Auf Wiedersehen!

Vor einer Woche ist Burkhard Weber gestorben.

Er war der Direktor der Evangelistenschule Johanneum in Wuppertal, wo ich meine Ausbildung gemacht habe.

In der Traueranzeige des Johanneums heißt es:

Burkhard Weber war Journalist und Theologe, Brückenbauer und Prediger, Organisator und Seelsorger. In erster Linie war er Lehrer! Mit Leidenschaft und ganzheitlichem Engagement unterrichtete er im weiten Feld der Theologie. Er hat mehr als eine Generation von Absolventinnen und Absolventen des Johanneums geprägt.

Ja. Oh ja!
Auch mich hat Burkhard geistlich, theologisch und menschlich tief geprägt.
Ich verdanke diesem außergewöhnlichen Menschen sehr viel. 

Und so trauere ich gemeinsam mit vielen, vielen anderen; in der Johanneumsgemeinschaft und weit darüber hinaus.
Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar für den Segen, den ich durch Burkhards Leben erfahren durfte.

Ein bisschen was von diesen Segensspuren in meinem Leben möchte ich euch heute zeigen. Zwangsläufig ist das selektiv und subjektiv. Und es bleibt etwas unsortiert. Aber mir tut das Schreiben gut. Und ich hoffe, euch lässt es etwas erahnen von dieser großen Persönlichkeit.

Im Sommer vor Antritt der Ausbildung bekamen wir zukünftigen Studierenden einen Brief von Burkhard. Diese gut fünf Seiten lesen sich für mich noch heute als realistischer, hilfreicher und herausfordernder Leitfaden für gemeinsames geistliches Leben. Typisch: Anstelle einer „Hausordnung“ erklärte Burkhard, was er im Blick auf gelingende Gemeinschaft im Johanneum für wichtig hielt.
– So habe ich ihn und seinen Leitungsstil all die Jahre wahrgenommen: Anstelle von starren Regeln suchte er das Gespräch. Anstatt auf den Tisch zu hauen und ein Machtwort zu sprechen scheute er nicht das (manchmal antrengende) Verstehen-Wollen und das (nicht selten zähe) gemeinsame Ringen um gute Lösungen.

Der genannte „Begrüßungsbrief“ schloss mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe ihrer Interessen,
sondern die Summe ihrer Hingabe.

Burkhard wusste nicht nur, was er hier schrieb. Er verkörperte es.
Wieviel Reichtum verdanken wir als Johanneumsgemeinschaft Burkhards Hingabe!

Diese Hingabe wurde für mich ganz besonders sichtbar in seiner unnachahmlichen Hinwendung zu Menschen.
Vom ersten Telefonat an habe ich Burkhard erlebt als jemanden, der die Einzelnen sieht und wertschätzt. Er hat unfassbar viel Kraft und Zeit und Herzblut in Begegnungen investiert. 
So bin auch ich sehr dankbar für zahlreiche Gespräche mit ihm. Häufig zu später Stunde in der Bibliothek. Noch öfter in einem Büro inmitten von Stapeln voll anderer Arbeit. Dass diese Stapel immer warten mussten, wenn jemand an seine Tür geklopft hat, das war ein Segen!

Burkhard hat nicht viele Bücher geschrieben. Aber stattdessen verfasste er tausende persönlicher Briefe. Im Oktober dieses Jahres hat er noch einmal begonnen mit dem Vorhaben, allen Johanneumsgeschwistern einen letzten persönlichen Brief zum Geburtstag zu schreiben! Als Anfang-Oktober-Geburtstagskind gehöre ich zu den Glücklichen, die in diesen Genuss gekommen sind.
Burkhard war nicht bekannt für große Reden auf großen Konferenzen. Aber er hat viele tausend Gespräche geführt, die Menschen in ihrem Leben und in ihrem Dienst vorangebracht haben.

So können viele Johanneumsgeschwister von prägenden Begegnungen mit Burkhard erzählen und/oder Sätze aus dem Unterricht oder aus Gesprächen nennen, die ihnen nachhaltig etwas bedeuten. Es hat mich bewegt zu verfolgen, wie sich die Johanneums-Gruppe bei Facebook in der vergangenen Woche mit vielen Erlebnissen und Anekdoten füllte. Und wie sie sich mit den Tagen zu einer respektablen Logienquelle entwickelt hat … *g*

So schrieb zum Beispiel eine Absolventin:

Eine Kursschwester von mir wollte nach Marroko reisen. Sie fuhr nach Frankfurt zum Flughafen. Dort angekommen musste sie bemerken, dass sie nur die Kopie ihres Reisepasses mitgenommen hatte!
Das Original lag noch in der Bib im Kopierer….
Burkhard bekommt Wind davon. Was macht er? Schnappt sich den Reisepass und fährt sofort los nach Frankfurt.

Jemand anderes schrieb darunter:

Sein Kommentar dazu „Da in der Nähe wohnt jemand, den ich eh schon länger mal besuchen wollte. Jetzt hab ich wenigstens nen Grund!“

Das Faszinierende: Diese Geschichte ist im Hinblick auf Burkhard eben nicht außergewöhnlich, sondern geradezu typisch.

Auch mich werden viele Begebenheiten mit Burkhard weiter begleiten.
Und viele Sätze; aus dem Unterricht und darüber hinaus.

Zum Beispiel erinnere ich mich an die mehrmalige Mahnung, wir sollten „nicht nur die Bibel, sondern auch die Zeitung lesen“. Da kam offenbar das Journalistenherz durch. Aber vermutlich zeigte sich darin auch noch mehr:
Theologie bestand für Burkhard nicht in erster Linie aus intellektuellen Höhenflügen. Und christliche Praxis bedeutete niemals eine weltabgeschiedene Geistlichkeit. Sondern beides, Theologie und geistliches Leben, musste „geerdet“ sein oder, wie er häufig sagte, „down to earth“. Immerhin sei ja auch Jesus real über diese Erde gelaufen. („Jesus hatte Sandalen an.“)

Sehr eindrücklich habe ich auch noch in Erinnerung, dass Burkhard mehrmals aus einem Dokument aus der Johanneums-Geschichte zitierte. (Ich muss bei Gelegenheit mal herausfinden, um was für eine Schrift es sich da handelt und genau nachlesen.) Sinngemäß ging es darum, dass am Johanneum „kein Spalierobst“ herangezogen werden solle. Sondern es gehe um einzigartige, vielleicht knorrige und mitunter windschiefe Bäume, die dann aber zu ihrer Zeit ihre gute Frucht bringen.

Außerordentlich prägend war für mich der Unterricht bei Burkhard im ersten Kurs.
Im Fach „Einleitung in das AT“ kamen mit Überlieferungs- und Verfasserfragen ganz schnell auch existenzielle hermeneutische Grundüberzeugungen auf den Tisch. Da geriet so Manches ins Wackeln. Unvergesslich Burkhards Bemerkung: „Jetzt kriegen Sie hier mal noch nicht gleich die Krise. Ich sag Ihnen dann Bescheid, wo Sie wirklich die Krise kriegen können.“
Ich bin Burkhard – und auch den anderen Johanneums-Dozenten – an dieser Stelle sehr dankbar für ein wunderbares, befreiendes „Sowohl-als-auch“: Gesunde, unerschrockene, neugierige, lernbereite Bibelwissenschaft ohne Scheuklappen. Und gleichzeitig ein tiefes, im besten Sinne „schlichtes“ Jesus-Vertrauen und eine große Liebe zur Bibel. Burkhard hat – hier wie auch an anderen Stellen – keine Fronten gezogen, keine Gräben vertieft. Sondern er hat uns vorgelebt, es uns in manchen Fragen eben „zwischen den Stühlen“ bequem (oder gerade unbequem!) zu machen. Und ich erinnere mich an den (für eine fromme Erstkurslerin doch sehr beruhigenden *g*) Satz: „Im Zweifelsfall sitze ich bei den Leuten, die Jesus-Lieder singen.“

Ebenfalls im ersten Kurs machte Burkhard einmal eine grundsätzliche Ansage: Wenn jemand von uns mal pleite sei, dann sollten wir uns doch bitte unbedingt an ihn wenden. „Bevor Sie Ihr Konto überziehen und hohe Zinsen zahlen, leihe ich Ihnen lieber persönlich das Geld!“
Es bestand wohl für niemanden Zweifel, dass er das ernst meinte. Es würde mich sogar eher wundern, wenn er dieses Angebot nicht über die Jahre auch bei Leuten wahr gemacht hätte.

Eine legendäre Redewendung von Burkhard war „freundschaftlich verbunden“. Wenn er Informationen oder Gebetsanliegen weitergab von anderen Werken oder Institutionen, dann leitete er das häufig ein mit den Worten: „Ein Werk, dem wir freundschaftlich verbunden sind“. Dieser Satz ist weit mehr als eine Floskel. Er unterstreicht die verbindende Grundhaltung, die ich bei Burkhard erlebt habe. Und dabei beschränkte sich seine „freundschaftliche Verbundenheit“ durchaus nicht nur auf den „Gnadauer Dunstkreis“ …

Einmal erzählte er uns im Unterricht von einem Gottesdienst des vergangenen Sonntags. (Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war das ein Gottesdienst in der Erlöserkirche.) Der Priester der katholischen Nachbargemeinde war zu Gast. Während des Abendmahls blieb dieser erwartungsgemäß an seinem Platz sitzen. Und dann habe Burkhard – so erzählte er, mit sichtlicher Freude über seinen guten Einfall – eine Blume vom Altarschmuck abgepflückt, sei zu dem katholischen Kollegen gegangen und habe ihm die Blüte geschenkt mit den Worten: „Ich würde gerne noch sehr viel mehr von diesem Tisch mit Ihnen teilen.“

Burkhard war nicht nur sehr weise. Er wusste auch unwahrscheinlich viel! Aber das ließ er nie heraushängen. Und er war sich nie zu schade, sich auf die Fragen von uns Studierenden einzulassen und grundlegende Gedankenwege mit uns mitzugehen.
Einige Jahre nach der Ausbildung habe ich ihn einmal gefragt, ob ihn das nicht mitunter ermüde oder langweile, immer und immer wieder die gleichen (oder doch ähnliche) Klärungsprozesse zu begleiten. Seine Antwort: Nein! Denn es seien ja immer wieder neue Menschen – und dadurch bleibe es spannend.

Letztes Jahr war ich nach einem Christival-Planungstreffen noch in der Johanneums-Bibliothek. Burkhard kam herein und interessierte sich sofort dafür, was ich da las und suchte. Ich erzählte, was mich gerade beschäftigte und wo ich gedanklich hing. Und es folgten zwanzig Minuten Systematik-Privatunterricht, die mich vermutlich weiter gebracht haben als zwanzig Stunden bloße Lektüre es gekonnt hätten. Am Ende empfahl er mir dann aus dem Kopf eine Menge an Aufsätzen und Büchern (teilweise mit konkreten Kapitelangaben), in denen ich unbedingt noch weiterlesen sollte. Ich hab den Zettel noch, auf den ich die Literaturangaben gar nicht so schnell schreiben konnte, wie er diktierte.

Meine letzte Begegnung mit Burkhard war im März, wenige Wochen nach seiner schweren Krebs-Diagnose. Wir besprachen die Äquivalenzbescheinigung für meine Studienbewerbung. Und er erzählte. Von den Schmerzen, von den Arztbesuchen. Dabei machte er immer wieder Witze über seine Krankheit und seine Situation – ich konnte das nur schwer aushalten. Und er berichtete, dass er gerade seine Beerdigung plane und andere letzte Dinge regele. Sein offener und nüchterner Umgang mit der Krankheit hat mich tief beeindruckt.
Bei der Umarmung zum Abschied sagte er „Adieu“. Das ging mir durch Mark und Bein – ich konnte mich nicht erinnern, dass er das jemals vorher gesagt hätte.

Ja, Adieu, Burkhard. Auf Wiedersehen!
– Und bis es so weit ist, werde ich hoffentlich noch weiter wachsen in den vielen Bereichen, wo du mir zum Vorbild geworden bist:

Leidenschaftlich Theologie treiben zum Beispiel. Gründlich, redlich. Tief und weit. Mit Christus in der Mitte. Nah bei den Menschen.
Begegnungen wagen. Unbürokratisch helfen. Im Gespräch bleiben. Verstehen wollen. Um gute Wege ringen. Brücken bauen. Einheit fördern. Freundschaftlich verbunden sein. Verantwortung tragen. Bescheiden bleiben.
– Dienen!

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens.
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
(Hebräer 13,7+8)

Jesus, Jesus, Jesus und nochmal Jesus

Vor Kurzem musste ich an eine lustige Begebenheit denken aus dem ersten Jahr meiner theologischen Ausbildung am Johanneum (lang, lang ist’s her *g*).
Im NT-Unterricht befassten wir uns ausgiebig mit dem Markus- und dem Lukasevangelium. Für viele von uns (auch für mich) war das die erste so intensive auch vergleichende Beschäftigung mit Evangelientexten.

Und irgendwann ging dann ein Zettel rum: „Wer macht mit im Ich-will-einen-Jesus-und-nicht-vier-Club?“. 😉

Wenn ich so drüber nachdenke, ist diese Geschichte vielleicht doch gar nicht wirklich „lustig“ … Denn, so gewollt spaßig die Formulierung auch war, so ernst war ja das Anliegen dahinter: „Hilfe, mir wackelt der Boden unter den Füßen! Wenn das so weiter geht, ist mein altes Jesus-Bild nicht mehr zu retten. Und außerdem fliegt mir mein Bibelverständnis um die Ohren. Aaaaah …!“

Dass es sich lohnt, auch bei solchen Anflügen von Panik dran zu bleiben und nicht aus Angst oder Bequemlichkeit Spannungen und widersprüchliche Aussagen zu ignorieren oder wegzureden, davon bin ich überzeugt. Das habe ich erlebt und dazu möchte ich allen Mut machen.

Aber heute geht es mir um etwas anderes.
Ich bin nämlich deshalb an diese Unterrichtsszene erinnert worden, weil ich auf einen Gedanken gestoßen worden bin, der genau gegensätzlich ist:
Ist es nicht gerade total cool, dass schon die Bibel uns in den Evangelien vier unterschiedliche Blickwinkel auf Jesus ermöglicht?! Dass vier unterschiedliche Menschen ihre Sicht der Guten Nachricht aufschreiben und uns Jesus so vor Augen malen, wie sie ihn erlebt/begriffen/verstanden haben?!

Ja, natürlich gibt es nur einen Jesus und nicht vier. 🙂
Aber diesen einen Jesus können wir uns nicht in die Tasche stecken, er ist nicht mal eben „ein für alle Male zu verstehen“. Er lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckel sperren und fügt sich auch nicht in starre Denk- und Glaubenssysteme.

Er ist ein „Begegnungs-Gott“. Ein „Gott in Beziehung“. Auch heute.  Er lässt sich sehen und hören und erfahren. – Und das Spannende: Er zeigt sich unterschiedlich. Oder wir Menschen nehmen ihn unterschiedlich wahr. Oder beides.
Ist es nicht ein guter Ansatz, diese Verschiedenheit grundsätzlich als Reichtum und nicht als Bedrohung zu sehen? Könnte es nicht sein, dass gerade darin die Größe Gottes gut zum Ausdruck kommt: Wenn Menschen mit unterschiedlicher Biographie, unterschiedlicher Kultur, unterschiedlichem Charakter, unterschiedlichem Bildungshintergrund, unterschiedlichem Geschlecht u.s.w. Jesus begegnen und ihn – jeweils auf ihre Weise – widerspiegeln?!
(Denn das gehört ja dazu, wenn Jesus Menschen beruft, ihm nachzufolgen: Dass wir diesen Schatz, diese Gute Nachricht, dieses Evangelium nicht allein für uns selbst genießen, sondern mit anderen teilen.)

Wie großartig passt dazu das Bild oben! (Es stammt übrigens aus dem unbedingt lesenswerten Buch AUFMACHEN. Wie wir heute Kirche von morgen werden und kann hier  (neben vielen anderen tollen Grafiken) runtergeladen werden.)

Es gibt nur ein Evangelium. Ja! Aber wir kennen es nur nach Matthäus, Markus, Shuk Ching und Kisuba …

Als ich 2002 (heute hab ich’s aber mit Geschichten von „damals“ *g*) ein Freiwilligenjahr im südafrikanischen Team iThemba absolviert habe, haben wir manchmal dieses Lied gesungen:

How will they know, what will they remember,
what will they see that is different in you?
How will they know, will they find any answers
in the gospel according to you?

Das ist eine starke (An-)Frage!
Und eine wichtige, vor allem wenn der fromme Spruch stimmt, dass wir ChristInnen für die meisten Menschen „die einzige Bibel sind, die sie lesen“ … Wie ist das mit den Evangelien, die es neben denen nach (englisch: according to) Matthäus, Markus, Lukas und Johannes noch so gibt? Was ist mit dem Evangelium according to Astrid? Und was ist mit dem Evangelium according to you??

Und jetzt wird es richtig unbequem: Was ist denn, wenn das Evangelium, das wir „frommen Christinnen und Christen“ im Jahr 2016 verkörpern, gar keine so gute Nachricht ist? Was, wenn Menschen es sogar genau gegensätzlich empfinden?!
Was, wenn wir reden von Befreiung, aber in Wirklichkeit Menschen klein gemacht werden bei uns? Was, wenn wir uns auf den „Friedefürst“ berufen, aber unsere Gemeinden Haifischbecken gleichen? Was, wenn Demut unser Ideal ist und uns aber die Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit aus allen Poren kommt? Was, wenn wir „You are mighty“ singen, aber eigentlich nur selbst geil auf Macht sind?
Die Liste könnte ich noch lange fortsetzen. Leider.

Es ist bitter das zu formulieren, aber ich kann so gut verstehen, wenn Leute bei uns kein Heil vermuten. Ich kann so gut nachvollziehen, wenn Jesus für sie keine Option ist, weil wir, die wir so laut „Jesus“ schreien, oftmals so abstoßend leben.

Könnte das vielleicht der Grund sein, warum wir „jungen Leute“ mit manchen Aussagen und auch in unserer Verkündigung leiser geworden sind? Zaghafter?

Zumindest ist das mein Eindruck, dass viele von „uns Jüngeren in der frommen Szene“ vorsichtiger geworden sind, wenn es um das Evangelium oder zumindest doch um eine bestimmte Art der verbalen Evangeliumsverkündigung geht. Ja, vielleicht sind wir sogar insgesamt leiser, wenn es um Jesus geht.
Und mein Eindruck ist, dass einige Ältere darin mangelnde Hingabe, mangelnde Bibelkenntnis, mangelnde Leidensbereitschaft oder sonst irgendeinen Mangel sehen. Manchmal, das finde ich besonders verletzend, lautet der Verdacht sogar auf „mangelnde Jesus-Liebe“.

Aber könnte es nicht sein – wenn ich mit der Grundbeobachtung überhaupt richtig liege und nicht nur von mir auf alle schließe *g* – dass hier keiner der genannten Mängel im Hintergrund steht? Und auch kein anderer Mangel?! (Und übrigens auch kein Überfluss an postmoderner, weichgespülter Lauheit! *g*) Sondern dass manche von uns eben einfach nicht mehr mitkönnen und/oder -wollen mit dem Erbe, das wir auf unseren Schultern spüren? Dass wir gemerkt haben: Es war nicht überall „Evangelium“ drin, wo Leute „Jesus“ draufgeschrieben haben. Manches, was unsere Väter und Mütter im Glauben uns vermeintlich „im Namen Jesu“ beigebracht haben, war falsch und destruktiv. Und so sind viele Menschen nicht nur nicht näher zu Jesus gekommen, sondern gerade auf Abstand gegangen und dort zum Teil bis heute geblieben.

Das alles treibt mich ziemlich um. Ich wünsche mir so sehr eine Kirche, ich wünsche mir Gemeinden und Gemeinschaften, in denen ein echter, liebevoller, herausfordernder, auch mal unbequemer, lernbereiter, demütiger Jesus-Glaube lebendig ist.
Oder vermutlich müsste ich treffender schreiben: In denen JESUS SELBT lebendig ist! Jesus, mit den genannten Attributen, die vermutlich meiner momentanen Sicht von ihm gut entsprechen. Aber Jesus auch mit seinen Seiten, für die ich gerade (vielleicht als Pendelausschlags-Gegenbewegung) blind bin.

Wie kann es gelingen, auf der einen Seite unbedingt wach und kritisch zu sein gegenüber einem krank machenden, missbräuchlichen und lieblosen Glauben? (Und ja, meinetwegen auch gegenüber den von einigen so gefürchteten Lauheits- und Weichspülungstendenzen.) Aber auf der anderen Seite auch nicht „I-know-it-all“-mäßig und arrogant alles, was sich nicht eins zu eins mit meinem begrenzten Verständnis von Jesus deckt, automatisch als falsch abzustempeln?!

Vorletzte Woche war ich zur Einkehr im Kloster. Und da habe ich das Ende des Johannesevangeliums angeschaut, Kapitel 21:
Jesus und Petrus am See. Die dreimalige „Liebst-du-mich“-Frage und der dreimalige Auftrag. Dann in Vers 18 dieser krasse Ausblick auf die großen Herausforderungen, die Petrus erwarten. Und schließlich noch einmal der starke Satz: „Folge mir nach!“
Und was antwortet Petrus seinem Meister daraufhin?? Er schaut auf Johannes! Und fragt: „Aber Herr, was bitte ist denn mit IHM?“

Woraufhin Jesus ihm dann ziemlich deutlich zu verstehen gibt: „Das geht dich jetzt gerade mal gar nichts an. DEIN Job ist: Folge mir nach!“

DU ABER FOLGE MIR NACH,

sagt die Einheitsübersetzung.

Vielleicht ist das eine gute Spur:
Sich um die eigene Nachfolge kümmern. Schüler, Schülerin von Jesus bleiben. Und dementsprechend „die eigenen Hausaufgaben machen“.  😉
Weniger SchiedsrichterIn spielen im Hinblick auf das, was andere denken und glauben und leben. Sondern ihnen ihren Glauben, ihre Nachfolge, ihre Verantwortlichkeit JESUS SELBST GEGENÜBER zuzugestehen und zuzutrauen.

Und wenn es kritisch wird, wo wir Zerstörerisches wahrnehmen oder vermuten, im Streitfall eben nicht vorschnell die eigenen Erkenntnisse zum Maßstab zu erheben – sondern auf Jesus selbst zu verweisen. Idealerweise gemeinsam Jesus zu begegnen.

Ist das utopisch? – Eine solche Einstellung wünsche ich mir jedenfalls von anderen, wenn sie mir begegnen. Und so möchte ich mit Geschwistern umgehen.

Ach ja, das wäre doch gut, oder?
Und sicherlich wäre es förderlich dafür, dass Menschen die Gute Nachricht für sich entdecken. Die Gute Nachricht von dem einen Jesus. Nach Markus oder nach Shuk Chin oder nach Kisuba. Oder: „acoording to you“!

 

Bildquelle: www.kirche-aufmachen.de