1984 Gründe für mein altes Handy

Vorletzte Woche, Elternabend in der Grundschule:
Ich erwähne, dass ich kein WhatsApp habe. (Und somit darauf angewiesen bin, dass Informationen, die für alle relevant sind, (auch) auf anderen Wegen kommuniziert werden.)
Achtzehn Augenpaare schauen mich mit einer Mischung aus Unglauben, Fassungslosigkeit und Mitleid an. (Lediglich eine Mutter ist sichtlich erfreut, dass sie eine Alien-Verbündete gefunden zu haben scheint.)
Und für mich wird schlagartig Gewissheit, was ich schon seit Langem ahne: Jetzt bin ich endgültig in der gleichen Position wie die Leute, die vor zehn Jahren immer noch erklärten, sie hätten „kein I-Mehl“.

Ja, so ist es wohl, es lässt sich nicht mehr leugnen:
Ich bin ein ein Kommunikations-Dinosaurier.
Wie sagte doch tatsächlich mein Sohn heute zu mir, nachdem mir der Name eines Handy-Spiels mal so gar nichts gesagt hatte: „ALLE, die nicht vor zehn Jahren stehengeblieben sind, kennen das“. 😉

Okay, okay, ich hab’s kapiert.
Ich bin in kommunikationstechnischer Hinsicht stehen geblieben. Irgendwann zwischen heute und dem Frühjahr 2008, als ich mir mein aktuelles Handy gebraucht gekauft habe. Ach, vermutlich sogar NOCH früher.

Aber wisst ihr was?!
Es ist ja an sich gar nicht so, dass ich kein Smartphone haben möchte.
Ehrlich gesagt: Ich hätte sogar ziemlich gerne eins.
Und manchmal frage ich mich sogar schon, wie lange ich mir und anderen meine „Retro-Kommunikation“ noch zumuten möchte.

Beim Christival zum Beispiel war das extrem unpraktisch, da musste unser Teamleiter ständig so Sachen sagen wie: „Wegen morgen schreib ich euch ’ne WhatsApp. – Äh, und Astrid, dich ruf ich an.“
Ach ja, es wäre schon praktisch, so ein Smartphone.
Zum Beispiel auch für Zugfahrten: Ticket im Telefon. Bei Verspätungen einfach mal online nach alternativen Verbindungen gucken. Und vor Ort in der fremden Stadt auch ohne zuvor ausgedruckte Wegbeschreibung das Ziel finden.

Was also hält mich ab, endlich in die digitale Gegenwart einzusteigen?

Nein, es ist noch nicht einmal in erster Linie das beschämende Wissen darum, unter welch furchtbaren Bedingungen diese (und so viele andere!) Geräte in der Regel hergestellt bzw. wie die nötigen Rohstoffe abgebaut werden. Immerhin gibt es da ja mittlerweile schon faire(re) Modelle auf dem Markt. Und ich könnte mir ja auch wieder ein Second-Hand-Schätzchen zulegen. Kriegt man ja quasi geschenkt, sobald es was Aktuelleres gibt.

Der Grund ist etwas, das ich vor ein paar Wochen noch (mit vorteilhaft-dezent zur Schau gestellter Selbstironie *g*) als „Datenkraken-Paranoia“ bezeichnet habe: „Nee, ich hab kein WhatsApp – ich hab noch nicht einmal ein Smartphone. Weißt du, (pseudo-verschämtes Grinsen) ich bin da etwas datenkraken-paranoid.“

Nochmal deutlicher ausgedrückt: Ich habe Angst um meine Daten!
Und ich habe Sorge, dass diese Daten mit einem Smartphone noch schlechter geschützt sind.

Und übrigens: Ich habe auch Angst um EURE Daten.
Ich finde es gruselig, in welchem Ausmaß wir unser Privatleben aushöhlen lassen (müssen). Wie wir geortet werden. Analysiert. Eingruppiert. Berechnet. Manipuliert.

Jaha. Ich hab generell wenig Ahnung von Technik. Ich verstehe bei weitem nicht, wie das alles funktioniert in „diesem Internet“.
Aber trotzdem beruht mein Misstrauen nicht auf diffusen Gefühlen oder gar auf einer grundsätzlichen Ablehnung des „bösen Netzes“. 😉

Und NEIN! Für meine Ängste brauche ich auch keine Verschwörungstheorien! 🙂

Sondern es würde allein schon reichen, „Datenschutz“-Bestimmungen oder Cookie-Richtlinien vor der Zustimmung tatsächlich mal durchzulesen. Da ich das aber aus verschiedenen Gründen in letzter Zeit weitestgehend aufgegeben habe, speisen sich meine Ängste vor allem aus meinen tagtäglichen Beobachtungen und Erfahrungen:

Die Pendlerin im Regionalexpress, die ihren Kolleginnen von ihrer Fitness-App vorschwärmt: Sie wisse nun immer, wie viele Schritte sie an dem Tag schon gegangen sei und wieviel sie noch gehen müsse und beim Sport würde sie noch einen Brustgut umlegen, das würde sich dann synchronisieren und dadurch könne sie jederzeit genau alle ihre Gesundheitswerte checken. (Wer wohl noch alles?)
Der Bekannte, der in einer jungen, expandierenden Firma Einkaufsdaten auswertet und von seiner Arbeit erzählt. (Da fällt mir gerade wieder ein: Ich wollte nicht mehr ständig mit meiner EC-Karte bezahlen …)
Das soziale Netzwerk, das mir empfiehlt, meine Handynummer als Sicherung für mein Konto anzugeben und „der Einfachheit halber“ schonmal meine Nummer in dem entsprechenden Eingabefeld vorschlägt. (Ich hatte die vorher nirgendwo angegeben. Und dass ich mich von meinem Old-School-Handy aus auch noch niemals dort angemeldet habe, muss ich wohl nicht extra erwähnen.)
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Es macht mir Angst, dass es eine solche Fülle gesammelter Daten gibt.
Über mich. Über euch.
Über unsere sozialen Kontakte. Über unsere Gesundheit. Über unsere Einkaufsgewohnheiten. Über das, was wir auf facebook liken, welche Internetseiten wir besuchen, wo wir uns aufhalten, mit wem wir in Kontakt stehen, und und und und und und und.

Wer genau hat Zugriff auf all diese Informationen? Und: Wer wird in Zukunft Zugriff auf sie haben?
Seit Jahren stelle ich mir vor, dass man allein mit den facebook-Daten in zehn Jahren einen großen Teil der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt (!) unter Druck setzen könnte. Und auch, wenn jemand nicht erpressbar sein sollte – mit den enormen Datenmengen lassen sich Menschen analysieren, berechnen, ggf. sogar manipulieren.

Warum kümmern uns diese Fragen so wenig? Warum pochen wir nicht viel stärker auf eine gemeinsame, also staatlich koordinierte Kontrolle der Internetgiganten? (Oder ringen meinetwegen um andere Ideen, wie wir Datenmissbrauch verhindern könnten?) Warum gibt es grundsätzlich so wenig Interesse für diese sensible Thematik?

Da ist es ja an sich super, dass der „Bombenartikel“ eines Schweizer Magazins seit letztem Wochenende so viele Diskussionen angestoßen hat. (In dem Bericht geht es darum, ob bzw. wie eine Firma mit der Anwendung von Analyse-Tools die US-Wahl beeinflusst haben könnte und es wird aufgezeigt, wie erschreckend exakt sich Menschen anhand ihrer Facebook-Aktivitäten analysieren lassen.)

Dennoch verfolge ich die Auseinandersetzungen mit zunehmender Befremdung.
Mittlerweile mehren sich kritische Stimmen zu dem Artikel, etwa in den Netzredaktionen der Öffentlich-Rechtlichen (z. B. hier beim WDR). Und selbstverständlich in den facebook-Kommentaren. Manche wittern schon eine Verschwörungstheorie für Menschen mit notorischer Angst vor dem „gefährlichen Internet“. Und ansonsten wird diskutiert, ob der Artikel seriös recherchiert war und vor allem, ob eine solche Wahlbeeinflussung denn tatsächlich stattgefunden hat.

Aber, Leute!! Die eigentliche Frage ist doch nicht, ob und wenn ja zu wieviel Prozent Big Data die Brexit-Abstimmung oder die US-Wahl beeinflusst hat!

Die wesentliche, dringende, zukunftsentscheidende Frage ist doch verdammt noch mal, was mit unseren Daten geschieht!

Ja, ich geb es gerne nochmal zu: Ich bin ein digitales Fossil. Ich hab noch nie so richtig verstanden, wie dieses Internet funktioniert. Vielleicht habe ich deshalb an der einen oder anderen Stelle auch irrationale Ängste.

Aber ich habe eben auch eine ganze Menge sehr rationaler Ängste.
Und das ist der Grund, warum ich nicht mehr von einer Datenkraken-Paranoia spreche. Paranoia, sagt Wikipedia, kommt aus dem Griechischen, von „parà“ und „noûs“, „wider den Verstand“.
Aber ich denke ja gerade nicht, dass es „wider-sinnig“ ist, wenn ich den Gedanken an den aktuellen Stand der Daten(un)sicherheit immer noch und immer wieder als angsteinflößend empfinde.
Ganz im Gegenteil: Eine große Portion Skepsis (und wer kann sich denn da immer die Ängste vollständig vom Leib halten?)  scheint mir ausgesprochen (ver)standesgemäß für uns Menschen im Kommunikations-Overkill-Zeitalter.

Also: Kann bitte mal irgendjemand von euch internetaffineren Menschen da draußen was unternehmen?