Pharisäer/innen wie du und ich

Ich so:
„Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute; Hardliner, Ungebildete, Fundamentalistinnen – oder auch wie diese entsetzlich gesetzlichen Evangelikalen.
Ich höre zweimal in der Woche Worthaus oder Hossa Talk und mein handgebrühter Filterkaffee ist direkt gehandelt.“

Gott so:
„?“

Die zwei Seiten des Evangelisationsveranstaltungs-Pferdes

Letzte Woche war ich als Evangelistin bei einer JESUSHOUSE-Woche im Oberbergischen dabei. Und ich bin am Samstag sehr dankbar und beschenkt nach Hause gefahren.

Zum einen lag das an dem tollen Team vor Ort – es war ein Privileg, da dabei sein zu dürfen.
Die Mitarbeitenden kamen aus verschiedenen Gemeinden (Landeskirche und Baptisten) und aus dem CVJM und es war eine super Mischung aus „alten Hasen“ und jungen Leuten. Wenn ihr mal staunen wollt über das, was die Crews dort z. B. in Sachen Technik, Drama, Bistro und Deko (und in noch vielen weiteren Bereichen!) auf die Beine gestellt haben, dann kriegt ihr einen schönen Eindruck durch die Fotos auf der Homepage. Oder schaut euch mal das Erklärungsvideo für die grandiose „Tut er’s oder tut sie’s nicht“-Aktion an. 😉

Tut er´s oder tut sie´s nicht?

Kennt Ihr schon unsere #JESUSHOUSE #Challenge "Tut er´s oder tut sie´s nicht?" ?? Schaut Euch mal das Video an und Ihr erfahrt wie es geht :-)#jesushouse2017 #jesushouseoberberg #jesuslounge

Posted by JesusHouse Oberberg on Donnerstag, 16. März 2017

 

Worum es mir jetzt aber vor allem geht, das ist ein anderer Grund, warum ich so froh und dankbar auf die Woche zurückblicke. Dieser Grund lässt sich nicht ganz so schnell beschreiben (und vor allem nicht so schön visualisieren *g*) – aber ich versuch’s mal.

Es ist nämlich so (jetzt kann ich’s ja sagen *g*), dass ich schon einige Jahre bei keiner dezidiert evangelistischen Veranstaltung mehr gepredigt habe. Das war gar nicht mal Absicht. Ich habe generell nur wenige Verkündigungsdienste wahrgenommen und es hat sich einfach nicht ergeben.

Und nun hat sich aber ja während dieser längeren Zeit der Evangelisationsveranstaltungs-Abstinenz so einiges getan in meinem Glauben. Und in meinem Zweifeln.
Zum Beispiel habe ich mich weiter entfremdet (oder ich wurde entfremdet?!) von so mancher evangelikalen Mainstream-Meinung. Ich habe in einigen dogmatischen oder ethischen Fragen „den einen klaren Standpunkt“ (sofern ich den überhaupt jemals hatte) verlassen und empfinde mich dort heute als „unterwegs“. (An mancher Stelle werde ich sicherlich auch niemals mehr zu der gleichen „Klarheit“ (oder Starrheit?!) kommen wie früher.)
Ähnliche Entfremdungs-Erfahrungen mache ich auch an vielen Stellen der „frommen Kultur“. So ist zum Beispiel mein Zugang zu den meisten Worship-Liedern … äh, ich sag mal schwierig. Und auch sonst reagiere ich auf manches allergisch, was so gesagt und geschrieben und getan wird bei uns Jesus-Leuten.

Mitunter reagiere ich sicherlich sogar allergischer als angemessen. For reasons, natürlich! – Das sind dann Bereiche, in denen ich selbst schlechte Erfahrungen gemacht habe. Oder wo ich von anderen weiß, dass sie durch den Glauben oder durch die Gemeinschaft mit Christen – bzw. vielmehr durch das, was ihnen dafür verkauft wurde! – nicht nur nicht heil geworden sind und frei. Sondern im Gegenteil: krank, abhängig, ängstlich, klein! Und klar, ich möchte mich von den Worst-Practice-Beispielen abgrenzen.

Aber die Gefahr besteht natürlich, hier und da auch mal ein Kind mit dem Bade auszuschütten. Oder, wo wir schonmal bei mittelmäßigen Metaphern sind – dann auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen.
Interessanterweise haben sich letzte Woche gleich mehrere Gespräche mit Leuten aus dem Team ergeben, in denen um diesen Punkt ging: Wo stehen wir in der Gefahr, dass wir „der nächsten Generation“ etwas vorenthalten, was aber gut wäre?

Diese Überlegungen finde ich sehr spannend und extrem wichtig. Denn natürlich ist es gut, wenn wir den Jugendlichen unsere eigenen destruktiven Erfahrungen ersparen möchten. – Aber es ist doch wohl trotzdem so, dass der Missbrauch den guten Gebrauch nicht in jedem Fall aufheben muss und sollte.

Nun ja, und um mal wieder zum Thema zu kommen – keine Ahnung, ob ihr mir gerade folgen könnt, für mich ergibt das jedenfalls Sinn *g*: Mein Eindruck ist, dass sich viele Leute in einem solchen Zwiespalt befinden, wenn es um Evangelisationsveranstaltungen geht. Da gibt es negative oder zumindest sehr durchwachsene Erfahrungen und – Gott sei Dank! – ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass in einer solchen Veranstaltung Potenzial für Manipulation vorhanden ist. (Hört dazu doch mal (wieder) den legendären und immer noch sehr lohnenden ersten Hossa Talk mit Torsten Hebel).

Auch ich selbst kenne Vorbehalte gegenüber evangelistischen (Groß-)Veranstaltungen durchaus nicht nur von anderen.  Sondern ich habe genug eigenes Negativ-Erleben, um Skeptiker/innen gut verstehen zu können.

Und trotzdem hab ich mit Überzeugung zugesagt, bei dieser JESUSHOUSE-Woche dabei zu sein. Denn bei allem, was ich heute kritisch sehe, ist das eine ja geblieben oder sogar gewachsen: Jesus begeistert und bewegt mich. Und diese heilsbringende Erfahrung wünsche ich allen!

Aber ich war schon sehr gespannt:
(Wie) Geht das, weder auf der „Turn-or-Burn“-Seite vom Pferd zu fallen noch auf der „Ist-eigentlich-auch-egal,-ob-du-glaubst“-Seite.
(Wie) Kann es in diesem Veranstaltungs-Setting gelingen, die lebens- und weltverändernde Hoffnungsbotschaft von Jesus zu verkünden und dabei Menschen konkret einzuladen, ihr Vertrauen auf Gott zu setzen – OHNE manipulativ oder gar übergriffig zu werden?

Und nach der Woche sage ich: Ja, ich glaube, es geht! 🙂 Und das freut mich total! 🙂

Die Frage danach, WIE das geht, sprengt jetzt hier den Rahmen, aber es ist sicherlich lohnend, darüber weiter nachzudenken. Und ja, diese Sache ist es wohl sogar wert, darum zu streiten.
Dabei wird es zum einen um methodische Fragen gehen müssen.

Ich persönlich empfinde zum Beispiel das dialogische Veranstaltungsformat, das für JESUSHOUSE (weiter)entwickelt wurde, als eine sehr verheißungsvolle Spur, weil es im guten Fall einen Raum für ehrliche Auseinandersetzung und echtes Gespräch eröffnet.
Noch entscheidender sind aber wohl die theologischen Grundlagen.
Was ist meine Motivation für eine evangelistische Predigt? Will ich etwas Bestimmtes erzwingen oder vertraue ich auf Gottes Wirken? Sehe ich Glaube (und eine wie auch immer definierte „Bekehrung“) als eine Leistung des Menschen oder als ein Geschenk von Gott selbst? Treibt mich Angst oder werde ich von der Liebe getragen?

Ach, ich merke schon, es bleibt spannend … 😉

Jetzt freu ich mich aber erstmal über die ermutigende Erfahrung der letzten Woche! Bin dankbar, dass ich mich nicht verbiegen musste. Sondern dass es sich echt und redlich und richtig angefühlt hat.

Ich kann schwärmen von Jesus! Ich kann davon reden, wie er die Welt und wie er Menschen neu macht. Und ich kann Leute konkret einladen, bei dieser Reich-Gottes-Revolution dabei zu sein!

Und ja, das möchte ich gerne weiterhin tun. 🙂

 

Beitragsbild: Katharina Hein

Pippi Langstrumpf und die Frauen in der Kirche

„Man bekommt viel zu hören, bevor einem die Ohren abfallen“,

bemerkt Pippi Langstrumpf im Eingangskapitel von „Pippi in Taka-Tuka-Land“. Sie sagt das zu einem „feinen und vornehmen Herren“ – der sie vollkommen respektlos von oben herab behandelt.

An dieses Zitat musste ich denken, als ich vor Kurzem den (sehr zu empfehlenden!) Blog Der Plaza entdeckt habe und dort auf folgendes Video gestoßen bin:

Großartig! Und ziemlich lustig 😉 – wenn es nicht eigentlich so traurig wäre.

Seit die Lettische Evangelisch-Lutherische Kirche vor einem Monat beschlossen hat, keine Frauen mehr zu ordinieren, kann man wieder einmal vieles hören zum Thema Frauen in kirchlichen Leitungsämtern. Leider auch vieles, von dem einem fast „die Ohren abfallen“. (Oder wahlweise kann man auch vieles lesen, wo einem fast „die Augen ausfallen“ – zum Beispiel in den Diskussionen unter Internetartikeln zur lettischen Entscheidung oder natürlich bei facebook …)

Man kann aber – mit Rücksicht auf die eigenen Ohren und die eigenen Nerven – auch einfach die Dinge hören, die die eigene (also die richtige *g*) Meinung stützen. 😉

Dafür hab ich mich entschieden. 🙂 Und feiere schon seit Sonntag den großartigen aktuellen Hossa Talk mit Christina Brudereck.
Gebt euch den unbedingt! Da ist sehr sehr vieles drin, was danach schreit, weiter bedacht und durchbetet, gelebt und erstritten zu werden …
Und an der Stelle mit den „Pippi-Langstrumpf-Engeln für die lettischen Pfarrerinnen“ schließt sich dann auch wunderbar der Kreis zum Anfang … 🙂

Hossa und der Sunrise in Evangelikalien

Seit über einem Jahr ist bei mir immer wieder sonntags Hossa-Tag. Bzw. Hossa-Talk. 😉
Gofi Müller und Jakob „Jay“ Friedrichs veröffentlichen dann nämlich ihren mittlerweile wöchentlich erscheinenden gleichnamigen Podcast. Und den zu hören lohnt sich für mich immer.

Die beiden „evangelikalen Alt-Stars“ (*g* – Jay hat mich als Teil von nimmzwei (heute superzwei) und mit seiner geistreichen Kolumne in der Zeitschrift dran schon als Teenie begleitet; Gofi „kenne“ ich noch als großen Stern am Jugendevangelisations-Himmel) haben sich ein Forum geschaffen, in dem sie öffentlich „laut denken“. Und dabei legen sie nicht jedes Wort auf die Goldwaage, sondern hauen Dinge auch mal aus dem Bauch heraus einfach so in den Äther.

Eine krasse Herangehensweise … 😉 Denn natürlich machen die beiden sich durch den einen oder anderen nicht ganz ausgereiften Satz angreifbar.
Aber ich finde: wer sich da an einzelnen Inhalten aufhängen will, muss erstmal diesen Wahnsinns-Mut würdigen! Und wahrnehmen, dass es genau diese Art des offenen Wortes ist, die viele Hörer/innen begeistert und zum eigenen Nachdenken anstachelt (mich zum Beispiel) und dass sich viele Leute in den Gedanken und Fragen der beiden wiederfinden und verstanden fühlen (ich zum Beispiel).

In den Talks geht es – manchmal im Zweiergespräch zwischen Jay und Gofi, häufig aber auch mit spannenden Gästen – um Gott und die Welt. Und zwar fast immer in (kritischer) Auseinandersetzung mit der eigenen Prägung der Hossa-Talker. Einer konservativ-christlichen, „evangelikalen“ Prägung.

Die heute veröffentlichten Folge „Aufruhr in Evangelikalien“ thematisiert wieder einmal eine Beobachtung, die auch mich schon länger beschäftigt.
(- By the way: Ich muss dringend mal einen Post darüber schreiben, dass und warum ich das e(vangelikal)-Wort für alles andere als hilfreich halte. Aber ob wir jetzt von „den Evangelikalen“ reden wollen oder von „der Jesus-Bewegung“ oder – das mache ich, bis mir was besseres einfällt jetzt erstmal – von „der frommen Szene“: Die Beobachtung stimmt so oder so.)

Ja! Es ist viel in Bewegung unter uns Evang … äh, unter uns, die wir uns vor fünfzehn Jahren noch bedenkenlos evangelikal genannt hätten. 😉
Man kann sicherlich mit Recht von einem „Aufruhr“ sprechen, wie Jay und Gofi das im Titel der Hossa-Folge tun. Aber könnte man nicht auch „Aufbruch“ sagen?! „Aufatmen“!? „Aufleben“?! Oder gar, inspiriert von meinem Sonntagabend-Tequila-Sunrise „Sonnen-AUFgang“?! 😉

In meinem Herzen jedenfalls geht die Sonne auf, wenn ich erlebe, dass heute unter uns Dinge gedacht und gesagt und gelebt werden können, die vor fünfzehn oder zehn oder teilweise auch noch vor fünf Jahren undenkbar waren. (Okay, gedacht wurden sie schon immer von Leuten. Aber wer manche Dinge dann öffentlich gesagt oder gar gelebt hat, der war raus.)
Ich empfinde das zum Beispiel so im Hinblick auf die Frage nach einem angemessenen Schriftverständnis. Oder im Hinblick auf verschiedene ethische Themen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass wir es vermehrt aushalten, uns (zum Beispiel eben in Sachen Bibelverständnis und Ethik) nicht immer zu 100% einig zu sein.

Ich erlebe für mich persönlich, aber auch bei vielen Leuten in meinem Umfeld heute eine sehr viel größere Freiheit. Die Freiheit, intellektuell redlich, ohne Scheuklappen, denken und ringen zu dürfen.
Und, wer hätte das gedacht, ich habe nicht den Eindruck, dass mein Glauben, dass meine Jesus-Beziehung, darunter leidet.

Im Gegenteil!
Es tut gut, nicht mehr auf alles Antworten haben zu müssen. Es tut gut, dass Gott Gott sein darf. Dass er (oder sie *g*) mein Denken übersteigt, meine Bilder sprengt.
Und bisher ist meine Erfahrung, dass ich gerade bei diesem unfassbaren Gott geborgen bin. Sehr viel mehr und sehr viel tiefer geborgen als bei dem berechenbaren kleinen Gott meiner rechtgläubigen Jugend.
(Oha, das klingt jetzt doch böser als es soll. Und als angemessen ist. Also gut: „Was ich meiner frommen Prägung alles verdanke“ kommt auch auf die Liste der Posts, die irgendwann noch kommen müssen. *g*)

… Und jaha, ich weiß! Freiheit bedeutet immer auch Verantwortung. Freiheit will gut gestaltet werden. Ich kann an manchen Stellen „auf der anderen Seite vom Pferd fallen“. Und möchte deshalb auf Geschwister aus verschiedenen Hintergründen hören und mich hinterfragen lassen. –

Und ja! Es wird tatsächlich spannend in den nächsten Jahren. Wo gehen wir als „fromme Szene“ hin? Kommt die große Spaltung in „Konservative“ und „Progressive“? (Wo) Ist es richtig für mich, mich von fundamentalistischen Meinungen (und sogar Menschen?!) abzugrenzen – um meiner selbst willen und um all der Menschen willen, die als Schwerverletzte engen Gruppen entkommen sind? (Um welchen Preis) Ist es richtig für mich, die Einheit zu suchen und zu betonen mit ALLEN, die sich auf Jesus berufen?

Da sind viele Fragen am Horizont. Da wird es noch viel Aufruhr geben in Evangelikalien …
Aber an einem sommerlichen Sonntagabend wie diesem werde ich mich doch auch mal nur an der Freiheit freuen dürfen. Den Sonnenuntergang draußen genießen. Und den Sonnenaufgang im Herzen und im Glas.
In diesem Sinne: Halleluja! Und Prost! 🙂