Apostelgeschichte 16

„Wenn du nur genug betest …“

Vor zwei Wochen war das Christival gerade in vollem Gange – und vieles aus den großartigen Tagen in Karlsruhe wirkt bei mir noch nach.

So bewegen mich noch immer die Bibeltexte, mit denen wir uns an den Vormittagen während der so genannten WortWechsel beschäftigt haben.
(Diese für das Christival (weiter-)entwickelten und unbedingt nachahmenswerten interaktiven „Bibelarbeits-Formate“ schreien auch nach einem Post – ach, aber alles zu seiner Zeit. *g*)

Der Text für Freitagmorgen kam aus dem 16. Kapitel der Apostelgeschichte.
Paulus und Silas werden in Philippi hart misshandelt (lest mal 1. Thessalonicher 2,2 – das war für die beiden mehr als eine kleine alltägliche Schwierigkeit am Rande). Sie landen schwer verwundet im Gefängnis, in der Hochsicherheitszelle. Haben die Füße im Block, können sich kaum rühren.
Und dann kommt die ungeheuerliche Aussage:

Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Gott Loblieder.
(Apg. 16,25, BasisBibel)

Während dieser mitternächtlichen Sing-&Pray-Session bebt plötzlich die Erde, wodurch alle Türen aufspringen und alle Fesseln abfallen. – Und daraufhin bebt dann das Leben des Gefängniswärters …

Wir haben in „unserem“ Wortwechsel als Vierer-Team spontan auf Fragen der 3000 jeweils anwesenden Christivaller reagiert.
Manche Fragen kamen trotz intensiver Vorbereitung überraschend. Viele hatten wir aber auch so oder so ähnlich erwartet. Wie zum Beispiel – und damit komme ich endlich mal zum Punkt 🙂 – Fragen nach dem Zusammenhang zwischen dem „heldenhaften Lobgebet“ der Apostel in dieser krassen Situation – und dem wunderbaren Eingreifen Gottes.
(By the way: Ich glaube übrigens nicht, dass in jener Gefängniszelle die ganze Zeit wohlklingender Lobpreis zu hören war, aber das ist ein anderes Thema …)

Auf den Punkt gebracht: Hat Gott das Erdbeben geschickt, WEIL Paulus und Silas selbst in dieser düsteren Situation noch gebetet und gelobt haben? Als automatische Folge? Als Belohnung? Haben die Apostel Gott durch ihr Gebet zum Handeln bewegt?
Für heute gefragt:  Kann ich Gott zum Eingreifen bewegen, wenn ich genug bete, wenn ich genug (Achtung, Gänsehaut-Formulierung!) „Lobpreis mache“?

Und dann im Umkehrschluss: Was ist, wenn Gott bei mir kein Erdbeben schickt? Wenn ich immer noch mit meinen Fesseln (meinen Problemen /meinen Ängsten/ meiner Krankheit) hier im Dunkeln sitze?  

Tja, wenn Gott bei dir nicht handelt, so würden viele antworten (und dabei (ich denke, zu Unrecht!) auch Apg. 16 in ihrem Rücken wähnen), dann hast du wohl offensichtlich nicht genug gebetet. Oder nicht richtig gebetet. Wahrscheinlich hättest du Gott mehr loben müssen. Denn wenn selbst Paulus und Silas in dieser Situation Gott gelobt haben – dann wird Gott das ja von dir erst Recht erwarten (können).

Denkt ihr, was ich denke?! Spürt ihr, was ich spüre?!
SOLCHES DENKEN, SOLCHES REDEN GEHT GAR NICHT!!
Es ist lieblos und es macht Menschen erst Recht krank. Es befreit nicht, sondern erschafft geradezu neue Fesseln.
Und ja: Ich halte es auch von der Bibel her für völlig unangemessen!

Ein gründlicher Blick auf den Zusammenhang zwischen Tun und Ergehen, wie er z. B. in Teilen der alttestamentlichen Weisheitsliteratur beschrieben (und an anderen Stellen der Bibel, etwa im Prediger-Buch oder bei Hiob hart hinterfragt!) wird, wäre jetzt spannend, aber würde diesen Post sprengen. Mehr dazu könnt ihr zum Beispiel hier lesen.

Aber es reicht auch schon, in der Apostelgeschichte zu bleiben, um etwas Spannendes zu entdecken. Lukas berichtet uns nämlich mehrfach von wundersamen Befreiungen inhaftierter Apostel. Und, wer hätte das gedacht?! In den anderen Berichten spielt das Gebet der Gefangenen keine Rolle.

In Kapitel 5,17 ff. ist überhaupt nichts von Gebet zu lesen. Die Apostel werden gefangen genommen, ein Engel des Herrn führt sie aus dem Gefängnis. Einfach so.

Und hochinteressant dann Kapitel 12: Herodes hat Jakobus enthaupten lassen. Und weil das im Volk gut ankam, ließ er als nächstes gleich noch Petrus verhaften. Eine denkbar gruselige Lage: Petrus sitzt übermäßig bewacht in der Zelle und wartet auf seine Verhandlung und damit möglicherweise auf sein Todesurteil.
Und? Hat er sich die Seele aus dem Leib gebetet?? Vielleicht. Ich würde sogar sagen, sehr wahrscheinlich hat er das. Aber Lukas hält es nicht für nötig, uns darüber zu informieren. Sondern wir sehen den Apostel im entscheidenden Moment schlafend!

Was wir hingegen erfahren:

Aber die Gemeinde betete Tag und Nacht für ihn zu Gott.
(Apg. 12,5 BasisBibel; vgl. auch V. 12)

Wenn also das nächste Mal Leute sagen: „Du hast wohl nicht genug gebetet“, wär doch mal eine coole Entgegnung: „Nee, meine lieben Geschwister: IHR habt wohl nicht genug gebetet!“ 😉

Oder wollen wir nicht lieber in eine ganz andere Richtung denken?

Wäre es nicht angemessener, davon auszugehen, dass Gott Gott ist? Dass er souverän handelt, wenn und wann und wie er es für richtig hält?
Es steht ja außer Frage, dass viele Menschen Befreiungserfahrungen gemacht haben, während sie gebetet haben. Aber ich glaube nicht, dass sie befreit wurden, WEIL sie gebetet haben. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass das Gebet Gott zu irgendwelchen Handlungen hätte bewegen müssen. Gott befreit aus Gnade und nicht als automatische, berechenbare Reaktion auf geistliche oder sonstige Leistungen.

Gott braucht das Gebet nicht. Aber wir brauchen es!
Nicht wir bewegen Gott durch unser Gebet. Sondern Gott bewegt im Gebet etwas in uns.

Kann man das so sagen? Oder ist das zu einseitig gedacht?
Was meint ihr …?

7 Gedanken zu „„Wenn du nur genug betest …““

  1. Danke! Klare Ansage. Eine Mitschülerin von mir (…damals… 😉 )hatte Depressionen und sich schließlich das Leben genommen, weil in ihrer Gemeinde ihr auch ständig gesagt wurde, sie habe nicht fest genug geglaubt und zu wenig für Heilung gebetet. Sie wusste dann keinen Ausweg mehr und glaubte, sie sei von Gott komplett verlassen.
    Die Aussage mit dem „nicht fest genug gebetet“ hört man ja leider auch heute noch oft genug.
    Astrid, ich freue mich schon, mehr von dir zu lesen.

  2. Hi Astrid,

    der Gedanke: „Wenn ihr nur genug glaubt/betet, dann ist Euch nichts unmöglich!“ … dieser Gedanke steht aber auch extrem prominent in der Bibel. Jesus selbst sagt das ja in Matt 17,20. Insofern ist das schon durchaus eine sehr gut biblisch begründbare Position.

    Dein Gedanke „Gott bewegt im Gebet etwas in uns“ klingt mir dagegen reichlich esoterisch. Dann ist von der „Kraft des Gebetes“ nicht viel mehr übrig, als ein bisschen Meditation. Oder meinst Du, dass Gott dann in mir bestimmte biochemische Prozesse auslöst und ich plötzlich glücklicher/gelassener/selbstbewusster werde?!

    Viele Grüße, STEFAN

    PS: Davon abgesehen… Herzlichen Glückwunsch zum Blog! 🙂

    1. Hallo Stefan,

      ja, du hast Recht. Matthäus 17,20 gibt es tatsächlich in meiner Bibel auch. 😉 In Matthäus 21,22 steht es sogar noch ein bisschen steiler: „Und alles, was ihr bittet im Gebet, wenn ihr glaubt, so werdet ihr’s empfangen.“

      Aus diesem Satz eine Gebetserhörungslehre abzuleiten, finde ich schwierig.

      – Ich weiß: Hier springt natürlich sofort das fette Bibelverständnis-Fass auf. Können wir uns das vielleicht für ein anderes Mal aufsparen, damit ich mich jetzt hier nicht verzettele …?! So viel for now: Ich lese die Bibel heute nicht mehr als dogmatisches Lehrbuch, das mir ein lückenloses, unfehlbares und widerspruchsfreies System vermittelt, was ich zu denken und zu glauben und zu tun habe.

      Aber ja, ich will die Bibel natürlich ernst nehmen und nicht schnell über Sätze hinweggehen, die mir gerade nicht in den Kram passen. (Gut, wenn du den Blog weiter mitliest und aufpasst. :-)) Wenn ich jetzt nicht allein müde in unserer Küche sitzen würde, sondern du hier wärst, dann könnten wir gemeinsam überlegen, wie wir mit den Matthäus-Stellen umgehen wollen/können/müssen.

      Vielleicht würden wir uns zuerst von Erfahrungen erzählen, hinter die wir nicht zurück können. Erfahrungen, die wir selbst gemacht haben oder von anderen kennen und die sich mit dem Matthäus-Vers – oder zumindest mit einem solches Verständnis des Verses, wie ich es in meinem Post anprangere – nicht in Einklang bringen zu lassen scheinen.

      Vielleicht würde ich dann die Frage nach dem „Glauben“ in den Ring schmeißen. Ob das denn tatsächlich eine (Vor-)Leistung der Menschen ist, oder nicht selbst schon Gottesgeschenk?
      Dann könnten wir uns die Heilungsgeschichte in Markus 9,14 ff. angucken, wo der Glaube des Vaters offenkundig nicht reicht, ohne dass Jesus dazuhilft (V. 24).
      Und mal sehen, bei welchen Bibelstellen und Themen wir noch so landen würden.

      Und dann? Tja, ich weiß nicht, ob du dabei wärst – aber ich würde dann vielleicht beten. 🙂 Wär doch spannend zu sehen, ob und wenn ja welche biochemischen Prozesse das dann in uns auslöst. 😉

      Nein, nochmal im Ernst. Ich hab dem fett gedruckten vorletzten Absatz bewusst die Fragen nachgestellt. Ich hab das noch nicht zu Ende gedacht.

      „Gott braucht das Gebet nicht. Aber wir brauchen es!“ Dabei bleib ich.

      „Nicht wir bewegen Gott durch unser Gebet.“ Das ist vielleicht falsch. Es gibt ja durchaus viele Hinweise darauf, dass und wie Gott auf Gebet hin handelt. Aber – auch dabei bleib ich und darum ging es mir in dem Post – das ist niemals ein einklagbarer Automatismus und erst Recht kann man im Umkehrschluss (also bei (scheinbarem) Nicht-Handeln Gottes) nicht auf Defizite beim Gebet oder beim Glauben oder beim/bei der Betenden schließen.

      Und finally: „Gott bewegt im Gebet was in uns.“
      „Call it eso“, Stefan. 😉 Aber ja, das glaube ich und das finde ich in dem Apostelgeschichten-Text bestätigt und das habe ich selbst erlebt. Und ich habe nicht den Eindruck, dass dieser Satz das Gebet oder gar Gott klein macht. Im Gegenteil. (Und für’s Protokoll: Ich habe auch nichts gegen Meditation. *g*)

      Mir ist natürlich klar, dass man positive Erfahrungen beim Gebet auch anders erklären könnte. Du kannst das biochemisch deuten. Viele Menschen würden es psychologisch deuten. Und ich deute es geistlich.

      Bis bald! 🙂

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