Ich glaube schon. (Teil 2)

Hier ist sie nun, meine Antwort auf Stefans Mail.
Was sagt ihr dazu?

Hallo Stefan,

ach ja … ich bin wohl eine ziemlich liberale Socke geworden.

Im Ernst: Ja, klar sehe ich heute vieles anders als vor 15 Jahren. Gott sei Dank!
Ich würde sogar sagen, dass ich im Moment viel weniger „weiß“ als früher. Teilweise liegt das daran, dass ich noch nicht tief genug in Fragen eingestiegen bin. Deshalb will ich ja schon seit langem nochmal Theologie studieren, was jetzt ja auch klappen wird. Da erhoffe ich mir schon an einigen Stellen nochmal neue Klärungen, wo das Alte nicht mehr passt.

Aber ich glaube, dass ich auch nach dem kommenden Studium weniger „in der Tasche haben“ werde als in meiner frommen Jugend. Früher gab es ein System, in dem alles schwarz oder weiß zugeordnet werden konnte. Ich habe gemerkt (was du ja sehr viel früher gemerkt hast …), dass da vieles nicht passt(e).

Und glaub mir, Stefan, mich beschäftigt das sehr, warum ich manches nicht schon eher durchschaut bzw. konsequenter hinterfragt habe.
Der stärkste Grund dafür ist wohl, dass ich Glaubens- und Gotteserfahrungen gemacht habe, die ich auch heute noch als real begreife. Und vielleicht habe ich – wohl eher un- oder halbbewusst – manche Gedanken nicht zugelassen, weil ich dachte, dass ich sonst diesen Glauben verlieren könnte. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass glasklares Denken, fundierte Bildung und gleichzeitig dieses schlichte Jesus-Vertrauen zusammen gehen können.

Das ist nämlich tatsächlich konstant geblieben: Noch immer liebe ich Jesus; vermutlich sogar noch mehr und noch tiefer als früher. Und auch wenn du denkst, dass ich vielleicht bald auf der Atheisten-Seite lande, wenn ich so weitermache – ich denke das absolut nicht!

Mein Glaube ist heute für mich weit weniger von dem abhängig, was ich denke und verstanden habe (oder dem, was ich mir, manchmal abenteuerlich *g*, zusammengereimt habe). Ich empfinde meinen Glauben als Gottesgeschenk, das ich in der Tat jedem und jeder wünsche. Denn das, was wir früher von „Freiheit“ und „Geliebt-Sein“ gehört haben, das empfinde ich heute tatsächlich so.
Also – ich möchte den Glauben auf gar keinen Fall loswerden. Und ich vermute auch, dass ich es gar nicht könnte, selbst wenn ich wollte …

So viel Predigt musste sein, damit sich der Verdacht von Die-ist-ja-schon-fast-abgefallen nicht festigt, wenn ich jetzt folgendes schreibe:

Ich kann manches von dem, was du fragst, für mich – und jetzt für dich – im Moment nicht abschließend beantworten. An manchen Stellen kann ich noch nicht einmal sagen, ob die Fragen „Nebensächlichkeiten“ oder zentral wichtige Dinge sind.
Ich bin auf einem Weg, von dem ich das Gefühl habe, dass viele aus der „frommen Szene“, gerade in unserem Alter, ihn gerade gehen. (Lies mal meinen letzten Blog-Post.) An vielen Stellen ist das ein Weg weg von bestimmten Dingen. Weg von Enge und Druck. Weg von Denkfaulheit und Bildungsfeindlichkeit. Weg von (zu) schnellen, (zu) einfachen Antworten.
Und tatsächlich weiß ich an vielen Stellen noch nicht, wohin der Weg führen wird. Sicherlich an vielen Stellen zu dem, was du vielleicht mit „liberal“ meinst. Also, dass ich sagen werde: Das kann man so oder so sehen. An manchen Stellen aber schmeiß ich im Moment vielleicht auch zu viel über Bord und werde das irgendwann wieder zurückholen.

So, und nach der langen (Vor-)Rede noch auf die Schnelle aus dem Bauch heraus und etwas müde ein paar Stichworte zu deinen Stichworten. Und vorher den Satz: Ja, ich würde die beiden Bekenntnisse mitsprechen.

Schöpfergott:
Ja, ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat. Nein, ich glaube nicht, dass das in sieben Tagen war. Allerdings habe ich nicht das geringste Problem damit zu glauben, dass es ihm möglich gewesen wäre. Von dem, was ich mittelmäßig naturwissenschaftlich begabter Mensch allerdings beurteilen kann, spricht die Wissenschaft doch eher dagegen. Während die biblischen Schöpfungsberichte (die sich ja wirklich nur mit allergrößtem Krampf überhaupt irgendwie harmonisieren lassen – warum ist mir das früher nie aufgefallen?) meiner Ansicht nach überhaupt nicht die Absicht haben, einen in heutigem Sinne geschichtlich-wissenschaftlich korrekten Tatsachenbericht zu überliefern. Trotzdem halte ich sie für wahr: Gott ist der Ursprung allen Lebens, er kann aus Nichts etwas schaffen, und und und …

Dreieinigkeit:
Als hätte ich die Dreieinigkeit jemals verstanden. Als könnten wir Gott verstehen … Er (und ich empfinde neuerdings, das schon dieses männliche Pronomen eine ungehörige Verengung ist) wird immer anders, größer sein, als ich mir vorstelle. Aber ja – ich glaube an einen Schöpfergott. Ich glaube, dass Jesus Gott ist. Ich glaube, dass es eine Kraft in mir gibt, die göttlich ist.
An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall selbst nochmal tiefer graben. Auch, was die Entwicklung der entsprechenden Dogmen in der alten Kirche betrifft. (Auch die christologischen übrigens …!)

Jungfrauengeburt:
Puh. Du kannst sagen, ich drück mich, aber ich würde sagen:
Natürlich kann Gott das machen, dass eine Jungfrau schwanger wird. Ob es so war? Weiß ich nicht und im Moment würde ich auch sagen: Daran hängt mein Glaube nicht. Wenn Leute mit Verweis auf Übersetzungsvarianten von einer „jungen Frau“ ausgehen wollen, dann finde ich das durchaus schlüssig. Tatsächlich hätte ich vermutlich nicht mal mehr ein Problem, wenn Leute das für – analog zu anderen zeitgenössischen „Heldenberichten“ – hinzugefügt halten.

Allmacht Gottes:
Auch hier müsste ich vermutlich nochmal meine philosophischen Hausaufgaben machen, damit das etwas fundierter wäre, was ich mal versuche so auszudrücken: Ich finde es schwierig, wenn wir Menschen Gott bestimmte Attribute anhängen, die wir dann aber natürlich in unserem menschlichen Horizont definieren.
Mein Zugang ist im Moment eher, in den Geschichten der Bibel zu sehen, was Gott tut, wie er sich zeigt. Und mich in diesen Geschichten wiederzufinden, zu bergen, mich auch an ihnen zu reiben. Und in diesem Prozess Gott selbst zu suchen und zu begegnen. – Das ist was ganz anderes als logische Modelle aufzubauen wie „Gott ist das, was ich unter Liebe verstehe und Gott hat das, was ich unter Allmacht verstehe“ – und weil diese Gleichung nicht aufgeht, entscheide ich mich, dass es Gott nicht gibt oder dass er das eine oder andere nicht ist/hat.

Gericht über Lebende und Tote:
Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole *g*: Da muss ich auf jeden Fall nochmal ran. Auch die ganzen Fragen (und Antwortversuche *g*) um Himmel und Hölle haben sich für mich immens verschoben in den letzten Jahren.
Mein momentaner Stand: Ja, ich glaube, dass es dieses Gericht geben wird. Ich glaube, dass Gott Dinge zurechtbringen, „richten“ wird. Ich glaube, dass das auch unangenehm wird, aber ich glaube, dass es gut für mich ist, wenn Gott die Dinge an mir zurechtbringt, die in Ordnung kommen müssen. Und: Ich glaube, dass das Gericht ein großer Trost ist für Opfer. Wie wäre das, glauben zu müssen, dass Vergewaltiger und Opfer, Massenmörderinnen und Hinterbliebene der Getöteten, Sklavenhalter und Arbeitssklavinnen einfach so zusammen in Gottes neuer Welt sein werden?! Ich finde, das geht nicht. Davor muss noch was passieren. Deshalb verbinde ich mit dem Stichwort „Gericht“ viel mehr Hoffnung als Ängste. Für mich selbst, aber vor allem für diese kaputte Welt.


Okay – so weit mal …
Ich hab ein bisschen Sorge, dass du mich auslachst und sagst, ich mach mir alles zu einfach.
Aber nur ein bisschen … Denn das ist tatsächlich nur die Sorge darum, dass ich in deinem Bild etwas von meiner intellektuellen Brillanz verliere. Um meinen Glauben mach ich mir keine Sorge. Im Gegenteil: Ich empfinde das als sehr hilfreich, wenn Leute mich hinterfragen und ich dadurch merke, wo ich Dinge für mich noch nicht klar habe – oder noch nicht ausdrücken kann.

– Äh, und sollte sich das irgendwann ändern, so dass ich Pause von ketzerischen Anfragen brauche, dann sag ich Bescheid.

Liebe Grüße!
Astrid

Ich glaube schon. (Teil 1)

Vor Kurzem bin ich auf eine Mail aus dem Frühsommer gestoßen. Sie kam von Stefan, einem alten Freund von uns, der schon seit Jahren (oha, mittlerweile müssen wir tatsächlich eher schon von Jahrzehnten sprechen! *g*) grundsätzlich zu weit weg wohnt von dort, wo wir gerade wohnen.
Wenn wir uns treffen, was leider selten, aber doch zuverlässig etwa einmal im Jahr passiert, verbringen wir traditionell eine halbe Nacht mit reden und trinken. Und dabei geht es immer wieder auch um den Glauben – und damit um ein Themengebiet, wo wir genug Differenzen haben, um es noch jahrelang spannend zu halten … 🙂

Nach so einem Wiedersehen schickte Stefan also im Juni die besagte Mail. In wenigen Sätzen reißt er kurz mal mindestens fünf fundamentale Bekenntnis-Fässer auf.
Und, so viel vorab, in den vergleichsweise vielen Sätzen meiner Antwort wird kein einziges Fass wieder ordentlich verschlossen.

Naja, jedenfalls bin ich der wahnwitzigen Idee verfallen, diesen Mailwechsel mit euch zu teilen. Und weil Stefan nichts dagegen hat, seht ihr unten seine Zeilen.
Überlegt euch doch mal, wie eure Antwort ausgesehen hätte!
(Natürlich seid ihr auch herzlich eingeladen, in der Kommentarspalte „laut zu überlegen“.)

Am Sonntag könnt ihr dann meine Antwort lesen. Und sie ergänzen, kritisieren, loben … oder auch verreißen. Ich bin gespannt – und ein bisschen nervös. 😉

Na dann, here we go:

Hi Astrid,

bin gerade eben durch einen Artikel an das „apostolische“ und das „nicänische“ Glaubensbekenntnis erinnert worden und habe die kurz mal im Volltext angeschaut… und da habe ich mich dann gefragt, ob Du tatsächlich alle Glaubenssätze, die da formuliert sind heute noch so unterschreiben und mitsprechen kannst – oder ob Du manches doch inzwischen da auch vor allem allegorisch interpretierst. Schöpfergott, Dreieinigkeit, Jungfrauengeburt, Allmacht Gottes, Gericht über die Lebenden und die Toten …

Das soll keine Fangfrage sein. Wir hatten ja am Wochenende schon mal kurz darüber gesprochen, dass ich ja den Eindruck habe, dass Du manche Dinge doch inzwischen recht liberal siehst. Aber vielleicht sind das ja wirklich nur Nebensächlichkeiten, die den Kern des Glaubens nicht betreffen?!

So… Ich gehe mal wieder an die Arbeit – wollte nur diesen Gedanken kurz mal loswerden!

Liebe Grüße!

STEFAN