mehr Aufgaben erledigen müssen. Und dabei dann zum Beispiel, wie Nadia Bolz-Weber am Sonntag etwas böse karikiert hat, einen Großteil ihrer Zeit und Kraft darauf verwenden, Menschen zu beerdigen, die sie nie getroffen haben. *g* So kommt es dann zu der Wahrnehmung: Der Postbote ist in diesem Bezirk für die Briefe zuständig und die Pfarrerin eben für die kirchlichen Amtshandlungen …

Ich erlebe das schrecklich oft. Dass unsere starren, sperrigen Strukturen und das damit verbundene Kreisen um Geld und Gebäude und menschliche Macht unser „Kirche sein“ (im (eigentlichen?) Sinne einer Gemeinschaft geheiligter SünderInnen) massiv behindern. Und nicht selten sogar in furchtbarer Weise ad absurdum führen.

Wie soll das denn so in guter Weise weitergehen??
Ich bin offen dafür und würde mich sehr freuen, wenn ihr die Kommentarspalte nutzt, um mir aus dieser düsteren, vielleicht einseitigen Sicht rauszuhelfen.
Aber ich kann gerade nichts anderes sagen: Ich sehe es nicht nicht mehr. Ich sehe nicht, wie wir an den parochialen Strukturen und dem Volkskirchen-Selbstverständnis festhalten – und gleichzeitig Kirche sein können.

Kirche für mich, ABER … die Formen!

Lange Zeit habe ich viele Gedanken und Kräfte auf die Optimierung von Veranstaltungsformen und -formaten verwendet. Ich merke, dass das heute für mich keinen Sinn mehr ergibt.

Mir wurde das nochmal deutlich beim Gottesdienst am Sonntag. Die Andreas-Gemeinde in Niederhöchstadt, Mitveranstalterin des Emergent Forums und prominentes Beispiel für eine innovative Landeskirchengemeinde, hat uns eingeladen zu ihrem GoSpecial.
So beeindruckend ich diesen Gottesdienst in Teilen auch fand, es blieb das Empfinden: Das ist es für mich nicht (mehr). Mein Sehnsuchtsbild zeigt keine großen Frontalveranstaltungen. Sondern eher kleine Tisch- und Lebens- und Glaubensgemeinschaften. Sie sind für mich auch der geeignete Ort, an dem so genannte „kirchendistanzierte“ oder „suchende“ Leute mit Kirche und mit Gott in Kontakt treten können. (Vielleicht kann ich das gerade ja auch gut beurteilen, denn „kirchendistanziert“ und „suchend“ sind Attribute, die ich heute als passend für mich selbst empfinde und nicht mehr nur für „die da draußen“.)

Vermutlich ist es gar nicht nötig und sogar gefährlich, hier einen Entweder/Oder-Abgrund zu erschaffen. Es müssen ja die klassischen Gottesdienste nicht abgeschafft werden, die zweifellos vielen etwas bedeuten. Aber ich brauche das UND, das mir entspricht.

Nadia Bolz-Weber hat im Freitagabendinterview sinngemäß gesagt:

Schon immer haben Menschen sich irgendwo um einen Tisch gesetzt, haben gegessen und geredet über das, was sie bewegt, und gemeinsam gebetet – und das haben sie Kirche genannt.

JA!! Das ist es. Das lockt mich. Ich sehne mich nach so einer Art von Kirche, von Gemeinde, von Gemeinschaft. Einfach. Persönlich. Echt. Gerne klein. Mit dem Fokus auf Beziehungen und nicht auf Veranstaltungen. Um einen Tisch sitzen, diskutieren, beten. Und das als Kirche verstehen dürfen.
(Wie) Kann das gehen in meinem landeskirchlichen Kontext?

Kirche für mich, ABER … der Mangel an Freiheit!

Wie es nicht gehen kann, da kenne ich mich leider ziemlich aus. Es geht nicht mit Angst. Es geht nicht ohne Vertrauen.

Hier hat ein weiterer Nebensatz von Nadia Bolz-Weber ein Erdbeben in mir ausgelöst. Ich hab das Zitat nicht wörtlich mitgeschrieben, aber sie sagte in etwa:

Und dann hör ich immer: <Ja, ihr im House for all Sinners and Saints habt ja auch lauter krass-kreative Leute. Kein Wunder, dass das bei euch so gut läuft.> Aber ich denke, das ist keine Frage von Kreativität, sondern eine Frage von Freiheit.

Ich spüre überdeutlich, dass dieser letzte Satz stimmt. Und dass er etwas auf den Punkt bringt, dem nachzugehen sich lohnt: Es ist eine Frage von Freiheit!

Wo gibt es denn bei uns solche Frei(heits)räume???
In denen etwas gewagt und ausprobiert werden darf. Wo es kein Drama ist, wenn was gehörig schief geht. In denen damit gerechnet (oder sogar darauf gehofft) wird, dass der Geist Gottes auch mal unsere Konzepte und Strategien über den Haufen weht. Wo Leute unterwegs sein dürfen mit Jesus und miteinander – ohne immer schon genau zu wissen, wo es hingehen wird. Wo sind Räume, in denen Menschen um Gottes willen wichtiger sind als Strukturen?

Solche Freiheitsräume suchen und fördern und feiern! Das könnte doch ein guter Weg sein. Für die einzelnen Gemeinden vor Ort. Aber auch auf übergeordneter organisatorischer Ebene.

Christina Brudereck hat hier am Freitagabend eine spannende Spur gelegt zum Thema „die Kosten und das Kosten“. Da war zum einen die nüchterne Sorge:

„Meine Kirche rechnet sich tot.“

Aber sie hat das verbunden mit der (sinngemäßen) Aussage:

Wir reden zu viel über Kosten im Sinne von: „Wieviel kostet das?“ Dabei ist Kosten doch etwas Wunderbares, so wie beim Kochen. Etwas zu probieren, zu kosten. Zu merken: „Wo duftet es gut? Wo geschieht gerade schon etwas Gutes?“ Und dann dort mitzumachen, es sich etwas kosten lassen.

Ja, das klingt gut.
– Und ja, natürlich gibt es sie ja schon. Die guten Beispiele. Gemeinschaften, von denen ich höre oder lese, die mich anziehen und inspirieren.
Allerdings: Diese Beispiele, wo Leute mutig neue (oder gerade ganz alte?!) Gemeinschaftswege gehen, finden sich fast ausschließlich in der Großstadt.

Kirche für mich, ABER … was, wenn ich nicht in der Großstadt wohne?

Was ist aber, wenn ich nicht im Ruhrgebiet wohne wie Christina Brudereck? Auch nicht in Kreuzberg oder Eppendorf? Und noch nicht mal in Bielefeld? 😉
Sondern, sagen wir mal spaßeshalber, in einem Dorf in der ostwestfälischen Provinz?!

Und da sind wir wieder. Bei der persönlichen, subjektiven, existenziellen Dimension, die diese Fragen für mich in allererster Linie haben …

– Vielleicht stimmt ihr meiner düsteren Analyse in diesem Artikel ja gar nicht zu. Vielleicht male ich zu schwarz. Sicherlich habe ich blinde Flecken, in jedem Fall gibt es in mir Arroganz- und I-know-it-all-Tendenzen, die nicht förderlich sind. Das will ich gar nicht leugnen.

Aber ich empfinde die Situation gerade so. Und ich leide darunter!

Tja.
Und jetzt?? Was bedeutet das alles jetzt?
Wie geht es weiter mit mir? Und mit der Kirche? Und mit mir und der Kirche?

Gestern hatte ich plötzlich noch einen weiteren Wochenend-Satz im Kopf:

„Little girl, get up!“

😉 Ja, das wäre vermutlich ein guter Ansatz …
Mit mit dem Jammern aufzuhören. Und, anstatt größenwahnsinnig die ganze Kirche reformieren zu wollen und dabei zwangsläufig zu verzweifeln, im Kleinen und Unperfekten und mit allen Gebrochenheiten und Widersprüchen meiner Sehnsucht von Kirche nachzugehen.

Hm. Leute zum Essen einladen wäre ja zum Beispiel eine Möglichkeit für den Anfang … Das geht definitiv auch in der Provinz. Und dann könnten wir essen und Bier trinken und reden über das, was uns bewegt … Und vielleicht würden wir gemeinsam beten. Und wer weiß, wo wir da hinkämen …? 🙂
Vielleicht würden wir uns am Ende noch trauen, das dann Kirche zu nennen. Und wer weiß, vielleicht würde sich „die Institution Kirche“ sogar auch irgendwann trauen, sowas Kirche zu nennen …

„Little girl, get up!“ Ja!
Aber das ist nunmal einer dieser Sätze, die man sich so schlecht selbst sagen kann …

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: „Little girl, get up!“ – Das sagen in Markus 5 ja überhaupt keine Menschen. Das sagt Jesus höchstpersönlich!
Und genau: das ändert alles. 😉

Denn jetzt fällt mir – Gott sei Dank – doch plötzlich alles wieder ein: Die Kirche ist ja gar nicht meine. 🙂 Sie ist ja gar nicht etwas, das ich machen muss oder auch nur könnte. „Ich muss nur noch kurz die Kirche retten“ ist kein gutes Lebenslied.

Kirche ist VON GOTT GEWIRKTE Gemeinschaft.
Oder, wie es in der Predigt vom Sonntag hieß: Kirche ist GOTTES Zelt.

Kirche ist GOTTES weites Zelt. Es geht um GOTTES Gnade.
Und Gott lädt ein ohne Wenn und Aber.
Sympatisantinnen einer dörflich-bürgerlichen Ü-60-Mainstream-Kultur sind herzlich willkommen. Und möchtegern-emergente Wanna-be-Hipsters auch. Und alle dazwischen und darüber hinaus.

Und auch wenn (bzw. gerade weil?!) mir mitunter schleierhaft ist, wie das praktisch aussehen soll: Wie gut ist es, darauf zu schauen!

„Little girl, get up!“
Ja, Jesus. Es ist nötig, dass du höchstpersönlich Totes lebendig machst.
In mir. Und in meiner – nein, in DEINER Kirche.
Would you please?!

 

Foto: Christoph Bartels

Emergent Forum – Vorwort und Vorfreude :-)

Am Wochenende fahr ich nach Niederhöchstadt bei Frankfurt zum Emergent Forum 2016, juchuh!
Schon seit einigen Jahren liebäugel ich jedes Jahr wieder mit den Veranstaltungen von Emergent Deutschland. Warum, das erschließt sich beim Stöbern auf der Emergent-Homepage sofort:

„Bei den Treffen von Emergent Deutschland versammeln sich Querdenker, Randgestalten, Gemeindepraktikerinnen, Lebenskünstler, Pastorinnen, Theologen, Bloggerinnen und interessierte Gemeindeglieder aus verschiedenen Konfessionen. Uns verbindet das Bedürfnis nach dem Austausch über Fragen, Verwirrungen und Träume von einer zukunftsfähigen Gestalt des Christentums.“

JA! That’s me! Kreuz-und-Quer-Denkerin. Theologie-Liebhaberin. Gemeindepraktikerin auf Entzug. Kirche-der-Zukunft-Träumerin. Zuweilen verwirrte und zwischendurch verzweifelte Austausch-Bedürftige. Und neuerdings ja auch noch Bloggerin.

Klar so weit, warum ich da schon lange hin will, ’ne?!
Und dann gibt es dieses Jahr ein so großartiges Thema mit so großartigen Referentinnen, dass auch der letzten klar werden sollte, warum ich mich einfach anmelden MUSSTE! 😉

Die Tage stehen unter dem Motto „Kirche für alle, aber …“ und wir werden spannenden Fragen auf den Grund gehen nach Offenheit und Grenzen von (christlicher) Gemeinschaft, nach Einschränkungen und Uneinschränkungen kirchlicher Willkommenskultur. Oder, wie es der Untertitel grundlegend fragt: „Hat Gottes Gnade Grenzen? Und was bedeutet das für die Kirche?“

Wartet mal, da fällt mir auf: Welche Antwort von Referentinnenseite auf die Frage nach der grenzenlosen Gnade gegeben wird, ahne ich direkt schon. 😉 Zumindest, was Nadia Bolz-Weber betrifft. Ja genau, das ist die Frau mit dem unglaublich guten Buch („Ich finde Gott in den …“ – ach, ihr wisst schon), das ihr mittlerweile hoffentlich schon alle gelesen habt und in dem es ja auch „hier und da“ mal um Gnade geht. *g*
Außerdem freu ich mich auf Christina Brudereck (Theologin, Autorin, Vorbild!) und die Jungs von Hossa Talk.
Und vor allem freu ich mich auf Begegnungen mit vielen anderen Menschen, die ich noch gar nicht kenne. Denen ich aber trotzdem unterstelle, dass wir eine große Sehnsuchts- und Leidenschafts-Schnittmenge haben. Ach, das wird gut!

Natürlich werde ich euch in der nächsten Woche berichten. Aber was soll ich sagen?! Das beste an solchen Treffen sind ja erfahrungsgemäß eben diese Begegnungen am Rande; das Da-sein und Dabei-sein, das Mitdenken und Mitringen bei dem, was sich so entwickelt. Ich habe die düstere Ahnung, dass ich das nur bruchstückhaft in Worte werde kleiden können.

Aber hey – ihr könntet euch ja noch ganz schnell anmelden!! 🙂 Ein paar wenige Karten sind noch hier zu haben.
JAAAA, macht das!
Und dann trinken wir ein Bier zusammen. Oder was immer die da so an Hipster-Getränken am Start haben … 🙂

Also was ist? Noch jemand spontan dabei?

Bier und Choräle

Nach meinem letzten Post über das Liederschatzproblemjekt ist mir klar geworden: Als nächstes muss ich euch ein grandioses Buch vorstellen.
Das schließt sich nämlich deshalb so großartig an, weil das Abschlusskapitel des Buches „Bier und Choräle“ heißt. Und damit den Namen einer Gemeindeveranstaltung trägt, die ich als, nun ja, äußerst ansprechenden Zugang zu alten Kirchenliedern empfinde *g*:

„Bier und Choräle findet alle paar Monate statt. Dabei stopfen wir normalerweise so viele Leute wie möglich in den Keller einer Kneipe und singen mit erhobenen Bierkrügen aus voller Kehle alte Choräle.“

Die Menschen, die dort Bier trinken und singen gehören zur lutherischen Gemeinde House for all Sinners and Saints in Denver, Colorado. Ihre Pastorin (die als trockene Alkoholikerin übrigens kein Bier, sondern Diät-Cola bestellt) heißt Nadia Bolz-Weber und ist die Autorin des New York Times Bestsellers „Pastrix. The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint“.
Und eben dieses Buch solltet ihr unbedingt lesen!

Dabei dürft ihr euch nicht vom etwas sperrigen deutschen Titel abschrecken lassen: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Und auch nicht vom Klappentext, durch den man möglicherweise eine vorhersehbare und mäßig spannende Geschichte nach dem Schema Frommes-Mädchen-gerät-auf-die-schiefe-Bahn-aber-findet-Gott-wieder-und-wird-dann-Pastorin erwartet.

Nein, diese Geschichte passt so leicht in gar kein Schema. 😉

Nadia Bolz-Weber schreibt über ihr Leben. Und obwohl ihre Lebensgeschichte wirklich extra-ordinary ist, finde ich mich ständig wieder.

Es geht um die Entdeckung von Gnade jenseits von engen Glaubenstraditionen und engen Gottesbildern.
Und es geht um die Sehnsucht und die Suche nach einer Gemeinschaft, in der alle, und zwar wirklich alle, willkommen sind.

Was die Autorin von der Gemeinde berichtet, die sie mit „ihren Leuten“ gegründet hat, ist dabei aber so gar nicht „guckt-mal-wie’s-geht“-mäßig. Sondern es ist echt und ehrlich, selbstkritisch und häufig überraschend. Großartig find ich zum Beispiel, wie sie (potenzielle) neue Gemeindeglieder bei der vierteljährlichen Welcome-Veranstaltung begrüßt:

„Willkommen im House for All Sinners and Saints. Wir werden dich enttäuschen.”

Also: Diese 250 Seiten sind der Hammer! Leicht geschrieben und zuweilen zum Brüllen komisch. Und gleichzeitig klug und inhaltlich krass tief.

„Ich finde Gott in den Ding …“ – äh, also dieses Buch zu lesen war ein riesengroßer Gewinn für mich. Es hat mich berührt, herausgefordert, entlarvt, bestärkt, hinterfragt, bewegt, bereichert, inspiriert.

LEST ES UNBEDINGT SELBST!

Lest zum Beispiel, was passiert, als die Autorin ihren konservativen Eltern beichtet, dass sie Pastorin werden will. Ihren Eltern, in deren fundamentalistischer Prägung Frauen auf gar keinen Fall „als Älteste dienen, predigen oder Gottesdienste leiten dürfen“ … – An der Stelle habe ich geheult.

Lest, wie Nadia Bolz-Weber einem konservativen christlichen Podcaster begegnet, der schon häufig im Netz gegen sie gewettert hat. Wie dann aus zwei Feinden Freunde werden, die sich – trotz aller Unterschiedlichkeit – in Shitstorms des Lebens beistehen.

Und lest … – Ach was, lest das ganze Buch! IHR WERDET ES LIEBEN.

Ja echt, ich wette mit euch, dass ihr euch dem anschließt, was Christina Brudereck im Vorwort schreibt:

„Von A bis Z, Seite 1 bis zum Schluss ein Gewinn und ein Genuss. Für die Gemeinde ein Muss. Für alle wunden Seelen ein heilsamer Kuss.“

Was der Einsatz ist, falls ich die Wette verliere?!
Ich verlier ja nicht … 🙂 Aber wenn ihr drauf besteht: wie wär’s mit einem Kaltgetränk bei einer deutschen Version von „Bier und Choräle“?! 😉

 

Nadia Bolz-Weber:
„Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Pastorin der Ausgestoßenen

ISBN 978-3-86506-780-7