Organisiert

War Jesus effizient?

Letzte Woche sprach ich mit einem Bekannten, der in einem größeren Unternehmen eine verantwortliche Stellung innehat. Und der seit Jahren die massiven Veränderungen miterlebt, die mit den „Umstrukturierungen“ im Betrieb einhergehen.

Wirtschaftlich, sagt er, sei das, was da passiere, das einzig Richtige.
Aber es gebe sie eben, die Kehrseite der Zusammenlegungen und Prozessoptimierungen, die düsteren Folgen der (mein Wort, nicht seins) „Effizienzwut“: Langjährige Mitarbeitende würden sich nicht mehr mit „ihrem“ Unternehmen identifizieren und orientierten sich um, sobald sich eine andere Gelegenheit biete. Ständig steige der Stress und der Druck in den Arbeitsabläufen. Und dann das traurige Fazit:

„Da bleibt die Menschlichkeit manchmal auf der Strecke.“

Es ist ja nun keine neue Beobachtung – aber mir wurde dabei nochmal so bewusst, wie sehr der Optimierungs- und Effizienzwahn unsere Gesellschaft und auch unser persönliches Leben prägt. Und wie oft er zerstörerisch wirkt: Beziehungen vergiftet oder verkümmern lässt. Menschen krank macht.

Und leider sind (zumindest nach meiner Beobachtung) unsere Kirchen und unsere Gemeinden keine Ausnahme in dieser Entwicklung.

Als in den späten 90er-Jahren die erste Sturm- und Drangzeit meines Glaubens begann, schwappten aus den USA gerade diverse Konzepte zu uns, die stark von wirtschaftlichem Denken geprägt waren. Da gab es zuhauf Formeln und „Tools“ *g* nach dem „Wenn-dann-Schema“: Wenn du die richtige Vision entwickelst / wenn du die Veranstaltungsformate optimierst / wenn du „deine“ (!) Mitarbeitenden nach der richtigen Strategie auswählst / wenn du im missionarischen Gespräch die richtige „Technik“ anwendest / wenn wenn wenn … dann!
Dann bekehren sich die Leute in deinem Umfeld scharenweise und dann wächst deine Gemeinde ins Unermessliche. (Wobei mit Letzterem weitestgehend unhinterfragt ein quantitatives Wachstum der Zahl von z. B. GottesdienstbesucherInnen gemeint war.)

Sicherlich gab es auch „damals“ (wie alt bin ich denn eigentlich? *g*) schon reflektiertere Stimmen. Aber das oben Skizzierte war das, was ich wahrgenommen habe – vielleicht auch wahrnehmen wollte. Und es hat mich natürlich sehr geprägt.

Was machen wir nun aber, wenn wir gemerkt haben, dass diese Automatismen so nicht greifen?! Dass das Leben komplexer ist?! Dass Gott sich doch tatsächlich manchmal unseren Schemata widersetzt?! 😉

Was machen wir, wenn wir vielleicht sogar Ähnliches beobachten müssen wie mein Bekannter in seinem Wirtschaftsunternehmen?! Da sind haufenweise gebrannte hauptberuflich und ehrenamtlich Mitarbeitende. Menschen, die sich nicht mehr mit der Gemeinde (und fatalerweise manchmal auch nicht mehr mit dem Glauben) identifizieren können oder wollen. Die in unseren Anforderungs-, Leistungs- und Erfolgssystemen tief verletzt wurden. Die sich von allem Frommen abgewandt haben oder die es gerne würden und insgeheim schon lange nach einer Exit-Strategie suchen. (Bei Hauptamtlichen ist das ja extrem schwierig: da kommt zu der großen sozialen Abhängigkeit häufig auch noch eine krasse wirtschaftliche dazu. Und so erscheint der Ausstieg aus dem Beruf für manche kaum möglich.)

Was machen wir, wenn wir am Ende sogar zu dem gleichen bitteren Fazit kommen wie mein Gesprächspartner?! Wenn wir sagen müssen: Die Menschlichkeit bleibt auf der Strecke. Äh – und von „der Göttlichkeit“ mal ganz zu schweigen …

Tja … was machen wir da??

Das ist keine rethorische Frage.
Denn die Alternative kann ja nicht einfach heißen, ab jetzt alles strategische Denken, alles Planen, alles Bemühen um gelingende Prozesse und alle Verantwortung für wirtschaftliche Realitäten einfach bleiben zu lassen. (Zumindest nicht innerhalb unserer gewachsenen Kirchen-, Gemeinde-, Werksstrukturen.)

Viele gute Denkanstöße zu diesem Fragenkreis verdanke ich dem Buch Gemeinde neu denken von Reiner Knieling und Isabel Hartmann. Die beiden schauen bewusst aus einer geistlichen Perspektive auf das Thema. Zitat aus der Buchbeschreibung:

Nicht effizientere Strukturen und besseres Marketing machen die Kirche neu, sondern eine biblisch motivierte Spiritualität, die in eine offene und zuversichtliche Praxis führt.

Ich empfehle euch dieses Buch sehr. Aber ich will (eigentlich die ganze Zeit schon *g*) heute auf eine andere Frage hinaus. Meine Mentorin hat sie mir vor einigen Jahren gestellt und sie begleitet mich seitdem:

Wie war das denn bei Jesus? War Jesus „effizient“?

Ging es Jesus nicht eher um Menschen als um Strukturen? Ging es ihm nicht eher darum, dass dieses ver-rückte Reich-Gottes-Ding Raum gewinnt als um ein funktionierendes, effizientes, effektives, imposantes, erfolgreiches System?

Das würde mir natürlich gerade alles gut in mein Welt- (und Jesus-)bild passen. 🙂
Aber nehmen wir mal an, es wäre tatsächlich so: Was heißt das denn dann für mich – und für uns als Gemeinde Jesu? Was bedeutet das für uns westliche Menschen im Jahr 2017, die wir – anders als Jesus – nunmal Terminkalender und Planungssitzungen haben?! Was bedeutet es für uns als (Landeskirchen-)Gemeinden, die wir Verantwortung tragen für Gebäude und (ungleich mehr noch *g*) für Menschen, die bei uns angestellt sind?!

Was sagt ihr dazu?

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