„Ich bin sicher, du hattest gute Gründe …“

Am letzten Wochenende waren wir als Familie zu Gast beim Konvent einer geistlichen Gemeinschaft, mit der wir eng verbunden sind.
Neben den vielen guten Begegnungen mit den Geschwistern klingt bei mir das „inhaltliche Programm“ noch stark nach.

Ein Schwerpunkt des Wochenendes waren Einheiten zum Thema Gewaltfreie Kommunikation (GFK). Dabei stand unter anderem die Überlegung im Raum, was uns die GFK im Blick auf einen guten Umgang mit Konflikten zeigen kann. Obwohl ich leider nicht die ganze Zeit dabei sein konnte, war das für mich sehr bereichernd und hat manche Nachdenkprozesse in Gang gesetzt. Ich habe mir als Grundlage die vier Schritte der GFK gemerkt: (1.) Wertfreies Beobachten, dann die Aufmerksamkeit für (2.) die ausgelösten (bzw. auslösenden) Gefühle und (3.) die dahinter stehenden Bedürfnisse und schließlich (4.) die Bitte um konkrete Lösungsschritte.
Wenn ihr euch näher für die Thematik interessiert, dann stöbert mal bei Gewaltfreie Kommunikation: Niederkaufungen; von dort kam unsere (beeindruckende) externe Referentin Simone Thalheim. (Übrigens auch sehr spannend: Die Frau gehört seit vielen Jahren zur Kommune Niederkaufungen, einer alternativen „intentionalen Gemeinschaft“ in Nordhessen.)

Aus den thematischen Einheiten geht mir vor allem ein Satz nach, den ich gerne mit euch teilen möchte. Wir hatten die Aufgabe, ein für uns wenig rühmliches Ereignis aus unserer Kindheit aufzuschreiben und dann in Zweier-Gruppen darüber zu reden.
Für das Gespräch gab es vorgegebene Einstiegssätze. Es fing an mit dem konkreten Bezug auf das gelesene Ereignis und dann kam die Aussage: „Ich bin sicher, du hattest gute Gründe dafür und ich interessiere mich für diese Gründe.“

Ich bin sicher, du hattest gute Gründe dafür.

Dieser Satz hat sich in Nullkommanichts zu einem im Alltag ständig angewendeten, dezent ironischen Augenzwinker-Insider-Satz zwischen Gunnar und mir entwickelt. 😉
Aber natürlich geht er mir nicht nur deshalb nach. Sondern ich glaube, dass in diesen Worten (oder vielmehr in der Einstellung hinter den Worten) echtes Revolutions-Potenzial liegt.

Wie wäre das, bei Konflikten erstmal davon auszugehen, dass mein Gegenüber Gründe hatte, warum er oder sie bestimmte Dinge getan oder gesagt hat? Anstatt – ja, anstatt was eigentlich? Anstatt zu vermuten, dass pure Bosheit und/oder reine Dummheit dahinter stecken?!
Ja, wie wäre das? Das wäre natürlich großartig! Es würde Räume eröffnen für Gespräch und für echte Begegnung. Es könnte Wege ebnen für Konfliktlösungen. Und vielleicht würde plötzlich sogar (wieder) eine gemeinsam gestaltete Zukunft denk- und lebbar …

Als ich gestern morgen meine Tochter in den Kindergarten gebracht habe, hat gerade ein Junge den schönen, riesengroßen Bauklotzturm eines anderen Jungen einfach so kaputt getreten. Dass die Erzieherin den jungen Mann dann direkt mal dazu verdonnert hat, den Turm wieder aufzubauen und nicht gesagt hat: „Ach XY, du hattest bestimmt gute Gründe dafür, erzähl mal“, fand ich zwar durchaus eine angemessene Reaktion. 😉
Aber ja: Bestimmt gab es Gründe, warum dieser Dreijährige mit voller Wucht gegen den Turm getreten hat. Und um die herauszufinden, müssten wir ihn vermutlich wirklich fragen. Vielleicht war er traurig, weil die Erzieherin mit eben dem anderen Jungen dieses Kunstwerk erbaut hat und nicht mit ihm. Und er hätte das Bedürfnis, selbst mehr liebevolle Zuwendung zu bekommen. Vielleicht war er auch einfach bis oben geladen mit Energie und Bewegungsdrang und hat diese Power, ohne groß nachzudenken, am erstbesten Objekt ausgetobt.
So oder so können wir wohl festhalten: Es war nicht der große dämonische Funke in diesem dreijährigen Jungen, der einfach mal das Böse in der Welt ein bisschen ausbreiten wollte. Oder, mit den Worten einer ehemaligen Kollegin ausgedrückt: Kinder, die „Probleme machen“, haben in der Regel Probleme.

Jetzt könnt ihr sagen: „Das ist doch alles weit hergeholtes pädagogisches Psycho-Geschwafel.“
Nur: Ich denke, das ist es nicht. Sondern diese Einstellung, die das Gute im anderen sucht, die von gemeinsamen Grundbedürfnissen ausgeht und erstmal verstehen möchte, die hat das Potenzial, alles zu verändern.

Stellt euch nur mal vor in der Gemeinde: Da ist (jetzt mal als Beispiel) dieser eine Mann, der eure (längst überfälligen!) neuen Ideen für die Gottesdienstgestaltung wieder und wieder blockiert. Was, wenn ihr ihn nicht mehr in erster Linie als ignorantes, reaktionäres Arschloch seht, dem es Spaß macht, euch fertig zu machen?! Sondern dieser Einstellung Raum gebt: „Es wird wohl gute Gründe für seine Ablehnung geben.“
Vielleicht hat er beispielsweise Angst, mit diesem ganzen neumodischen Kram würden wir dem Herrn Jesus untreu. Wie gut wäre es dann, wenn dieser Hintergrund ans Licht käme. Dann könntet ihr nämlich von eurer Sorge erzählen. Dass wir vielleicht gerade mit den alten, aus eurer Sicht häufig unverständlichen Formen an dem vorbeileben könnten, zu dem Jesus uns ruft. Und plötzlich gibt es die Chance zu entdecken, dass ihr etwas ganz Ähnliches wollt, vielleicht sogar das Gleiche.

Und stellt euch nur mal vor in unserer Gesellschaft: Was wäre, wenn wir uns ernsthaft um Gespräche bemühen würden mit den vielen Menschen, die mit der AfD sympathisieren. Oder die sogar schon bei den letzten Wahlen ihr AfD-Kreuz gemacht haben.
Dann würden wir vielleicht merken: „Ach?! Es ist gar nicht euer Ziel, dass möglichst viele Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken? Ach so, es liegt euch gar nicht primär daran, in unserem Land ein Klima von Hass und Gewalt zu schüren? Was also sonst sind eure Gründe? Denn es gibt ja wohl gute, oder doch zumindest nachvollziehbare Gründe? Welche Gefühle und welche Bedürfnisse bewegen euch?“

Wie klingt das für euch??
Wie ich die Stimmung in den sozialen Netzwerken und in meinen realen Bezügen erlebe, ist eine solche Herangehensweise kaum vorstellbar.
Da höre/lese/sehe ich eher: „Irgendwo muss das Gutmenschen-Verständnis doch auch aufhören. Und zwar allerspätestens bei der AfD. Eigentlich schon bei Horst Seehofer, wenn man sich denn die Mühe machen will, da zu differenzieren. Diesen Leuten ist nicht mehr zu helfen. Und überhaupt, als im letzten Jahr plötzlich alle anfingen mit Man-muss-die-Ängste-der-Menschen-ernst-nehmen, hab ich irgendwann echt zu viel gekriegt!“

Tja. Ich kann solches Reden nachvollziehen.
– Aber wisst ihr was? Es bleibt ja natürlich trotzdem wahr: Wir müssen Ängste sehr ernst nehmen. Bei anderen und bei uns. Und auch die übrigen negativen Gefühle, die uns in Konflikte treiben. Wut zum Beispiel. Hilflosigkeit. Müdigkeit. Minderwertigkeit. Überforderung. Und und und.
Es ist hilfreich, sie wahrzunehmen und anzusehen. Zunächst mal ohne Wertung und ohne Verurteilung. Anschauen und gucken, was dahinter steckt.

Ja, ich denke, wir kommen nicht drum herum: Dort, wo Menschen zusammenleben, müssen wir darum ringen uns zu verstehen.
Es ist nötig, das Gute im anderen entdecken zu wollen. Es ist nötig, nach den gesunden Bedürfnissen auch hinter den (aus unserer Sicht) abstrusesten Worten und Taten zu suchen. Es ist nötig, viel, viel mehr zu investieren, um zu verbinden anstatt auszugrenzen.

Beim Emergent Forum fiel ein Satz, der mir in letzter Zeit schon häufiger begegnet ist und der mich sehr bewegt. (Ich weiß die Quelle leider nicht und bin euch dankbar für Hinweise.)

Whenever we draw a line between us and others,
Jesus is on the other side.

Wow!
Ich befürchte, dass das stimmt.
Also: Wollen wir nicht gemeinsam versuchen, Brücken zu bauen anstatt Grenzen zu ziehen?!

„Aber was, wenn in mir nur Entsetzen ist und Ekel und gerechter Zorn oder sogar tiefer Hass? Was, wenn der Satz Ich-bin-mir-sicher-du-hattest-gute-Gründe sich anfühlt (und sich dann zwangsläufig auch so anhören würde) wie bitterster Sarkasmus??“

Ich habe in solchen Situationen krasse Erfahrungen gemacht mit Beten.
Ich habe erlebt, wie dieses alles durchdringende „Ich-könnte-dich-umbringen“-Gefühl plötzlich die Macht verloren hat und wie Gott mir Kraft für einen friedliche(re)n Weg gegeben hat.
Wäre es nicht gut, in diese Richtung weiterzudenken und weiterzubeten und weiterzuleben?!

Denn wir brauchen doch unbedingt FriedensstifterInnen!
In unserer Gesellschaft so dringend wie schon lange nicht mehr. In unseren Gemeinden so dringend wie eh und je.
Und natürlich auch in unseren Familien und an unseren Arbeitsplätzen, auf den Schulhöfen, in den Straßenbahnen, im Kreistag, auf dem Fußballplatz, in der Flüchtlings-Unterkunft und – beim Bauklotzkonflikt in der Kita.