Es ist kompliziert.

Dass Rachel Held Evans Potenzial hat zur Heldin, legt ja ihr Name schon nahe. 😉 Und tatsächlich ist sie für mich in mancherlei Hinsicht ein Vorbild.
Seit Jahren schon verfolge ich mehr oder weniger regelmäßig ihren Blog. Da ist es zwar im Moment ziemlich ruhig (die Autorin schreibt gerade an ihrem vierten Buch und ist außerdem im vergangenen Jahr Mutter geworden), aber, wenn ihr des Englischen mächtig seid: Stöbert mal im Archiv, das lohnt sich!

Ihr Buch „A Year of Biblical Womanhood“ habe ich vor zwei Jahren im englischen Original verschlungen. Großartig! 😉 Ich weiß noch, wie ich mich gewundert habe, dass die deutsche Ausgabe nicht durch die Decke ging. (Naja – vielleicht lag es daran, dass das Cover ein bisschen so aussah wie eine Lydia-Zeitschrift Anfang der 90er?! Und möglicherweise wurde deshalb nicht exakt die Zielgruppe angesprochen, der dann auch die Inhalte gefallen hätten? *g*)

Rachel Held Evans‘ aktuelles Buch „Searching for Sunday“ ist im vergangenen Herbst unter dem Titel „Es ist kompliziert“ auf deutsch erschienen. Ich hab es im Frühjahr mit großem Gewinn gelesen und hier ja schonmal kurz zitiert.

Jetzt will ich es euch endlich nochmal explizit ans Herz legen.

Held Evans strukturiert das Buch in die sieben Kapitel Taufe, Beichte, Weihe, Abendmahl, Konfirmation, Krankensalbung und Ehe. Aber – obwohl man das bei dieser Gliederung vermuten könnte – es entsteht alles andere als eine systematische Abhandlung.
Sondern die Autorin verwebt in raffinierter Weise grundlegende (theologische) Fragen sowie Zitate aus Bibel, (Kirchen-)Geschichte und Gegenwart mit ihrem eigenen Erleben.
Dadurch entsteht so etwas wie ein Mosaik aus einer großen Fülle von Denkanstößen. Nicht immer ist das „easy-reading“ – und es hat tatsächlich mehrere Wochen gedauert, bis ich mich durch die immerhin 360 Seiten gelesen hatte. Aber, ja, das wird der Materie gerecht. Es ist eben komplex. Und es ist kompliziert … 😉

Durch das gesamte Buch zieht sich Rachel Held Evans‘ persönliche „Kirchengeschichte“. Und ich finde mich ständig wieder mit meinem eigenen „Kirchen-Ringen“! Diese Ahnung um das große Geheimnis, um die großen Möglichkeiten, um den großen Schatz. Das Verzweifeln an so mancher Realität. Die Sehnsucht, das Suchen nach neuen Wegen. „Loving, leaving, and finding the church“ (so der Untertitel der englischen Ausgabe) – das alles und noch viel mehr kommt vor in „Es ist kompliziert“.

Da sind durchaus die dankbaren, positiven Erinnerungen der Autorin an ihre Kindheit in einer evangelikalen Gemeinde.

„Wenn die ganze Familie die Grippe hatte, klingelte die Kirche an der Tür und brachte Hähnchenauflauf vorbei. Manchmal rief sie noch nach Mitternacht an, um um Gebet zu bitten und zu weinen. Sie tratschte in der Abholzeit an der Schule und war freitagabends unser Babysitter. […] Die Kirche kam viel öfter zu mir, als dass ich hinging, und darüber bin ich froh.“

Aber da ist eben auch die wachsende Befremdung und das nagende Gefühl, dass etwas nicht stimmt:

„[W]ir meinen, die Kirche sei etwas für Leute, die in dem „Nachher-Bild“ leben. Wir meinen, Kirche sei etwas für spirituelle Instagramdarstellungen und für unsere besten Momente. Wir meinen, Kirche sei etwas für die Gesunden, obwohl Jesus uns immer wieder gesagt hat, er sei gekommen, um den Kranken zu dienen. Wir meinen, Kirche sei etwas für die anständigen, die guten Menschen, nicht für auferstandene Menschen.
Also täuschen wir es vor.“

Für Rachel Held Evans kommt es nicht nur zu einer Entfremdung von ihrer Gemeinde, sondern auch zur Entfremdung von dem Gottesbild, das ihr dort vermittelt wurde.

Ich wurde dem beschäftigten, onkelhaften Gott fremd, der meinen Freunden Parklücken freimachte und Gebetsanliegen entgegennahm, die sich auf Wetter und Wahlergebnisse bezogen, während er 30 000 Kinder am Tag an vermeidbaren Krankheiten sterben ließ.

Es folgt ein spannender Prozess des Dekonstruierens, Suchens, Neu-Ausprobierens, Scheiterns und (Wieder-)Entdeckens, den ihr unbedingt selbst nachlesen solltet.

Das Ganze natürlich in der unvergleichlichen Rachel-Held-Evans-Sprache, die ich so liebe: Tiefgründig, (selbst-)ironisch, manchmal poetisch, mitunter urkomisch, tastend, vorsichtig, und doch auch glasklar; in jedem Fall bedeutsam.
– An manchen Stellen hätte ich mir gewünscht, den englischen „Urtext“ *g* zu lesen, in dem diese sprachliche Virtuosität vermutlich nochmal stärker rüberkommt.

Fazit: Das Buch ist wirklich lesenswert.
Und noch mehr: Die Gedanken, die Rachel Held Evans bewegt, sind unbedingt nach-denkenswert. Auch für uns in Deutschland.
Lasst uns im Gespräch bleiben, ja? Darüber, wie wir hier bei uns Kirche leben können und wollen. Und lasst uns auf diesen Weg etwas mitnehmen von der Einstellung, die ich in „Es ist kompliziert“ wahrnehme:

„Ich schreibe, weil wir manchmal in unserer Verletzlichkeit näher an der Wahrheit sind als in unseren sicheren Sicherheiten und weil ich trotz aller Zweifel und Unsicherheit, trotz meines beständigen Drangs, am Sonntagmorgen einfach auszuschlafen, die ersten flüchtigen Lichtbänder der Dämmerung gesehen habe […].“

Die heilige Hedwig

Anfang der Woche war ich mit meinen Eltern und Geschwistern in Polen. Wir waren wenn man so will auf den Spuren unseres eigenen „Migrationshintergrundes“ unterwegs. Haben die schlesischen Dörfer besucht, aus denen meine Großeltern stammen. Haben im Geburtszimmer meines Vaters gestanden. Haben manches nachvollzogen von der bedrückenden Fluchtgeschichte.

Am Tag darauf gab es dann das großstädtische Kontrastprogramm im sommerlichen Breslau.
Nachmittags war ich einige Stunden lang allein in der Stadt unterwegs. Ich bin durch die Straßen gestreunert, habe die Sonne auf mich scheinen und die Eindrücke auf mich regnen lassen. An allen Ecken Spuren der wechselvollen Geschichte …

Und an allen Ecken Kirchen! In fast jede, bei der ich vorbeikam, hab ich wenigstens einmal kurz reingeschaut. Und so war ich in mindestens sieben verschiedenen Gotteshäusern innerhalb weniger Stunden.
Das war eine merkwürdige Erfahrung. Fast überall war mein vorherrschender Eindruck: Befremdung.

In der barocken Universitätskirche fühlte ich mich erschlagen. Jeder Winkel voll mit (zweifellos sehenswerten) Gemälden und Verzierungen und Schnörkeln. Schön, sicher. Aber überladen, überfrachtet.

Und dann der Dom! Düster und beklemmend. Schwere Fahnen im Mittelgang. Beeindruckend und bedrückend. Gewaltig und gewichtig. Definitiv kein Ort zum Wohlfühlen.

St. Maria auf dem Sande, eine schlichte Gotikkirche, war mir da auf den ersten Blick sehr viel näher. Aber dann betrat ich eine Seitenkapelle, in der eine große bewegliche Krippe aufgebaut war. Und irgendwie war da auch noch sehr, sehr viel anderes, was mich anglitzerte und anblinkte. Und abstieß! Leuchtende, seichte Jesusbilder. Ein beweglicher Papst. Das alles gruselig musikalisch untermalt. So viel heftigster religiöser Kitsch auf so engem Raum. Ich bin rückwärts wieder rausgegangen.

Nun bin ich ja nicht das Maß aller Dinge. Es gibt unterschiedliche Geschmäcker. Es gibt eine Vielfalt von Frömmigkeitsstilen und Spiritualitätspraxis. Gott sei Dank!
Und ja, ich bin sowieso gerade gut im Dekonstruieren von Glaubensausprägungen. Und mir ist bewusst, dass ich die positiven Gegenbilder noch zu oft schuldig bleibe.

Aber ich fand das schon irgendwie merkwürdig.
Plötzlich kam mir ein verrückter Gedanke: Wie würde das wirken, wenn dieser jüdische Wanderprediger aus Nazareth, in dem wir Christinnen und Christen ja verrückterweise Gott höchstpersönlich zu begegnen glauben, mit seiner SchülerInnentruppe in eine solche Kirche gekommen wäre? Wie hätten sie ihm gefallen, die weißen, europäischen Jesusse an den Wänden? Was hätte er gesagt zu den prunkvollen Bauten?

Ich weiß es natürlich nicht.
Aber der Eindruck, dass Jesus in seinem eigenen Haus fremd wäre, den konnte ich nicht verscheuchen.
Ist das nicht spannend?! Wie in 2000 Jahren aus der kleinen Bewegung von Jesus-NachfolgerInnen all diese Strukturen und Systeme und Gebäude wurden. Wie immer mehr innere und äußere Überbauten entstanden: Aus Steinen und aus Regeln, aus Traditionen und aus vergoldeten Schnitzereien.

Ich bezweifel nicht, dass es Menschen gibt, die sich wohlfühlen und die ernsthaft (und vielleicht sogar fröhlich?) glauben. In diesen Kirchengebäuden, die mich beklemmen. In den kirchlichen Strukturen, die ich als hemmend empfinde. Vor solch blinkenden Ikonen, die mich abstoßen.

Wie gesagt, ich bin nicht das Maß der Dinge. Aber ich bin doch auch nicht allein mit meinen Anfragen, mit meiner Sehnsucht …
Und mit meinem Glauben an einen Jesus, der dort war, wo sich das echte Leben abgespielt hat. Der mit Menschen gegessen und gefeiert hat. Der Bilder aus dem Alltag benutzte und dessen Relevanz für eben diesen Alltag offensichtlich war. Spürbar. Erlebbar.

Und heute? Kommt es mir so vor, als müsste erst durch ein Labyrinth an kulturellen Unverständlichkeitshindernissen hindurch herbeierklärt werden, dass diese Sache mit Gott auch jenseits der Kirchenmauern Bedeutung haben könnte …

Zu diesen Überlegungen passt mein schönster Kirchen-Moment an diesem Breslau-Nachmittag.
In der Kreuzkirche gab es eine Ausstellung über die heilige Hedwig. Ich habe die Exponate – vor allem Gemälde – zunächst gar nicht bewusst wahrgenommen. Bis mein Blick plötzlich hängen blieb an vier Bildern von Artur Grzegorz Lobusch. Anstelle von verklärender Heiligenikonographie setzt er die alten Legenden in Beziehung mit dem ganz realen Leben heute.

Und so war ich plötzlich angezogen von seiner Darstellung der „heiligen Hedwig von Schlesien“. Oder besser: Von den zwei heiligen Hedwigs …
Da hängt ein Bild der Heiligen Hedwig im Hintergrund an der Wand. Und vorne sitzt die heilige Hedwig von heute. Eine ältere Frau, wie wir sie im Geburtsdorf meines Vaters hätten treffen können. Echt und lebendig und faltig. Nicht spektakulär. Nicht vergoldet.

Das hat mich angerührt.
Im faltigen, erbärmlich unspektakulären Alltag hat das Heilige seinen Platz.

Das könnte man vielleicht ernüchternd finden.
Ich aber finde es anziehend. Verheißungsvoll!
Dort, in Hedwigs Küche, ist Kirche. Dort ereignet sich Glaube.
Und ich denke: Wenn das nicht auch in unseren Küchen geschieht, dann bleiben die altehrwürdigen Kirchenräume – in mehrfachem Sinn – leer.

Emergent Forum – Nachklänge

Da bin ich wieder. Nach dem Emergent Forum 2016.
Inspiriert. Dankbar. Angestachelt. Sehnsüchtig. Aufgewühlt. Gesegnet.

Ich hatte ein großartiges Wochenende!
Das hatte ich zwar erwartet. 😉 Aber selbstverständlich ist es ja doch nicht.

Mein Kopf und mein Herz sind noch voll mit Menschen und Begegnungen, mit Wortkunstwerken, mit Gedankenanstößen und mit anstößigen Gedanken, mit Erkenntnissen und vor allem mit Fragen …
Es ist wirklich schwierig zu entscheiden, was von all dem ich hier mit euch teile.

Ich mach’s jetzt mal so: Für ein umfassenderes Bild des Wochenendes verweise ich euch an die Fotos und Berichte auf der Forums-Seite. Einen guten ersten Überblick bekommt ihr zum Beispiel in diesem Blogartikel von Toby Faix.
Und ich verabschiede mich auch von der irrwitzigen Idee, euch Einblick zu geben in ALLE Punkte, die ich noch bewege und die mich noch bewegen. (Hoffentlich werde ich den einen oder anderen Faden später nochmal aufnehmen.)
Statt dessen kriegt ihr heute die volle Ladung ab von EINER Sache, die in mir im Moment am lautesten nachklingt. Dass ich ausgerechnet an dieser Stelle hänge, liegt vermutlich mehr an mir als am Forum. Aber ja – Theologie gibt es eben nicht abseits der eigenen Biographie. Und die Tage in Niederhöchstadt haben da etwas an- und aufgerissen, das euch vielleicht schon aus dem einen oder anderen Post bekannt vorkommt. 😉

Nämlich: Das Thema „Kirche für alle, aber …“ hat mich persönlich, subjektiv, existenziell gepackt.
Schon am ersten Abend, bei der lockeren Interview-Runde mit den Hauptreferentinnen Christina Brudereck und Nadia Bolz-Weber, wurde mir überdeutlich: Wie so eine Kirche aussieht, in der alle willkommen sind und gemeinsam eine echte Gemeinschaft von geheiligten SünderInnen bilden, das ist nicht zuerst eine theoretische Frage für Ekklesiologie-Freaks. Es ist keine Frage, die lediglich wichtig wäre für missionarische Strategien oder für ein sauberes Political-Correctness-Gewissen oder gar als Anti-Mitgliederschwund-Programm für meine (Landes-)Kirche.
Es ist zutiefst MEINE Frage. Sie trifft eine Sehnsucht, ein Suchen in mir, sie begleitet mich schon seit Jahren und sie treibt mich zunehmend um.

Denn ich sehne mich nach einer „Kirche für MICH“.
Nach einer Kirche, in der ICH willkommen bin.
Willkommen mit meinem Glauben und meinem Zweifeln. Mit meiner Familie und meinen beruflichen Ambitionen. Mit meinem frommen Beten und meinem sich weitenden Denken. Mit meiner Angst vor Spießigkeit (*g*) und meiner Lust auf Weltoffenheit. Mit meiner Liebe zu Liturgischem und meiner Neugier für neue Wege. Mit meiner Sehnsucht nach geteiltem geistlichen Leben und echten Beziehungen.
Und ich leide schmerzlich unter den vielen vielen Abers, an denen ich mich immer wieder stoße.

„Kirche für mich, aber …“

Das klingt nach einem egoistischen Zugang. Wo kämen wir hin, wenn jede/r wünsch-dir-was-mäßig eine Liste aufstellt und sagt: „SO muss sich Kirche aber für mich gestalten, sonst bin ich raus“?! –
Ja, wo kämen wir da hin, wenn wir alle unserer persönlichen Kirchensehnsucht nachgingen? – Ich denke ja, dass wir an neue Orte kämen, in neue Räume, zu neuen Formen, zu mehr Vielfalt und mehr Leben. Und ich denke, dass das gut wäre!
Und soviel schonmal zur Beruhigung: Wenn ihr bis zum Schluss durchhaltet, werdet ihr erleben, wie sich dieser narzisstische Ansatz noch relativiert. 😉

Kirche für mich, ABER … was heißt denn hier Kirche?

Vor ein paar Wochen habe ich in einem Wohnzimmer, in dem ich zu Gast war, ein spannendes Buch von Manfred Josuttis entdeckt: „‚Unsere Volkskirche‘ und die Gemeinde der Heiligen. Erinnerungen an die Zukunft der Kirche“. (By the way: Sollte das jemand im Schrank stehen haben und mir leihen (oder schenken *g*) wollen, tut euch keinen Zwang an!) Ich hab nur ganz kurz reingelesen, aber was der Mann vor fast zwanzig Jahren geschrieben hat, war so klar und brandaktuell und herausfordernd:
„Kirche sein“, das ist nichts, was wir Menschen in der Hand haben. Keine Gruppe oder Institution kann von sich aus Kirche im christlichen Sinne sein. Kirche bedeutet nicht ein System oder eine Struktur, sondern Gemeinschaft geheiligter SünderInnen. Diese Gemeinschaft wird nur durch Gott selbst ermöglicht und legitimiert.
Ob das mit den „geheiligten SünderInnen“ tatsächlich so da steht oder ob sich das in meinem Kopf nur so verknüpft hat, wäre noch nachzuprüfen. *g* In jedem Fall passt das zu vielen Gedanken des Wochenendes und es ist als Basis wichtig für das, was jetzt kommt.

Wenn ich nämlich gleich weiter von meiner Sehnsucht nach Kirche schreibe und über die „Abers“, an denen ich mich reibe, dann meine ich mit Kirche das: Gemeinschaft von „Sinners-and-Saints“. Ein Ort, an dem die Vergebung der Sünden verkündigt und gelebt wird. Wo alle Menschen kommen und bleiben dürfen, ohne „sofern du“ und ohne „aber erst wenn“. Ein Raum, in dem die Gnade regiert.

Ich schreibe aus meiner subjektiven Sicht. Und aus meinem Landeskirchen-Blickwinkel. Aber ich vermute, dass vieles auch über mein Empfinden und über meine Kirche hinaus relevant ist.

Kirche für mich, ABER … die Strukturen!

Was ich gleich schreibe, hab ich so noch nie gesagt. Es klingt krass und anmaßend und ich muss noch etwas Mut sammeln … Ich bin gerne Landeskirchlerin und möchte es liebend gerne bleiben. Seit zwei Jahrzehnten bringe ich mich ehren- und hauptamtlich ein. Umso schwerer fällt mir diese Aussage:

Ich sehe im Moment keine zukunftsfähigen Wege mehr für unsere aktuelle landeskirchliche Struktur. Für die unübersichtlich großen (und durch Zusammenlegungen immer noch größer werdenden) Parochialgemeinden, in denen überforderte Hauptamtliche mit immer weniger zeitlichen Kapazitäten immer mehr Aufgaben erledigen müssen. Und dabei dann zum Beispiel, wie Nadia Bolz-Weber am Sonntag etwas böse karikiert hat, einen Großteil ihrer Zeit und Kraft darauf verwenden, Menschen zu beerdigen, die sie nie getroffen haben. *g* So kommt es dann zu der Wahrnehmung: Der Postbote ist in diesem Bezirk für die Briefe zuständig und die Pfarrerin eben für die kirchlichen Amtshandlungen …

Ich erlebe das schrecklich oft. Dass unsere starren, sperrigen Strukturen und das damit verbundene Kreisen um Geld und Gebäude und menschliche Macht unser „Kirche sein“ (im (eigentlichen?) Sinne einer Gemeinschaft geheiligter SünderInnen) massiv behindern. Und nicht selten sogar in furchtbarer Weise ad absurdum führen.

Wie soll das denn so in guter Weise weitergehen??
Ich bin offen dafür und würde mich sehr freuen, wenn ihr die Kommentarspalte nutzt, um mir aus dieser düsteren, vielleicht einseitigen Sicht rauszuhelfen.
Aber ich kann gerade nichts anderes sagen: Ich sehe es nicht nicht mehr. Ich sehe nicht, wie wir an den parochialen Strukturen und dem Volkskirchen-Selbstverständnis festhalten – und gleichzeitig Kirche sein können.

Kirche für mich, ABER … die Formen!

Lange Zeit habe ich viele Gedanken und Kräfte auf die Optimierung von Veranstaltungsformen und -formaten verwendet. Ich merke, dass das heute für mich keinen Sinn mehr ergibt.

Mir wurde das nochmal deutlich beim Gottesdienst am Sonntag. Die Andreas-Gemeinde in Niederhöchstadt, Mitveranstalterin des Emergent Forums und prominentes Beispiel für eine innovative Landeskirchengemeinde, hat uns eingeladen zu ihrem GoSpecial.
So beeindruckend ich diesen Gottesdienst in Teilen auch fand, es blieb das Empfinden: Das ist es für mich nicht (mehr). Mein Sehnsuchtsbild zeigt keine großen Frontalveranstaltungen. Sondern eher kleine Tisch- und Lebens- und Glaubensgemeinschaften. Sie sind für mich auch der geeignete Ort, an dem so genannte „kirchendistanzierte“ oder „suchende“ Leute mit Kirche und mit Gott in Kontakt treten können. (Vielleicht kann ich das gerade ja auch gut beurteilen, denn „kirchendistanziert“ und „suchend“ sind Attribute, die ich heute als passend für mich selbst empfinde und nicht mehr nur für „die da draußen“.)

Vermutlich ist es gar nicht nötig und sogar gefährlich, hier einen Entweder/Oder-Abgrund zu erschaffen. Es müssen ja die klassischen Gottesdienste nicht abgeschafft werden, die zweifellos vielen etwas bedeuten. Aber ich brauche das UND, das mir entspricht.

Nadia Bolz-Weber hat im Freitagabendinterview sinngemäß gesagt:

Schon immer haben Menschen sich irgendwo um einen Tisch gesetzt, haben gegessen und geredet über das, was sie bewegt, und gemeinsam gebetet – und das haben sie Kirche genannt.

JA!! Das ist es. Das lockt mich. Ich sehne mich nach so einer Art von Kirche, von Gemeinde, von Gemeinschaft. Einfach. Persönlich. Echt. Gerne klein. Mit dem Fokus auf Beziehungen und nicht auf Veranstaltungen. Um einen Tisch sitzen, diskutieren, beten. Und das als Kirche verstehen dürfen.
(Wie) Kann das gehen in meinem landeskirchlichen Kontext?

Kirche für mich, ABER … der Mangel an Freiheit!

Wie es nicht gehen kann, da kenne ich mich leider ziemlich aus. Es geht nicht mit Angst. Es geht nicht ohne Vertrauen.

Hier hat ein weiterer Nebensatz von Nadia Bolz-Weber ein Erdbeben in mir ausgelöst. Ich hab das Zitat nicht wörtlich mitgeschrieben, aber sie sagte in etwa:

Und dann hör ich immer: <Ja, ihr im House for all Sinners and Saints habt ja auch lauter krass-kreative Leute. Kein Wunder, dass das bei euch so gut läuft.> Aber ich denke, das ist keine Frage von Kreativität, sondern eine Frage von Freiheit.

Ich spüre überdeutlich, dass dieser letzte Satz stimmt. Und dass er etwas auf den Punkt bringt, dem nachzugehen sich lohnt: Es ist eine Frage von Freiheit!

Wo gibt es denn bei uns solche Frei(heits)räume???
In denen etwas gewagt und ausprobiert werden darf. Wo es kein Drama ist, wenn was gehörig schief geht. In denen damit gerechnet (oder sogar darauf gehofft) wird, dass der Geist Gottes auch mal unsere Konzepte und Strategien über den Haufen weht. Wo Leute unterwegs sein dürfen mit Jesus und miteinander – ohne immer schon genau zu wissen, wo es hingehen wird. Wo sind Räume, in denen Menschen um Gottes willen wichtiger sind als Strukturen?

Solche Freiheitsräume suchen und fördern und feiern! Das könnte doch ein guter Weg sein. Für die einzelnen Gemeinden vor Ort. Aber auch auf übergeordneter organisatorischer Ebene.

Christina Brudereck hat hier am Freitagabend eine spannende Spur gelegt zum Thema „die Kosten und das Kosten“. Da war zum einen die nüchterne Sorge:

„Meine Kirche rechnet sich tot.“

Aber sie hat das verbunden mit der (sinngemäßen) Aussage:

Wir reden zu viel über Kosten im Sinne von: „Wieviel kostet das?“ Dabei ist Kosten doch etwas Wunderbares, so wie beim Kochen. Etwas zu probieren, zu kosten. Zu merken: „Wo duftet es gut? Wo geschieht gerade schon etwas Gutes?“ Und dann dort mitzumachen, es sich etwas kosten lassen.

Ja, das klingt gut.
– Und ja, natürlich gibt es sie ja schon. Die guten Beispiele. Gemeinschaften, von denen ich höre oder lese, die mich anziehen und inspirieren.
Allerdings: Diese Beispiele, wo Leute mutig neue (oder gerade ganz alte?!) Gemeinschaftswege gehen, finden sich fast ausschließlich in der Großstadt.

Kirche für mich, ABER … was, wenn ich nicht in der Großstadt wohne?

Was ist aber, wenn ich nicht im Ruhrgebiet wohne wie Christina Brudereck? Auch nicht in Kreuzberg oder Eppendorf? Und noch nicht mal in Bielefeld? 😉
Sondern, sagen wir mal spaßeshalber, in einem Dorf in der ostwestfälischen Provinz?!

Und da sind wir wieder. Bei der persönlichen, subjektiven, existenziellen Dimension, die diese Fragen für mich in allererster Linie haben …

– Vielleicht stimmt ihr meiner düsteren Analyse in diesem Artikel ja gar nicht zu. Vielleicht male ich zu schwarz. Sicherlich habe ich blinde Flecken, in jedem Fall gibt es in mir Arroganz- und I-know-it-all-Tendenzen, die nicht förderlich sind. Das will ich gar nicht leugnen.

Aber ich empfinde die Situation gerade so. Und ich leide darunter!

Tja.
Und jetzt?? Was bedeutet das alles jetzt?
Wie geht es weiter mit mir? Und mit der Kirche? Und mit mir und der Kirche?

Gestern hatte ich plötzlich noch einen weiteren Wochenend-Satz im Kopf:

„Little girl, get up!“

😉 Ja, das wäre vermutlich ein guter Ansatz …
Mit mit dem Jammern aufzuhören. Und, anstatt größenwahnsinnig die ganze Kirche reformieren zu wollen und dabei zwangsläufig zu verzweifeln, im Kleinen und Unperfekten und mit allen Gebrochenheiten und Widersprüchen meiner Sehnsucht von Kirche nachzugehen.

Hm. Leute zum Essen einladen wäre ja zum Beispiel eine Möglichkeit für den Anfang … Das geht definitiv auch in der Provinz. Und dann könnten wir essen und Bier trinken und reden über das, was uns bewegt … Und vielleicht würden wir gemeinsam beten. Und wer weiß, wo wir da hinkämen …? 🙂
Vielleicht würden wir uns am Ende noch trauen, das dann Kirche zu nennen. Und wer weiß, vielleicht würde sich „die Institution Kirche“ sogar auch irgendwann trauen, sowas Kirche zu nennen …

„Little girl, get up!“ Ja!
Aber das ist nunmal einer dieser Sätze, die man sich so schlecht selbst sagen kann …

Und da fällt es mir wie Schuppen von den Augen: „Little girl, get up!“ – Das sagen in Markus 5 ja überhaupt keine Menschen. Das sagt Jesus höchstpersönlich!
Und genau: das ändert alles. 😉

Denn jetzt fällt mir – Gott sei Dank – doch plötzlich alles wieder ein: Die Kirche ist ja gar nicht meine. 🙂 Sie ist ja gar nicht etwas, das ich machen muss oder auch nur könnte. „Ich muss nur noch kurz die Kirche retten“ ist kein gutes Lebenslied.

Kirche ist VON GOTT GEWIRKTE Gemeinschaft.
Oder, wie es in der Predigt vom Sonntag hieß: Kirche ist GOTTES Zelt.

Kirche ist GOTTES weites Zelt. Es geht um GOTTES Gnade.
Und Gott lädt ein ohne Wenn und Aber.
Sympatisantinnen einer dörflich-bürgerlichen Ü-60-Mainstream-Kultur sind herzlich willkommen. Und möchtegern-emergente Wanna-be-Hipsters auch. Und alle dazwischen und darüber hinaus.

Und auch wenn (bzw. gerade weil?!) mir mitunter schleierhaft ist, wie das praktisch aussehen soll: Wie gut ist es, darauf zu schauen!

„Little girl, get up!“
Ja, Jesus. Es ist nötig, dass du höchstpersönlich Totes lebendig machst.
In mir. Und in meiner – nein, in DEINER Kirche.
Would you please?!

 

Foto: Christoph Bartels

Emergent Forum – Vorwort und Vorfreude :-)

Am Wochenende fahr ich nach Niederhöchstadt bei Frankfurt zum Emergent Forum 2016, juchuh!
Schon seit einigen Jahren liebäugel ich jedes Jahr wieder mit den Veranstaltungen von Emergent Deutschland. Warum, das erschließt sich beim Stöbern auf der Emergent-Homepage sofort:

„Bei den Treffen von Emergent Deutschland versammeln sich Querdenker, Randgestalten, Gemeindepraktikerinnen, Lebenskünstler, Pastorinnen, Theologen, Bloggerinnen und interessierte Gemeindeglieder aus verschiedenen Konfessionen. Uns verbindet das Bedürfnis nach dem Austausch über Fragen, Verwirrungen und Träume von einer zukunftsfähigen Gestalt des Christentums.“

JA! That’s me! Kreuz-und-Quer-Denkerin. Theologie-Liebhaberin. Gemeindepraktikerin auf Entzug. Kirche-der-Zukunft-Träumerin. Zuweilen verwirrte und zwischendurch verzweifelte Austausch-Bedürftige. Und neuerdings ja auch noch Bloggerin.

Klar so weit, warum ich da schon lange hin will, ’ne?!
Und dann gibt es dieses Jahr ein so großartiges Thema mit so großartigen Referentinnen, dass auch der letzten klar werden sollte, warum ich mich einfach anmelden MUSSTE! 😉

Die Tage stehen unter dem Motto „Kirche für alle, aber …“ und wir werden spannenden Fragen auf den Grund gehen nach Offenheit und Grenzen von (christlicher) Gemeinschaft, nach Einschränkungen und Uneinschränkungen kirchlicher Willkommenskultur. Oder, wie es der Untertitel grundlegend fragt: „Hat Gottes Gnade Grenzen? Und was bedeutet das für die Kirche?“

Wartet mal, da fällt mir auf: Welche Antwort von Referentinnenseite auf die Frage nach der grenzenlosen Gnade gegeben wird, ahne ich direkt schon. 😉 Zumindest, was Nadia Bolz-Weber betrifft. Ja genau, das ist die Frau mit dem unglaublich guten Buch („Ich finde Gott in den …“ – ach, ihr wisst schon), das ihr mittlerweile hoffentlich schon alle gelesen habt und in dem es ja auch „hier und da“ mal um Gnade geht. *g*
Außerdem freu ich mich auf Christina Brudereck (Theologin, Autorin, Vorbild!) und die Jungs von Hossa Talk.
Und vor allem freu ich mich auf Begegnungen mit vielen anderen Menschen, die ich noch gar nicht kenne. Denen ich aber trotzdem unterstelle, dass wir eine große Sehnsuchts- und Leidenschafts-Schnittmenge haben. Ach, das wird gut!

Natürlich werde ich euch in der nächsten Woche berichten. Aber was soll ich sagen?! Das beste an solchen Treffen sind ja erfahrungsgemäß eben diese Begegnungen am Rande; das Da-sein und Dabei-sein, das Mitdenken und Mitringen bei dem, was sich so entwickelt. Ich habe die düstere Ahnung, dass ich das nur bruchstückhaft in Worte werde kleiden können.

Aber hey – ihr könntet euch ja noch ganz schnell anmelden!! 🙂 Ein paar wenige Karten sind noch hier zu haben.
JAAAA, macht das!
Und dann trinken wir ein Bier zusammen. Oder was immer die da so an Hipster-Getränken am Start haben … 🙂

Also was ist? Noch jemand spontan dabei?