Jesus, Jesus, Jesus und nochmal Jesus

Vor Kurzem musste ich an eine lustige Begebenheit denken aus dem ersten Jahr meiner theologischen Ausbildung am Johanneum (lang, lang ist’s her *g*).
Im NT-Unterricht befassten wir uns ausgiebig mit dem Markus- und dem Lukasevangelium. Für viele von uns (auch für mich) war das die erste so intensive auch vergleichende Beschäftigung mit Evangelientexten.

Und irgendwann ging dann ein Zettel rum: „Wer macht mit im Ich-will-einen-Jesus-und-nicht-vier-Club?“. 😉

Wenn ich so drüber nachdenke, ist diese Geschichte vielleicht doch gar nicht wirklich „lustig“ … Denn, so gewollt spaßig die Formulierung auch war, so ernst war ja das Anliegen dahinter: „Hilfe, mir wackelt der Boden unter den Füßen! Wenn das so weiter geht, ist mein altes Jesus-Bild nicht mehr zu retten. Und außerdem fliegt mir mein Bibelverständnis um die Ohren. Aaaaah …!“

Dass es sich lohnt, auch bei solchen Anflügen von Panik dran zu bleiben und nicht aus Angst oder Bequemlichkeit Spannungen und widersprüchliche Aussagen zu ignorieren oder wegzureden, davon bin ich überzeugt. Das habe ich erlebt und dazu möchte ich allen Mut machen.

Aber heute geht es mir um etwas anderes.
Ich bin nämlich deshalb an diese Unterrichtsszene erinnert worden, weil ich auf einen Gedanken gestoßen worden bin, der genau gegensätzlich ist:
Ist es nicht gerade total cool, dass schon die Bibel uns in den Evangelien vier unterschiedliche Blickwinkel auf Jesus ermöglicht?! Dass vier unterschiedliche Menschen ihre Sicht der Guten Nachricht aufschreiben und uns Jesus so vor Augen malen, wie sie ihn erlebt/begriffen/verstanden haben?!

Ja, natürlich gibt es nur einen Jesus und nicht vier. 🙂
Aber diesen einen Jesus können wir uns nicht in die Tasche stecken, er ist nicht mal eben „ein für alle Male zu verstehen“. Er lässt sich nicht zwischen zwei Buchdeckel sperren und fügt sich auch nicht in starre Denk- und Glaubenssysteme.

Er ist ein „Begegnungs-Gott“. Ein „Gott in Beziehung“. Auch heute.  Er lässt sich sehen und hören und erfahren. – Und das Spannende: Er zeigt sich unterschiedlich. Oder wir Menschen nehmen ihn unterschiedlich wahr. Oder beides.
Ist es nicht ein guter Ansatz, diese Verschiedenheit grundsätzlich als Reichtum und nicht als Bedrohung zu sehen? Könnte es nicht sein, dass gerade darin die Größe Gottes gut zum Ausdruck kommt: Wenn Menschen mit unterschiedlicher Biographie, unterschiedlicher Kultur, unterschiedlichem Charakter, unterschiedlichem Bildungshintergrund, unterschiedlichem Geschlecht u.s.w. Jesus begegnen und ihn – jeweils auf ihre Weise – widerspiegeln?!
(Denn das gehört ja dazu, wenn Jesus Menschen beruft, ihm nachzufolgen: Dass wir diesen Schatz, diese Gute Nachricht, dieses Evangelium nicht allein für uns selbst genießen, sondern mit anderen teilen.)

Wie großartig passt dazu das Bild oben! (Es stammt übrigens aus dem unbedingt lesenswerten Buch AUFMACHEN. Wie wir heute Kirche von morgen werden und kann hier  (neben vielen anderen tollen Grafiken) runtergeladen werden.)

Es gibt nur ein Evangelium. Ja! Aber wir kennen es nur nach Matthäus, Markus, Shuk Ching und Kisuba …

Als ich 2002 (heute hab ich’s aber mit Geschichten von „damals“ *g*) ein Freiwilligenjahr im südafrikanischen Team iThemba absolviert habe, haben wir manchmal dieses Lied gesungen:

How will they know, what will they remember,
what will they see that is different in you?
How will they know, will they find any answers
in the gospel according to you?

Das ist eine starke (An-)Frage!
Und eine wichtige, vor allem wenn der fromme Spruch stimmt, dass wir ChristInnen für die meisten Menschen „die einzige Bibel sind, die sie lesen“ … Wie ist das mit den Evangelien, die es neben denen nach (englisch: according to) Matthäus, Markus, Lukas und Johannes noch so gibt? Was ist mit dem Evangelium according to Astrid? Und was ist mit dem Evangelium according to you??

Und jetzt wird es richtig unbequem: Was ist denn, wenn das Evangelium, das wir „frommen Christinnen und Christen“ im Jahr 2016 verkörpern, gar keine so gute Nachricht ist? Was, wenn Menschen es sogar genau gegensätzlich empfinden?!
Was, wenn wir reden von Befreiung, aber in Wirklichkeit Menschen klein gemacht werden bei uns? Was, wenn wir uns auf den „Friedefürst“ berufen, aber unsere Gemeinden Haifischbecken gleichen? Was, wenn Demut unser Ideal ist und uns aber die Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit aus allen Poren kommt? Was, wenn wir „You are mighty“ singen, aber eigentlich nur selbst geil auf Macht sind?
Die Liste könnte ich noch lange fortsetzen. Leider.

Es ist bitter das zu formulieren, aber ich kann so gut verstehen, wenn Leute bei uns kein Heil vermuten. Ich kann so gut nachvollziehen, wenn Jesus für sie keine Option ist, weil wir, die wir so laut „Jesus“ schreien, oftmals so abstoßend leben.

Könnte das vielleicht der Grund sein, warum wir „jungen Leute“ mit manchen Aussagen und auch in unserer Verkündigung leiser geworden sind? Zaghafter?

Zumindest ist das mein Eindruck, dass viele von „uns Jüngeren in der frommen Szene“ vorsichtiger geworden sind, wenn es um das Evangelium oder zumindest doch um eine bestimmte Art der verbalen Evangeliumsverkündigung geht. Ja, vielleicht sind wir sogar insgesamt leiser, wenn es um Jesus geht.
Und mein Eindruck ist, dass einige Ältere darin mangelnde Hingabe, mangelnde Bibelkenntnis, mangelnde Leidensbereitschaft oder sonst irgendeinen Mangel sehen. Manchmal, das finde ich besonders verletzend, lautet der Verdacht sogar auf „mangelnde Jesus-Liebe“.

Aber könnte es nicht sein – wenn ich mit der Grundbeobachtung überhaupt richtig liege und nicht nur von mir auf alle schließe *g* – dass hier keiner der genannten Mängel im Hintergrund steht? Und auch kein anderer Mangel?! (Und übrigens auch kein Überfluss an postmoderner, weichgespülter Lauheit! *g*) Sondern dass manche von uns eben einfach nicht mehr mitkönnen und/oder -wollen mit dem Erbe, das wir auf unseren Schultern spüren? Dass wir gemerkt haben: Es war nicht überall „Evangelium“ drin, wo Leute „Jesus“ draufgeschrieben haben. Manches, was unsere Väter und Mütter im Glauben uns vermeintlich „im Namen Jesu“ beigebracht haben, war falsch und destruktiv. Und so sind viele Menschen nicht nur nicht näher zu Jesus gekommen, sondern gerade auf Abstand gegangen und dort zum Teil bis heute geblieben.

Das alles treibt mich ziemlich um. Ich wünsche mir so sehr eine Kirche, ich wünsche mir Gemeinden und Gemeinschaften, in denen ein echter, liebevoller, herausfordernder, auch mal unbequemer, lernbereiter, demütiger Jesus-Glaube lebendig ist.
Oder vermutlich müsste ich treffender schreiben: In denen JESUS SELBT lebendig ist! Jesus, mit den genannten Attributen, die vermutlich meiner momentanen Sicht von ihm gut entsprechen. Aber Jesus auch mit seinen Seiten, für die ich gerade (vielleicht als Pendelausschlags-Gegenbewegung) blind bin.

Wie kann es gelingen, auf der einen Seite unbedingt wach und kritisch zu sein gegenüber einem krank machenden, missbräuchlichen und lieblosen Glauben? (Und ja, meinetwegen auch gegenüber den von einigen so gefürchteten Lauheits- und Weichspülungstendenzen.) Aber auf der anderen Seite auch nicht „I-know-it-all“-mäßig und arrogant alles, was sich nicht eins zu eins mit meinem begrenzten Verständnis von Jesus deckt, automatisch als falsch abzustempeln?!

Vorletzte Woche war ich zur Einkehr im Kloster. Und da habe ich das Ende des Johannesevangeliums angeschaut, Kapitel 21:
Jesus und Petrus am See. Die dreimalige „Liebst-du-mich“-Frage und der dreimalige Auftrag. Dann in Vers 18 dieser krasse Ausblick auf die großen Herausforderungen, die Petrus erwarten. Und schließlich noch einmal der starke Satz: „Folge mir nach!“
Und was antwortet Petrus seinem Meister daraufhin?? Er schaut auf Johannes! Und fragt: „Aber Herr, was bitte ist denn mit IHM?“

Woraufhin Jesus ihm dann ziemlich deutlich zu verstehen gibt: „Das geht dich jetzt gerade mal gar nichts an. DEIN Job ist: Folge mir nach!“

DU ABER FOLGE MIR NACH,

sagt die Einheitsübersetzung.

Vielleicht ist das eine gute Spur:
Sich um die eigene Nachfolge kümmern. Schüler, Schülerin von Jesus bleiben. Und dementsprechend „die eigenen Hausaufgaben machen“.  😉
Weniger SchiedsrichterIn spielen im Hinblick auf das, was andere denken und glauben und leben. Sondern ihnen ihren Glauben, ihre Nachfolge, ihre Verantwortlichkeit JESUS SELBST GEGENÜBER zuzugestehen und zuzutrauen.

Und wenn es kritisch wird, wo wir Zerstörerisches wahrnehmen oder vermuten, im Streitfall eben nicht vorschnell die eigenen Erkenntnisse zum Maßstab zu erheben – sondern auf Jesus selbst zu verweisen. Idealerweise gemeinsam Jesus zu begegnen.

Ist das utopisch? – Eine solche Einstellung wünsche ich mir jedenfalls von anderen, wenn sie mir begegnen. Und so möchte ich mit Geschwistern umgehen.

Ach ja, das wäre doch gut, oder?
Und sicherlich wäre es förderlich dafür, dass Menschen die Gute Nachricht für sich entdecken. Die Gute Nachricht von dem einen Jesus. Nach Markus oder nach Shuk Chin oder nach Kisuba. Oder: „acoording to you“!

 

Bildquelle: www.kirche-aufmachen.de