Frohes neues JA!

NEIN.
Ich fühle mich noch nicht bereit für 2017.
Das alte Jahr steckt mir noch in den Knochen.

Sicherlich, es war mir ein reiches, ein schönes, ein gesegnetes Jahr.
366 Tage auf der Sonnenseite dieser Welt. Satt und warm und sicher.
Begegnungen haben mich bereichert.
Erfahrungen haben mich wachsen lassen.
Kinder und Ideen sind geboren.
Neue Wege haben sich eröffnet, Anfänge sind gemacht.

Aber es gab doch auch die andere Seite.
Schmerzhafte Abschiede. Herbe Enttäuschung. So manche Sackgasse.
Viel Chaos, viel Stress, viel Zuviel.
Und dann diese verrückt gewordene Welt.
Terror und Putsch, Hass und Gewalt, Flucht und Gleichgültigkeit.

Und doch. Das große Dennoch:
Gott war da. Trotz allem. In allem.

Jesus! Der, bei dessen Geburt Gottes Boten in der Finsternis von Frieden sangen.
Sein “Schon-jetzt” hat das dunkle “Noch-nicht” durchsäuert.
Damals in Bethlehem. Damals auf Golgatha. Hier und heute.
Auch die tiefste Finsternis ist durchzogen von dem, von dem es heißt: “Ich bin das Licht der Welt”.
Und seine Kraft wird weiter leuchten. Bis zum Ziel: Gottes Friedens-Königreich.

Und deshalb: JA.

Ja, ich freue mich auf das kommende Jahr mit seinen unverbrauchten Tagen und Chancen.
Ja, ich glaube, dass Liebe stärker ist als Hass, dass das Böse überwindbar ist mit Gutem.
Ja, ich möchte festhalten an dieser Hoffnung, die über mich hinausreicht.

Denn, ja, Gottes Ja steht fest. Zur Welt. Und zu mir.
Über diesem frischen Jahr. Schon jetzt.

Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, […] der war nicht Ja und Nein, sondern das Ja war in ihm.
Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zur Ehre.
(2. Korinther 1,19+20)
Darum.
Gott zur Ehre, der Welt zum Zeugnis, dem Bösen zum Trotz:
FROHES. NEUES. JA!

Auf Wiedersehen!

Vor einer Woche ist Burkhard Weber gestorben.

Er war der Direktor der Evangelistenschule Johanneum in Wuppertal, wo ich meine Ausbildung gemacht habe.

In der Traueranzeige des Johanneums heißt es:

Burkhard Weber war Journalist und Theologe, Brückenbauer und Prediger, Organisator und Seelsorger. In erster Linie war er Lehrer! Mit Leidenschaft und ganzheitlichem Engagement unterrichtete er im weiten Feld der Theologie. Er hat mehr als eine Generation von Absolventinnen und Absolventen des Johanneums geprägt.

Ja. Oh ja!
Auch mich hat Burkhard geistlich, theologisch und menschlich tief geprägt.
Ich verdanke diesem außergewöhnlichen Menschen sehr viel. 

Und so trauere ich gemeinsam mit vielen, vielen anderen; in der Johanneumsgemeinschaft und weit darüber hinaus.
Und gleichzeitig bin ich sehr dankbar für den Segen, den ich durch Burkhards Leben erfahren durfte.

Ein bisschen was von diesen Segensspuren in meinem Leben möchte ich euch heute zeigen. Zwangsläufig ist das selektiv und subjektiv. Und es bleibt etwas unsortiert. Aber mir tut das Schreiben gut. Und ich hoffe, euch lässt es etwas erahnen von dieser großen Persönlichkeit.

Im Sommer vor Antritt der Ausbildung bekamen wir zukünftigen Studierenden einen Brief von Burkhard. Diese gut fünf Seiten lesen sich für mich noch heute als realistischer, hilfreicher und herausfordernder Leitfaden für gemeinsames geistliches Leben. Typisch: Anstelle einer “Hausordnung” erklärte Burkhard, was er im Blick auf gelingende Gemeinschaft im Johanneum für wichtig hielt.
– So habe ich ihn und seinen Leitungsstil all die Jahre wahrgenommen: Anstelle von starren Regeln suchte er das Gespräch. Anstatt auf den Tisch zu hauen und ein Machtwort zu sprechen scheute er nicht das (manchmal antrengende) Verstehen-Wollen und das (nicht selten zähe) gemeinsame Ringen um gute Lösungen.

Der genannte “Begrüßungsbrief” schloss mit einem Zitat von Antoine de Saint-Exupéry:

Eine Gemeinschaft ist nicht die Summe ihrer Interessen,
sondern die Summe ihrer Hingabe.

Burkhard wusste nicht nur, was er hier schrieb. Er verkörperte es.
Wieviel Reichtum verdanken wir als Johanneumsgemeinschaft Burkhards Hingabe!

Diese Hingabe wurde für mich ganz besonders sichtbar in seiner unnachahmlichen Hinwendung zu Menschen.
Vom ersten Telefonat an habe ich Burkhard erlebt als jemanden, der die Einzelnen sieht und wertschätzt. Er hat unfassbar viel Kraft und Zeit und Herzblut in Begegnungen investiert. 
So bin auch ich sehr dankbar für zahlreiche Gespräche mit ihm. Häufig zu später Stunde in der Bibliothek. Noch öfter in einem Büro inmitten von Stapeln voll anderer Arbeit. Dass diese Stapel immer warten mussten, wenn jemand an seine Tür geklopft hat, das war ein Segen!

Burkhard hat nicht viele Bücher geschrieben. Aber stattdessen verfasste er tausende persönlicher Briefe. Im Oktober dieses Jahres hat er noch einmal begonnen mit dem Vorhaben, allen Johanneumsgeschwistern einen letzten persönlichen Brief zum Geburtstag zu schreiben! Als Anfang-Oktober-Geburtstagskind gehöre ich zu den Glücklichen, die in diesen Genuss gekommen sind.
Burkhard war nicht bekannt für große Reden auf großen Konferenzen. Aber er hat viele tausend Gespräche geführt, die Menschen in ihrem Leben und in ihrem Dienst vorangebracht haben.

So können viele Johanneumsgeschwister von prägenden Begegnungen mit Burkhard erzählen und/oder Sätze aus dem Unterricht oder aus Gesprächen nennen, die ihnen nachhaltig etwas bedeuten. Es hat mich bewegt zu verfolgen, wie sich die Johanneums-Gruppe bei Facebook in der vergangenen Woche mit vielen Erlebnissen und Anekdoten füllte. Und wie sie sich mit den Tagen zu einer respektablen Logienquelle entwickelt hat … *g*

So schrieb zum Beispiel eine Absolventin:

Eine Kursschwester von mir wollte nach Marroko reisen. Sie fuhr nach Frankfurt zum Flughafen. Dort angekommen musste sie bemerken, dass sie nur die Kopie ihres Reisepasses mitgenommen hatte!
Das Original lag noch in der Bib im Kopierer….
Burkhard bekommt Wind davon. Was macht er? Schnappt sich den Reisepass und fährt sofort los nach Frankfurt.

Jemand anderes schrieb darunter:

Sein Kommentar dazu “Da in der Nähe wohnt jemand, den ich eh schon länger mal besuchen wollte. Jetzt hab ich wenigstens nen Grund!”

Das Faszinierende: Diese Geschichte ist im Hinblick auf Burkhard eben nicht außergewöhnlich, sondern geradezu typisch.

Auch mich werden viele Begebenheiten mit Burkhard weiter begleiten.
Und viele Sätze; aus dem Unterricht und darüber hinaus.

Zum Beispiel erinnere ich mich an die mehrmalige Mahnung, wir sollten “nicht nur die Bibel, sondern auch die Zeitung lesen”. Da kam offenbar das Journalistenherz durch. Aber vermutlich zeigte sich darin auch noch mehr:
Theologie bestand für Burkhard nicht in erster Linie aus intellektuellen Höhenflügen. Und christliche Praxis bedeutete niemals eine weltabgeschiedene Geistlichkeit. Sondern beides, Theologie und geistliches Leben, musste “geerdet” sein oder, wie er häufig sagte, “down to earth”. Immerhin sei ja auch Jesus real über diese Erde gelaufen. (“Jesus hatte Sandalen an.”)

Sehr eindrücklich habe ich auch noch in Erinnerung, dass Burkhard mehrmals aus einem Dokument aus der Johanneums-Geschichte zitierte. (Ich muss bei Gelegenheit mal herausfinden, um was für eine Schrift es sich da handelt und genau nachlesen.) Sinngemäß ging es darum, dass am Johanneum “kein Spalierobst” herangezogen werden solle. Sondern es gehe um einzigartige, vielleicht knorrige und mitunter windschiefe Bäume, die dann aber zu ihrer Zeit ihre gute Frucht bringen.

Außerordentlich prägend war für mich der Unterricht bei Burkhard im ersten Kurs.
Im Fach “Einleitung in das AT” kamen mit Überlieferungs- und Verfasserfragen ganz schnell auch existenzielle hermeneutische Grundüberzeugungen auf den Tisch. Da geriet so Manches ins Wackeln. Unvergesslich Burkhards Bemerkung: “Jetzt kriegen Sie hier mal noch nicht gleich die Krise. Ich sag Ihnen dann Bescheid, wo Sie wirklich die Krise kriegen können.”
Ich bin Burkhard – und auch den anderen Johanneums-Dozenten – an dieser Stelle sehr dankbar für ein wunderbares, befreiendes “Sowohl-als-auch”: Gesunde, unerschrockene, neugierige, lernbereite Bibelwissenschaft ohne Scheuklappen. Und gleichzeitig ein tiefes, im besten Sinne “schlichtes” Jesus-Vertrauen und eine große Liebe zur Bibel. Burkhard hat – hier wie auch an anderen Stellen – keine Fronten gezogen, keine Gräben vertieft. Sondern er hat uns vorgelebt, es uns in manchen Fragen eben “zwischen den Stühlen” bequem (oder gerade unbequem!) zu machen. Und ich erinnere mich an den (für eine fromme Erstkurslerin doch sehr beruhigenden *g*) Satz: “Im Zweifelsfall sitze ich bei den Leuten, die Jesus-Lieder singen.”

Ebenfalls im ersten Kurs machte Burkhard einmal eine grundsätzliche Ansage: Wenn jemand von uns mal pleite sei, dann sollten wir uns doch bitte unbedingt an ihn wenden. “Bevor Sie Ihr Konto überziehen und hohe Zinsen zahlen, leihe ich Ihnen lieber persönlich das Geld!”
Es bestand wohl für niemanden Zweifel, dass er das ernst meinte. Es würde mich sogar eher wundern, wenn er dieses Angebot nicht über die Jahre auch bei Leuten wahr gemacht hätte.

Eine legendäre Redewendung von Burkhard war “freundschaftlich verbunden”. Wenn er Informationen oder Gebetsanliegen weitergab von anderen Werken oder Institutionen, dann leitete er das häufig ein mit den Worten: “Ein Werk, dem wir freundschaftlich verbunden sind”. Dieser Satz ist weit mehr als eine Floskel. Er unterstreicht die verbindende Grundhaltung, die ich bei Burkhard erlebt habe. Und dabei beschränkte sich seine “freundschaftliche Verbundenheit” durchaus nicht nur auf den “Gnadauer Dunstkreis” …

Einmal erzählte er uns im Unterricht von einem Gottesdienst des vergangenen Sonntags. (Wenn ich das richtig in Erinnerung habe, war das ein Gottesdienst in der Erlöserkirche.) Der Priester der katholischen Nachbargemeinde war zu Gast. Während des Abendmahls blieb dieser erwartungsgemäß an seinem Platz sitzen. Und dann habe Burkhard – so erzählte er, mit sichtlicher Freude über seinen guten Einfall – eine Blume vom Altarschmuck abgepflückt, sei zu dem katholischen Kollegen gegangen und habe ihm die Blüte geschenkt mit den Worten: “Ich würde gerne noch sehr viel mehr von diesem Tisch mit Ihnen teilen.”

Burkhard war nicht nur sehr weise. Er wusste auch unwahrscheinlich viel! Aber das ließ er nie heraushängen. Und er war sich nie zu schade, sich auf die Fragen von uns Studierenden einzulassen und grundlegende Gedankenwege mit uns mitzugehen.
Einige Jahre nach der Ausbildung habe ich ihn einmal gefragt, ob ihn das nicht mitunter ermüde oder langweile, immer und immer wieder die gleichen (oder doch ähnliche) Klärungsprozesse zu begleiten. Seine Antwort: Nein! Denn es seien ja immer wieder neue Menschen – und dadurch bleibe es spannend.

Letztes Jahr war ich nach einem Christival-Planungstreffen noch in der Johanneums-Bibliothek. Burkhard kam herein und interessierte sich sofort dafür, was ich da las und suchte. Ich erzählte, was mich gerade beschäftigte und wo ich gedanklich hing. Und es folgten zwanzig Minuten Systematik-Privatunterricht, die mich vermutlich weiter gebracht haben als zwanzig Stunden bloße Lektüre es gekonnt hätten. Am Ende empfahl er mir dann aus dem Kopf eine Menge an Aufsätzen und Büchern (teilweise mit konkreten Kapitelangaben), in denen ich unbedingt noch weiterlesen sollte. Ich hab den Zettel noch, auf den ich die Literaturangaben gar nicht so schnell schreiben konnte, wie er diktierte.

Meine letzte Begegnung mit Burkhard war im März, wenige Wochen nach seiner schweren Krebs-Diagnose. Wir besprachen die Äquivalenzbescheinigung für meine Studienbewerbung. Und er erzählte. Von den Schmerzen, von den Arztbesuchen. Dabei machte er immer wieder Witze über seine Krankheit und seine Situation – ich konnte das nur schwer aushalten. Und er berichtete, dass er gerade seine Beerdigung plane und andere letzte Dinge regele. Sein offener und nüchterner Umgang mit der Krankheit hat mich tief beeindruckt.
Bei der Umarmung zum Abschied sagte er “Adieu”. Das ging mir durch Mark und Bein – ich konnte mich nicht erinnern, dass er das jemals vorher gesagt hätte.

Ja, Adieu, Burkhard. Auf Wiedersehen!
– Und bis es so weit ist, werde ich hoffentlich noch weiter wachsen in den vielen Bereichen, wo du mir zum Vorbild geworden bist:

Leidenschaftlich Theologie treiben zum Beispiel. Gründlich, redlich. Tief und weit. Mit Christus in der Mitte. Nah bei den Menschen.
Begegnungen wagen. Unbürokratisch helfen. Im Gespräch bleiben. Verstehen wollen. Um gute Wege ringen. Brücken bauen. Einheit fördern. Freundschaftlich verbunden sein. Verantwortung tragen. Bescheiden bleiben.
– Dienen!

Gedenkt eurer Lehrer, die euch das Wort Gottes gesagt haben; ihr Ende schaut an und folgt dem Beispiel ihres Glaubens.
Jesus Christus gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit.
(Hebräer 13,7+8)

1984 Gründe für mein altes Handy

Vorletzte Woche, Elternabend in der Grundschule:
Ich erwähne, dass ich kein WhatsApp habe. (Und somit darauf angewiesen bin, dass Informationen, die für alle relevant sind, (auch) auf anderen Wegen kommuniziert werden.)
Achtzehn Augenpaare schauen mich mit einer Mischung aus Unglauben, Fassungslosigkeit und Mitleid an. (Lediglich eine Mutter ist sichtlich erfreut, dass sie eine Alien-Verbündete gefunden zu haben scheint.)
Und für mich wird schlagartig Gewissheit, was ich schon seit Langem ahne: Jetzt bin ich endgültig in der gleichen Position wie die Leute, die vor zehn Jahren immer noch erklärten, sie hätten “kein I-Mehl”.

Ja, so ist es wohl, es lässt sich nicht mehr leugnen:
Ich bin ein ein Kommunikations-Dinosaurier.
Wie sagte doch tatsächlich mein Sohn heute zu mir, nachdem mir der Name eines Handy-Spiels mal so gar nichts gesagt hatte: “ALLE, die nicht vor zehn Jahren stehengeblieben sind, kennen das”. 😉

Okay, okay, ich hab’s kapiert.
Ich bin in kommunikationstechnischer Hinsicht stehen geblieben. Irgendwann zwischen heute und dem Frühjahr 2008, als ich mir mein aktuelles Handy gebraucht gekauft habe. Ach, vermutlich sogar NOCH früher.

Aber wisst ihr was?!
Es ist ja an sich gar nicht so, dass ich kein Smartphone haben möchte.
Ehrlich gesagt: Ich hätte sogar ziemlich gerne eins.
Und manchmal frage ich mich sogar schon, wie lange ich mir und anderen meine “Retro-Kommunikation” noch zumuten möchte.

Beim Christival zum Beispiel war das extrem unpraktisch, da musste unser Teamleiter ständig so Sachen sagen wie: “Wegen morgen schreib ich euch ‘ne WhatsApp. – Äh, und Astrid, dich ruf ich an.”
Ach ja, es wäre schon praktisch, so ein Smartphone.
Zum Beispiel auch für Zugfahrten: Ticket im Telefon. Bei Verspätungen einfach mal online nach alternativen Verbindungen gucken. Und vor Ort in der fremden Stadt auch ohne zuvor ausgedruckte Wegbeschreibung das Ziel finden.

Was also hält mich ab, endlich in die digitale Gegenwart einzusteigen?

Nein, es ist noch nicht einmal in erster Linie das beschämende Wissen darum, unter welch furchtbaren Bedingungen diese (und so viele andere!) Geräte in der Regel hergestellt bzw. wie die nötigen Rohstoffe abgebaut werden. Immerhin gibt es da ja mittlerweile schon faire(re) Modelle auf dem Markt. Und ich könnte mir ja auch wieder ein Second-Hand-Schätzchen zulegen. Kriegt man ja quasi geschenkt, sobald es was Aktuelleres gibt.

Der Grund ist etwas, das ich vor ein paar Wochen noch (mit vorteilhaft-dezent zur Schau gestellter Selbstironie *g*) als “Datenkraken-Paranoia” bezeichnet habe: “Nee, ich hab kein WhatsApp – ich hab noch nicht einmal ein Smartphone. Weißt du, (pseudo-verschämtes Grinsen) ich bin da etwas datenkraken-paranoid.”

Nochmal deutlicher ausgedrückt: Ich habe Angst um meine Daten!
Und ich habe Sorge, dass diese Daten mit einem Smartphone noch schlechter geschützt sind.

Und übrigens: Ich habe auch Angst um EURE Daten.
Ich finde es gruselig, in welchem Ausmaß wir unser Privatleben aushöhlen lassen (müssen). Wie wir geortet werden. Analysiert. Eingruppiert. Berechnet. Manipuliert.

Jaha. Ich hab generell wenig Ahnung von Technik. Ich verstehe bei weitem nicht, wie das alles funktioniert in “diesem Internet”.
Aber trotzdem beruht mein Misstrauen nicht auf diffusen Gefühlen oder gar auf einer grundsätzlichen Ablehnung des “bösen Netzes”. 😉

Und NEIN! Für meine Ängste brauche ich auch keine Verschwörungstheorien! 🙂

Sondern es würde allein schon reichen, “Datenschutz”-Bestimmungen oder Cookie-Richtlinien vor der Zustimmung tatsächlich mal durchzulesen. Da ich das aber aus verschiedenen Gründen in letzter Zeit weitestgehend aufgegeben habe, speisen sich meine Ängste vor allem aus meinen tagtäglichen Beobachtungen und Erfahrungen:

Die Pendlerin im Regionalexpress, die ihren Kolleginnen von ihrer Fitness-App vorschwärmt: Sie wisse nun immer, wie viele Schritte sie an dem Tag schon gegangen sei und wieviel sie noch gehen müsse und beim Sport würde sie noch einen Brustgut umlegen, das würde sich dann synchronisieren und dadurch könne sie jederzeit genau alle ihre Gesundheitswerte checken. (Wer wohl noch alles?)
Der Bekannte, der in einer jungen, expandierenden Firma Einkaufsdaten auswertet und von seiner Arbeit erzählt. (Da fällt mir gerade wieder ein: Ich wollte nicht mehr ständig mit meiner EC-Karte bezahlen …)
Das soziale Netzwerk, das mir empfiehlt, meine Handynummer als Sicherung für mein Konto anzugeben und “der Einfachheit halber” schonmal meine Nummer in dem entsprechenden Eingabefeld vorschlägt. (Ich hatte die vorher nirgendwo angegeben. Und dass ich mich von meinem Old-School-Handy aus auch noch niemals dort angemeldet habe, muss ich wohl nicht extra erwähnen.)
Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Es macht mir Angst, dass es eine solche Fülle gesammelter Daten gibt.
Über mich. Über euch.
Über unsere sozialen Kontakte. Über unsere Gesundheit. Über unsere Einkaufsgewohnheiten. Über das, was wir auf facebook liken, welche Internetseiten wir besuchen, wo wir uns aufhalten, mit wem wir in Kontakt stehen, und und und und und und und.

Wer genau hat Zugriff auf all diese Informationen? Und: Wer wird in Zukunft Zugriff auf sie haben?
Seit Jahren stelle ich mir vor, dass man allein mit den facebook-Daten in zehn Jahren einen großen Teil der Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft auf der ganzen Welt (!) unter Druck setzen könnte. Und auch, wenn jemand nicht erpressbar sein sollte – mit den enormen Datenmengen lassen sich Menschen analysieren, berechnen, ggf. sogar manipulieren.

Warum kümmern uns diese Fragen so wenig? Warum pochen wir nicht viel stärker auf eine gemeinsame, also staatlich koordinierte Kontrolle der Internetgiganten? (Oder ringen meinetwegen um andere Ideen, wie wir Datenmissbrauch verhindern könnten?) Warum gibt es grundsätzlich so wenig Interesse für diese sensible Thematik?

Da ist es ja an sich super, dass der “Bombenartikel” eines Schweizer Magazins seit letztem Wochenende so viele Diskussionen angestoßen hat. (In dem Bericht geht es darum, ob bzw. wie eine Firma mit der Anwendung von Analyse-Tools die US-Wahl beeinflusst haben könnte und es wird aufgezeigt, wie erschreckend exakt sich Menschen anhand ihrer Facebook-Aktivitäten analysieren lassen.)

Dennoch verfolge ich die Auseinandersetzungen mit zunehmender Befremdung.
Mittlerweile mehren sich kritische Stimmen zu dem Artikel, etwa in den Netzredaktionen der Öffentlich-Rechtlichen (z. B. hier beim WDR). Und selbstverständlich in den facebook-Kommentaren. Manche wittern schon eine Verschwörungstheorie für Menschen mit notorischer Angst vor dem “gefährlichen Internet”. Und ansonsten wird diskutiert, ob der Artikel seriös recherchiert war und vor allem, ob eine solche Wahlbeeinflussung denn tatsächlich stattgefunden hat.

Aber, Leute!! Die eigentliche Frage ist doch nicht, ob und wenn ja zu wieviel Prozent Big Data die Brexit-Abstimmung oder die US-Wahl beeinflusst hat!

Die wesentliche, dringende, zukunftsentscheidende Frage ist doch verdammt noch mal, was mit unseren Daten geschieht!

Ja, ich geb es gerne nochmal zu: Ich bin ein digitales Fossil. Ich hab noch nie so richtig verstanden, wie dieses Internet funktioniert. Vielleicht habe ich deshalb an der einen oder anderen Stelle auch irrationale Ängste.

Aber ich habe eben auch eine ganze Menge sehr rationaler Ängste.
Und das ist der Grund, warum ich nicht mehr von einer Datenkraken-Paranoia spreche. Paranoia, sagt Wikipedia, kommt aus dem Griechischen, von “parà” und “noûs”, “wider den Verstand”.
Aber ich denke ja gerade nicht, dass es “wider-sinnig” ist, wenn ich den Gedanken an den aktuellen Stand der Daten(un)sicherheit immer noch und immer wieder als angsteinflößend empfinde.
Ganz im Gegenteil: Eine große Portion Skepsis (und wer kann sich denn da immer die Ängste vollständig vom Leib halten?)  scheint mir ausgesprochen (ver)standesgemäß für uns Menschen im Kommunikations-Overkill-Zeitalter.

Also: Kann bitte mal irgendjemand von euch internetaffineren Menschen da draußen was unternehmen?

Der Stern von Bethlehem

Zweifellos, es ist Advent:
Der Adventskranz steht. Ich hab mittlerweile die Lebkuchen gegessen, an denen ich Anfang September noch vorbei gegangen bin. Und der gute AndereZeiten-Adventskalener hängt an seinem Stammplatz. (By the way: Ich hab noch einen übrig. Hat jemand Interesse?)

Aber was soll ich sagen?!
Er ist noch nicht so richtig bei mir angekommen, der Advent.
Ich hab gerade extrem viel um die Ohren … – und überhaupt: hat nicht gefühlt das Jahr eigentlich gerade erst angefangen?? Und jetzt ist schon fast Dezember oder was?!

Tja. Da kommt es mir gelegen, dass wir dieses Jahr besonders viel (Advents-)Zeit haben bis Weihnachten …

Heute morgen fiel mir eine Geschichte ein, die ich im Herbst zweimal live bei Auftritten von 2Flügel gehört habe und die mich sehr berührt. Schaut und vor allem hört sie euch doch mal an.
Auch, wenn es keine “klassische Adventsgeschichte” sein mag; sie ist übervoll von wunderbar-guter Hoffnung und trotziger Erwartung.

Mögen eure kommenden Wochen ebenfalls voll davon sein! 🙂

Jein ist keine gute Wahl

Gestern habe ich in einer Gemeinde einen Abend für Mitarbeitende gestaltet. Das Thema war “Jein ist keine gute Wahl. Wie ich als Christ/in reife Entscheidungen treffen kann.”

Die Vorbereitung hat Spaß gemacht.
Vor allem fand ich es spannend, mal ein paar “Entscheidungssituationen” in der Bibel näher anzuschauen. Da gibt es ja eine große Bandbreite …

Von Josef, der durch einen Engel im Traum Klarheit gewinnt, Maria nicht zu verlassen. Über die verrückte Geschichte von Gideon, der “ein Vlies auslegt” zu den Aposteln, die nach Judas’ Verrat per Losentscheid über dessen Nachfolge im Zwölferkreis bestimmen. Bis hin zur Jerusalemer Apostelversammlung (Apostelgeschichte 15), wo Menschen in einem “Gremium” zusammenkommen und sich “lange streiten”, bevor sie dann irgendwann zu einem Ergebnis kommen, das “dem heiligen Geist und ihnen” (V. 28! *g*) gefällt. Ist doch irgendwie tröstlich, dass auch das “biblisch” ist, oder? 😉

Was ich heute aber eigentlich mit euch teilen wollte, ist das kurze Video, das gestern den Einstieg gebildet hat. (Den Tipp hatte ich von meiner Freundin Isa!)
Seht es euch an, es ist großartig! Und. So. Wahr! 😉

Ich glaube schon. (Teil 2)

Hier ist sie nun, meine Antwort auf Stefans Mail.
Was sagt ihr dazu?

Hallo Stefan,

ach ja … ich bin wohl eine ziemlich liberale Socke geworden.

Im Ernst: Ja, klar sehe ich heute vieles anders als vor 15 Jahren. Gott sei Dank!
Ich würde sogar sagen, dass ich im Moment viel weniger “weiß” als früher. Teilweise liegt das daran, dass ich noch nicht tief genug in Fragen eingestiegen bin. Deshalb will ich ja schon seit langem nochmal Theologie studieren, was jetzt ja auch klappen wird. Da erhoffe ich mir schon an einigen Stellen nochmal neue Klärungen, wo das Alte nicht mehr passt.

Aber ich glaube, dass ich auch nach dem kommenden Studium weniger “in der Tasche haben” werde als in meiner frommen Jugend. Früher gab es ein System, in dem alles schwarz oder weiß zugeordnet werden konnte. Ich habe gemerkt (was du ja sehr viel früher gemerkt hast …), dass da vieles nicht passt(e).

Und glaub mir, Stefan, mich beschäftigt das sehr, warum ich manches nicht schon eher durchschaut bzw. konsequenter hinterfragt habe.
Der stärkste Grund dafür ist wohl, dass ich Glaubens- und Gotteserfahrungen gemacht habe, die ich auch heute noch als real begreife. Und vielleicht habe ich – wohl eher un- oder halbbewusst – manche Gedanken nicht zugelassen, weil ich dachte, dass ich sonst diesen Glauben verlieren könnte. Weil ich noch nicht erlebt hatte, dass glasklares Denken, fundierte Bildung und gleichzeitig dieses schlichte Jesus-Vertrauen zusammen gehen können.

Das ist nämlich tatsächlich konstant geblieben: Noch immer liebe ich Jesus; vermutlich sogar noch mehr und noch tiefer als früher. Und auch wenn du denkst, dass ich vielleicht bald auf der Atheisten-Seite lande, wenn ich so weitermache – ich denke das absolut nicht!

Mein Glaube ist heute für mich weit weniger von dem abhängig, was ich denke und verstanden habe (oder dem, was ich mir, manchmal abenteuerlich *g*, zusammengereimt habe). Ich empfinde meinen Glauben als Gottesgeschenk, das ich in der Tat jedem und jeder wünsche. Denn das, was wir früher von “Freiheit” und “Geliebt-Sein” gehört haben, das empfinde ich heute tatsächlich so.
Also – ich möchte den Glauben auf gar keinen Fall loswerden. Und ich vermute auch, dass ich es gar nicht könnte, selbst wenn ich wollte …

So viel Predigt musste sein, damit sich der Verdacht von Die-ist-ja-schon-fast-abgefallen nicht festigt, wenn ich jetzt folgendes schreibe:

Ich kann manches von dem, was du fragst, für mich – und jetzt für dich – im Moment nicht abschließend beantworten. An manchen Stellen kann ich noch nicht einmal sagen, ob die Fragen “Nebensächlichkeiten” oder zentral wichtige Dinge sind.
Ich bin auf einem Weg, von dem ich das Gefühl habe, dass viele aus der “frommen Szene”, gerade in unserem Alter, ihn gerade gehen. (Lies mal meinen letzten Blog-Post.) An vielen Stellen ist das ein Weg weg von bestimmten Dingen. Weg von Enge und Druck. Weg von Denkfaulheit und Bildungsfeindlichkeit. Weg von (zu) schnellen, (zu) einfachen Antworten.
Und tatsächlich weiß ich an vielen Stellen noch nicht, wohin der Weg führen wird. Sicherlich an vielen Stellen zu dem, was du vielleicht mit “liberal” meinst. Also, dass ich sagen werde: Das kann man so oder so sehen. An manchen Stellen aber schmeiß ich im Moment vielleicht auch zu viel über Bord und werde das irgendwann wieder zurückholen.

So, und nach der langen (Vor-)Rede noch auf die Schnelle aus dem Bauch heraus und etwas müde ein paar Stichworte zu deinen Stichworten. Und vorher den Satz: Ja, ich würde die beiden Bekenntnisse mitsprechen.

Schöpfergott:
Ja, ich glaube, dass Gott die Welt geschaffen hat. Nein, ich glaube nicht, dass das in sieben Tagen war. Allerdings habe ich nicht das geringste Problem damit zu glauben, dass es ihm möglich gewesen wäre. Von dem, was ich mittelmäßig naturwissenschaftlich begabter Mensch allerdings beurteilen kann, spricht die Wissenschaft doch eher dagegen. Während die biblischen Schöpfungsberichte (die sich ja wirklich nur mit allergrößtem Krampf überhaupt irgendwie harmonisieren lassen – warum ist mir das früher nie aufgefallen?) meiner Ansicht nach überhaupt nicht die Absicht haben, einen in heutigem Sinne geschichtlich-wissenschaftlich korrekten Tatsachenbericht zu überliefern. Trotzdem halte ich sie für wahr: Gott ist der Ursprung allen Lebens, er kann aus Nichts etwas schaffen, und und und …

Dreieinigkeit:
Als hätte ich die Dreieinigkeit jemals verstanden. Als könnten wir Gott verstehen … Er (und ich empfinde neuerdings, das schon dieses männliche Pronomen eine ungehörige Verengung ist) wird immer anders, größer sein, als ich mir vorstelle. Aber ja – ich glaube an einen Schöpfergott. Ich glaube, dass Jesus Gott ist. Ich glaube, dass es eine Kraft in mir gibt, die göttlich ist.
An dieser Stelle möchte ich auf jeden Fall selbst nochmal tiefer graben. Auch, was die Entwicklung der entsprechenden Dogmen in der alten Kirche betrifft. (Auch die christologischen übrigens …!)

Jungfrauengeburt:
Puh. Du kannst sagen, ich drück mich, aber ich würde sagen:
Natürlich kann Gott das machen, dass eine Jungfrau schwanger wird. Ob es so war? Weiß ich nicht und im Moment würde ich auch sagen: Daran hängt mein Glaube nicht. Wenn Leute mit Verweis auf Übersetzungsvarianten von einer “jungen Frau” ausgehen wollen, dann finde ich das durchaus schlüssig. Tatsächlich hätte ich vermutlich nicht mal mehr ein Problem, wenn Leute das für – analog zu anderen zeitgenössischen “Heldenberichten” – hinzugefügt halten.

Allmacht Gottes:
Auch hier müsste ich vermutlich nochmal meine philosophischen Hausaufgaben machen, damit das etwas fundierter wäre, was ich mal versuche so auszudrücken: Ich finde es schwierig, wenn wir Menschen Gott bestimmte Attribute anhängen, die wir dann aber natürlich in unserem menschlichen Horizont definieren.
Mein Zugang ist im Moment eher, in den Geschichten der Bibel zu sehen, was Gott tut, wie er sich zeigt. Und mich in diesen Geschichten wiederzufinden, zu bergen, mich auch an ihnen zu reiben. Und in diesem Prozess Gott selbst zu suchen und zu begegnen. – Das ist was ganz anderes als logische Modelle aufzubauen wie “Gott ist das, was ich unter Liebe verstehe und Gott hat das, was ich unter Allmacht verstehe” – und weil diese Gleichung nicht aufgeht, entscheide ich mich, dass es Gott nicht gibt oder dass er das eine oder andere nicht ist/hat.

Gericht über Lebende und Tote:
Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole *g*: Da muss ich auf jeden Fall nochmal ran. Auch die ganzen Fragen (und Antwortversuche *g*) um Himmel und Hölle haben sich für mich immens verschoben in den letzten Jahren.
Mein momentaner Stand: Ja, ich glaube, dass es dieses Gericht geben wird. Ich glaube, dass Gott Dinge zurechtbringen, “richten” wird. Ich glaube, dass das auch unangenehm wird, aber ich glaube, dass es gut für mich ist, wenn Gott die Dinge an mir zurechtbringt, die in Ordnung kommen müssen. Und: Ich glaube, dass das Gericht ein großer Trost ist für Opfer. Wie wäre das, glauben zu müssen, dass Vergewaltiger und Opfer, Massenmörderinnen und Hinterbliebene der Getöteten, Sklavenhalter und Arbeitssklavinnen einfach so zusammen in Gottes neuer Welt sein werden?! Ich finde, das geht nicht. Davor muss noch was passieren. Deshalb verbinde ich mit dem Stichwort “Gericht” viel mehr Hoffnung als Ängste. Für mich selbst, aber vor allem für diese kaputte Welt.


Okay – so weit mal …
Ich hab ein bisschen Sorge, dass du mich auslachst und sagst, ich mach mir alles zu einfach.
Aber nur ein bisschen … Denn das ist tatsächlich nur die Sorge darum, dass ich in deinem Bild etwas von meiner intellektuellen Brillanz verliere. Um meinen Glauben mach ich mir keine Sorge. Im Gegenteil: Ich empfinde das als sehr hilfreich, wenn Leute mich hinterfragen und ich dadurch merke, wo ich Dinge für mich noch nicht klar habe – oder noch nicht ausdrücken kann.

– Äh, und sollte sich das irgendwann ändern, so dass ich Pause von ketzerischen Anfragen brauche, dann sag ich Bescheid.

Liebe Grüße!
Astrid

Ich glaube schon. (Teil 1)

Vor Kurzem bin ich auf eine Mail aus dem Frühsommer gestoßen. Sie kam von Stefan, einem alten Freund von uns, der schon seit Jahren (oha, mittlerweile müssen wir tatsächlich eher schon von Jahrzehnten sprechen! *g*) grundsätzlich zu weit weg wohnt von dort, wo wir gerade wohnen.
Wenn wir uns treffen, was leider selten, aber doch zuverlässig etwa einmal im Jahr passiert, verbringen wir traditionell eine halbe Nacht mit reden und trinken. Und dabei geht es immer wieder auch um den Glauben – und damit um ein Themengebiet, wo wir genug Differenzen haben, um es noch jahrelang spannend zu halten … 🙂

Nach so einem Wiedersehen schickte Stefan also im Juni die besagte Mail. In wenigen Sätzen reißt er kurz mal mindestens fünf fundamentale Bekenntnis-Fässer auf.
Und, so viel vorab, in den vergleichsweise vielen Sätzen meiner Antwort wird kein einziges Fass wieder ordentlich verschlossen.

Naja, jedenfalls bin ich der wahnwitzigen Idee verfallen, diesen Mailwechsel mit euch zu teilen. Und weil Stefan nichts dagegen hat, seht ihr unten seine Zeilen.
Überlegt euch doch mal, wie eure Antwort ausgesehen hätte!
(Natürlich seid ihr auch herzlich eingeladen, in der Kommentarspalte “laut zu überlegen”.)

Am Sonntag könnt ihr dann meine Antwort lesen. Und sie ergänzen, kritisieren, loben … oder auch verreißen. Ich bin gespannt – und ein bisschen nervös. 😉

Na dann, here we go:

Hi Astrid,

bin gerade eben durch einen Artikel an das “apostolische” und das “nicänische” Glaubensbekenntnis erinnert worden und habe die kurz mal im Volltext angeschaut… und da habe ich mich dann gefragt, ob Du tatsächlich alle Glaubenssätze, die da formuliert sind heute noch so unterschreiben und mitsprechen kannst – oder ob Du manches doch inzwischen da auch vor allem allegorisch interpretierst. Schöpfergott, Dreieinigkeit, Jungfrauengeburt, Allmacht Gottes, Gericht über die Lebenden und die Toten …

Das soll keine Fangfrage sein. Wir hatten ja am Wochenende schon mal kurz darüber gesprochen, dass ich ja den Eindruck habe, dass Du manche Dinge doch inzwischen recht liberal siehst. Aber vielleicht sind das ja wirklich nur Nebensächlichkeiten, die den Kern des Glaubens nicht betreffen?!

So… Ich gehe mal wieder an die Arbeit – wollte nur diesen Gedanken kurz mal loswerden!

Liebe Grüße!

STEFAN

Kloster? Kommune I? – Irgendwas dazwischen … ;-)

So, heute ist es mal Zeit für eine Wohnungsanzeige. Oder nein, es ist natürlich viel mehr als das …

Die Communität Koinonia hat in einem ihrer Häuser in Hermannsburg eine wunderschöne 4-Zimmer-Wohnung frei.
Gunnar und ich haben die Geschwister dort in diesem Jahr kennengelernt und sind begeistert von dem Ort und von den Menschen. Ach so, und auch von der besagten Wohnung. Die wird gerade von Grund auf renoviert und ist ein Traum!

Und für diese Wohnung werden nun also neue BewohnerInnen gesucht. Die müssen nicht gleich in die Gemeinschaft eintreten wollen. Aber sie sollten natürlich Interesse am gemeinschaftlichen Leben mitbringen.

Kennt ihr Menschen, auf die das zutrifft? Leute, die vielleicht sogar schon auf der Suche sind nach einem Ort, an dem christliche Gemeinschaft im Alltag konkret wird?
Dann sagt es weiter!

Ausführlichere Infos über die Communität und über die Wohnung findet ihr auf der Homepage der Koinonia.
Und einen Ausschnitt gibt’s schon hier:

“Wir sind auf der Suche, wie wir das gemeinsame Leben immer wieder unseren aktuellen Bedürfnissen anpassen und damit auch den jeweiligen Lebensphasen Raum geben – ein spannendes Unterfangen, wenn Ruheständler, Berufstätige und Teenies zusammenleben.
Darüber hinaus engagieren wir uns neben den Berufen in verschiedenen Bereichen wie z. B. der Flüchtlingsarbeit, laden wöchentlich zum biblischen Betrachtungskreis ein, gestalten Stille Wochenenden und Freizeiten mit und genießen mit Gästen und Freund_innen interkulturelle Begegnung, von der wir auch selber etwas mitbringen.

Bald bietet das neu gestaltete Haus wieder mehr Möglichkeiten. Deshalb freuen wir uns, wenn die neue Vier-Zimmer-Wohnung (ca. 100 qm) im 1. Stock mit einem großen Wohn- und Essbereich, Fußbodenheizung, vielen Fenstern und einem separat abschließbaren Aufgang von Menschen bewohnt wird, die Interesse an Gemeinschaft und geistlichem Austausch haben. Ein großer Garten steht uns allen zur Verfügung. Das neue Haus hat im Erdgeschoss auch wieder mehr Platz für Gäste, die Zeiten der Einkehr suchen.”

Sex, Drugs & Punkrock

Ich war im Urlaub in Süddeutschland.
Und es war großartig!
Nicht nur, aber auch, weil ich doch tatsächlich ZUM LESEN gekommen bin! 🙂

Jawohl! Zwei. Ganze. Bücher.
Mit meiner reichhaltigen Lesestoff-Auswahl habe ich hier ja schon angegeben. Und ich hatte (zu Gunnars Belustigung (oder Verzweiflung?)) vorsichtshalber auch fast alle abgebildeten Exemplare mitgenommen. Man weiß ja nie, worauf man lesetechnisch plötzlich Lust bekommt so fern der Heimat …

Und so zog es mich dann also zum Buch gewordenen ostwestfälischen Posaunen-Punk. 😉
Gofi Müller, Hossa-Talker und auch sonst Künstler, hat mit “TimTom Guerilla” sein Romandebut veröffentlicht. Ich war extrem gespannt.

Jetzt muss man wissen: Als Romanleserin bin ich außer Übung.
Die Ausbildung, die Arbeit, die Kinder, ihr wisst schon.
Seit “Harry Potter and the Deathly Hallows” lief da in Sachen Belletristik tatsächlich kaum noch was. Abgesehen natürlich von der Literatur (und der “Literatur” …), die ich meinen minderjährigen MitbewohnerInnen vorlesen durfte.
Aber ich schweife ab.
Was ich sagen wollte: Ich habe also gerade kaum Vergleichspunkte in der “Erwachsenenliteratur” und vielleicht musste ich mich ja erstmal ein bisschen “einlesen”.

Nach den ersten Kapiteln war ich nämlich noch skeptisch.
“Die Geschichte ist interessant”, hab ich da zu Gunnar gesagt, “aber sprachlich gibt das eher keinen Literaturnobelpreis.” Ich hab mich manchmal gestoßen an Formulierungen, empfand die eine oder andere wörtliche Rede als etwas künstlich und hatte auch im Blick auf die Story hier und da mal was anzumerken in Sachen Stimmigkeit.

Aber was soll ich sagen?! Nach den ersten hundert Seiten kamen ja nochmal hundert. Und dann nochmal. Und dann … naja, jedenfalls irgendwann, ich weiß gar nicht mehr genau an welcher Stelle, hat es mich kolossal gepackt! Ich war richtig drin in der Geschichte um die aufstrebende Band TimTom Guerilla. Und zwar so sehr, dass die fiese kleine oberkritische Analytikerin in mir komplett – nun ja, TimTom würde vielleicht sagen – “die Fresse gehalten” hat. 😉 Und das bis zum Ende auf Seite 672.

Ich war im Leserausch und ich hab es gefeiert! 🙂
Was hab ich nicht alles erlebt mit TimTom, seines Zeichens Sänger und Posaunist der Band und mit seinen verrückten Musiker-Kollegen?!
Ich war dabei, beim krawalligen ersten Auftritt in einem Bielefelder Parkhaus. Und danach war ich mit im Knast. 😉 Ich hab mitgefiebert im Studio in Delmenhorst. Und vor allem: Ich habe natürlich kein Konzert ausgelassen auf der “Mutterficker Deutschland Tour 2011”. Äh, genau, und auch keine Aftershow-Party …

Es hat Spaß gemacht! Es war gute Unterhaltung!
Und mitten im Lesevergnügen tat sich immer wieder auch eine tiefere Ebene auf, in der noch weit mehr zum Klingen kam als Punk-Songs:
Wie werden wir Menschen zu dem, was wir sind? Wie können wir uns mit (und manchmal trotz) unserer Vergangenheit eine Zukunft erobern? Ach ja, und die Liebe spielt natürlich auch die eine oder andere Rolle …

Sicher spricht es für das Buch, dass sich am Ende meiner Lektüre so ein kleines trostloses Loch aufgetan hat, wie ich es noch von früher kenne, als ich öfter Romane gelesen habe. (Ich erwähnte es bereits. *g*) Diese merkwürdige Traurigkeit, wenn eine gute Geschichte zu Ende ist und die liebgewonnenen HeldInnen ihr Leben unverschämterweise ohne meine Beobachtung weiterführen werden …

Da war es gestern eine großartige Entdeckung: Im Netz gibt es einen Haufen Zusatzmaterial, das man sich zu Gemüte führen kann, um den Entzug etwas abzufedern. *g*
Waschechte TimTom-Guerilla-Songs zum Beispiel! Und eine Homepage mit allerlei Hintergrund-Zeug. (Schade nur, dass das Tourplakat nicht zu sehen ist. 😉 Ich hätte gerne mal den … äh, Kotten bewundert.) Und außerdem gibt’s einen Hossa Talk zum Roman, den ich allerdings noch nicht gehört habe. (Ich war offline im Urlaub, solltet ihr auch mal versuchen.)

So werde ich von Zeit zu Zeit mal noch ein bisschen weiterlesen und -hören. Und mir überlegen, wie sie wohl heute alle leben. 😉 TimTom. Und Foo. Und Hannibal und BoingBoing und Rebekka und Sonja und Paulo. Und Susanna …
Lest das Buch mal selbst, dann können wir unsere Fortsetzungsphantasien abgleichen. 😉

Mein Fazit zum Schluss: Für Wannabe-Punks, Posaunisten und Bielefelderinnen ein Muss!
Und für alle anderen ist TimTom Guerilla allemal eine Urlaubslektüre wert!

 

Gofi Müller:
TimTom Guerilla

ISBN 978-3-74127-310-0

Lese- und andere Früchte

Manchmal träume ich davon, ein paar Wochen lang nichts anderes zu tun als zu essen, zu schlafen UND ZU LESEN.
Ehrlich gesagt – ich träume sogar ziemlich häufig davon. Besonders oft im Herbst. Erstens, weil das Wetter ständig sagt: “Leg dich auf’s Sofa und lies”! Und zweitens, weil ich zum Geburtstag jedes Jahr großartigen Stoff bekomme. (Dass dieses Jahr keine Ausnahme war, seht ihr auf dem Bild.)

Nur leider kommt mir ständig diese nervige Sache mit der Realität in die Quere. In Gestalt der unfassbar lästigen Tatsache, dass es andauernd noch so viel anderes zu tun gibt …
Das Obst, das vom Baum fällt und am liebsten verarbeitet werden möchte, ist da nur EIN Beispiel von viel zu vielen. – Ach, und ist es nicht eine Schande, wenn Äpfel oder Birnen auf dem Boden verfaulen?!

Aber Moment mal: Ist es nicht auch eine Schande, dass jeden Herbst so viel mehr reizende Bücher rauskommen, als ein Mensch lesen (und bezahlen *g*) kann? (Also, jedenfalls ein Mensch, der in der oben skizzierten Realität lebt.)
Selbst, wenn man nur ein winzig kleines Spartensegment im Buchmarkt in den Blick nähme (sagen wir mal, das christliche) und auch dort nur einen Bruchteil verlockend fände: Es wäre hoffnungslos!

Wen kümmern denn eigentlich all die verfaulten Lesefrüchte??

Da könntet ihr ja mal weiter drüber nachdenken. Ich hab allerdings jetzt keine Zeit mehr für solche Philosophiererei.
Es gibt schließlich noch so viel anderes zu tun.
(Äpfel) Essen zum Beispiel. Schlafen. Und LESEN! 🙂

Ihr kriegt dann in den nächsten Wochen was ab von meinen Lesefrüchten, versprochen. 🙂