LesenBetenLiebenVerändern … mit Magdalena Onyango

Magdalena Onyango // 30 Jahre alt // lebt mit ihrem aus Kenia stammenden Mann und einjährigem Sohn in Paderborn //  Katholische Theologin und Bildungsreferentin beim Internationalen Hilfswerk missio // leidenschaftliche Pianistin

LESEN:

Emails, Hausarbeiten, Facebook-Posts, Briefe, Rechnungen, vielleicht die ersten drei Abschnitte eines Magazin-Artikels, bis das Kind wieder wach ist. Viel ist es nicht, was ich zur Zeit lese – höchst selten ist es Lesen aus Muße. Als „working mum“ mit Mann in Ausbildung und ohne Oma oder Kindermädchen um die Ecke beschränkt sich das Lesen auf das Notwendigste.

Lesen hat für mich mit unserem aufgeweckten kleinen einjährigen Weltentdecker eine übertragene Bedeutung bekommen. Ich LESE Essensreste unter dem Esstisch auf, ich LESE Spielzeug und geradezu alles, was nicht fest verankert ist oder mindestens auf einem Meter Höhe verstaut ist, in der ganzen Wohnung auf. Und wenn der Entdeckergeist des kleinen Mannes allzu tollkühn wird, muss ich ihm manchmal auch die Leviten LESEN. Vieles, was in der Welt der Erwachsenen kaum Beachtung erhält, dürfen wir mit dem neugierigen Wicht in allen Einzelheiten durchBUCHstabieren.

Lesen ist für mich aktuell also selten zweidimensional, schwarz auf weiß, sondern meistens dreidimensional, aktives Tun. Ein Kleinkind spornt dazu an, nicht zu lesen, sondern selbst Geschichte zu schreiben.

BETEN:

Mir gefällt der Gedanke, dass auch mein Gebet nicht zweidimensional, also nicht nur geschrieben oder gedacht, sondern dreidimensional ist und mitten ins Leben hineinwirkt und es verändert. Ich versuche so zu leben, als wäre jede Handlung meines Lebens aktives Gebet. Kontemplation in Aktion.

Wie friedvoll wäre die Welt, wenn alle Menschen jede Tätigkeit ihres Lebens als den Ausdruck ihres ureigenen Gebets zu Gott verstehen würden.

Charismatiker der Gegenwart und der Geschichte sind oft tiefgründige BeterInnen.  Sie wirken so beeindruckend, weil sie ihr Gebet authentisch in ihr tätiges Leben übersetzen.

Würde ich mein „Lebensgebet“, also mein tägliches Tun, niederschreiben, kommt ganz gewiss kein seligmachendes Glaubensbekenntnis heraus. Mein „Lebensgebet“ ist oft nicht mehr als ein undurchsichtiges Stückwerk. War nicht auch Jesu Leben bis zum Tag seiner Auferstehung ein Stückwerk ohne letzte Sinnhaftigkeit?

LIEBEN:

Wenn die Liebe Gottes durch mein tägliches Tun durchscheint, wird mein Leben zum Gebet. Es kommt auf die Haltung an, mit der ich die Steuererklärung anfertige, mit der ich die Mail an den Kollegen verfasse.  Manchmal geht es zugegeben einfach nur darum, zu funktionieren. Die To-Dos abzuarbeiten, den Laden am Laufen zu halten. Aber auch das gehört dazu aus Verantwortung, aus Liebe zur Familie und zum Leben. Und manchmal passiert es dann wirklich, es scheint Göttliches in meinem Lebensgebet auf, z.B. wenn unser kleiner Sohn mich mit nimmt in seine Welt, die ganz im Hier und Jetzt spielt. Wo Zeit keine große Rolle spielt und das kleine Wunder, die Pusteblume im Garten, zum Mittelpunkt der Welt wird.

VERÄNDERN:

Wenn mein Gebet dreidimensional ist, also mitten ins Leben hineinspielt, das Leben auch mal durcheinanderwirbelt, hat es Kraft, mein Leben, ja, die Welt zu verändern. Auch Jesus hat Geschichten mitten aus dem Leben erzählt und damit die Menschen aus ihrem täglichen Trott zum Umdenken aufgeweckt. Beim Abendessen diskutieren wir oft über weltweite Gerechtigkeit; denken an die Familie und die Freunde meines Mannes in Kenia; können oft nur aus der Ferne teilhaben; träumen davon, die kenianische Lebensfreude, das Gottvertrauen und die Unverkrampftheit nach Deutschland zu importieren; schätzen zugleich die Sicherheit, Berechenbarkeit und Planbarkeit in Deutschland.

Es gibt viel zu verändern. Jesu Geschichten, mitten aus dem damaligen Leben gegriffen, geben uns eine Richtung. Nicht jeden Tag folgen wir der Spur. Auch Ohnmacht, Aushalten und Ausharren verlangt das aktive Gebet. Allein das Wissen darum, dass das Gebet nie enden wird, gibt Kraft, die immer durch trägt.

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In der Serie LesenBetenLieben sind Menschen zu Gast, die ich gerne mag. Und sie teilen ihre Gedanken und/oder Erfahrungen in Sachen readpraylove mit uns. Vielen Dank, Magdalena, dass du dir Zeit genommen hast für diese starke Folge! 🙂

Ahmads Lebenslauf

Letzte Woche.

Ich muss lernen. Und zwar dringend! Ende Juni ist meine Hebräisch-Prüfung. Ich bin katastrophal hinter meinem Lern-Plan.
Und ich weiß ja durchaus um die Lösung für das Problem …
Sie hat mit Disziplin zu tun. Und mit Prioritäten. Und sie ist an jedem neuen Tag umkämpft.

Da klingelt das Telefon. Es ist Ahmad*, ein afghanischer Bekannter, der mit seiner Frau Fatima* und den drei Kindern Ende 2013 nach Deutschland geflohen ist. Er brauche für seine Bewerbung einen Lebenslauf. Eigentlich noch diese Woche. Ob ich ihm helfen könne. „Aber nur, wenn du hast Zeit, Astrid.“

Habe ich Zeit?
Ja – natürlich habe ich Zeit! Wir alle haben Zeit. 24 kostbare Stunden an jedem einzelnen Tag.
Das ist viel und wenig zugleich.
Und ich muss (und ich darf!) entscheiden: Was ist jetzt richtiger? Was ist jetzt wichtiger?

„Ja“, sage ich. „Komm gerne vorbei. Aber ich habe nur eine Stunde – dann muss ich lernen!“ – Ahmad weiß, dass ich Hebräisch lerne. Seitdem ich versuche, mich in diese neue Schrift, diese fremden Wörter, dieses ungewohnte Denken reinzufuchsen, habe ich eine ganz neue Verständnisebene erklommen, wenn es darum geht, die Deutschlern-Herausforderungen von Geflüchteten nachzuvollziehen. 😉

Da sitzen wir also am Küchentisch. Zwischen meinen Hebräisch-Büchern und der Biblia Hebraica, die Ahmad interessiert anschaut.
„Bis elf hab ich Zeit“, sag ich nochmal zur Sicherheit und wir starten.

Ich öffne einen alten Bewerbungs-Lebenslauf von mir und wir überschreiben zunächst die persönlichen Angaben. So weit, so einfach.

Aber dann kommen wir zu dem Punkt „Ausbildung und Berufserfahrung“.
Und es wird schnell klar: Ahmads komplexe, in einer völlig anderen Kultur angesiedelte Biographie passt eigentlich nicht in ein deutsches A4-Lebenslauf-Formular.

Ausbildung? – „Weißt du, Astrid, das ist dort anders als hier in Deutschland …“
Ja, ich weiß. Es gibt Länder, in denen es nicht primär auf Scheine und Stempel ankommt, sondern mehr auf tatsächliche Kompetenzen.
Aber es hilft ja nichts. Wir brauchen Jahreszahlen. Und zwar gregorianische und nicht persische. Und wir brauchen Formulierungen, mit denen eine deutsche Arbeitgeberin etwas anfangen kann.

Also muss ich verstehen. Mehr und genauer als vorher.

Und Ahmad fängt an zu erzählen.
Und ich begreife, wie wenig ich eigentlich wirklich weiß, von diesem Mann, von dieser Familie, die ich schon seit mehr als zwei Jahren „kenne“ …

Ahmad erzählt.
Von der Schulzeit in Afghanistan und der Flucht in den Iran. Von der Zeit in einer größeren iranischen Stadt. Wie er ein Handwerk lernte. Und sich selbstständig machte. Bis zu sechs Mitarbeitende beschäftigte.

Ich höre zu, frage hier und da nach. Und mache langsam Fortschritte auf dem Bewerbungs-Word-Formular.

Er erzählt weiter.
Dass sie nach über zwanzig Jahren wieder weg mussten.
Nächste Station Teheran. Wie schwierig es dort war. Und wie gefährlich. Und wie sie sich schließlich zur Flucht nach Europa durchrangen. Mit den drei kleinen Kindern.

Was dann kommt, kann ich kaum ertragen.

Ja, ich weiß um die Realitäten von skrupellosen Schleppern und überfüllten Booten auf dem Mittelmeer. Natürlich.
Ja, ich habe gelesen von Übergriffen in bulgarischen Gefängnissen.
Ja, ich kenne Geschichten von nächtelangen Wanderungen ohne Essen.

Und klar, ich weiß theoretisch, dass die meisten der Geflüchteten in meinem Umfeld Schreckliches erlebt haben.

Aber ich merke: SO genau, SO konkret will ich es eigentlich gar nicht wissen.
Ich will sie nicht wahr haben, diese Wahrheit, um die ich doch eigentlich längst weiß: Dass es nämlich keine anonymen, gesichts- und geschichtslosen Gestalten sind in den Nachrichtenbildern. In den Booten. In den Lagern.
Sondern Menschen!

Ahmad erzählt und erzählt.
Es kommt mir vor, als ob es das erste Mal überhaupt ist, dass er seine Geschichte so ausführlich erzählt. Die Deutschkenntnisse hätten vor einem Jahr auch noch kaum ausgereicht. Und vielleicht auch nicht das Vertrauen.

Zwischendurch schaut er auf die Uhr. „Ach – du musst lernen, Astrid“, sagt er.
Es ist schon lange nach elf.
Aber dieses Mal muss ich nicht überlegen: „Nein“, sag ich, „das ist jetzt wichtiger“.

Er erzählt weiter. Und zwischendurch kommen dem gestandenen Mann die Tränen.
Mir nicht. Denn ich halte das Gehörte mühsam auf Abstand. Ich kann, ich will das nicht an mich ranlassen, was Ahmad, Fatima und die drei Kinder erlebt und durchgemacht haben.

Schließlich hat sich Ahmad noch einmal durchgeschlagen bis nach Deutschland. Ist noch einmal gestrandet am Frankfurter Hauptbahnhof. Noch einmal von Übergangsquartier zu Übergangsquartier gezogen. Und endlich hier ganz in der Nähe gelandet.

Es ist halb eins.
Wir machen den Lebenslauf fertig. Jetzt geht es schnell.
Sieht gut aus, das Dokument. Ich würde Ahmad kennenlernen wollen, wenn ich das lese.

Ahmad bedankt sich und geht.
Und ich sitze wie betäubt in der Küche.

Wie verrückt ist diese Welt!

Die einen sorgen sich ums nackte Überleben.
Und die anderen um – ja was eigentlich?! Das Bestehen einer Klausur?? Nicht mein Ernst …

 

*Ahmad und Fatima heißen eigentlich anders.