Weiter denken.

Mit 16 Jahren hab ich begonnen, Saxophon zu spielen.
Es war Liebe von Anfang an.
Eine ganze Zeit lang hab ich exzessiv geübt. Jeden Tag. Und auch nach der extremen ersten Phase hätte ich mir kaum ein Leben „ohne“ vorstellen können. Es wäre mir ehrlich schwer gefallen, längere Zeit nicht zu spielen.

Aber einmal ist was Krasses passiert.
Ich war mit Gunnar im Mindener Jazz-Club bei einem Konzert des Saxophonisten Bill Evans. Mit am Start eine absolute All-Star-Band.
Niemals vorher hatte ich so eine (Konzert-)Erfahrung gemacht.
Die Musik war nicht von dieser Welt.
(Gerade hab ich mir ein paar aktuelle Sachen von Bill Evans angehört – und kann davon ausgehend meine Begeisterung nur noch in Teilen nachvollziehen. *g* Aber:) Damals live war es jenseits jeder Beschreibungsmöglichkeit.
Es ging so unfassbar nach vorne! Ich war vollkommen mitgenommen. Mitgerissen. Geplättet. Bis in die Tiefe getroffen. Begeistert. Und erschüttert.
Absolut unbegreiflich, was der Mann da mit seinem Instrument machte. Und was diese Musik mit mir machte!

Und während mich sonst Konzerte für mein eigenes Üben eher motiviert und inspiriert hatten, war dieses Mal das genaue Gegenteil der Fall.
Tatsächlich habe ich danach mehrere Tage selbst keinen einzigen Ton mehr gespielt. Ich konnte nicht.
Diese überirdische Musik war noch zu frisch in meinen Ohren. Ich konnte diese Klänge doch jetzt nicht mit meiner erbärmlichen Mittelmäßigkeit überlagern. Es ging nicht. Ich konnte mich nicht überwinden, mein eigenes Instrument anzufassen.
Wenn es möglich war, so vollkommene Musik hervorzubringen, und wenn ich doch genau wusste, dass ich niemals auch nur in die Nähe dieser Perfektions-Sphären kommen könnte – warum sollte ich es nicht gleich ganz lassen?!

Klar.
Die Phase ging vorüber. 🙂
Mein Kopf hat die Gesamtsituation wieder in den Griff gekriegt und sich an die (eigentlich nahe liegenden *g*) Antworten auf die „Warum-sollte-ich-trotzdem-spielen?“-Frage erinnert.
Weil es nicht genug überirdische Saxophon-Genies gibt, als dass sie allein den Welt-Bedarf an Saxophon-Musik stillen könnten zum Beispiel.
Oder auch das: Weil es Kontexte gibt, wo keine abgedrehten, funkigen Jazz-Improvisationen im Spartenclub gefragt sind, sondern etwa, sagen wir mal, solide Liedbegleitung im klassischen Landeskirchen-Gottesdienst.

Ich hab also wieder gespielt.
Aber ein Stachel ist doch geblieben. Die Ahnung, nein, die Erfahrung, was alles möglich ist … Und damit verbunden die herausfordernde Anfrage, ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge. Ob ich nicht doch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

Ich schreibe diesen kleinen „Schwank aus meiner Jugend“, weil er etwas illustriert, das ich gerade in meinem Theologie-Studium so erlebe.

In den ersten Wochen meiner Präsenz-Zeit hier in Marburg bin ich mir manchmal wie eine Lese-Maschine vorgekommen. 😉
Täglich neuer Stoff, immer viel zu viele lockende Bücher und Artikel.
Und darin: So viele spannende Gedanken. So viel Hilfreiches. Manches Unbequeme, das aber wohl auch gerade deshalb Gewinn bringt.

Aber zwischendurch immer wieder auch das:
Verstörend-atemberaubende Ideen! Unbegreiflich kluge, unnachahmlich kundige Argumentationen. – Denkwege von einer Komplexität, die mich völlig überfordern. Wo mir aus den Worten eine derartige Größe, eine solche Kühn- und Schönheit des Denkens entgegenkommt, dass ich Gänsehaut kriege.

Ja. Da kamen schon mehrmals solche „Bill-Evans-Konzert-Nachwehen“-Tendenzen auf:
Wenn es möglich ist, in solchen überirdischen Sphären nachzudenken (und tatsächlich sogar etwas zu formulieren!) über Gott und die Welt … Wie (und warum!) sollte ich es dann in meinen engen Begrenzungen überhaupt versuchen, Theologie und Philosophie „zu üben“?

Ihr ahnt, worauf ich hinauswill. 😉
Aber für mich war es durchaus erstmal ein Weg, das klarzukriegen.
Ich habe tatsächlich zwischendurch mal ein paar Tage Lese-Verweigerung und Denk-Pause und vor allem Formulierungs-Ferien gebraucht, bis ich bereit war für die auf der Hand liegenden Antworten auf die „Warum-trotzdem“-Frage:

Klar. Die geisteswissenschaftlichen Genies der Vergangenheit und Gegenwart können den Gesprächs-Bedarf über Gott und die Welt allein schon quantitativ nicht decken.
So wie John Coltrane und Bill Evans und Anna-Lena Schnabel nicht für die ganze Welt ausreichen: Karl Barth oder Hannah Arendt oder Thorsten Dietz können es allein auch nicht schaffen. 😉
Und auch hier gilt das andere: Es gibt genug Situationen, in denen es nicht nur in Ordnung, sondern eindeutig angebracht(er) ist, dass sich Verkündigung, Gespräche, ja sogar theologische Information auf einer „soliden Mittelmaß-Ebene“ befinden. Es ist wohl sogar so, dass diese Situationen klar überwiegen. 😉

Also ja.
Ich werde natürlich wieder lesen. Werde meine Hausaufgaben machen. Und auch mal ziellos in der Bib stöbern.
Ich werde mich weiter trauen zu denken.
Und ich werde auch wieder formulieren.
Fragen formulieren natürlich. Das ist einfach(er).
Aber nicht nur das.
Ich werde auch Aussagesätze wagen. Sätze über Gott und über die Welt.
Echte Aussagesätze.
Und als solche tollkühn. Die Wahrheit fast zwangsläufig einengend.
Und trotzdem will ich weiter etwas sagen und schreiben. Auch über Wirklichkeiten, die mir zu groß sind und bleiben werden.
Tapfer. Tastend. Unsicher. Unzureichend. Und gerade darin offen, gerade deshalb durchlässig für Wahrhaftigkeit.
In der Hoffnung darauf, in der Abhängigkeit davon, dass Gott sich erkennbar macht mitten in der Stümperhaftigkeit und Vorläufigkeit meines Denkens und Redens.


Aber daneben bleibt doch auch noch der Stachel … Diese Anfrage.

Nach dem Erleben, nach dem Er-lesen, was alles möglich ist …
Ob nicht auch bei mir persönlich noch etwas mehr ginge, um hier oder da von (m)einer Denk-Sphäre in eine neue Dimension 😉 zu wechseln.
Ob ich nicht doch auch noch mehr investieren könnte und sollte …?!

 

 

Beitragsbild: pixel2013/pixabay

TABOR – „wunderlich und wunderbar“!

Seit Monaten schon will ich etwas über Tabor schreiben! Und über mich. Und über mich und Tabor. 🙂
Aber, ach. Wie bei einer ganzen Reihe anderer Posts, die halbfertig in meinem Kopf und/oder auf meiner Festplatte dahinvegetieren, bringe ich gerade nicht genug Zeit und Kraft auf, um mit der hierfür nötigen Sorgfalt die wirklich spannenden Dinge anzupacken und auf den Punkt zu bringen.

Na, wenn das jetzt für euch keine Motivation zum Weiterlesen ist. 😉
Also, ich wollte natürlich sagen: das, was ich heute anstatt meines Ursprungsplans zu schreiben versuche, wird selbstverständlich TROTZDEM spannend! 🙂 Und wer weiß, manchmal gelingt das „Auf-den-Punkt-bringen“ ja gerade auch ungeplant …
Also, here we go:

Im letzten Herbst bin ich ja auf meine alten Tage nochmal unter die Studentinnen gegangen. Und zwar bin ich quereingestiegen in den Theologie-Bachelor-Studiengang an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg.
Dass es mich ausgerechnet dorthin „verschlagen“ würde, hätte ich lange Zeit selbst nicht für möglich gehalten. Ich hatte nämlich eine ganze Reihe von gut gepflegten Vorurteilen. (Und dass ich die nicht allein hatte (was es natürlich auch nicht wirklich besser macht), beweisen die wohlmeinenden Warnungen und kritischen Rückfragen aus meinem Umfeld, die mich nach meiner Hochschulwahl in ansehnlicher Zahl erreicht haben …)

Naja – wahrscheinlich ist es mir gerade deshalb ein Anliegen, jetzt, nach dem (in NT mehr, in Griechisch etwas weniger *g*) erfolgreich abgeschlossenen Wintersemester einmal zu schreiben:
Ich feier, dass ich dort gelandet bin!
So, wie ich es bisher erlebe, ist Tabor ein großartiger Ort, um hervorragend betreut (und ja, auch ohne Scheuklappen *g*) Theologie zu studieren.

Spannend und schön finde ich auch, dass die Hochschule Teil der Studien- und Lebensgemeinschaft Tabor ist. Und dass ich mich mit der Einschreibung dort deshalb nicht nur für einen guten Lernort entschieden habe, sondern dass ich gleichzeitig auch in ein traditionsreiches Gemeinschaftsgeschehen hineingeraten bin.
Nun gehöre ich als Johanneums-Absolventin ja bereits zu einer reichen und starken (und mitunter kuriosen *g*) Dienstgemeinschaft. Aber trotzdem oder wohl gerade deshalb bin ich neugierig und gespannt darauf, in den kommenden Semestern auch „Tabor“ besser kennenzulernen. Ich freue mich darauf, mehr zu erfahren über die Menschen und über die Geschichte(n). Ich möchte von Segens- und Krisen-Erfahrungen hören, möchte lernen aus den Lebens- und Dienstschätzen von so vielen Schwestern und Brüdern vor mir.

Ein super Einstieg war da für mich im vergangenen Herbst die Lektüre von Jürgen Mettes Buch „Lebensnotizen – Menschen, die mich geprägt haben“.
Auf 100 gut zu lesenden Seiten zeichnet Mette Biografien nach von Menschen, die in Tabor bzw. im Deutschen Gemeinschafts-Diakonieverband gearbeitet, oder besser – gelebt haben.
Im ersten Kapitel führt der Autor unter der Überschrift „Zwischen wunderlich und wunderbar“ augenzwinkernd in ein paar „eigentümlich liebenswerte“ Linien des Werkes ein. (Und dabei hab ich mich tatsächlich mehr als einmal an liebevoll tradierte Johanneums-Legenden erinnert gefühlt. *g*) Dann folgen sechs Lebensbilder, in denen sich, wie Mette ankündigt, die „geistlich wertvollen Linien“ finden sollen. – Und ja, das tun sie!

Das Buch hat mich an so mancher Stelle berührt und herausgefordert.
Zum Beispiel, als Mette beschreibt, wie er zum Gespräch beim Rektor des Diakonissen-Mutterhauses Hensoltshöhe zitiert wurde, um dort über die zweifelhaften Rockmusik-Töne bei einer von ihm durchgeführten Jugendwoche zu berichten …
Oder sehr bedenkenswert auch der Schluss des Kapitels über Esther Wortmann und die Lachener Diakonissen. Da schreibt Mette:

„Auch wenn heute unsere Diakonissen-Mutterhäuser nicht mehr den dringend nötigen Nachwuchs haben, der dort praktizierte Lebensstil ist zeitlos und verdient unsere Hochachtung und Dankbarkeit. Die nächste Generation der Kirchengeschichte wird diesen, in der römisch-katholischen Kirche so selbstverständlichen und ungebrochen vitalen Dienst wieder neu erfinden müssen.“

Neben einigen spannenden Anfragen, die ich an dieses Zitat hätte, trifft es doch vor allem einen wichtigen, wunden Punkt. Und bringt in mir gleich wieder all die großen Gemeinschafts-Fragen zum Klingen …

FAZIT: Es lohnt sich, dieses Buch zu lesen.
Um der Geschichten willen, klar.
Aber auch, weil es mich als Leserin herausfordert, die Lebensschätze meiner eigenen geistlichen Väter und Mütter wach zu halten und sie mit anderen zu teilen.
– Und nicht zuletzt füttern solche Biografien natürlich eine verheißungsvolle Sehnsucht: Nämlich selbst ein Leben zu leben, das bei anderen Menschen Segensspuren hinterlässt.

In diesem Sinne versuch ich mal weiterzumachen: Mit dem Lernen und dem Lesen und vor allem mit dem Leben … Als Johanneumsschwester und Tabor-Studentin. Und als noch so vieles mehr. Als Mutter, als Morgenmuffel, als Gewinnerin und als Versagerin, als Evangelistin, als Bloggerin, als Hinter-meinen-klugen-Sätzen-oft-Zurückbleiberin. Als Gottes geliebtes Kind.
An den wunderbaren Tagen. Und an den wunderlichen.