LesenBetenLiebenWagen … mit Johannes Bartels

Johannes Bartels // 48 Jahre alt // lebt mit zwei Kindern in Pirna // Evangelist bzw. Referent für Jugendevangelisation in Sachsen // passionierter Lakritz-Konsument und Black-Stories-Grübler und -Autor // www.evjusa.de

LESEN:

Kabarettisten lesen den Subtext – und sprechen ihn aus. Diesen Satz schnappte ich vor kurzem im Fernsehen auf. Dort hieß es auch, dass das Geschäft der Kabarettisten in Zeiten des Populismus schwierig geworden sei, da die Populisten sich gar keine Mühe mehr machen würden, den Subtext zu verbergen. Sie sprechen ihn gleich selbst aus – aus Dummheit oder Dreistigkeit oder einer Mischung aus beidem.

Den Subtext lesen, zwischen den Zeilen lesen – eine hohe Kunst, nicht nur für Kabarettisten, sondern auch für Seelsorger und gute Freunde. Hoffentlich mit angenehmeren Gesprächspartnern als den Populisten!

BETEN:

Wer singt, betet doppelt, so hört man manchmal. Gefällt mir. Singen ist eine Form des Betens, mit der ich etwas anfangen kann. Und manchmal bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich spüre, dass jemand tatsächlich in diesem Sinne singt – als Gebet und mit Leidenschaft.

Übrigens gibt es noch viele andere Formen des Betens. „Es gibt mehr Möglichkeiten, als du denkst!“ (Klaus Douglass)

LIEBEN:

Lieben macht das Leben spannend. Das Böse mag anfangs für einen gewissen Nervenkitzel sorgen, doch irgendwann wird es langweilig. Einfach weil man da letztlich immer bei sich bleibt. Die Liebe dagegen ruft zum Aufbruch, sie bringt uns dazu, über den eigenen Schatten zu springen – hinüber zum Du. Liebe führt zur Begegnung – und sorgt damit oft genug für Überraschungen. Wer liebt, wächst über sich hinaus.

WAGEN:

Wer wagt, gewinnt. Wer immer nur den sicheren Weg geht, hat gute Chancen, unbeschadet durchzukommen – doch er wird auch nicht viel gewinnen. Wer wagt, riskiert zwar zu scheitern. Doch Scheitern gehört zum Leben dazu. Die Herausforderung besteht nicht darin, das Scheitern zu vermeiden, sondern „gekonnt zu scheitern“.

Und noch etwas: Wer scheitert, kann Gnade empfangen. Auch das gehört zum Leben dazu. Wer nie am eigenen Leibe erfahren hat, dass er auf Gnade angewiesen ist, wird vermutlich auch keine Gnade erfahren. Der ist zu bedauern!

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In der Serie LesenBetenLieben sind Menschen zu Gast, die ich gerne mag. Und sie teilen ihre Gedanken und/oder Erfahrungen in Sachen readpraylove mit uns. DANKE Johannes, dass du so spontan mitgemacht hast! 🙂

Bier und Choräle

Nach meinem letzten Post über das Liederschatzproblemjekt ist mir klar geworden: Als nächstes muss ich euch ein grandioses Buch vorstellen.
Das schließt sich nämlich deshalb so großartig an, weil das Abschlusskapitel des Buches „Bier und Choräle“ heißt. Und damit den Namen einer Gemeindeveranstaltung trägt, die ich als, nun ja, äußerst ansprechenden Zugang zu alten Kirchenliedern empfinde *g*:

„Bier und Choräle findet alle paar Monate statt. Dabei stopfen wir normalerweise so viele Leute wie möglich in den Keller einer Kneipe und singen mit erhobenen Bierkrügen aus voller Kehle alte Choräle.“

Die Menschen, die dort Bier trinken und singen gehören zur lutherischen Gemeinde House for all Sinners and Saints in Denver, Colorado. Ihre Pastorin (die als trockene Alkoholikerin übrigens kein Bier, sondern Diät-Cola bestellt) heißt Nadia Bolz-Weber und ist die Autorin des New York Times Bestsellers „Pastrix. The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint“.
Und eben dieses Buch solltet ihr unbedingt lesen!

Dabei dürft ihr euch nicht vom etwas sperrigen deutschen Titel abschrecken lassen: „Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Und auch nicht vom Klappentext, durch den man möglicherweise eine vorhersehbare und mäßig spannende Geschichte nach dem Schema Frommes-Mädchen-gerät-auf-die-schiefe-Bahn-aber-findet-Gott-wieder-und-wird-dann-Pastorin erwartet.

Nein, diese Geschichte passt so leicht in gar kein Schema. 😉

Nadia Bolz-Weber schreibt über ihr Leben. Und obwohl ihre Lebensgeschichte wirklich extra-ordinary ist, finde ich mich ständig wieder.

Es geht um die Entdeckung von Gnade jenseits von engen Glaubenstraditionen und engen Gottesbildern.
Und es geht um die Sehnsucht und die Suche nach einer Gemeinschaft, in der alle, und zwar wirklich alle, willkommen sind.

Was die Autorin von der Gemeinde berichtet, die sie mit „ihren Leuten“ gegründet hat, ist dabei aber so gar nicht „guckt-mal-wie’s-geht“-mäßig. Sondern es ist echt und ehrlich, selbstkritisch und häufig überraschend. Großartig find ich zum Beispiel, wie sie (potenzielle) neue Gemeindeglieder bei der vierteljährlichen Welcome-Veranstaltung begrüßt:

„Willkommen im House for All Sinners and Saints. Wir werden dich enttäuschen.”

Also: Diese 250 Seiten sind der Hammer! Leicht geschrieben und zuweilen zum Brüllen komisch. Und gleichzeitig klug und inhaltlich krass tief.

„Ich finde Gott in den Ding …“ – äh, also dieses Buch zu lesen war ein riesengroßer Gewinn für mich. Es hat mich berührt, herausgefordert, entlarvt, bestärkt, hinterfragt, bewegt, bereichert, inspiriert.

LEST ES UNBEDINGT SELBST!

Lest zum Beispiel, was passiert, als die Autorin ihren konservativen Eltern beichtet, dass sie Pastorin werden will. Ihren Eltern, in deren fundamentalistischer Prägung Frauen auf gar keinen Fall „als Älteste dienen, predigen oder Gottesdienste leiten dürfen“ … – An der Stelle habe ich geheult.

Lest, wie Nadia Bolz-Weber einem konservativen christlichen Podcaster begegnet, der schon häufig im Netz gegen sie gewettert hat. Wie dann aus zwei Feinden Freunde werden, die sich – trotz aller Unterschiedlichkeit – in Shitstorms des Lebens beistehen.

Und lest … – Ach was, lest das ganze Buch! IHR WERDET ES LIEBEN.

Ja echt, ich wette mit euch, dass ihr euch dem anschließt, was Christina Brudereck im Vorwort schreibt:

„Von A bis Z, Seite 1 bis zum Schluss ein Gewinn und ein Genuss. Für die Gemeinde ein Muss. Für alle wunden Seelen ein heilsamer Kuss.“

Was der Einsatz ist, falls ich die Wette verliere?!
Ich verlier ja nicht … 🙂 Aber wenn ihr drauf besteht: wie wär’s mit einem Kaltgetränk bei einer deutschen Version von „Bier und Choräle“?! 😉

 

Nadia Bolz-Weber:
„Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen“. Pastorin der Ausgestoßenen

ISBN 978-3-86506-780-7